Rechtliche Normativität und Anfechtbarkeit

Projektleitung: Prof. Dr. Marcus Willaschek

Es ist eine besondere Eigenschaft des Rechts, dass die Begründung juristischer Urteile keinen abschließenden Charakter hat. Dies zeigt sich darin, dass es im Recht immer die Möglichkeit gibt, die Anwendung einer rechtlichen Regel R über eine begründete Ausnahme zu R zu widerlegen bzw. anzufechten. Die Ausnahmen rechtlicher Regeln sind nicht aufzählbar. 

Kernanliegen des Projekts war es, unser Verständnis von rechtlicher Normativität über eine Analyse der Anfechtbarkeit juristischer Begründungen zu vertiefen. Insbesondere sollte dabei die Frage nach dem Verhältnis von Anfechtbarkeit und Unbestimmtheit analysiert werden. Bedeutet die Nicht-Aufzählbarkeit der Ausnahmen auch eine normative Unbestimmtheit der Situation? 

Das Projekt war ein Beitrag zur Untersuchung der Normativität normativer Ordnungen und insbesondere zu der Teilfrage, ob normative Ordnungen einem unaufhörlichen Revisionsprozess unterworfen sind. 

Das Projekt wurde im Rahmen der Dissertation von Projektmitarbeiter Michel de Araujo Kurth und in enger Unterstützung durch die PIs Marcus Willaschek und Klaus Günther durchgeführt. Grundlage war die zuvor erarbeitete Bibliographie zum Thema Anfechtbarkeit. Zwischenergebnisse wurden halbjährlich im Forschungskolloquiums von Prof. Dr. Marcus Willaschek vorgestellt und kritisch diskutiert. Auf einer Tagung im März 2015 wurden einige der Teilfragen des Projekts von namhaften RechtsphilosophInnen und MoralphilosophInnen untersucht. In einem Sammelband zur Tagung erscheinen auch ein Aufsatz des Projektmitarbeiters, der die Ergebnisse des Projekts vorstellt, und ein Aufsatz von Günther. 

Ausgehend von einer Analyse rechtlicher Anfechtbarkeit, konnten zwei Begründungsebenen von Urteilen unterschieden werden: eine „Regelebene“ und eine „ substanzielle Rechtfertigungsebene“. Durch Analyse des Verhältnisses dieser beiden Ebenen, konnte ein neuartiger Lösungsansatz zur Beantwortung der Frage, in welchem Verhältnis Unbestimmtheit und Anfechtbarkeit zueinander stehen, entwickelt werden. Nach diesem Ansatz schließen sich Anfechtbarkeit und rechtliche Unbestimmtheit aus, da Anfechtbarkeit gerade die stärkere Gewichtung eines Urteils auf substanzieller Rechtfertigungsebene gegenüber der Regelebene bedeutet und damit normative Bestimmtheit impliziert.

Die wichtigsten Publikationen des Forschungsprojekts:

Willaschek, Marcus (2013): Defeasibility in Philosophy, Knowledge, Agency, Responsibility, and the Law, Sonderheft der Grazer Philosophischen Studien, Hg. von: C. Blöser/M. Janvid/H.O. Matthiessen/M. Willaschek, Amsterdam/New York: Rodopi, 2013.

Willaschek, Marcus/C. Blöser/M. Janvid/H. Matthiessen: „Introduction“, in: C. Blöser/M. Janvid/H.O. Matthiessen/M. Willaschek (Hg.): Defeasibility in Philosophy. Grazer Philosophische Studien, 87, 2013, S. 1–8.

Willaschek, Marcus: „Strawsonian Epistemology. What Epistemologists can learn from ‚Freedom and Resentment’”, in: Defeasibility in Philosophy. Grazer Philosophische Studien 87, C. Blöser/M. Janvid/H.O. Matthiessen/M. Willaschek (Hg.), 2013, S. 99–128.

Willaschek, Marcus: „Moral ohne Sanktion? Anmerkungen zu Julia Hermann und Mario Brandhorst“, in: E. Buddeberg/A. Vesper (Hg.): Moral und Sanktion. Eine Kontroverse über die Autorität moralischer Normen, Frankfurt am Main: Campus, 2013.

de Auraujo Kurth, Michel: „Selected Thematic Bibliography of Work on Defeasibility in Philosophy and Related Disciplines”, in: Grazer Philosophische Studien 87, 2013, S. 217–257.

Die wichtigsten Veranstaltungen in diesem Projekt:

Workshop: Defeasibility in the Law (organisiert von Marcus Willaschek, Klaus Günther und Michel de Araujo Kurth, mit Vorträgen von: PD. Carsten Bäcker, Prof. Ruth Chang, Prof. Jonathan Dancy, Dr. Susanne Mantel, Prof. Josep Joan Moreso, Prof. Matthias Klatt, Prof. Andrei Marmor, Prof. Marcus Willaschek, Andreas Müller M. A., Michel de Araujo Kurth M. A.), Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Goethe-Universität Frankfurt am Main, 12.–13. März 2015.

Panel: „Legal Indeterminacy in International law and Contemporary American Constitutional Law” auf der Cluster Nachwuchskonferenz 2014 Praktiken der Kritik, Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Goethe-Universität, Frankfurt am Main, 6. Dezember 2013.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Willaschek, Marcus, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

de Araujo Kurth, Michel

Aktuelles aus dem Forschungszentrum

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18.04.2026 | Frankfurt am Main

Das Prinzip Donald Trump und die Verrohung der Welt

Podiumsdiskussion, Vortrag

Ein neuer Politikstil macht international Karriere. Er ist gekennzeichnet von Vulgarität, Verrohung und erklärter Rechtsfeindschaft. Machtinteressen werden nicht mehr juristisch bemäntelt. Stattdessen wird das angebliche Recht des Stärkeren zur Staatsdoktrin gemacht – innenpolitisch wie außenpolitisch. Treibende Kraft hinter dieser Verrohung der politischen Sitten ist ein US-Präsident, der nicht nur die amerikanische Gesellschaft und Kultur, sondern auch die globale Ordnung nach seinen Vorstellungen und Interessen umgestaltet. Die Römerberggespräche wollen diesen Politikstil verstehen.

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Veranstaltung
29.04.2026 | Frankfurt am Main

Kulturindustrie heute?

Podiumsdiskussion

Das Gespräch „Kulturindustrie heute?“ widmet sich der Aktualität und Tragfähigkeit eines zentralen Begriffs der Kritischen Theorie. Die Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch diskutiert im Rahmen der Gesprächsreihe "Frankfurter Schule" mit dem Filmkritiker Bert Rebhandl die gegenwärtigen Formen kultureller Produktion und Verbreitung vor dem Hintergrund von Digitalisierung, Plattformen und globalen Medienmärkten.

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19.02.2026

Call for Applications – Postdoctoral Fellowships

Am Forschungszentrum Normative Ordnungen sind für das akademische Jahr 2026/2027 mehrere Postdoctoral Fellowships mit einer Laufzeit von 10 Monaten (Beginn: 1. Oktober 2026) ausgeschrieben. Bewerbungsschluss für alle Programme ist der 15. März 2026.

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Veranstaltung
20.03.2026 | Frankfurt am Main

40 Jahre Schengen-Raum

Kolloqium

Der 1984 geschlossene Schengen-Vertrag schuf einen heute 29 Staaten umfassenden Raum ohne Binnengrenzen, doch Migration über die Außengrenzen führte zuletzt zur Wiedereinführung von Kontrollen, auch durch die Bundesregierung ab 8. Mai 2025. Das Walter Hallstein-Kolloquium diskutiert die rechtliche Zulässigkeit, wirtschaftliche Folgen insbesondere für Arbeitsmigration und Arbeitsmarkt sowie die Zukunft des Schengen-Raums.

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12.02.2026

Satanistische Politik und der Niedergang der Vernunft in liberalen Demokratien

Ein letztes Mal im Wintersemester 2025/26 lud das Forschungszentrum zur Ringvorlesung „Am Scheidepunkt. Zur Krise der Demokratie“. Zum Abschluss hat der Philosoph Michael Rosen von der Harvard University sein Konzept der „satanic politics“ als eine Variante der politischen Deutung der Welt vorgestellt.

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09.02.2026

Zur Aktualität des Gewaltbegriffs anhand von Camus und Derrida

Prof. Dr. Christine Abbt von der Universität St. Gallen hat im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ einen Vortrag über Demokratien und den Gewaltbegriff gehalten. Unter dem Titel „Demokratien verteidigen. Zur Aktualität des Gewaltbegriffs bei Camus und Derrida“ besprach die Philosophin Formen von Gewalt und Revolte und ordnete diese im Hinblick auf ein demokratisches Setting ein.

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Publikation
04.02.2026 | Zeitschriftenartikel

New Perspectives on Trust in International Conflicts

Wille, Tobias; Simon, Hendrik; Daase, Christopher; Deitelhoff, Nicole; Wheeler, Nicholas J.; Holmes, Marcus; Rathbun, Brian C.; Acharya, Amitav; Mitzen, Jennifer (2026): „New Perspectives on Trust in International Conflicts“. In: International Studies Review 28 (1), viaf027. 

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02.02.2026

Staatlicher Wettbewerb um Menschen – David Owen über civil geopolitics

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt – Zur Zukunft der Demokratie“ präsentierte David Owen von der Universität Southampton sein Konzept der civil geopolitics.

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20.01.2026

Christine Hentschel über Neuorientierungen in katastrophischen Zeiten

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ sprach die Soziologin über das Leben in und den Umgang mit katastrophischen Zeiten. Vor dem Hintergrund der Zerstörung der Lebensbedingungen, Kriegen, dauerhafter Krisenhaftigkeit sowie der Bedrohungen der Demokratie widmete sich Hentschel dem Einsickern des Katastrophischen in den gesellschaftlichen Alltag und einem sich verändernden aktivistischen und literarischen Umgang mit der Zukunft.

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