27.03.2023
Zeitschriftenartikel

Der lange Schatten des Kolonialismus. Ein Literaturessay über „Colonialism and Modern Social Theory“

Ist heute vom ›Postkolonialismus‹ die Rede, so sind damit viele verschiedene Denkmotive zugleich gemeint. Die deutlichsten Konturen besitzt der Begriff, wenn er auf die erste Generation von politischen Intellektuellen angewendet wird, die nach der Befreiung ihrer Heimatländer vom Kolonialismus die Folgen zu untersuchen begannen, die die Kolonialherrschaft in ihrem eigenen Bewusstsein und dem ihrer Landsleute hinterlassen hatte. Hier, bei Denkern wie Frantz Fanon, Aimé Césaire oder Léopold Sédar Senghor, kam dem ›Post‹ im Begriff des Postkolonialismus noch ganz buchstäblich die zeitliche Bedeutung eines ›Nachher‹ zu, aus dessen unmittelbarer Erfahrung heraus die Wunden freigelegt werden sollten, die der vormalige Kolonialismus seinen Opfern zugefügt hatte. Diese Bedeutung einer direkten Vergangenheitsbewältigung verliert der Begriff aber, wenn er heute verwendet wird, um damit eine neue Generation von postkolonialen Denker:innen zu bezeichnen. Deren Absicht ist es nicht länger, die Schrecken des gerade überwunden geglaubten Kolonialismus aufzuarbeiten, sondern zu Bewusstsein zu bringen, dass er auch in einem sich postkolonial gebenden Zeitalter von beklemmender Gegenwärtigkeit ist. Es ist daher nicht mehr die Vergangenheit, die im heutigen Postkolonialismus auf dem Spiel steht, sondern unsere Gegenwart selber; der zeitliche Bezug hat sich über die Jahrzehnte hinweg geändert, aus dem Präteritum ist inzwischen das Präsens des Kolonialismus geworden. Mit diesem Wandel des zeitlichen Bezugs hat sich aber auch der Adressat des Postkolonialismus entsprechend geändert; es sind nicht mehr primär die Opfer des Kolonialismus, an die der Appell zum Bewusstseins- und Einstellungswandel ergeht, sondern diejenigen, die weiterhin von ihm profitieren, also die Mitglieder der westlichen Staaten.

Aktuelles aus dem Forschungszentrum

Publikation
19.08.2026 | Sammelband

Sokrates revised and revisited

Bohl, Judith K.; Brandis, Veronika; Pfeifer, Guido (Hrsg.) (2026): „Sokrates revised and revisited. Überlieferung, Diskurs, Inszenierung“. Heidelberg: Propylaeum. 

weitere Infos ›
Publikation
14.08.2026 | Buchkapitel

Vom rechtshistorischen Erkenntniswert antiker Tragödiendichtung: Überlegungen anhand Euripides’ Medeia

Pfeifer, Guido (2026): "Vom rechtshistorischen Erkenntniswert antiker Tragödiendichtung: Überlegungen anhand Euripides’ Medeia". In: Gsell, Beate; Rüfner, Thomas; Babusiaux, Ulrike (Hrsg.): Die unverzichtbare Wissenschaft – The Indispensable Science, Mohr Siebeck, S. 663-671.

weitere Infos ›
Publikation
01.08.2026 | Buchkapitel

"Das Andere in uns selbst" (Marcel Gauchet). Das Ideal gesellschaftlicher Autonomie und die Denkfigur der Alterität

Langner-Pitschmann, Annette (2026): „Das Andere in uns selbst“ (Marcel Gauchet). Das Ideal gesellschaftlicher Autonomie und die Denkfigur der Alterität. In: Schlette, Magnus et. al. (Hrsg.): Ordnung im Übergang Zur Funktion von Transzendenzbezügen in der Konstitution und Transformation politischer Gemeinschaft, Tübingen: Mohr Siebeck, S. 185-205.

weitere Infos ›
Veranstaltung
24.09.2026 | Frankfurt am Main

Die neuen Warlords. Gewaltdynamiken einhegen / Friedensgutachten 2026

Buchvorstellung

Die imperialistische Großmachtpolitik ändert die Vorzeichen von Krieg, Frieden und Sicherheit. Staaten agieren zunehmend wie Warlords und setzen Krieg als Mittel der Politik ein. Übergänge von Gewaltkonflikten zu Frieden werden als „Deals“ behandelt, Mittelmächte treten mit neuem Selbstbewusstsein, aber ambivalentem Kurs auf, und technologische Innovation verändert Kriege und erschwert die Regulierung. Zugleich befindet sich die internationale Kooperation in der Friedenssicherung in ihrer schwersten Krise. Das Friedensgutachten 2026 analysiert Optionen, dennoch Frieden zu fördern.

weitere Infos ›
News
23.07.2026

Dr. Jonas Heller mit Maria-Weber-Grant ausgezeichnet

Dr. Jonas Heller, assoziiertes Mitglied von Normative Orders, erforscht, wie sich geschichtlicher Wandel als Überwindung geschichtlicher Blockaden verstehen lässt. Hierfür wurde er nun mit einem Preis der Hans-Böckler-Stiftung ausgezeichnet.

weitere Infos ›
Publikation
23.07.2026 | Zeitschriftenartikel

Governing the Subject of Populism

Biebricher, Thomas: "Governing the Subject of Populism". In: European Journal of Social Theory, OnlineFirst.

weitere Infos ›