27.03.2023
Zeitschriftenartikel

Der lange Schatten des Kolonialismus. Ein Literaturessay über „Colonialism and Modern Social Theory“

Ist heute vom ›Postkolonialismus‹ die Rede, so sind damit viele verschiedene Denkmotive zugleich gemeint. Die deutlichsten Konturen besitzt der Begriff, wenn er auf die erste Generation von politischen Intellektuellen angewendet wird, die nach der Befreiung ihrer Heimatländer vom Kolonialismus die Folgen zu untersuchen begannen, die die Kolonialherrschaft in ihrem eigenen Bewusstsein und dem ihrer Landsleute hinterlassen hatte. Hier, bei Denkern wie Frantz Fanon, Aimé Césaire oder Léopold Sédar Senghor, kam dem ›Post‹ im Begriff des Postkolonialismus noch ganz buchstäblich die zeitliche Bedeutung eines ›Nachher‹ zu, aus dessen unmittelbarer Erfahrung heraus die Wunden freigelegt werden sollten, die der vormalige Kolonialismus seinen Opfern zugefügt hatte. Diese Bedeutung einer direkten Vergangenheitsbewältigung verliert der Begriff aber, wenn er heute verwendet wird, um damit eine neue Generation von postkolonialen Denker:innen zu bezeichnen. Deren Absicht ist es nicht länger, die Schrecken des gerade überwunden geglaubten Kolonialismus aufzuarbeiten, sondern zu Bewusstsein zu bringen, dass er auch in einem sich postkolonial gebenden Zeitalter von beklemmender Gegenwärtigkeit ist. Es ist daher nicht mehr die Vergangenheit, die im heutigen Postkolonialismus auf dem Spiel steht, sondern unsere Gegenwart selber; der zeitliche Bezug hat sich über die Jahrzehnte hinweg geändert, aus dem Präteritum ist inzwischen das Präsens des Kolonialismus geworden. Mit diesem Wandel des zeitlichen Bezugs hat sich aber auch der Adressat des Postkolonialismus entsprechend geändert; es sind nicht mehr primär die Opfer des Kolonialismus, an die der Appell zum Bewusstseins- und Einstellungswandel ergeht, sondern diejenigen, die weiterhin von ihm profitieren, also die Mitglieder der westlichen Staaten.

Aktuelles aus dem Forschungszentrum

News
23.07.2026

Dr. Jonas Heller mit Maria-Weber-Grant ausgezeichnet

Dr. Jonas Heller, assoziiertes Mitglied von Normative Orders, erforscht, wie sich geschichtlicher Wandel als Überwindung geschichtlicher Blockaden verstehen lässt. Hierfür wurde er nun mit einem Preis der Hans-Böckler-Stiftung ausgezeichnet.

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News
16.07.2026

Was verteidigen wir, wenn wir Demokratie verteidigen?

Die Krise der Demokratie stand im Mittelpunkt der diesjährigen Jahreskonferenz. Angesichts des weltweiten Erstarkens autoritärer und populistischer Bewegungen diskutierten internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aktuelle Gefährdungen demokratischer Ordnungen und die grundlegende normative Frage: Was genau verteidigen wir eigentlich, wenn wir Demokratie verteidigen?

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News
15.07.2026

Von der normativen Kraft des Rechts in Zeitenwenden

Erleben wir gegenwärtig den Übergang von einer regelbasierten internationalen Ordnung zu einer Machtordnung? Dieser weitverbreiteten Diagnose widerspricht Hendrik Simon in seinem neuen Buch „Das Recht der Gewalt. Warum Waffen allein keinen Frieden schaffen“, das am 15. Juli im Reclam-Verlag erschienen ist.

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Publikation
15.07.2026 | Monographie

Das Recht der Gewalt. Warum Waffen allein keinen Frieden schaffen

Simon, Hendrik (2026): Das Recht der Gewalt. Warum Waffen allein keinen Frieden schaffen. Ditzingen: Reclam.

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News
01.07.2026

Stadtgespräch debattiert Chancen und Grenzen des Parteiverbots

Wie soll eine Demokratie mit politischen Kräften umgehen, die ihre eigenen Grundlagen in Frage stellen? Dieser Frage widmete sich das XXIV. Frankfurter Stadtgespräch am 23. Juni 2026 im Frankfurter Museum für Kommunikation.

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News
19.06.2026

Internationales Symposium würdigt Lebenswerk von Jürgen Habermas

Am Freitag, den 19. Juni 2026, würdigte das Forschungszentrum Normative Orders gemeinsam mit dem Suhrkamp-Verlag den verstorbenen Jürgen Habermas mit einem internationalen Symposium an der Goethe-Universität Frankfurt.

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