16.11.2025
Bericht

Wehrdienst als Bürgerpflicht: „Völliger Quatsch“. Römerberggespräche über die Wehrpflicht

Ist der Wehrdienst eine staatsbürgerliche Pflicht – oder wird der jungen Generation zu viel abverlangt? In Frankfurt diskutierte der Autor Ole Nymoen mit Historikern und anderen Wissenschaftlern über Für und Wider einer Wehrpflicht.

Hannah Ickes

„Wie einsatzbereit sind Sie dem Staat gegenüber und in welcher Form?“ Mit dieser Frage nach der Wehrbereitschaft eröffnete die Journalistin Cécile Schortmann die 58. Römerberggespräche am Samstagmorgen. Zwischenrufe, Applaus und eine hitzige Fragerunde löste das Gespräch zwischen Militärhistoriker Heiko Biehl und Autor Ole Nymoen aus.

Biehl tendierte zu der Ansicht, dass mit Bürgerrechten auch Pflichten wie etwa die Steuer-, Schul- oder eben die Wehrpflicht einhergingen. Letztere, so meinte der Historiker, sollte der Staat nicht zu allen, aber in sicherheitspolitisch angespannten Zeiten, in Anspruch nehmen. Durch russische Angriffe etwa auf kritische Infrastruktur seien diese gegeben.

Als „völligen Quatsch“ bezeichnete dagegen Nymoen dieses republikanische Wehrpflichtverständnis. Der Siebenundzwanzigjährige sprach von Ungerechtigkeit zwischen den Generationen. Daher sehe er sich dem Staat gegenüber in keiner Bringschuld.

Nymoen sieht junge Generation benachteiligt

Nymoen ist Autor des Buchs „Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“, das im Frühjahr erschienen ist. Dass es vor allem junge Menschen anspricht, zeigte sich in der Fragerunde nach der Diskussion. Nymoens Einschätzung, die Wehrpflicht diene nicht der Verteidigung, sondern ziele darauf ab, die „Weltordnung mit Gewalt“ zu gestalten – in einer Weise, die er mit dem Vorgehen Russlands verglich -, fand im Publikum jedoch wenig Zuspruch.

Für Wehrdienst in freiwilliger Form plädierte Hendrik Simon vom Frankfurter Forschungsinstitut für Gesellschaftlichen Zusammenhalt. Er argumentierte, dass man Pazifisten zuhören müsse. Zu lange hätten populistische Parteien Diskussionen über Frieden für sich gepachtet, so der Wissenschaftler. „Es muss in der demokratischen Mitte über Frieden gesprochen werden.“ Dann, so Simon, könne man Menschen für den Wehrdienst gewinnen. Der Frankfurter führte das Publikum durch die Ideengeschichte der Kriegskritik von Kants „Zum ewigen Frieden“, über Bertha von Suttners Beobachtungen zur Grausamkeit des Krieges bis hin zu der aus den Erfahrungen mit dem Holocaust gewachsenen antifaschistischen Kriegsabwehr.

Auch Till van Rahden sprach sich für einen freiwilligen Wehrdienst aus. „Die Wehrpflicht ist ein legitimes Kind der Demokratie“ zitierte der Historiker Theodor Heuss. Dieser Ausspruch – mit dem Heuss vergeblich zu verhindern versuchte, dass das Recht auf Kriegsdienstverweigerung ins Grundgesetz aufgenommen wurde – werde oft zitiert, um die Wehrpflicht in die Tradition der Demokratie zu setzen, so van Rahden. Doch historisch betrachtet sei die Wehrpflicht viel enger mit Autokratien verwoben. In Deutschland sei die allgemeine Wehrpflicht 1871 im Kaiserreich eingeführt, nach dem Ersten Weltkrieg dann wieder abgeschafft worden. Wiedereingeführt hätten sie die Nationalsozialisten. Van Rahden vertrat die Ansicht, in einer Demokratie sollten Menschen durch Argumente zum Wehrdienst bewegt werden.

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