09.02.2026

Zur Aktualität des Gewaltbegriffs anhand von Camus und Derrida

Prof. Dr. Christine Abbt von der Universität St. Gallen hat im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ einen Vortrag über Demokratien und den Gewaltbegriff gehalten. Unter dem Titel „Demokratien verteidigen. Zur Aktualität des Gewaltbegriffs bei Camus und Derrida“ besprach die Philosophin Formen von Gewalt und Revolte und ordnete diese im Hinblick auf ein demokratisches Setting ein.

Zu Beginn ihres Vortrags widmete sich Abbt der Demokratie selbst. Dabei ordnete sie Demokratie als ein Zusammenspiel aus Verfahrens- und Ergebnisorientiertheit sowie Freiwilligkeit ein. Wichtige Grundpfeiler des Demokratischen seien Mitbestimmung, Prinzipien, Rechte und Haltungen sowie Volksherrschaft auf Basis eines freien Zugehörigkeitswillens. Mit Derrida spezifizierte sie sodann, dass Demokratien sich durch ihr Im-Kommen-Sein auszeichnen. Es gebe verschiedene Spannungsverhältnisse – zum Beispiel Freiheit/Gleichheit, Verfahren/Ergebnis, Recht/Gerechtigkeit – die ein Kennzeichen des Demokratischen seien und sich nicht auflösen ließen. Sie seien vielmehr, so Abbt mit Derrida, „spannungsreich aufeinander bezogen“.

Von dieser Setzung ausgehend befasste sich Abbt mit der Verteidigung von Demokratien anhand einer Diskussion des Umgangs mit totalitärem Machtwillen. Dazu nutzte die Philosophin unter anderem das Beispiel der „Geschichten vom Herrn Keuner“ von Bertolt Brecht. Gegenstrategien gegen das Totalitäre könnten ganz klein und minimal sein. Es bedürfte dieser Formen sogar, damit es auch größere Formen von Widerstand geben könne, wobei eine ausschließlich passive Form des Widerstehens ebenfalls nicht reiche. Mikro- und Makroebenen von Widerstandsformen müssten vielmehr im Zusammenhang betrachtet werden. Die Verteidigung bestehe dann darin, das Ziel des Totalitären – die Auslöschung des Anderen – scheitern zu lassen.

Damit gelangte Abbt zur primären Frage ihres Vortrags: Gibt es eine demokratische Möglichkeit, sich mit Gewalt zu wehren? Zuvorderst müsse hierzu festgestellt werden, dass Gewalt in Demokratien nicht einfach außer Kraft gesetzt, sondern in ihrer Qualität verändert sei. Es gehe also darum, eine Gewalt zu finden, die mit Recht und Gerechtigkeit in einem Spannungsverhältnis verbunden sein könne und sich damit nicht der totalitären Gewalt angleiche. Zur Auslotung einer solchen Form von Gewalt bezog sich Abbt vor allem auf Albert Camus und dessen Konzeption der Revolte aus dem Buch „Der Mensch in der Revolte“. Die Revolte sei von der Revolution zu unterscheiden. Sie gründe auf der Einsicht ins Absurde, da sie sowohl negativ ausgerichtet, ablehnend, nein-sagend sei, aber dennoch ein positives Element des Zu-Verteidigenden beinhalte. Gewalt in der Revolte sei gebunden an nicht überschreitbare Grenzen der Solidarität; anders als in der Revolution heilige der Zweck niemals die Mittel der Gewaltanwendung. Gewalt sei „notwendig und nicht zu rechtfertigen“, so Abbt im Hinblick auf Camus.

Aus der Beschäftigung mit Camus leitete Abbt einige grundlegende Merkmale dieser Art der Gewaltanwendung ab. Sie sei unter anderem eine Gegen-Gewalt, rückgebunden an etwas Gemeinsames, beinhalte die Bereitschaft zu sterben und zu töten und enthalte ein Verbot von Folger, Hohn, Erniedrigung oder Todesstrafe, da die Revolte dort ende, wo die Macht des Anderen verhindert ist.

Eine demokratische Möglichkeit der Gewalt sei also eine Form des „Dazwischen“. Gewalt, Recht und Gerechtigkeit seien weder identisch noch Gegensätze. Sie seien spannungsreich aufeinander bezogen. Abbt machte dies explizit in Unterscheidung zu totalitären, liberalen und anarchistischen Ordnungen deutlich. Demokratien zu verteidigen bedeute dann, Widerstand gegen Politiken der Feindschaft zu leisten, in die Revolte mitsamt ihrer Merkmale einzutreten sowie Gewalt dabei immer anhand der oben genannten Prinzipien auszurichten und niemals als legitime Form zu verstehen. Außerdem müsse die Revolte aus eigener Motivation geschehen, man dürfe nicht zu ihr gezwungen werden.

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28./29.05.2026 | Frankfurt am Main

Global Health Justice: Principles and Practice

Konferenz

Following the research focus of the Global Health Justice Postdoctoral Programme, the "Global Health Justice: Principles and Practice" conference places a particular emphasis on themes such as the human right to health, political activism and health justice issues, and problems of structural injustice and vulnerable populations in health care. Keynote lectures by Jonathan Wolff, Kanchana Mahadevan, and Caesar Atuire.

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26.03.2026 | Monographie

The Cambridge History of Latin American Law in Global Perspective

Duve, Thomas; Herzog, Tamar (eds.): The Cambridge History of Latin American Law in Global Perspective, Cambridge: Cambridge University Press, 2024 (portugiesisch 2025; spanisch 2026).

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26.03.2026 | Monographie

Rechtsgeschichte des frühneuzeitlichen Hispanoamerika

Duve, Thomas; Egío, José Luis  (2023): Rechtsgeschichte des frühneuzeitlichen Hispanoamerika, Berlin: De Gruyter, 2023.

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Ein neuer Politikstil macht international Karriere. Er ist gekennzeichnet von Vulgarität, Verrohung und erklärter Rechtsfeindschaft. Machtinteressen werden nicht mehr juristisch bemäntelt. Stattdessen wird das angebliche Recht des Stärkeren zur Staatsdoktrin gemacht – innenpolitisch wie außenpolitisch. Treibende Kraft hinter dieser Verrohung der politischen Sitten ist ein US-Präsident, der nicht nur die amerikanische Gesellschaft und Kultur, sondern auch die globale Ordnung nach seinen Vorstellungen und Interessen umgestaltet. Die Römerberggespräche wollen diesen Politikstil verstehen.

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Veranstaltung
14.07.2026 | Frankfurt am Main

Democracy Over Time and the Climate Crisis

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10.06.2026 | Frankfurt am Main

Capital Investment, Inequality, and State Power in a Time of Climate Emergency

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Vortrag von MartinO'Neill (University of York). Die Vortragsreihe untersucht Fragen der Klimakrise als Herausforderungen für demokratische Gesellschaften und konzentriert sich auf Themen wie politische Legitimität, Widerstand gegen fossile Brennstoffe und die Interessen künftiger Generationen. Sie wird organisiert von Prof. Dr. Darrel Moellendorf und Dr. Lukas Sparenborg.

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13.05.2026 | Frankfurt am Main

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Vortrag von Ross Mittiga (SOAS London). Die Ringvorlesung "Der Klimawandel: Von ökologischen zu demokratischen Kipppunkten?" untersucht Fragen der Klimakrise als Herausforderungen für demokratische Gesellschaften und konzentriert sich auf Themen wie politische Legitimität, Widerstand gegen fossile Brennstoffe und die Interessen künftiger Generationen. Sie wird organisiert von Prof. Dr. Darrel Moellendorf und Dr. Lukas Sparenborg.

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News
17.03.2026

Kommunikative Vernunft. Zum Tod von Jürgen Habermas

Von Rainer Forst und Klaus Günther. Mit Jürgen Habermas verlieren wir einen unvergleichlichen, weltweit die Geistes- und Sozialwissenschaften über viele Jahrzehnte prägenden Gelehrten und engagierten Intellektuellen, der, wie er selbst anlässlich seiner Rede zu seinem 90. Geburtstag an der Goethe-Universität sagte, an dieser Universität drei glückliche Phasen seines akademischen Lebens erfahren hat. Er hat auch nach seiner Emeritierung an vielen unserer Diskussionen am Zentrum Normative Ordnungen aktiv teilgenommen, und seine Theorie war für uns stets ein zentraler Bezugspunkt der Forschung. Wir selbst verlieren unseren wichtigsten akademischen Lehrer, der uns über die Jahrzehnte hinweg freundschaftlich verbunden war.

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