Normativität der Kritik – Kritik der Normativität

Projektleitung: Prof. Dr. Nikita Dhawan

Normen entwickeln sich unter historischen Bedingungen und operationalisieren sich in bestimmten sozialen und politischen Kontexten auf unterschiedliche Weise. Dementsprechend können sie nicht in jedem historischen Kontext, mit denselben Strategien, umgesetzt oder angefochten werden. In Anbetracht der Tatsache, dass es keine sichere Vorgehensweise gibt „Normativer Gewalt“ zu begegnen, wird Subversion zu einem unberechenbaren Effekt. Das macht die Praxis der Kritik besonders herausfordernd.

Wenn es die primäre Funktion der Kritik ist, Autonomie zu ermöglichen (im Sinne des Kant‘schen Diktums vom „Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“), so stellen postkolonial-queer-feministische TheoretikerInnen, die zwanghaften, wie auch die progressiven Aspekte kritischer Forschung in Frage. Wenn, wie in westlich-philosophischen Traditionen vertreten, Aufklärung und Kritik zusammengehören, wie ist dann das Verhältnis der Postkolonie zu dem Erbe europäischer Aufklärung?

Das Ziel des Forschungsprojekts war es, eine alternative postkolonial-queer-feministische Genealogie der „Politiken“ von Kritik zu entwickeln, um das Verhältnis zwischen Macht, Handlungsfähigkeit und Widerstand kritisch zu untersuchen. Der Fokus des Projekts lag auf der Untersuchung, welche Formen der Subjektivierung und Emanzipation mit dem Modus des Infragestellens einhergehen und wie diese Praxen im Spannungsverhältnis zwischen Moderne und Postkolonialität zu denken sind.

Im Rahmen des Gesamtprojekts des Clusters wurden in diesem Projekt insbesondere die Ambivalenzen der Normativität von Kritik als Form der Machtausübung selbst untersucht und dadurch die Normativität der Kritik mit der Kritik der Normativität konfrontiert. Es wurde untersucht, wie normative Ordnungen beständig denaturalisiert, aber auch reproduziert werden und wie in diesen Prozessen handlungsmächtige Subjekte konstituiert werden. Die Möglichkeiten, anders zu denken und zu handeln, die Grenzen des „Politischen“ in Frage zu stellen und Kritik zu üben, wurden einer kritischen Betrachtung unterzogen.

Das Forschungsprojekt unterteilte sich in vier Teilprojekte. Im PI-Projekt wurde insbesondere der Zusammenhang von „Normativität, Kritik und Aufklärung“ (Nikita Dhawan) untersucht. Dabei stand das ambivalente und paradoxale Verhältnis von Vernunft und Herrschaft im Fokus, bei dem das Freiheitsversprechen der Vernunft selbst in eine neue Form der Herrschaft umzuschlagen droht. Im zweiten Teilprojekt ging es um die Frage, wie politische Subjektivität im Raum zwischen Passivität und Widerstand entsteht (Aylin Zafer). Das dritte Teilprojekt untersuchte, wie in den Begegnungen zwischen heterogenen sozialen Bewegungen Differenz verhandelt und Solidarität geschaffen wird (Johanna Leinius). Im vierten Teilprojekt (Elisabeth Fink) wurde am Beispiel der Bekleidungsindustrie in Bangladesch das Verhältnis von lokalem und transnationalem Arbeitsrechtsaktivismus untersucht.

Das Forschungsprojekt stellt den dynamischen und relationalen Aspekt der Kritik an jeglicher Art von Machtverhältnissen in den Vordergrund: Um Kritik zu üben und Räume für Transformation zu schaffen, muss sich das widerständige Subjekt zu herrschenden normativen Ordnungen verhalten. Ob Ablehnung oder Aneignung, eine Bezugnahme findet notwendigerweise statt. Diese Prozesse wurden sowohl  empirisch als auch theoretisch ergründet, um die Potentiale für dekolonisierende Allianzen zu identifizieren und die Ambivalenzen emanzipatorischen Begehrens und Handelns herauszustellen.


Die wichtigsten Veranstaltungen in diesem Projekt:

Workshop: FRCPS Chandra Talpade Mohanty Reading Group, in Vorbereitung der Gastprofessur für Internationale Gender und Diversity Studies von Chandra Talpade Mohanty am „Cornelia Goethe Centrum für Frauenstudien und die Erforschung der Geschlechterverhältnisse“ (CGC), Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Goethe-Universität, Frankfurt am Main, 12. Dezember 2015.

Internationale Konferenz: Decolonizing Epistemologies, Methodologies and Ethics: Postcolonial-Feminist Interventions, „Frankfurt Research Center for Postcolonial Studies“, Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Goethe-Universität, Frankfurt am Main, 2. Juli 2015.

Internationaler Workshop: Difference that makes no Difference: The Non-Performativity of Intersectionality and Diversity, „Frankfurt Research Center for Postcolonial Studies“ in Kooperation mit dem Frauennetzwerk des Exzellenzclusters „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ und der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Goethe-Universität, Frankfurt am Main, 5. Februar 2015.

Vortrag: Prof. Ratna Kapur, Precarious Desires, Postcolonial Justice and Human Rights, Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Goethe-Universität, Frankfurt am Main, 27. Mai 2014.

Internationale Vorlesungssreihe: How Does Change Happen?, Cornelia Goethe Colloquium in Kooperation mit dem „Frankfurt Research Center for Postcolonial Studies“, Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Goethe-Universität Frankfurt am Main, WS 2013/2014.

Workshop: Angela Davis Reading Group, in Vorbereitung der Gastprofessur für Internationale Gender und Diversity Studies von Angela Davis am „Cornelia Goethe Centrum für Frauenstudien und die Erforschung der Geschlechterverhältnisse“ (CGC), Exzellenzcluster „Die Herausbildung Normativer Ordnungen“, Goethe-Universität Frankfurt am Main, 14. –15. November 2013


Die wichtigsten Publikationen in diesem Projekt:

Dhawan, Nikita/Elisabeth Fink/Johanna Leinius/Rirhandu Mageza-Barthel: Negotiating Normativity. Postcolonial Appropriations, Contestations and Transformations, New York: Springer, 2016.

Dhawan, Nikita (Hg.): „Difference that makes no Difference. The Non-Performativity of Intersectionality and Diversity”, Wagadu. A Journal of Transnational Women’s and Gender Studies, special Issue, 2016.

Nikita Dhawan: Decolonizing Enlightenment: Transnational Justice, Human Rights and Democracy in a Postcolonial World, Politik und Geschlecht, vol. 24, Opladen und Farmington Hills: Barbara Budrich Verlag, 2014.

Nikita Dhawan und Maria Castro Varela do Mar: Postkoloniale Theorie: Eine kritische Einführung, 2. Aufl., Bielefeld: Transcript, 2014.

Elisabeth Fink und Johanna Leinius: „Postkolonial-feministische Theorie“, in: Y. Franke/K. Mozygemba/K. Pöge/B. Ritter/D. Venohr (Hg.): Feminismen heute. Positionen in Theorie und Praxis, Bielefeld: Transcript, 2014, S. 115–128.


Personen in diesem Projekt: 

Projektleitung / Ansprechpartner
Dhawan, Nikita, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter
Zafer, Aylin

Aktuelles aus dem Forschungszentrum

Veranstaltung
20.04.2026 | Brüssel

Militärische KI verantwortungsvoll nutzen und Regulierung neu denken

Podiumsdiskussion, Vortrag

Künstliche Intelligenz findet im Militär immer breiteren Einsatz, von Logistik und Training über Missionsplanung und Zielidentifikation bis hin zu autonomen Waffensystemen. Gleichzeitig wächst die Bedeutung von Mikroprozessoren immer stärker, der Zugang zu seltenen Erden und Chips wird zur zentralen Ressource. KI kann das Kampfgeschehen beschleunigen und damit destabilisierend wirken. Der Wettlauf um neue Fähigkeiten birgt jedoch auch Eskalationsrisiken. Wir laden Sie ein, diese Themen im nächsten Crisis Talk gemeinsam mit unseren hochkarätigen Podiumsgästen zu diskutieren.

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Veranstaltung
28./29.05.2026 | Frankfurt am Main

Global Health Justice: Principles and Practice

Konferenz

Following the research focus of the Global Health Justice Postdoctoral Programme, the "Global Health Justice: Principles and Practice" conference places a particular emphasis on themes such as the human right to health, political activism and health justice issues, and problems of structural injustice and vulnerable populations in health care. Keynote lectures by Jonathan Wolff and Kanchana Mahadevan.

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Publikation
26.03.2026 | Monographie

The Cambridge History of Latin American Law in Global Perspective

Duve, Thomas; Herzog, Tamar (eds.): The Cambridge History of Latin American Law in Global Perspective, Cambridge: Cambridge University Press, 2024 (portugiesisch 2025; spanisch 2026).

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Publikation
26.03.2026 | Monographie

Rechtsgeschichte des frühneuzeitlichen Hispanoamerika

Duve, Thomas; Egío, José Luis  (2023): Rechtsgeschichte des frühneuzeitlichen Hispanoamerika, Berlin: De Gruyter, 2023.

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Veranstaltung
18.04.2026 | Frankfurt am Main

Das Prinzip Donald Trump und die Verrohung der Welt

Podiumsdiskussion, Vortrag

Ein neuer Politikstil macht international Karriere. Er ist gekennzeichnet von Vulgarität, Verrohung und erklärter Rechtsfeindschaft. Machtinteressen werden nicht mehr juristisch bemäntelt. Stattdessen wird das angebliche Recht des Stärkeren zur Staatsdoktrin gemacht – innenpolitisch wie außenpolitisch. Treibende Kraft hinter dieser Verrohung der politischen Sitten ist ein US-Präsident, der nicht nur die amerikanische Gesellschaft und Kultur, sondern auch die globale Ordnung nach seinen Vorstellungen und Interessen umgestaltet. Die Römerberggespräche wollen diesen Politikstil verstehen.

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Veranstaltung
14.07.2026 | Frankfurt am Main

Democracy Over Time and the Climate Crisis

Ringvorlesungen

Vortrag von Anja Karnein (Binghamton). Die Vortragsreihe untersucht Fragen der Klimakrise als Herausforderungen für demokratische Gesellschaften und konzentriert sich auf Themen wie politische Legitimität, Widerstand gegen fossile Brennstoffe und die Interessen künftiger Generationen. Sie wird organisiert von Prof. Dr. Darrel Moellendorf und Dr. Lukas Sparenborg.

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Veranstaltung
10.06.2026 | Frankfurt am Main

Capital Investment, Inequality, and State Power in a Time of Climate Emergency

Ringvorlesungen, Vortrag

Vortrag von MartinO'Neill (University of York). Die Vortragsreihe untersucht Fragen der Klimakrise als Herausforderungen für demokratische Gesellschaften und konzentriert sich auf Themen wie politische Legitimität, Widerstand gegen fossile Brennstoffe und die Interessen künftiger Generationen. Sie wird organisiert von Prof. Dr. Darrel Moellendorf und Dr. Lukas Sparenborg.

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Veranstaltung
13.05.2026 | Frankfurt am Main

Failed States and Cloudy Skies: Tipping Points, Overshoot and Permanent Emergency, after America

Ringvorlesungen

Vortrag von Geoff Mann (Simon Fraser University, Canada). Die Vortragsreihe untersucht Fragen der Klimakrise als Herausforderungen für demokratische Gesellschaften und konzentriert sich auf Themen wie politische Legitimität, Widerstand gegen fossile Brennstoffe und die Interessen künftiger Generationen. Sie wird organisiert von Prof. Dr. Darrel Moellendorf und Dr. Lukas Sparenborg.

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Veranstaltung
22.04.2026 | Frankfurt am Main

Political Legitimacy, Authoritarianism, and Climate Change

Ringvorlesungen, Vortrag

Vortrag von Ross Mittiga (SOAS London). Die Ringvorlesung "Der Klimawandel: Von ökologischen zu demokratischen Kipppunkten?" untersucht Fragen der Klimakrise als Herausforderungen für demokratische Gesellschaften und konzentriert sich auf Themen wie politische Legitimität, Widerstand gegen fossile Brennstoffe und die Interessen künftiger Generationen. Sie wird organisiert von Prof. Dr. Darrel Moellendorf und Dr. Lukas Sparenborg.

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