Wir trauern um Thomas M. Schmidt
Von Rainer Forst
Mit Thomas M. Schmidt, der am letzten Tag des Jahres 2025 verstorben ist, in dem wir erst wenige Monate zuvor seinen 65. Geburtstag mit einem Symposium begingen, verlieren wir einen der großen Religionsphilosophen unserer Zeit. Sein jäher Tod reißt eine Lücke in die Gemeinschaft der Forschenden, die wie er zu verstehen suchen, was die Rolle der Religion in den säkularen Gesellschaften unserer Zeit ist und sein kann. Zugleich wird er als der wunderbare Mensch fehlen, der er war.
Anhand seiner Leitfrage nach der Gestalt der Religion in der Moderne setzte er sich mit großen Denkern wie Hegel, Rawls und nicht zuletzt Jürgen Habermas intensiv auseinander, wie dessen Beitrag in der jüngst erschienenen Festschrift für Thomas Schmidt, Den Diskurs bestreiten, zeigt. Schmidts Werk steht exemplarisch für den auf höchstem philosophischem Niveau argumentierenden Versuch, sich nicht mit einer klassischen Arbeitsteilung zwischen Glauben und Wissen, akademisch Theologie und Philosophie, zufrieden zu geben, die diese komplementär versteht – das an Wahrheit und Vernunft orientierte Wissen hier, der Glaube dort, der sich eine eigene Wahrheitswelt schafft, ohne sie epistemisch ausweisen zu können. Um solchen Ausweis aber war es Schmidt zu tun, schon seit seiner großartigen Frankfurter Dissertation 1995 über Hegels Religionsphilosophie, Anerkennung und absolute Religion, die beim aporetischen Befund der Jugendschriften einsetzt und sich weigert, ihn im Blick auf das Spätwerk zu überwinden.
Das Thema Vernunft und Religion hat ihn nie mehr losgelassen, und in immer neuen Wendungen näherte er sich ihm, auch in seiner nächsten Schaffensphase der Habilitation über den politischen Liberalismus von Rawls und der sich anschließenden Professur an der California State University in Long Beach, von wo er 2003 an seine Alma Mater auf die Professur für Religionsphilosophie am Fachbereich Katholische Theologie zurückberufen wurde.
Thomas Schmidt gehörte seit seiner Gründung dem Exzellenzcluster Normative Ordnungen an, in dessen Kontext er eine Religionsphilosophie entfaltete, die an dem rationalen Anspruch einer Religion festhält, die sich zwar als Glaube versteht, dabei aber auch weiß, dass sie das Wissen von etwas Transempirischem widerspruchsfrei in ein Netzwerk von Begründungen integrieren können muss: „Der religiöse Glaube ist daher von diskursivem, mit Gründen operierendem Wissen zwar unterschieden, aber nicht prinzipiell getrennt,“ heißt es in einer wichtigen Schrift dazu. Der Glaube steht Schmidt zufolge stets in Kontexten intersubjektiver Rechtfertigung, und dort erhält er seine spezifische Prägung, bleibt aber Teil des, hegelianisch gesprochen, vernünftigen Geistes. Daraus ergibt sich das spannungsreiche, aber letztlich integrative Verständnis von Religionsphilosophie und Theologie, das Thomas Schmidt entwickelt hat.
In seinen Forschungen seither hat sich Schmidt mit verschiedenen Theoremen der säkularen oder „post-säkularen“ Gesellschaft auseinandergesetzt. Dabei spielte der Dialog mit Jürgen Habermas‘ religionsphilosophischen Überlegungen bis hin zu dessen Magnum Opus Auch eine Geschichte eine ebenso große Rolle wie die Interpretation des späten Rawls. Daraus sind viele wichtige Werke entstanden, etwa das umfassende Rawls-Handbuch, das Schmidt mit den Kollegen Frühbauer, Reder und Roseneck herausgab. Seit seiner Habilitation erarbeitete Thomas Schmidt eine spezifische Theorie über das Verhältnis einer autonom vernunftbegründeten Theorie der Gerechtigkeit zu den von Rawls so bezeichneten „reasonable comprehensive doctrines“. Schmidt schaltete sich dabei (auch in einer Reihe von Konferenzen in Frankfurt) in eine Debatte ein, die nicht nur in den USA intensiv ablief.
Wichtige Früchte seiner Arbeit konnte Thomas Schmidt zu unserer großen Freude ernten, als ihm im Juli des letzten Jahres anlässlich seines Geburtstags von seinen SchülerInnen Roseneck, Langner-Pitschmann und Müller die bereits erwähnte Festschrift übergeben und zahlreiche Vorträge gehalten wurden, auf die er spontan ebenso scharfsinnig wie großzügig antwortete. Er war ein Meister der Dialektik, die sich im direkten Diskurs entfaltet, und dabei blieb er immer ein sensibler Mensch, der verstand, worauf es anderen ankam. Leben und Lehre dieses großartigen Denkers wurden zu einer Einheit, und wenn er die Religion als „Differenzbewusstsein“ charakterisierte, das zugleich ihr Eigenes festhält und doch all die normativen Ordnungen, die in modernen Gesellschaften aufeinandertreffen, unterscheiden und zusammendenken kann, dann war er in seinem Element.
Seine Stimme wird fehlen – als die eines einzigartigen Gelehrten, als die eines Vermittlers komplexen Wissens, das er klar auf den Begriff brachte, als die eines Menschen, der anderen stets größten Respekt und Wärme entgegenbrachte. Und nicht selten löste sich ein kompliziertes Problem in einem Lachen auf, das ansteckte.
Wenn ich diese persönliche Note hinzufügen darf, verliere ich mit seinem so plötzlichen, unbegreiflichen Tod einen unersetzbaren Freund aus alten Studientagen in der Dantestraße, auf den ich stets zählen konnte, worum immer es ging, ob es ein persönlicher Rat war, die Frage, wie die Eintracht sich diese Saison schlagen würde, oder um die theologischen Bedeutungen des Begriffs der Rechtfertigung.
Ein in jeder Hinsicht besonderer Mensch ist von uns gegangen, und wir werden ihn ebenso vermissen wie uns seiner mit größter Wertschätzung erinnern.