Krise der Normativät und Normativität der Krise im Internet: Grundlegung und Faktoren 

Mag. iur. Dr. iur. LL.M. (Harvard) Matthias C. Kettemann

Laufzeit des Forschungsprojekts: 11/2017 – 12/2018

Folgt man den herrschenden Diskursen, ist das Internet und dessen Ordnung in der Krise. Doch weisen Krisen(diskurse) in der normativen Ordnung des Internets nicht grundsätzlich auf eine Dysfunktionalität der Ordnung hin, sondern lediglich auf die Krise bzw. krisenhafte Herausforderung einzelner Elemente dieser Ordnung.
Schon in meiner Habilitation habe ich ausgearbeitet, dass eine Krise der Legitimität des Rechts im Internet durch eine Aufgabe der geltungsbegründenden Staatszentrierung festzustellen ist – dies muss zu einer krisenresistenteren Rechtsquellenlehre führen. Eine Rechtsquellenheterarchie muss in die Funktionslogik des Netzes eingespeist werden; eine Kollisionsrechtstheorie für das Internetzeitalter als Instrument zur Krisennavigation ist essenziell.

In diesem Forschungsprojekt habe ich diese Behandlung von Krisen und Krisendiskursen in Bezug auf die normative Ordnung des Internets auf ein festeres Fundament stellen wollen und zwei zentrale Krisenfaktoren untersucht. Am Beispiel der Rolle von Intermediären in der Durchsetzung von Recht und im Kampf gegen Fake News und Hassrede analysierte ich das Krisenelement: „Verlassen von Strukturen“. Anhand des Krisenfaktors Entfremdung/Diffundierung völkerrechtlicher Pflichten untersuchte ich das (Gefahren)Potenzial von Cyber-Sicherheitsnormen.

Intermediäre in der Krise

Intermediären wie Google und Facebook, Amazon und Telekom kommt eine essenzielle Rolle im Ökosystem des Internets zu. Sie ermöglichen es uns, unserer Rechte im Internet auszuüben und das Potenzial des Internets für Wirtschaft und Gesellschaft zu realisieren. Gleichzeitig können Intermediäre aber auch Bedrohungen für Rechte und Freiheiten darstellen. Allgemeine Geschäftsbedingungen und Community Guidelines können nationales und regionales Datenschutzrecht unterlaufen oder die Meinungsäußerungsfreiheit durch unklare Formulierungen einschränken.
Das Projekt untersuchte, wie sich die Umsetzung der normativen Leitlinien der Empfehlung durch Staaten zu den oben angesprochenen krisenhaften Phänomenen verhält. Ist es Sympton einer Krise der normativen Ordnung des Internets, wenn Intermediäre Rechtsverletzungen begehen bzw. wenn Gerichte widersprüchliche oder völkerrechtswidrige Urteile fällen? In Krisendiskursen wird thematisiert, dass Intermediäre nicht effektiv gegen Hassrede vorgehen (wollen) und Fake News nicht nachhaltig identifizieren und löschen (wollen). Doch macht das Intermediäre zu einem Krisenfaktor? Kann der soft law-Ansatz des Europarates hier Abhilfe schaffen, besonders wenn er national durch bindendes Recht umgesetzt wird. 

Cyber-Sicherheit in der Krise

Cyber-Sicherheit ist zentrales Schlagwort der Internetpolitik und eng verknüpft mit der Stabilität, Robustheit, Resilienz und Funktionalität des Internets. Cyber-Sicherheit kann bedroht werden durch Cyber-Kriminalität und Cyber-Terrorismus, aber auch durch mangelnde rechtliche und technische Kooperation zwischen Staaten und fehlende präventive Maßnahmen, wie die Entwicklung von Kriseninterventionszentren und -teams sowie transnationaler Krisenkommunikationsstrukturen für Cyber-Vorfälle. Die Förderung und die Gewährleistung von Cyber-Sicherheit sind Voraussetzung für den ruhigen Lauf nationaler volkswirtschaftlicher Prozesse und des internationalen Wirtschafts- und Finanzsystems, transnationaler Kommunikationsflüsse, für das Funktionieren von Energienetzen, die Realisierung von Menschenrechten, die Leistungsfähigkeit nationaler, regionaler und internationaler Verteidigungsinfrastrukturen und schließlich Voraussetzung für die volle Realisierung aller Menschenrechte.

Diese normativen Leitlinien können durch Cyber-Sicherheitsnormen umgesetzt werden. Oder diffundieren völkerrechtliche Pflichten, wenn sie als nichtbindenden Normen für verantwortungsvolles Staatenverhalten ausbuchstabiert werden, und nicht als Völkerrecht? Liegt in der Diffundierung völkerrechtlicher Pflichten (etwa zur Gewährleistung von Internetsicherheit) ein Krisenfaktor? Ich habe Vorarbeiten zu Cyber-Sicherheitsnormen durchgeführt und untersucht, wie sich diese zu völkervertragsrechtlichen und völkergewohnheitsrechtlichen Pflichten verhalten. Allerdings ist eine Objektivierung der Krise der normativen Ordnung des Internets im Lichte des Cyber-Sicherheitsdiskurses noch zu wenig beforscht. Diese Lücke suchte das Projekt zu füllen.

Ausgewählte Publikationen zum Projekt

Kettemann, Matthias C. (2017): Zwischen Hassrede und Katzenbildern, in Lorena Jaume-Palasí, Julia Pohle, Matthias Spielkamp (Hrsg.), Digitalpolitik. Eine Einführung (Berlin: ICANN, Wikimedia, iRights), 48-57, https://irights.info/artikel/intermediaere-internationale-regulierung/28475

Kettemann, Matthias C. (2017): Ensuring Cybersecurity through International Law, Revista Española de Derecho internacional.

Kettemann, Matthias (2019): “This is Not a Drill”: International Law and Protection of Cybersecurity, to be published in Wagner/Kettemann/Vieth (eds.), Research Handbook of Human Rights and Digital Technology (Cheltenham: E. Elgar).

Kettemann, Matthias; Wagner, Ben; Vieth, Kilian (2019): Research Handbook of Human Rights and Digital Technology (Cheltenham: E. Elgar).

Kettemann, Matthias (2019): Die normative Ordnung der Cyber-Sicherheit: zum Potenzial von Cyber-Sicherheitsnormen. Normative Orders Working Paper 01/2019.

Kettemann, Matthias (2020): The Normative Order of the Internet. Normative Orders Working Paper 01/2020.

Aktuelles aus dem Forschungszentrum

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18.04.2026 | Frankfurt am Main

Das Prinzip Donald Trump und die Verrohung der Welt

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Ein neuer Politikstil macht international Karriere. Er ist gekennzeichnet von Vulgarität, Verrohung und erklärter Rechtsfeindschaft. Machtinteressen werden nicht mehr juristisch bemäntelt. Stattdessen wird das angebliche Recht des Stärkeren zur Staatsdoktrin gemacht – innenpolitisch wie außenpolitisch. Treibende Kraft hinter dieser Verrohung der politischen Sitten ist ein US-Präsident, der nicht nur die amerikanische Gesellschaft und Kultur, sondern auch die globale Ordnung nach seinen Vorstellungen und Interessen umgestaltet. Die Römerberggespräche wollen diesen Politikstil verstehen.

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29.04.2026 | Frankfurt am Main

Kulturindustrie heute?

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Das Gespräch „Kulturindustrie heute?“ widmet sich der Aktualität und Tragfähigkeit eines zentralen Begriffs der Kritischen Theorie. Die Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch diskutiert im Rahmen der Gesprächsreihe "Frankfurter Schule" mit dem Filmkritiker Bert Rebhandl die gegenwärtigen Formen kultureller Produktion und Verbreitung vor dem Hintergrund von Digitalisierung, Plattformen und globalen Medienmärkten.

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19.02.2026

Call for Applications – Postdoctoral Fellowships

Am Forschungszentrum Normative Ordnungen sind für das akademische Jahr 2026/2027 mehrere Postdoctoral Fellowships mit einer Laufzeit von 10 Monaten (Beginn: 1. Oktober 2026) ausgeschrieben. Bewerbungsschluss für alle Programme ist der 15. März 2026.

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20.03.2026 | Frankfurt am Main

40 Jahre Schengen-Raum

Kolloqium

Der 1984 geschlossene Schengen-Vertrag schuf einen heute 29 Staaten umfassenden Raum ohne Binnengrenzen, doch Migration über die Außengrenzen führte zuletzt zur Wiedereinführung von Kontrollen, auch durch die Bundesregierung ab 8. Mai 2025. Das Walter Hallstein-Kolloquium diskutiert die rechtliche Zulässigkeit, wirtschaftliche Folgen insbesondere für Arbeitsmigration und Arbeitsmarkt sowie die Zukunft des Schengen-Raums.

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Ein letztes Mal im Wintersemester 2025/26 lud das Forschungszentrum zur Ringvorlesung „Am Scheidepunkt. Zur Krise der Demokratie“. Zum Abschluss hat der Philosoph Michael Rosen von der Harvard University sein Konzept der „satanic politics“ als eine Variante der politischen Deutung der Welt vorgestellt.

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09.02.2026

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Prof. Dr. Christine Abbt von der Universität St. Gallen hat im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ einen Vortrag über Demokratien und den Gewaltbegriff gehalten. Unter dem Titel „Demokratien verteidigen. Zur Aktualität des Gewaltbegriffs bei Camus und Derrida“ besprach die Philosophin Formen von Gewalt und Revolte und ordnete diese im Hinblick auf ein demokratisches Setting ein.

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Publikation
04.02.2026 | Zeitschriftenartikel

New Perspectives on Trust in International Conflicts

Wille, Tobias; Simon, Hendrik; Daase, Christopher; Deitelhoff, Nicole; Wheeler, Nicholas J.; Holmes, Marcus; Rathbun, Brian C.; Acharya, Amitav; Mitzen, Jennifer (2026): „New Perspectives on Trust in International Conflicts“. In: International Studies Review 28 (1), viaf027. 

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02.02.2026

Staatlicher Wettbewerb um Menschen – David Owen über civil geopolitics

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt – Zur Zukunft der Demokratie“ präsentierte David Owen von der Universität Southampton sein Konzept der civil geopolitics.

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20.01.2026

Christine Hentschel über Neuorientierungen in katastrophischen Zeiten

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ sprach die Soziologin über das Leben in und den Umgang mit katastrophischen Zeiten. Vor dem Hintergrund der Zerstörung der Lebensbedingungen, Kriegen, dauerhafter Krisenhaftigkeit sowie der Bedrohungen der Demokratie widmete sich Hentschel dem Einsickern des Katastrophischen in den gesellschaftlichen Alltag und einem sich verändernden aktivistischen und literarischen Umgang mit der Zukunft.

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