Genese und Geltung des Konzepts des Säkularen

Projektleitung: Prof. Dr. Dr. Matthias Lutz-Bachmann und Prof. Dr. Thomas Schmidt

Säkulare Gesellschaft und Religion sind in ihren Selbstbeschreibungen notwendig und konstitutiv aufeinander bezogen und zwar so, dass sie ihr Gegenüber als das Andere konstituieren, auf das sie zugleich als unverzichtbare semantische Ressource und Bedrohung ihrer Identität Bezug nehmen. Jeder abstrakte und einseitige Versuch, entweder die Unaufhaltsamkeit der Säkularisierung oder die Unverzichtbarkeit von Religion zu proklamieren, evoziert daher die Gegenreaktion der Verabschiedung dieser Verabschiedung.

Die Auffassung, dass Modernisierung mit dem notwendigen Verschwinden von Religiosität gleich zu setzen sei, wurde in den letzten Jahren stark kritisiert. Aber auch die Bestreitung und Relati¬vierung dieser These und die damit laut verkündete „Rückkehr der Religionen“ (Martin Riesebrodt) ist selbst wiederum bestritten worden. Bereits in den 60er Jahren haben Religionssoziologen zu engen theoretischen Rahmen der klassischen Säkularisierungstheorie kritisiert. Seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts kommt es zu einer anders akzentuierten Kritik an der klassischen Säkularisierungsthese. Sie wird aus der Perspektive von Positionen formuliert, welche die „säkularisierungsresistente“ Bedeutung der Religion stärker von ihrer politisch aktiven Rolle her bestimmen und weniger von ihrer gesellschaftlichen Integrationsfunktion.

Die Frage der Religion beschäftigt daher in der Gegenwart nicht nur die Religionsphilosophie, die Religionswissenschaft oder die Theologien, sondern in zunehmendem Maße auch die politische Philosophie. Dies hängt nicht nur mit politischen, gesellschaftlichen oder kulturellen Entwicklungen in den westlichen Gesellschaften zusammen, die der Religion im Raum der Öffentlichkeit einen größeren Stellenwert geben, als dies im Lichte der klassischen Säkularisieriungstheorien im Anschluss an Max Weber zu erwarten waren, sondern auch mit veränderten Prämissen innerhalb der Debatten der Philosophie selbst.
Der erste Schwerpunkt des einen Teilprojekts bestand in der die Untersuchung der Postsäkularitätsthese. Postsäkularismus, nach Habermas, widmet sich der Analyse und Erklärung des wachsenden Bewusstseins in den säkularisierten Gesellschaften heute, dass Religion aus einer sich weiterhin modernisierenden Gesellschaft nicht verschwindet, wie die weithin verbreitete Säkularisierungsthese besagt.
Ein zweiter Schwerpunkt dieses Teilprojekts zielte auf die Untersuchung des Postsäkularismus im Kontext postkolonialer Theorie. Dabei ging es um die Frage: Wie soll die theoretische Beschäftigung mit der Religion unter Bedingungen der Säkularisierung aus einer postkolonialen Perspektive verstanden werden?
Das dritte Teilprojekt beschäftigte sich mit den Herausforderungen, welche die Rede von Postsäkularität, wie sie von Habermas und Taylor verstanden wird, aus Sicht der normativen politischen Philosophie für die Rechtfertigung politischer Ordnungen, also säkularer, liberaler Demokratien mit sich zieht.
Nachdem im ersten Teilprojekt die Postsäkularismus-Konzeption von Habermas und Taylor in einem ersten Schritt rekonstruiert wurde, wurde sie anschließend problematisiert, indem diesen Konzeptionen der programmatisch anders angelegte Entwurf Talal Asads gegenübergestellt wurde. Insbesondere wurde die  epistemologische Dichotomie von Säkularität/Religiösität rekonstruiert und kritisch hinterfragt.

Zudem zeigte sich im zweiten Teilprojekt, in der Erörterung der Frage des Universalismus und Partikularismus bezüglich des Postsäkularismus-Begriffs, dass die inter-kontextuelle Erweiterung und Anwendung des Konzepts des Postsäkularismus auf der globalen Ebene gesucht werden sollte, und nicht vor dem Hintergrund der vom Universalismus geprägten normativen Säkularisierung. In einem vielbeachteten internationalen Workshop mit dem Titel „Postsecularism in a Global Context: New Perspectives on the Place of Religion in Postsecular Societies“ (Goethe-Universität, 4.-5. September 2015), an dem Vertreter aus Afrika, Mittel- und Nordamerika, Asien und Europa teilnahmen, wurden die Ergebnisse des zweiten Teilprojekts diskutiert. Die nunmehr anstehende Publikation dieser Arbeitsergebnisse wird zusammenfassend dokumentieren, welche kontextspezifischen Erfahrungen zu einer theoretischen Beschäftigung mit Religion im postkolonialen Kontext beitragen und welche Bedeutung sie für eine Politik im postkolonialen Kontext besitzen.

Im dritten Teilprojekt konnte eine Position entwickelt werden, die die Frage nach Religiosität und Säkularität politischer Deutungen und Diskussionsbeiträgen in eine Theorie des Pluralismus einfügt, der keine Selektion „angemessener“ und „unangemessener“ Deutungen entlang liberal demokratischer Positionen vollzieht. Ohne zu versuchen, religiöse Deutungsmuster als „vernünftig“ oder „rational“ zu verstehen, wurde die Frage danach gestellt, welchen Raum das nicht auf Vernunft Reduzierbare bei der Rechtfertigung politischer Ordnungen annehmen kann. Dabei wurde vorgeschlagen, die Frage nach der Vernunft und dem nicht auf Vernunft Reduzierbaren so zu formulieren, dass nicht nach der Vernunft und Rationalität der Glaubensinhalte, ästhetischen Erfahrungen etc. gefragt wird, sondern danach, ob es vernünftig sein kann, sich bei der Rechtfertigung politischer Entscheidungen auch auf das nicht auf Vernunft Reduzierbare zu berufen.

Die wichtigsten Publikationen in diesem Projekt:

Lutz-Bachmann, Matthias (Hg.): Postsäkularismus. Zur Diskussion eines umstrittenen Begriffs, (Normative Orders Bd. 12), Frankfurt am Main: Campus, 2015.

Lutz-Bachmann, Matthias und Michael Kühnlein (Hg.):  Vermisste Tugend? Zur Philosophie Alasdair MacIntyres, Berlin: Berlin University Press, 2015.

Schmidt, Thomas und Annette Pitschmann (Hg.): Religion und Säkularisierung. Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart: Metzler, 2014.

Okeja, Uchenna B.: Normative Justification of a Global Ethic: A Perspective from African Philosophy, Lanham/Plymouth: Rowman & Littlefield,  2013.

Winandy, Julien: Normativität im Konflikt. Zum Verhältnis von religiösen Überzeugungen und politischen Entscheidungen, Baden-Baden: Nomos, 2013.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Lutz-Bachmann, Matthias, Prof. Dr. Dr.

Schmidt, Thomas, Prof. Dr. 

Projektmitarbeiter

Okeja, Uchenna, Dr. 

Winandy, Julien, Dr. des.

Aktuelles aus dem Forschungszentrum

Publikation
12.05.2026 | Onlineartikel

Disinhibited Informalization: Talk Radio, Bro Podcasts and the Aesthetics of Populism

This essay by Johannes Völz is a revised and updated translation of “Enthemmte Informalisierung: Talk Radio, Bro-Podcasts und die Ästhetik des Populismus,” WestEnd: Neue Zeitschrift für Sozialforschung 22.2 (2025): 3–24. It is published here as part of the b2o Review’s “Stop the Right” dossier.

weitere Infos ›
Veranstaltung
20.05.2026 | Frankfurt am Main

Von der Selbstermächtigung zum sozialen Widerstand

Vortrag

Vortrag von Prof. Dr. Axel Honneth (Frankfurt am Main / New York Columbia University) mit anschließender Diskussion im Rahmen des Rechtstheoretischen Mittwochsseminars von Klaus Günther, Dan Wielsch und Benno Zabel.

weitere Infos ›
News
11.05.2026

Gertrud Koch spricht über Kulturindustrie heute

Im Rahmen der Gesprächsreihe Frankfurter Schule hat die Professorin für Filmwissenschaft gemeinsam mit dem Journalisten und Filmkritiker Bert Rebhandl über die Aktualität des Begriffs Kulturindustrie und sein Verständnis im Kontext digitaler und globaler Medien gesprochen.

weitere Infos ›
Veranstaltung
19.05.2026 | Frankfurt

Speculative Truth Regimes

Podiumsdiskussion

Event with Adam Kahlil (New Red Order) and Toby Lee (NYU) as part of the Series Visual Truth Regimes, organized by Laliv Melamed (Goethe University Frankfurt, Normative Orders), Felix Trautmann (Institut für Sozialforschung; HBK Braunschweig) and Franziska Wildt (Institut für Sozialforschung).

weitere Infos ›
Veranstaltung
25./26.06.2026 | Frankfurt

Shifting Regimes, Changing Orders

Konferenz

Conference as part of WDC2026 in collaboration with Deutsche Gesellschaft für Designtheorie und -forschung (DGTF), Kunstgewerbemuseum/Design Campus SKD and Design and Democracy

weitere Infos ›
Veranstaltung
28./29.05.2026 | Frankfurt am Main

Global Health Justice: Principles and Practice

Konferenz

Following the research focus of the Global Health Justice Postdoctoral Programme, funded by Höppsche Stiftung, the "Global Health Justice: Principles and Practice" conference places a particular emphasis on themes such as the human right to health, political activism and health justice issues, and problems of structural injustice and vulnerable populations in health care. Keynote lectures by Jonathan Wolff and Kanchana Mahadevan. The Global Health Justice Programme and this conference are supported by the Höppsche Stiftung in Villmar.

weitere Infos ›
Veranstaltung
14.07.2026 | Frankfurt am Main

Democracy Over Time and the Climate Crisis

Ringvorlesungen

Vortrag von Anja Karnein (Binghamton). Die Vortragsreihe untersucht Fragen der Klimakrise als Herausforderungen für demokratische Gesellschaften und konzentriert sich auf Themen wie politische Legitimität, Widerstand gegen fossile Brennstoffe und die Interessen künftiger Generationen. Sie wird organisiert von Prof. Dr. Darrel Moellendorf und Dr. Lukas Sparenborg.

weitere Infos ›
Veranstaltung
10.06.2026 | Frankfurt am Main

Capital Investment, Inequality, and State Power in a Time of Climate Emergency

Ringvorlesungen, Vortrag

Vortrag von MartinO'Neill (University of York). Die Vortragsreihe untersucht Fragen der Klimakrise als Herausforderungen für demokratische Gesellschaften und konzentriert sich auf Themen wie politische Legitimität, Widerstand gegen fossile Brennstoffe und die Interessen künftiger Generationen. Sie wird organisiert von Prof. Dr. Darrel Moellendorf und Dr. Lukas Sparenborg.

weitere Infos ›
Veranstaltung
13.05.2026 | Frankfurt am Main

Failed States and Cloudy Skies: Tipping Points, Overshoot and Permanent Emergency, after America

Ringvorlesungen

Vortrag von Geoff Mann (Simon Fraser University, Canada). Die Vortragsreihe untersucht Fragen der Klimakrise als Herausforderungen für demokratische Gesellschaften und konzentriert sich auf Themen wie politische Legitimität, Widerstand gegen fossile Brennstoffe und die Interessen künftiger Generationen. Sie wird organisiert von Prof. Dr. Darrel Moellendorf und Dr. Lukas Sparenborg.

weitere Infos ›