Feministische Diskurse in der islamischen Welt

Projektleiterin: Prof. Dr. Susanne Schröter

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts sind die Geschlechterordnungen weltweit in Bewegung geraten, haben sich national und transnational Bewegungen herausgebildet, die die Gleichheit zwischen Männern und Frauen anstreben, aber auch Gegenbewegungen, die Geschlechterdifferenz als Ausdruck einer natürlichen oder göttlichen Ordnung verteidigen und Frauen primär auf die Rolle von Müttern und Ehefrauen beschränken möchten. Während die Idee der Geschlechtergleichheit mittlerweile von den Vereinten Nationen festgeschrieben wurde und eine Konvention gegen die Eliminierung jeglicher Art von Diskriminierung gegen Frauen von fast allen Staaten unterzeichnet wurde, haben vor allem in islamischen Gesellschaften Stimmen an Einfluss gewonnen, die die Geschlechtergleichheit als unislamisch ablehnen. Mehr noch, sie glauben, der Westen nutze den Gleichheitsdiskurs als Waffe gegen die islamischen Gesellschaften, zerstöre ihre Kultur und rekolonisiere sie gewissermaßen. 

Historisch entwickelten sich im „Orient“ und „Okzident“ Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jh. zeitgleich und teilweise unter Bezugnahme aufeinander Diskussionen über die Emanzipation der Frauen, die Ordnung der Geschlechter und die Modernisierung der Gesellschaften. Dafür stehen Namen wie Huda Sharawi und Qasim Amin in Ägypten oder Mirza Fath Ali Akhundzadeh und Sedighe Doulatabadi im Iran. Im Verlauf des 20. Jh. übernahmen autoritäre Herrscher in etlichen postkolonialen muslimisch geprägten Staaten die Ideen feministischer Denker/innen und entwickelten einen rigiden Staatsfeminismus, der auf die Opposition religiöser Akteure und der von ihnen geprägten ärmeren Bevölkerungsschichten stieß. Seit der Islamischen Revolution im Iran hat diese Opposition an Einfluss gewonnen. Progressive Genderordnungen stehen erneut grundsätzlich zur Diskussion. Dies ist vor allem dem Aufschwung islamistischer Organisationen und Parteien zu verdanken, in denen auch Frauen als Aktivistinnen für die Durchsetzung einer islamischen Genderordnung und die Implementierung islamischen Rechts kämpfen. Parallel zu dieser Entwicklung, die in einigen Ländern zu einer Rücknahme bereits gewährter Rechte für Frauen führte, lässt sich aber auch das Gegenteil, nämlich die schrittweise Durchsetzung von Reformen beobachten, die durch zivilgesellschaftliche Akteurinnen auf den Weg gebracht wurden. Die Verabschiedung eines neuen Personenstandsrechts in Marokko, das heute zu einem der progressivsten in der islamischen Welt gehört, ist ein von den Medien viel beachtetes Beispiel für solche Veränderungen. 

Im Forschungsprojekt wurden Diskurse von feministischen Akteurinnen über Transformationen der Genderordnungen in Marokko, Tunesien, Indonesien, Palästina und Syrien untersucht. Ein besonderes Gewicht lag auf Auseinandersetzungen zwischen so genannten säkularen Feministinnen und religiösen, oft islamistischen Akteur/innen sowie auf den Potentialen des Islamischen Feminismus, der sich als dritter Weg zwischen den antagonistischen Polen versteht. Die Forscherinnen untersuchten aktuelle Prozesse mit Hilfe ethnographischer Methoden. Im Projekt wurde auf Grundlage dieser Daten der Versuch unternommen, eine prototypische Entwicklung modellhaft nachzuzeichnen.

Zu den wichtigsten Publikationen im Forschungsprojekt zählen: Schröter, Susanne (2013): „Gender and Islam in Southeast Asia. An overview“, in: Schröter, Susanne (Hg.): Gender and Islam in Southeast Asia. Negotiating women’s rights, Islamic piety and sexual orders, Leiden: Brill, 7-54; Schröter, Susanne (2013): Tunesien. „Vom Staatsfeminismus zum revolutionären Islamismus“, in: Schröter, Susanne (Hg.): Geschlechtergerechtigkeit durch Demokratisierung? Transformationen und Restaurationen von Genderverhältnissen in der islamischen Welt, Bielefeld: Transcript, 17-44 (zusammen mit Sonia Zayed) und Schröter, Susanne (2013): „Herausbildungen moderner Geschlechterordnungen in der islamischen Welt“, in: Andreas Fahrmeir/Annette Warner (Hg.): Die Vielfalt normativer Ordnungen. Konflikte und Dynamik in historischer und ethnologischer Perspektive, Frankfurt/M.: Campus, 275-306. 

Im Forschungsprojekt wurden folgende Veranstaltungen durchgeführt: International Conference on „New mobilities and evolving identities. Islam, youth and gender in South and Southeast Asia“, vom 20.-21.4.2012 an der Humboldt Universität, Berlin (zusammen Nadja-Christina Schneider, Asien-Afrika-Institut, HU, und Gudrun Krämer, Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies); Konferenz zu „Islam, Gender, gesellschaftliche Transformationen. Geschlechtergerechtigkeit durch Demokratisierungen?“, vom 2.-3.12.2011 im Forschungskolleg Humanwissenschaften in Bad Homburg und das Panel von Susanne Schröter zu „Sexuality, morality and power. Normative gender orders and their dislocations“ auf der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde in Frankfurt, 30.9.-3.10.2009.

Aktuelles aus dem Forschungszentrum

Veranstaltung
25./26.06.2026 | Frankfurt

DGTF Conference 2026: Shifting Regimes, Changing Orders

Konferenz

Conference as part of WDC 2026 in collaboration with Deutsche Gesellschaft für Designtheorie und -forschung (DGTF), Kunstgewerbemuseum/Design Campus SKD and Design and Democracy

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Veranstaltung
30.06.2026 | Frankfurt am Main

Recht und Angst in Demokratien

Vortrag

Vortrag von Benno Zabel (Universitätslehrer für Strafecht und Rechtsphilosophie der Goethe-Universität Frankfurt a.M., Forschungszentrum Normative Ordnungen der Goethe-Universität Frankfurt a.M.) im Rahmen der partizipativen Redenreihe "DenkArt_ Im Schmelztiegel der Angst"

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Veranstaltung
09./10.07.2026 | Frankfurt am Main

Democracy: Principles and Practice, Resilience and Innovation

Konferenz

Annual Conference of the Research Program "Zeitenwenden. Normative Ordnungen im Umbruch?" with Arthur Ripstein, Astrid Séville, John McCormick, Nadia Urbinati, Claudia Landwehr, Hubertus Buchstein and Peter Niesen.

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News
19.06.2026

Internationales Symposium würdigt Lebenswerk von Jürgen Habermas

Am Freitag, den 19. Juni 2026, würdigte das Forschungszentrum Normative Orders gemeinsam mit dem Suhrkamp-Verlag den verstorbenen Jürgen Habermas mit einem internationalen Symposium an der Goethe-Universität Frankfurt.

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Veranstaltung
01./03.07.2026 | Frankfurt am Main

Sexual Agency

Konferenz

Die dreitägige Konferenz über Sexual Agency befasst sich mit Fragen von sexueller Handlungsfähigkeit, Autonomie, Verantwortung, Macht, Zustimmung, Lust und Verkörperung. Organisiert von Manon Garcia und Milena Bartholain.

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News
26.05.2026

Neuer Sammelband zu Ehren von Ute Sacksofsky

Der Sammelband „Gerechtigkeit als Thema der Rechtswissenschaft“ bündelt die Beiträge des Ehrensymposiums zum 65. Geburtstag von Prof. Dr. Dr. hc. Ute Sacksofsky und beleuchtet aus intergenerationeller Perspektive zentrale Fragen feministischer Rechtswissenschaft zu Geschlecht, Gerechtigkeit, Gleichheit und juristischen Methoden.

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News
18.05.2026

Videopodcast-Reihe „Our Planet, Our Health“ gestartet

Mit „Our Planet, Our Health“ startet eine neue Videopodcast-Reihe zu Fragen globaler Gesundheitsgerechtigkeit. Die Reihe, gehostet von Dr. Romina Rekers, ist eine Initiative des Global Health Justice Postdoctoral Programme (GHJ), gefördert von der Höppschen Stiftung.

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Publikation
12.05.2026 | Onlineartikel

Disinhibited Informalization: Talk Radio, Bro Podcasts and the Aesthetics of Populism

Völz, Johannes (2026): "Disinhibited Informalization: Talk Radio, Bro Podcasts and the Aesthetics of Populism". In: b2o - boundary 2 online.

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News
11.05.2026

Gertrud Koch spricht über Kulturindustrie heute

Im Rahmen der Gesprächsreihe Frankfurter Schule hat die Professorin für Filmwissenschaft gemeinsam mit dem Journalisten und Filmkritiker Bert Rebhandl über die Aktualität des Begriffs Kulturindustrie und sein Verständnis im Kontext digitaler und globaler Medien gesprochen.

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