Die normativen Strukturen der ägyptischen und mesopotamischen Wissenschaften: Eine grundlegende Neubetrachtung

(vorläufiger Arbeitstitel)

Internationale Tagungen und Poststdoktorale Projekte

Projektverantwortliche: Prof. Dr. Annette Imhausen und Prof. Dr. Tanja Pommerening

Projektbeschreibung

Zu allen Zeiten gab es privilegierte Wissenskorpora, die normativen Charakter hatten. In der Moderne hat sich für eines dieser Wissenskorpora der Begriff „Wissenschaft“ herausgebildet. Die Zugehörigkeit einer Disziplin zum privilegierten Wissen, ebenso wie ihre formalen Merkmale und ihre normative Wirksamkeit sind – entgegen der naiven Vorstellung, die mit moderner Wissenschaft verbunden wird – nicht „natürlich“ vorhanden, sondern werden von jeder Kultur und Gesellschaft individuell bestimmt (grundlegend hierzu Chalmers 2013), wie bereits ein oberflächlicher Blick ihrer Bezeichnungen Wissenschaft – science – sciences in drei Sprachen (Deutsch, Englisch, Französisch) offenlegt. So umfasst „Wissenschaft“ sowohl Geistes- als auch Naturwissenschaften, während im Englischen grundlegend zwischen sciences (Naturwissenschaften) und humanities(Geisteswissenschaften) unterschieden wird. Die Frage des „Dazugehörens“ von Wissensbeständen zu diesem Korpus des privilegierten Wissens war zu allen Zeiten umstritten und ist es auch heute noch (Stichwort „Pseudowissenschaften“ und Demarkationsproblem; vgl. Laudan 1983, der die Problematik mit Belegen überzeugend darlegt, siehe als (späte) Reaktion z.B. die Sammlung von Aufsätzen in Pigliucci und Boudry 2013). Die inzwischen erkannte kultursoziologische Komponente der Bestimmung und Entwicklung des „privilegierten Wissens“ (sociology of scientific knowledge), insbesondere bei einer historischen Betrachtung, die auf die longue durée ausgerichtet ist, hat zur Konsequenz, dass eine Einbeziehung der emischen Perspektive der entsprechenden Kulturen zur Bestimmung dessen, was zum privilegierten Wissen gehört, unabdingbar ist.
Diese Forderung hat grundlegende Konsequenzen für die Wissenschaftsgeschichte. In ihrer Genese hat sich diese, ebenso wie auch die Geschichte der Medizin und die Geschichte der Mathematik, als Disziplinengeschichte der Naturwissenschaften verstanden. Dabei wurde, zumindest in ihrer Anfangszeit, rückblickend die Genese von Disziplinen vom modernen Standpunkt aus betrachtet und somit auch von einem (naiven) modernen (Natur)Wissenschaftsbegriff (science) ausgegangen. Durch diese Herangehensweise hat sich für die frühen Kulturen, insbesondere das alte Ägypten und Mesopotamien, ein Problem in der Einordnung der Inhalte gelehrter (wissenschaftlicher) Texte ergeben, denn sie wurden als frühe Vorläufer späterer Erkenntnisse verstanden, nie aber als eigenständige Wissenskomplexe mit eigenen Spezifika.
Die beschriebene Problematik findet ebenso ihren Niederschlag in der Literatur. Beispielsweise wurde der Grundriss der Medizin der alten Ägypter mit ausgewählten heilkundlichen Texten bespeist (Deines, Grapow, Westendorf 1958-1973). Magische Elemente, die in den Papyri auch vorkommen, wurden nicht berücksichtigt. Ausgangspunkt der Sammlung war das, was medizinische Wissenschaft heute ausmacht, zu der Magie nicht dazugehört. Aufgrund dieses Vorgehens wurde in der Geschichte der Medizin und der Ägyptologie für die ägyptische Medizin eine „Erfolgsgeschichte“ geschrieben (die ganz wesentlich auf die Interpretation des chirurgischen Papyrus Edwin Smith zurückzuführen ist), während an der mesopotamischen Medizin – aufgrund einer von Historikern empfundenen weitergehenden Vermischung von Magie und Medizin – zunächst kein medizinhistorisches Interesse bestand. Hier wurde lange noch der (irreführende) Befund von Herodot weitergetragen, die Babylonier hätten keine Ärzte gehabt (vgl. hierzu z.B. Maul 2001). Ein ähnlicher Befund, diesmal mit umgekehrten Erfolgsgeschichten, ist in der Geschichte der Astronomie festzustellen. Dort war Mesopotamien als Ort, wo gegen Ende des ersten Jahrtausends v. Chr. die mathematische Astronomie entwickelt wurde, der Gewinner des Vergleichs zwischen Ägypten und Mesopotamien. Ägypten, wie noch 2003 von Michael Hoskin konstatiert wurde, war durch eine primitive Mathematik nicht in der Lage gewesen, die komplexeren Bewegungen von Sternen und Planeten zu verstehen (Hoskin 2003: 8).
Die Arbeit, die innerhalb der frühen Wissenschaftsgeschichte (inklusive der Geschichte der Medizin und der Geschichte der Mathematik) geleistet wurde, hat inzwischen sehr deutlich ergeben, dass eine etische Perspektive nicht zielführend ist, wenn ein tiefergreifendes Verständnis der frühen Gelehrsamkeit erreicht werden soll. Entsprechende Literatur, die dies deutlich macht, liegt längst vor (siehe u.a. Cancik 2010). Außerdem gibt es Literatur, die sich bewusst mit den historiographischen Problemen der  modernen Konzepte im Hinblick auf die Alten Kulturen auseinandersetzt – ein Beispiel ist der von Karine Chemla herausgegebene Band „The History of Mathematical Proof in Ancient Traditions“, in dem die Art und Weise des Umgangs mit mathematischen vor-griechischen Quellen u.a. in die Orientalismus-Debatte eingeordnet und kritisch hinterfragt wird (Chemla 2012). Ein noch weitergehendes Beispiel ist das neue Buch von Francesca Rochberg „Before Nature“, welches auf der Grundlage des Befundes, dass es den in späterer Zeit verwendeten Begriff der „Natur“ – also des Forschungsobjektes der Naturwissenschaften – so in Mesopotamien nicht gab, eine Beschäftigung mit mesopotamischen Quellen verlangt, die dies berücksichtigt und gleichwohl einen Platz des mesopotamischen Wissens in der Wissenschaftsgeschichte einfordert (Rochberg 2016). Um denjenigen, die sich neu mit dem Thema von Wissenschaften in vormodernen Kulturen befassen möchten, oder aus einer Nachbardisziplin kommen, den Einstieg leichter zu machen, wurde 2016 der Band „Translating Writings of Early Scholars“ herausgegeben, bei dem ein Fokus genau auf der Problematik des Konfliktes zwischen modernen etischen und frühen emischen Konzepten und Begriffen lag und wie damit umzugehen ist (Imhausen und Pommerening 2016). Dieser Band bildet den Ausgangspunkt für das bereits begonnene, langfristig angelegte Projekt, im Rahmen dessen die Inhalte der frühen Wissenschaftsgeschichte grundsätzlich neu gefasst werden sollen. Die Notwendigkeit genau dieses Forschungsprojektes innerhalb der frühen Wissenschaftsgeschichte ergibt sich aus den Ergebnissen der Projekte zu den normativen Ordnungen früher wissenschaftlicher Texte einerseits und den zuletzt in namhaften Verlagen erschienenen großen Bänden zur frühen Wissenschaft (Cambridge History of Science , Vol. 1: Ancient Science (Taub und Jones 2018) und The Oxford Handbook of Science and Medicine
in the Classical World (Keyser und Scarborough 2018), in denen wiederum der Fokus für Ägypten und Mesopotamien auf den im 19. Jahrhundert postulierten drei alten Disziplinen (Mathematik, Astronomie und Medizin), liegt.  Eine solche Darstellung entspricht nicht mehr den heutigen Erkenntnissen des vorliegenden Quellenmaterials, schränkt unseren Zugang zu diesen frühesten gelehrten Texten ein und ergibt ein bestenfalls verzerrtes Bild früher Wissenschaften. Ziel des hier kurz skizzierten Projektes ist es, aus einer möglichst kulturimmanenten Perspektive festzustellen, welche Disziplinen vorliegen, wie sich diese Disziplinen personell und in philologischen Zeugnissen fassen lassen und welche normativen Ausprägungen sie hatten und ihrerseits bewirkten.
Ein Strang dieses Projektes wird durch eine Reihe von großen internationalen Tagungen gebildet, deren Beiträge in auf sie folgenden Workshops zu kohärenten Übersichten früher Wissenschaften weiterentwickelt werden sollen. Die erste dieser Tagungen, deren Fokus auf den Eigenbegrifflichkeiten und den dadurch geschaffenen normativen Ordnungen innerhalb der ägyptischen und mesopotamischen Gelehrsamkeit liegen wird, ist für Anfang 2020 geplant. Ein weiterer Strang besteht in postdoktoralen Projekten, die neu hinzukommende Gebiete der Gelehrsamkeit (wie zum Beispiel die Divination) untersuchen.
Im Gegensatz zur früheren Wissenschaftsgeschichte, die den Blick jeweils nur von einem modernen Standpunkt „nach hinten“ richtete, ist es das Ziel dieses Projektes, die Wissenschaftsgeschichte ausgehend von ihren Anfängen „nach vorne“ zu verfolgen, wie es für die Einordnung der mesopotamischen Astralwissenschaft von Francesca Rochberg vorgeschlagen wurde (Rochberg 2015). Hierzu können epochen- und kulturübergreifende Tagungen mit spezifischen Fragestellungen genutzt werden, die das traditionell orientalistische Abgrenzen Ägyptens und Mesopotamiens kritisch hinterfragen.

Zitierte Literatur
Cancik, Eva. 2010. „Gegenstand und Methode: Sprachliche Erkenntnistechniken in der keilschriftlichen Überlieferung Mesopotamiens“. In Annette Imhausen und Tanja Pommerening (Hrsg.): Writings of Early Scholars in the Ancient Near East, Egypt, Rome, and Greece. Translating Ancient Scientific Texts (Beiträge zur Altertumskunde 286). Berlin und New York: de Gruyter: 13-45.
Chalmers, Alan. 2013. What is this thing called science. 4th edition. Maidenhead: Open University Press. 
Chemla, Karine (Hrsg.). 2012. The History of Mathematical Proof in Ancient Traditions. Cambridge: Cambridge University Press.
Deines, Hildegard von, Hermann Grapow und Wolfhart Westendorf. 1958-1973.Grundriß der Medizin der Alten Ägypter. Band I-IX. Berlin: Akademie Verlag.
Hoskin, Michael. 2003. The History of Astronomy. A Very Short Introduction. Oxford: Oxford University Press.
Imhausen, Annette und Tanja Pommerening (Hrsg.). 2016. Translating Writings of Early Scholars in the Ancient Near East, Egypt, Greece and Rome. Methodological Aspects with Examples (Beiträge zur Altertumskunde 344). Berlin und New York: de Gruyter
Keyser, Paul und John Scarborough. 2018. The Oxford Handbook of Science and Medicine in the Classical World. Oxford: Oxford University Press.
Laudan, Larry. 1983. „The Demise of the Demarcation Problem“. In: Robert S. Cohen und Larry Laudan (Hrsg.): Physics, Philosophy and Psychoanalysis. Essays in Honor of Adolf Grünbaum. Dordrecht, Boston, Lancaster: Reidel Publishing: 111-127.
Maul, Stefan M. 2001. „Die Heilkunst des Alten Orients“. Medizinhistorisches Journal 36: 3-22.
Pigliucci, Massimo und Maarten Boudry (Hrsg.). 2013. Philosophy of Pseudoscience. Reconsidering the Demarcation Problem. Chicago und London: Chicago University Press.
Rochberg, Francesca. 2015. „Conceiving the History of Science Forward“. In: Brooke Holmes und Klaus-Dietrich Fischer (Hrsg.): The Frontiers of Ancient Science: Essays in Honor of Heinrich von Staden (Beiträge zur Altertumskunde 338). Berlin und New York: de Gruyter: 515-532.
Rochberg, Francesca. 2016. Before Nature. Cuneiform Knowledge and the History of Science. Chicago und London: University of Chicago Press.
Taub, Liba und Alexander Jones. 2018. Cambridge History of Science, Vol. 1:Ancient Science. Cambridge: Cambridge University Press.

Internationale Tagungen
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Von Rainer Forst und Klaus Günther. Mit Jürgen Habermas verlieren wir einen unvergleichlichen, weltweit die Geistes- und Sozialwissenschaften über viele Jahrzehnte prägenden Gelehrten und engagierten Intellektuellen, der, wie er selbst anlässlich seiner Rede zu seinem 90. Geburtstag an der Goethe-Universität sagte, an dieser Universität drei glückliche Phasen seines akademischen Lebens erfahren hat. Er hat auch nach seiner Emeritierung an vielen unserer Diskussionen am Zentrum Normative Ordnungen aktiv teilgenommen, und seine Theorie war für uns stets ein zentraler Bezugspunkt der Forschung. Wir selbst verlieren unseren wichtigsten akademischen Lehrer, der uns über die Jahrzehnte hinweg freundschaftlich verbunden war.

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