Datenschutzstrafrecht und Informationsgesellschaft

Publikation

Projektleiterin: Prof. Dr. Beatrice Brunhöber

Projektbeschreibung

Die zunehmende Technisierung und Digitalisierung unserer Lebenswelt führt dazu, dass ei-nerseits immer mehr personenbezogene Daten anfallen. Ubiquitäres Computing bringt es mit sich, dass alle technischen Hilfsmittel vom Smartphone bis zum Auto, die wir verwenden, auch Informationen über uns aufzeichnen und verarbeiten. Andererseits wird es immer leichter, Informationen zu sammeln, zu archivieren und auszuwerten. Hier seien nur Big Data und Künstliche Intelligenz als Stichworte genannt. Dies weckt nicht selten Begehrlichkeiten nach der Auswertung über das Autorisierte hinaus und birgt das Risiko des Missbrauchs sensibler Daten.

Bereits seit den 1980er Jahren ist daher der Datenschutz ein Thema, das nicht nur öffentliche Debatten, sondern auch die Rechtswissenschaft beschäftigt. In Deutschland begann die Debatte mit den Protesten gegen eine geplante Volkszählung, deren gesetzliche Grundlage das Bundesverfassungsgericht 1983 teilweise für verfassungswidrig erklärte. Im Volkszählungs-Urteil entwickelte das Gericht die deutsche Variante eines Datenschutzgrundrechts: das informationelle Selbstbestimmungsrecht. Heute werden die Debatten nicht nur von der Kritik an staatlichen Eingriffen etwa durch die Vorratsdatenspeicherung beherrscht. Immer mehr in den Vordergrund rückt auch die Frage, wie mit dem Datenhunger privater Unternehmen umgegangen werden soll. In der Rechtswissenschaft werden beide Problemkreise bisher vor allem im Öffentlichen Recht und im Privatrecht diskutiert. Daher spielen Fragen danach, ob und wieweit der „Datenbetroffene“ strafrechtlich zu schützen ist, bislang fast keine Rolle. Diese Lücke wird das Forschungsprojekt schließen.

Die Besonderheit dieses Themenbereichs besteht darin, dass die normativen Vorgaben für den Datenschutz durch Strafrecht anders als im überwiegenden Teil des Strafrechts nicht mit tradierten Wertvorstellungen übereinstimmen (können) – wie dies etwa bei Tötungs- und Körperverletzungsdelikten der Fall ist. Denn es handelt sich um ein relativ neues Phänomen, das moralischen oder ethischen Wertungen schwer zugänglich ist und das angesichts seiner internationalen Dimension ohnehin unterschiedlichsten „Datenkulturen“ ausgesetzt ist. Es ist also ein Bereich, in dem sich normative Ordnungen gerade erst entwickeln. Deren Herausbildung wird in dem Forschungsprojekt interdisziplinär untersucht, sodass konkrete technische Entwicklungen, philosophische Erkenntnisse ebenso wie soziologische und historische Ansätze einbezogen werden können. So kann unter Heranziehung sozial- und wirtschaftswissenschaftlicher Analysen der Informationsgesellschaft herausgearbeitet werden, worum es aus rechtlicher Sicht geht, insbesondere welche Konflikte und welche Ansprüche miteinander in Ausgleich zu bringen sind.

Es zeichnet sich ab, dass es beim Datenschutz durch Strafrecht nicht um den Schutz sämtli-cher Daten vor Missbrauch oder Zerstörung geht, wie man auf den ersten Blick meinen könnte (z.B. Schutz vor Hacking von Betriebsdaten). Ordnet man die Thematik in das Informationsrecht ein und rekonstruiert die Genese des Datenschutzes kritisch, dürfte deutlich werden, dass es vielmehr um den Schutz des Einzelnen vor Persönlichkeitsbeeinträchtigungen geht, wenn Dritte mit persönlichkeitsrelevanten Informationen umgehen.

Auf diesen Analysen aufbauend können die Strafvorschriften identifiziert werden, die dem Datenschutzrecht zuzuordnen sind. Es handelt sich um Strafvorschriften, die im Kern das informationelle Selbstbestimmungsrecht schützen. Zu berücksichtigen werden vor allem Vor-schriften sein, die heimliche Wort- und Bildaufnahmen oder die Weitergabe von persönlichkeitsrelevanten Informationen verbieten. Dies reicht vom Schutz der Verletzung des Patientengeheimnisses bis hin zum Verbot des „Cybermobbing“.

Im Mittelpunkt des Projekts steht die Analyse solcher „datenschützender“ Strafvorschriften. Unter Rückgriff auf die genannten sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Analysen gilt es dabei auch zu untersuchen, ob es in Bereichen des Datenschutzes zu einer Überkriminalisie-rung gekommen ist oder ob der strafrechtliche Schutz zu kurz greift. Dafür wird ein eigenständiger, genuin verfassungsrechtlicher Bewertungsmaßstab entwickelt, der sich von dem herkömmlichen strafrechtswissenschaftlichen Ansatz abhebt. Auf diese Weise kann der Normzweck der „datenschützenden“ Strafvorschriften deutlicher herausgearbeitet werden und die Grundlage für eine verfassungsorientierte Auslegung der Strafvorschriften gelegt werden: Es geht um den Schutz des Anspruchs auf einen selbstbestimmten Umgang mit persönlichkeitsrelevanten Informationen.

Das Projekt wurde bereits an der Humboldt-Universität zu Berlin mit der dort eingereichten Habilitationsschrift begonnen und in das Exzellenzcluster eingebracht. Die Buchveröffentlichung der Schrift erfordert umfangreiche Aktualisierungen und Ergänzungen weil sich die Entwicklungen sowohl in technischer als auch in rechtlicher Hinsicht überstürzen, wie beispielsweise das zwischenzeitliche Inkrafttreten der Europäischen Datenschutzgrundverordnung zeigt. Die Buchveröffentlichung wird durch eine Veranstaltungsreihe an der Goethe-Universität zu „Digitalisierung und Recht“ begleitet und ergänzt.

Veröffentlichung:
Beatrice Brunhöber, Der strafrechtliche Schutz der informationellen Selbstbestimmung, Mohr Siebeck Verlag, Reihe „Jus Poenale“, Tübingen voraussichtlich 2020 (im Erscheinen).

Veranstaltung:
Veranstaltungsreihe gemeinsam mit Prof. Dr. Indra Spiecker gen. Döhmann an der Goethe-Universität Frankfurt: „Digitalisierung und Recht“ voraussichtlich im Sommersemester 2020. (Die Reihe wird verschoben!)

Aktuelles aus dem Forschungszentrum

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Zusammenhalt, Vertrauen und Demokratie in Europa

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Veranstaltung
22.06.2026 | Frankfurt am Main

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18.05.2026

Videopodcast-Reihe „Our Planet, Our Health“ gestartet

Mit „Our Planet, Our Health“ startet eine neue Videopodcast-Reihe zu Fragen globaler Gesundheitsgerechtigkeit. Die Reihe, gehostet von Dr. Romina Rekers, ist eine Initiative des Global Health Justice Postdoctoral Programme (GHJ), gefördert von der Höppschen Stiftung.

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Publikation
12.05.2026 | Onlineartikel

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This essay by Johannes Völz is a revised and updated translation of “Enthemmte Informalisierung: Talk Radio, Bro-Podcasts und die Ästhetik des Populismus,” WestEnd: Neue Zeitschrift für Sozialforschung 22.2 (2025): 3–24. It is published here as part of the b2o Review’s “Stop the Right” dossier.

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27.05.2026 | Frankfurt

Von der Selbstermächtigung zum sozialen Widerstand

Vortrag

Vortrag von Prof. Dr. Axel Honneth (Frankfurt am Main / New York Columbia University) mit anschließender Diskussion im Rahmen des Rechtstheoretischen Mittwochsseminars von Klaus Günther, Dan Wielsch und Benno Zabel.

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11.05.2026

Gertrud Koch spricht über Kulturindustrie heute

Im Rahmen der Gesprächsreihe Frankfurter Schule hat die Professorin für Filmwissenschaft gemeinsam mit dem Journalisten und Filmkritiker Bert Rebhandl über die Aktualität des Begriffs Kulturindustrie und sein Verständnis im Kontext digitaler und globaler Medien gesprochen.

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Veranstaltung
25./26.06.2026 | Frankfurt

Shifting Regimes, Changing Orders

Konferenz

Conference as part of WDC2026 in collaboration with Deutsche Gesellschaft für Designtheorie und -forschung (DGTF), Kunstgewerbemuseum/Design Campus SKD and Design and Democracy

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Veranstaltung
28./29.05.2026 | Frankfurt am Main

Global Health Justice: Principles and Practice

Konferenz

Following the research focus of the Global Health Justice Postdoctoral Programme, funded by Höppsche Stiftung, the "Global Health Justice: Principles and Practice" conference places a particular emphasis on themes such as the human right to health, political activism and health justice issues, and problems of structural injustice and vulnerable populations in health care. Keynote lectures by Jonathan Wolff and Kanchana Mahadevan. The Global Health Justice Programme and this conference are supported by the Höppsche Stiftung in Villmar.

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Veranstaltung
14.07.2026 | Frankfurt am Main

Democracy Over Time and the Climate Crisis

Ringvorlesungen

Vortrag von Anja Karnein (Binghamton). Die Vortragsreihe untersucht Fragen der Klimakrise als Herausforderungen für demokratische Gesellschaften und konzentriert sich auf Themen wie politische Legitimität, Widerstand gegen fossile Brennstoffe und die Interessen künftiger Generationen. Sie wird organisiert von Prof. Dr. Darrel Moellendorf und Dr. Lukas Sparenborg.

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