Affekt und Verfassung. Zur Normativität affektiver Kräfte in der Weltgesellschaft

Dr. Kolja Möller

Das Forschungsprojekt fragt nach dem Verhältnis von Affekten und den beobachtbaren Konstitutionalisierungsprozessen in der Weltgesellschaft. Die Annahme besteht darin, dass zur Verrechtlichung normativer Ordnungen auf inter- und transnationaler Ebene auch Affektdynamiken – wie Empörungswellen, geteilte Solidaritätserwartungen oder Angstszenarien – beitragen. Dies wirft grundlegende Fragen nach den Interaktionsverhältnissen von Recht, Politik und Affekten auf. Es wird insbesondere untersucht, wie sie die Kritik und Rechtfertigung normativer Ordnungen prägen. Das Projekt ist an das Forschungsfeld 3 angebunden.

Zwischenergebnisse

Bisher haben sich folgende Zwischenergebnisse herauskristallisiert: (1) Das Verhältnis von Affekt und Verfassung kann nicht im Sinne eines „verengten“ Rationalismus konzeptionalisiert werden, sondern muss Mechanismen affektiver Übertragung und Verarbeitung sowie die Eigenlogik von Recht und Politik mitberücksichtigen. Daraus ergeben sich Anknüpfungspunkte für eine „erweiterte“ Normativität, die im Verhältnis von Affekt und Verfassung wirksam ist.
 
(2) Im Rahmen der Pluralität und Überlappung internationaler Ordnungsbildung erhalten diese Übertragungsmechanismen eine aufgewertete Rolle, um einerseits (in häufiger Ermangelung institutionalisierter Oppositionsmöglichkeiten) Kritik an bestehenden Rechtfertigungsnarrativen zu üben, andererseits können sie jedoch auch zur Verfestigung bestehender Rechtfertigungsnarrative beitragen. Dieses Verhältnis wird an einzelnen Fallbeispielen transnationaler Konstitutionalisierung analysiert und herausgearbeitet. Im Hinblick auf die übergreifende Frage nach dem Verhältnis von Kritik und Rechtfertigung normativer Ordnungen tritt so ein Formwandel des Konstitutionalismus im Übergang zur Weltgesellschaft hervor, der das Verhältnis von Recht, Politik und Affekt neu arrangiert.
 
(3) Ein weiteres zentrales Ergebnis der ersten Phase besteht in einer Aufwertung des politischen Handelns als ein konstitutiver Bestandteil der beobachtbaren Affektdynamiken: Weder werden sie unvermittelt rechtlich verarbeitet (wie es aktuelle Forschungsarbeiten der Rechtswissenschaften annehmen) noch ersetzen sie die Politik und politisches Handeln  (wie es aktuelle Beiträge in der Soziologie beobachten): Es ist stets ein Moment politischen Handelns erforderlich, das Affektdynamiken überhaupt erst kommunikativ wahrnehmbar macht.

Wichtigste Publikationen
 
1. Formwandel der Verfassung. Die postdemokratische Verfasstheit des Transnationalen, Bielefeld 2015.
2. *Formwandel des Konstitutionalismus. Zum Verhältnis von Postdemokratie und Verfassungsbildung jenseits des Staates, in: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie 2/2015, 270-289.
3. *A Critical Theory of Transnational Regimes. Creeping Managerialism and the Quest for a Destituent Power, in: Kerstin Blome/Andreas Fischer-Lescano/Hannah Franzki/Nora Markard/Stefan Oeter (Hg.): Contested Collisions. Interdisciplinary Inquiries into Norm Fragmentation in World Society, Cambridge University Press (i.E.).
 
Wichtigste Veranstaltungen
 
1. Panel bei der Tagung der Law and Society Association in Minneapolis (gem. mit Dr. Manuel Bastias-Saavedra, Universidad Austral de Chile) zu „Transnational Constitutionalism, 25.5.2014.
2. Workshop-Reihe „Normative Disorders“ (gem. mit Dr. Federica Gregoratto, Forschungsfeld 1), WS 2014/2015. 
3. Panel beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie „Kritische Theorie und/als Systemtheorie“ (gem. mit Dr. Jasmin Siri, Institut für Soziologie, Universität München), 8.10.2014.
 
Weitere Kooperationspartner
 
Prof. Hauke Brunkhorst (Universität Flensburg), Prof. Andreas Fischer-Lescano (Universität Bremen) zu Fragen transnationaler Konstitutionalisierung sowie Dr. Philipp Schink (Universität Frankfurt, Institut für Philosophie) zu Theorien und Problemen politischen Handelns.

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Ein neuer Politikstil macht international Karriere. Er ist gekennzeichnet von Vulgarität, Verrohung und erklärter Rechtsfeindschaft. Machtinteressen werden nicht mehr juristisch bemäntelt. Stattdessen wird das angebliche Recht des Stärkeren zur Staatsdoktrin gemacht – innenpolitisch wie außenpolitisch. Treibende Kraft hinter dieser Verrohung der politischen Sitten ist ein US-Präsident, der nicht nur die amerikanische Gesellschaft und Kultur, sondern auch die globale Ordnung nach seinen Vorstellungen und Interessen umgestaltet. Die Römerberggespräche wollen diesen Politikstil verstehen.

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Call for Applications – Postdoctoral Fellowships

Am Forschungszentrum Normative Ordnungen sind für das akademische Jahr 2026/2027 mehrere Postdoctoral Fellowships mit einer Laufzeit von 10 Monaten (Beginn: 1. Oktober 2026) ausgeschrieben. Bewerbungsschluss für alle Programme ist der 15. März 2026.

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20.03.2026 | Frankfurt am Main

40 Jahre Schengen-Raum

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Der 1984 geschlossene Schengen-Vertrag schuf einen heute 29 Staaten umfassenden Raum ohne Binnengrenzen, doch Migration über die Außengrenzen führte zuletzt zur Wiedereinführung von Kontrollen, auch durch die Bundesregierung ab 8. Mai 2025. Das Walter Hallstein-Kolloquium diskutiert die rechtliche Zulässigkeit, wirtschaftliche Folgen insbesondere für Arbeitsmigration und Arbeitsmarkt sowie die Zukunft des Schengen-Raums.

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Ein letztes Mal im Wintersemester 2025/26 lud das Forschungszentrum zur Ringvorlesung „Am Scheidepunkt. Zur Krise der Demokratie“. Zum Abschluss hat der Philosoph Michael Rosen von der Harvard University sein Konzept der „satanic politics“ als eine Variante der politischen Deutung der Welt vorgestellt.

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Prof. Dr. Christine Abbt von der Universität St. Gallen hat im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ einen Vortrag über Demokratien und den Gewaltbegriff gehalten. Unter dem Titel „Demokratien verteidigen. Zur Aktualität des Gewaltbegriffs bei Camus und Derrida“ besprach die Philosophin Formen von Gewalt und Revolte und ordnete diese im Hinblick auf ein demokratisches Setting ein.

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New Perspectives on Trust in International Conflicts

Wille, Tobias; Simon, Hendrik; Daase, Christopher; Deitelhoff, Nicole; Wheeler, Nicholas J.; Holmes, Marcus; Rathbun, Brian C.; Acharya, Amitav; Mitzen, Jennifer (2026): „New Perspectives on Trust in International Conflicts“. In: International Studies Review 28 (1), viaf027. 

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02.02.2026

Staatlicher Wettbewerb um Menschen – David Owen über civil geopolitics

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt – Zur Zukunft der Demokratie“ präsentierte David Owen von der Universität Southampton sein Konzept der civil geopolitics.

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Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ sprach die Soziologin über das Leben in und den Umgang mit katastrophischen Zeiten. Vor dem Hintergrund der Zerstörung der Lebensbedingungen, Kriegen, dauerhafter Krisenhaftigkeit sowie der Bedrohungen der Demokratie widmete sich Hentschel dem Einsickern des Katastrophischen in den gesellschaftlichen Alltag und einem sich verändernden aktivistischen und literarischen Umgang mit der Zukunft.

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