17.12.2024

Volkssouveränität radikal gedacht

Ein Nachruf auf Prof. Dr. Ingeborg Maus (1937-2024)

Mit dem Tode von Ingeborg Maus, die am 14. Dezember im Alter von 87 Jahren verstarb, verlieren die Goethe-Universität und die Gemeinschaft der Forschenden eine der bedeutendsten politischen Theoretikerinnen unserer Zeit. Ihr Denken hat die Frankfurter und die nationale Politik- und Rechtswissenschaft auf eine besondere Weise nachhaltig geprägt – durch die radikalste Lesart des Prinzips der Volkssouveränität, die mit den Strukturen des modernen Staates vereinbar ist.

Ingeborg Maus, 1937 in Wiesbaden geboren, studierte Politikwissenschaft, Germanistik und Philosophie in Frankfurt und Berlin. Die Promotion in Frankfurt 1971, von Carlo Schmid und Christian Graf von Krockow betreut, behandelte bereits ihr Lebensthema: die verfassungsgebende Gewalt aller Bürgerinnen und Bürger und wie sie in positives, demokratisches Recht umzusetzen wäre – im Unterschied zu Rechts- und Staatstheorien, die von Carl Schmitt bis in das Rechtsdenken der Gegenwart reichten. Die allgemeine Form des Rechts war für Maus streng zu bewahren, um die Freiheit und Gleichheit aller zu ermöglichen und gegen die Selbstautorisierung von Exekutiven und die juristische Überwölbung der Volkssouveränität zu verteidigen. Ihr Buch Bürgerliche Rechtstheorie und Faschismus von 1976 legte dies ebenso dar wie das spätere über Rechtstheorie und politische Theorie im Spätkapitalismus (1986).

Nach der Zeit als wissenschaftliche Assistentin und der Habilitation 1980 in Frankfurt lehrte sie an der Goethe-Universität sowie an verschiedenen Universitäten in Deutschland und Japan, bevor sie Mitglied in der von Jürgen Habermas mit Mitteln des Leibnizpreises gegründeten Arbeitsgruppe Rechtstheorie wurde. Dort konnte der Verfasser dieser Zeilen das Engagement erleben, mit der Ingeborg Maus an den Grundprinzipien des modernen demokratischen Verfassungsstaats festhielt. Besonders Rousseau und vor allem Kant lieferten die philosophischen Fundamente ihres Denkens, das elegant zwischen Ideengeschichte, Philosophie und aktueller Demokratie- und Rechtstheorie sich zu bewegen wusste. All dies floss in ihr Hauptwerk ein, Zur Aufklärung der Demokratietheorie, das 1992 erschien und als unerreichbar gelten darf in der Konsequenz, mit der sie Kants politische Philosophie radikaldemokratisch auslegt und den bestechenden Gedanken verfolgt, dass die demokratische Selbstgesetzgebung des Volkes der gleichen Strukturlogik strikter Universalisierung folgt wie der kategorische Imperativ in Kants Moralphilosophie. So wird praktische Vernunft zu einer politisch-rechtlichen, institutionellen Realität.

„Über Volkssouveränität erschien 2011 bei Suhrkamp.

1992 wurde Ingeborg Maus auf die Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte in der Nachfolge Iring Fetschers berufen und entfaltete eine umfassende Lehrtätigkeit, die von der positiven Begeisterung für die Prinzipien recht verstandener Demokratie ebenso getragen war wie von der Kritik an den „Refeudalisierungen“ von Recht und Politik in entformalisierten sowie rechtlich überregulierten Herrschaftsordnungen.

Nach ihrer Emeritierung im Jahre 2003 publizierte sie eine Reihe wichtiger Werke, in denen sie ihre Konzeption der Volkssouveränität, der Menschenrechte und von Friedenspolitik sowie ihre Kritik an der Justiz als „gesellschaftliches Über-Ich“ ausführte. Diese Positionen runden das Bild einer umfassenden, von klaren Grundgedanken getragenen, stringent entfalteten politischen Theorie ab, die als Reinform der modernen Konzeption demokratischer Citoyenneté gelten darf.

Ingeborg Maus wird als ebenso großartige Theoretikerin wie auch als der wundervolle Mensch in Erinnerung bleiben, der sie war.

Aktuelles aus dem Forschungszentrum

Veranstaltung
18.04.2026 | Frankfurt am Main

Das Prinzip Donald Trump und die Verrohung der Welt

Podiumsdiskussion, Vortrag

Ein neuer Politikstil macht international Karriere. Er ist gekennzeichnet von Vulgarität, Verrohung und erklärter Rechtsfeindschaft. Machtinteressen werden nicht mehr juristisch bemäntelt. Stattdessen wird das angebliche Recht des Stärkeren zur Staatsdoktrin gemacht – innenpolitisch wie außenpolitisch. Treibende Kraft hinter dieser Verrohung der politischen Sitten ist ein US-Präsident, der nicht nur die amerikanische Gesellschaft und Kultur, sondern auch die globale Ordnung nach seinen Vorstellungen und Interessen umgestaltet. Die Römerberggespräche wollen diesen Politikstil verstehen.

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Veranstaltung
29.04.2026 | Frankfurt am Main

Kulturindustrie heute?

Podiumsdiskussion

Das Gespräch „Kulturindustrie heute?“ widmet sich der Aktualität und Tragfähigkeit eines zentralen Begriffs der Kritischen Theorie. Die Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch diskutiert im Rahmen der Gesprächsreihe "Frankfurter Schule" mit dem Filmkritiker Bert Rebhandl die gegenwärtigen Formen kultureller Produktion und Verbreitung vor dem Hintergrund von Digitalisierung, Plattformen und globalen Medienmärkten.

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News
19.02.2026

Call for Applications – Postdoctoral Fellowships

Am Forschungszentrum Normative Ordnungen sind für das akademische Jahr 2026/2027 mehrere Postdoctoral Fellowships mit einer Laufzeit von 10 Monaten (Beginn: 1. Oktober 2026) ausgeschrieben. Bewerbungsschluss für alle Programme ist der 15. März 2026.

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Veranstaltung
20.03.2026 | Frankfurt am Main

40 Jahre Schengen-Raum

Kolloqium

Der 1984 geschlossene Schengen-Vertrag schuf einen heute 29 Staaten umfassenden Raum ohne Binnengrenzen, doch Migration über die Außengrenzen führte zuletzt zur Wiedereinführung von Kontrollen, auch durch die Bundesregierung ab 8. Mai 2025. Das Walter Hallstein-Kolloquium diskutiert die rechtliche Zulässigkeit, wirtschaftliche Folgen insbesondere für Arbeitsmigration und Arbeitsmarkt sowie die Zukunft des Schengen-Raums.

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News
12.02.2026

Satanistische Politik und der Niedergang der Vernunft in liberalen Demokratien

Ein letztes Mal im Wintersemester 2025/26 lud das Forschungszentrum zur Ringvorlesung „Am Scheidepunkt. Zur Krise der Demokratie“. Zum Abschluss hat der Philosoph Michael Rosen von der Harvard University sein Konzept der „satanic politics“ als eine Variante der politischen Deutung der Welt vorgestellt.

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News
09.02.2026

Zur Aktualität des Gewaltbegriffs anhand von Camus und Derrida

Prof. Dr. Christine Abbt von der Universität St. Gallen hat im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ einen Vortrag über Demokratien und den Gewaltbegriff gehalten. Unter dem Titel „Demokratien verteidigen. Zur Aktualität des Gewaltbegriffs bei Camus und Derrida“ besprach die Philosophin Formen von Gewalt und Revolte und ordnete diese im Hinblick auf ein demokratisches Setting ein.

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Publikation
04.02.2026 | Zeitschriftenartikel

New Perspectives on Trust in International Conflicts

Wille, Tobias; Simon, Hendrik; Daase, Christopher; Deitelhoff, Nicole; Wheeler, Nicholas J.; Holmes, Marcus; Rathbun, Brian C.; Acharya, Amitav; Mitzen, Jennifer (2026): „New Perspectives on Trust in International Conflicts“. In: International Studies Review 28 (1), viaf027. 

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News
02.02.2026

Staatlicher Wettbewerb um Menschen – David Owen über civil geopolitics

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt – Zur Zukunft der Demokratie“ präsentierte David Owen von der Universität Southampton sein Konzept der civil geopolitics.

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News
20.01.2026

Christine Hentschel über Neuorientierungen in katastrophischen Zeiten

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ sprach die Soziologin über das Leben in und den Umgang mit katastrophischen Zeiten. Vor dem Hintergrund der Zerstörung der Lebensbedingungen, Kriegen, dauerhafter Krisenhaftigkeit sowie der Bedrohungen der Demokratie widmete sich Hentschel dem Einsickern des Katastrophischen in den gesellschaftlichen Alltag und einem sich verändernden aktivistischen und literarischen Umgang mit der Zukunft.

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