Professur des Exzellenzclusters – Wissenschaftsgeschichte der vormodernen Welt

Prof. Dr. Annette Warner (Imhausen)

Zwei Themen stehen im Fokus der wissenschaftlichen Ausrichtung der Clusterprofessur: 1.) die Erforschung der vormodernen Wissenschaften, insbesondere der altägyptischen und mesopotamischen wissenschaftlichen Praktiken und ihrer Ausprägungen; sowie 2.) die Historiographie der vormodernen, insbesondere frühen antiken wissenschaftlichen Quellen.

Normative Ordnungen (und ihre Veränderungen) werden dabei im Bereich der frühen Wissenschaften durch die Analyse der wissenschaftlichen Quellen gefasst, denn die wissenschaftlichen Texte bilden formal strukturierte Normensysteme. Die Bedeutung kasuistischer Verfahren, regionaler und temporaler Einflüsse sowie die Notwendigkeit von Konsistenz und Kohärenz in ihrer logischen Struktur lassen Aussagen über die Beschaffenheit von Ordnungssystemen zu, die auch für die Forschung zu neueren und neusten Entwicklungen relevant sein können.

Die Forschung der Professur ist grob in drei Bereiche zu gliedern:

1.) Die Entwicklung der ägyptischen Mathematik von der Erfindung des Zahlensystems bis in die griechisch-römische Zeit
Die Entwicklung der ägyptischen Mathematik kann über einen Zeitraum von insgesamt 3000 Jahren vor dem Hintergrund verschiedener sozialer und kultureller Konstellationen verfolgt werden (Publikation: Ancient Egyptian Mathematics. A contextual history). Am detailliertesten ist dies zu den Zeiten möglich, aus denen sogenannte mathematische Texte vorliegen (Mittleres Reich und griechisch-römische Zeit). Diese sind entsprechend ihres prozeduralen Charakters als Algorithmen analysierbar (laufendes Projekt).

2.) Die Normativität formaler Ordnungen und Prozeduren in der Antike. Mathematische und rechtliche Regelsysteme im Vergleich
Zentrales Clusterprojekt, siehe Bericht: http://www.normativeorders.net/de/forschung/forschungsprojekte-2012-2017/66-forschung/forschungsprojekte-2012-2017/1316-die-normativitaet-formaler-ordnungen-und-prozeduren-in-der-antike-mathematische-und-rechtliche-regelsysteme-im-vergleich

3.) (Buchprojekt Daliah Bawanypeck) „Mesopotamische Gelehrte und ihre Texte – Normative Ordnungen und keilschriftliche Wissenskonzepte“ (ursprünglicher Arbeitstitel: Zur Funktion von Normierungen bei der Wissensüberlieferung in Mesopotamien)
Das Buchprojekt von Daliah Bawanypeck „Mesopotamische Gelehrte und ihre Texte – Normative Ordnungen und keilschriftliche Wissenskonzepte“ (ursprünglicher Arbeitstitel: Zur Funktion von Normierungen bei der Wissensüberlieferung in Mesopotamien) wurde weitergeführt. Die Studie, die sich mit keilschriftlichen Wissenstexten, schriftkundigen Experten und den Orten der Wissensakkumulation befasst, soll veranschaulichen, unter welchen Voraussetzungen sich die mesopotamischen Wissenskulturen bildeten, wer die Wissensträger waren und welche Erkenntnisprozesse und Instrumentarien bei der Herausbildung, Etablierung, Tradierung und Entwicklung von verschriftetem Wissen eine Rolle gespielt haben.

Die zentralen Ergebnisse lassen sich dabei wie Folgt skizzieren: In einer Publikation zu zwei Workshops aus der ersten Laufzeit des Clusters wurden insgesamt acht Fallstudien aus den Wissensgebieten Medizin, Magie und Ritual, Astronomie, Mathematik und Recht zur Analyse wissenschaftlicher Quellen im Bereich der frühen Wissenschaften untersucht. Da verschriftetes Wissen in beiden Kulturen geplant bewahrt und weitergegeben wurde, können sich die Paradigmen der institutionellen Wissensbewahrung in den Texten widerspiegeln. Die Fallstudien bieten sowohl Übersichten über die Texttraditionen einiger Wissensgebiete als auch Betrachtungen besonderer Aspekte bestimmter Textkorpora.
In der Monographie zur ägyptischen Mathematik wurde erstmalig eine Geschichte der ägyptischen Mathematik vorgelegt, die mit der Erfindung des Zahlensystems beginnt und mit den letzten indigenen demotischen Quellen endet. Für die Beschreibung der einzelnen Epochen wurde dabei die ägyptische Mathematik jeweils in ihren sozialen und kulturellen Kontext eingebettet, um die Entwicklungen besser verstehen zu können.

Im Anschluss an die Tagung und Publikation „Writing of Early Scholars in the Ancient Near East, Egypt, Rome and Greece“, die sich mit Übersetzungen antiker wissenschaftlicher Texte beschäftigte, wurde im Anschlussprojekt ein Handbuch zum Übersetzen früher wissenschaftlicher Texte erarbeitet und inzwischen vorgelegt. Dort werden von Experten für die einzelnen Kulturen Fallbeispiele aus den Bereichen der antiken Heilkunde, Astronomie, Astrologie und Mathematik benutzt um so an konkreten Beispielen Vorschläge zu machen, wie beim Übersetzen vormoderner wissenschaftlicher Texte zu verfahren ist. Die einzelnen Beiträge stellen außerdem fachspezifische Hinweise auf Übersetzungs- und Kommentierungswege sowie fachbezogene Übersichten über Hilfsmittel zur Verfügung, die das Übersetzen, das Verständnis und die Bewertung bereits vorhandener Übersetzungen antiker wissenschaftlicher Texte erleichtern sollen.

In der Untersuchung „Mesopotamische Gelehrte und ihre Texte – Normative Ordnungen und keilschriftliche Wissenskonzepte“ konnte gezeigt werden, dass die mesopotamische Gelehrsamkeit auf Verfahren bzw. Bedingungen (z.B. Systematisierung von Wissen in Form von Listen; auf der Funktionsweise der Keilschrift basierende Hermeneutik; bilinguale Schreiberausbildung) beruht, die schon seit Beginn der Schrifterfindung angelegt waren und sich im Laufe von drei Jahrtausenden weiter ausgeprägt haben.

Die wichtigsten Publikationen dieser Professur des Exzellenzclusters:

Imhausen, Annette: Ancient Egyptian Mathematics. A Contextual History,Princeton: Princeton University Press, 2016.

Imhausen, Annette & Tanja Pommerening (eds.): Translating Writings of Early Scholars in the Ancient Near East, Egypt, Greece and Rome. Methodological Aspects with Examples (Beiträge zur Altertumskunde 344), Berlin: de Gruyter, 2016.

Bawanypeck, Daliah & Annette Imhausen (eds.): Traditions of Written Knowledge in Ancient Egypt and Mesopotamia (Alter Orient und Altes Testament 403),Münster: Ugarit, 2014.

Imhausen, Annette & Tanja Pommerening (eds.): Writings of Early Scholars in the Ancient Near East, Egypt, Rome and Greece (Beiträge zur Altertumskunde 286),Berlin: de Gruyter, 2010.

Bawanypeck, Daliah & Annette Imhausen: „Mesopotamien und Ägypten“, in: M. Sommer/ S. Müller-Wille/C. Reinhardt (eds.), Handbuch Wissenschaftsgeschichte,Stuttgart: J.B. Metzler, 2017, pp. 108-117.

Die wichtigsten Veranstaltungen und Präsentationen dieser Professur des Exzellenzclusters:

International Conference: Joint Maths Meeting in San Antonio, USA, January 2015.

International Conference: “History of ancient Astronomy and Mathematics”  in Xi’an, China, August 23-29, 2015.

Public Lecture: “Schriftentstehung in Ägypten und Mesopotamien”, Goethe Lectures, Offenbach, Germany, October 12, 2015.

2nd annual Huxley Lecture on the History of Mathematics, Maynooth University, Irland, April 24, 2017.

Aktuelles aus dem Forschungszentrum

Veranstaltung
18.04.2026 | Frankfurt am Main

Das Prinzip Donald Trump und die Verrohung der Welt

Podiumsdiskussion, Vortrag

Ein neuer Politikstil macht international Karriere. Er ist gekennzeichnet von Vulgarität, Verrohung und erklärter Rechtsfeindschaft. Machtinteressen werden nicht mehr juristisch bemäntelt. Stattdessen wird das angebliche Recht des Stärkeren zur Staatsdoktrin gemacht – innenpolitisch wie außenpolitisch. Treibende Kraft hinter dieser Verrohung der politischen Sitten ist ein US-Präsident, der nicht nur die amerikanische Gesellschaft und Kultur, sondern auch die globale Ordnung nach seinen Vorstellungen und Interessen umgestaltet. Die Römerberggespräche wollen diesen Politikstil verstehen.

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Veranstaltung
29.04.2026 | Frankfurt am Main

Kulturindustrie heute?

Podiumsdiskussion

Das Gespräch „Kulturindustrie heute?“ widmet sich der Aktualität und Tragfähigkeit eines zentralen Begriffs der Kritischen Theorie. Die Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch diskutiert im Rahmen der Gesprächsreihe "Frankfurter Schule" mit dem Filmkritiker Bert Rebhandl die gegenwärtigen Formen kultureller Produktion und Verbreitung vor dem Hintergrund von Digitalisierung, Plattformen und globalen Medienmärkten.

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News
19.02.2026

Call for Applications – Postdoctoral Fellowships

Am Forschungszentrum Normative Ordnungen sind für das akademische Jahr 2026/2027 mehrere Postdoctoral Fellowships mit einer Laufzeit von 10 Monaten (Beginn: 1. Oktober 2026) ausgeschrieben. Bewerbungsschluss für alle Programme ist der 15. März 2026.

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Veranstaltung
20.03.2026 | Frankfurt am Main

40 Jahre Schengen-Raum

Kolloqium

Der 1984 geschlossene Schengen-Vertrag schuf einen heute 29 Staaten umfassenden Raum ohne Binnengrenzen, doch Migration über die Außengrenzen führte zuletzt zur Wiedereinführung von Kontrollen, auch durch die Bundesregierung ab 8. Mai 2025. Das Walter Hallstein-Kolloquium diskutiert die rechtliche Zulässigkeit, wirtschaftliche Folgen insbesondere für Arbeitsmigration und Arbeitsmarkt sowie die Zukunft des Schengen-Raums.

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News
12.02.2026

Satanistische Politik und der Niedergang der Vernunft in liberalen Demokratien

Ein letztes Mal im Wintersemester 2025/26 lud das Forschungszentrum zur Ringvorlesung „Am Scheidepunkt. Zur Krise der Demokratie“. Zum Abschluss hat der Philosoph Michael Rosen von der Harvard University sein Konzept der „satanic politics“ als eine Variante der politischen Deutung der Welt vorgestellt.

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News
09.02.2026

Zur Aktualität des Gewaltbegriffs anhand von Camus und Derrida

Prof. Dr. Christine Abbt von der Universität St. Gallen hat im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ einen Vortrag über Demokratien und den Gewaltbegriff gehalten. Unter dem Titel „Demokratien verteidigen. Zur Aktualität des Gewaltbegriffs bei Camus und Derrida“ besprach die Philosophin Formen von Gewalt und Revolte und ordnete diese im Hinblick auf ein demokratisches Setting ein.

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Publikation
04.02.2026 | Zeitschriftenartikel

New Perspectives on Trust in International Conflicts

Wille, Tobias; Simon, Hendrik; Daase, Christopher; Deitelhoff, Nicole; Wheeler, Nicholas J.; Holmes, Marcus; Rathbun, Brian C.; Acharya, Amitav; Mitzen, Jennifer (2026): „New Perspectives on Trust in International Conflicts“. In: International Studies Review 28 (1), viaf027. 

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News
02.02.2026

Staatlicher Wettbewerb um Menschen – David Owen über civil geopolitics

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt – Zur Zukunft der Demokratie“ präsentierte David Owen von der Universität Southampton sein Konzept der civil geopolitics.

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News
20.01.2026

Christine Hentschel über Neuorientierungen in katastrophischen Zeiten

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ sprach die Soziologin über das Leben in und den Umgang mit katastrophischen Zeiten. Vor dem Hintergrund der Zerstörung der Lebensbedingungen, Kriegen, dauerhafter Krisenhaftigkeit sowie der Bedrohungen der Demokratie widmete sich Hentschel dem Einsickern des Katastrophischen in den gesellschaftlichen Alltag und einem sich verändernden aktivistischen und literarischen Umgang mit der Zukunft.

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