12.02.2026

Satanistische Politik und der Niedergang der Vernunft in liberalen Demokratien

Ein letztes Mal im Wintersemester 2025/26 lud das Forschungszentrum zur Ringvorlesung „Am Scheidepunkt. Zur Krise der Demokratie“. Zum Abschluss hat der Philosoph Michael Rosen von der Harvard University sein Konzept der „satanic politics“ als eine Variante der politischen Deutung der Welt vorgestellt.

Nach einer Einführung durch Rainer Forst begann Michael Rosen seinen Vortrag mit einer Diskussion des Fortschrittsglaubens des frühen Liberalismus und der Spannung zwischen individueller Freiheit und moralischer Tugend. Eine religiös geprägte, providentialistische Weltsicht, wonach eine göttliche Ordnung zur moralischen Entwicklung der Menschen beiträgt, habe hier bei der Überbrückung der Spannungen geholfen.

Dagegen sei es im Kontext der gegenwärtigen Krisen liberaler Demokratien hilfreich von einem anderen, satanistischen Politikstil im Verständnis der Deutungen der Welt auszugehen. Dieser Stil verstehe Politik als Kampf gegen verborgene, täuschende Kräfte und misstraue der Vorstellung von rationalen Verfahren und einem moderaten Interessensausgleich zur Bewältigung politischer Konflikte. Am Beispiel des paranoiden Stils der Politik, das er anhand der USA und unter Rückgriff auf Richard Hofstadters „paranoid style“ beschrieb, machte Rosen deutlich, wie Politik als Kampf gegen verborgene, manipulative Feinde verstanden werde. Eine satanistische Politik beinhalte somit Täuschungen, strukturell Böses und Feindschaft. Rosen gewinnt diese Perspektive einer satanistischen Politik anhand einer Vielzahl theologischer und ideengeschichtlicher Motive und Autoren, darunter die Bibel und Immanuel Kant.

In einem zweiten Teil des Vortrags widmete sich der Philosoph dem Marxismus, vor allem in heglianischer Prägung. Das kapitalistische System bzw. spezifisch das Verständnis des Kapitals könne als Träger satanistischer Charakteristika gesehen werden, ähnlich wie auch Hegels Weltgeist. Ihm werde Handlungskraft und Täuschungspotenzial zugeschrieben. Ein anonymes, strukturelles Machtgefüge bestimme die gesellschaftliche Realität und verschleiere ihre Wirkmechanismen.

Wichtige Grundannahmen heutiger Politik, sowohl liberaler Demokratien als auch verschiedener politischer Stile, basierten auf normativen Werten, die historisch kontingent und in großem Maße durch religiöse Motive geprägt seien, erläuterte Michael Rosen zum Abschluss seines Vortrags. Die Fragilität demokratischer Ordnungen zu verstehen, bedürfe also einer Reflexion solcher Stile und der Kontinuitäten religiöser Ideen. Nur so ließen sich die Herausforderungen für die Demokratie und die Vernunft analysieren.

Aktuelles aus dem Forschungszentrum

News
12.02.2026

Satanistische Politik und der Niedergang der Vernunft in liberalen Demokratien

Ein letztes Mal im Wintersemester 2025/26 lud das Forschungszentrum zur Ringvorlesung „Am Scheidepunkt. Zur Krise der Demokratie“. Zum Abschluss hat der Philosoph Michael Rosen von der Harvard University sein Konzept der „satanic politics“ als eine Variante der politischen Deutung der Welt vorgestellt.

weitere Infos ›
News
09.02.2026

Zur Aktualität des Gewaltbegriffs anhand von Camus und Derrida

Prof. Dr. Christine Abbt von der Universität St. Gallen hat im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ einen Vortrag über Demokratien und den Gewaltbegriff gehalten. Unter dem Titel „Demokratien verteidigen. Zur Aktualität des Gewaltbegriffs bei Camus und Derrida“ besprach die Philosophin Formen von Gewalt und Revolte und ordnete diese im Hinblick auf ein demokratisches Setting ein.

weitere Infos ›
Publikation
04.02.2026 | Zeitschriftenartikel

New Perspectives on Trust in International Conflicts

Wille, Tobias; Simon, Hendrik; Daase, Christopher; Deitelhoff, Nicole; Wheeler, Nicholas J.; Holmes, Marcus; Rathbun, Brian C.; Acharya, Amitav; Mitzen, Jennifer (2026): „New Perspectives on Trust in International Conflicts“. In: International Studies Review 28 (1), viaf027. 

weitere Infos ›
News
02.02.2026

Staatlicher Wettbewerb um Menschen – David Owen über civil geopolitics

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt – Zur Zukunft der Demokratie“ präsentierte David Owen von der Universität Southampton sein Konzept der civil geopolitics.

weitere Infos ›
News
20.01.2026

Christine Hentschel über Neuorientierungen in katastrophischen Zeiten

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ sprach die Soziologin über das Leben in und den Umgang mit katastrophischen Zeiten. Vor dem Hintergrund der Zerstörung der Lebensbedingungen, Kriegen, dauerhafter Krisenhaftigkeit sowie der Bedrohungen der Demokratie widmete sich Hentschel dem Einsickern des Katastrophischen in den gesellschaftlichen Alltag und einem sich verändernden aktivistischen und literarischen Umgang mit der Zukunft.

weitere Infos ›
News
05.01.2026

Wir trauern um Thomas M. Schmidt

Mit Thomas M. Schmidt, der am letzten Tag des Jahres 2025 verstorben ist, in dem wir erst wenige Monate zuvor seinen 65. Geburtstag mit einem Symposium begingen, verlieren wir einen der großen Religionsphilosophen unserer Zeit. Sein jäher Tod reißt eine Lücke in die Gemeinschaft der Forschenden, die wie er zu verstehen suchen, was die Rolle der Religion in den säkularen Gesellschaften unserer Zeit ist und sein kann. Zugleich wird er als der wunderbare Mensch fehlen, der er war.

weitere Infos ›
Publikation
19.12.2025 | Sammelband

Faszination und Freiheit 

Günther, Klaus; Zabel, Benno (Hrsg.) (2025): Faszination und Freiheit - Gegenwartsdiagnosen im Anschluss an Christoph Menkes Theorie der Befreiung, Weilerswist (Velbrück Wissenschaft).

weitere Infos ›
Publikation
12.12.2025 | Sammelband

Zwischen Transformation und Abolitionismus. Das Strafrecht und die Vielfalt der Alternativen

Tobias Singelnstein, Christoph Burchard (2025)

weitere Infos ›
Publikation
12.12.2025 | Buchkapitel

Was bleibt von der Verantwortung jenseits der Strafe übrig?

Günther, Klaus (2025): „Was bleibt von der Verantwortung jenseits der Strafe übrig?“. In: Zabel Benno; Singelnstein; Tobias und Burchard, Christoph (Hrsg.): Zwischen Transformation und Abolitionismus. Das Strafrecht und die Vielfalt der Alternativen. Velbrück Wissenschaft, S. 207-241.

weitere Infos ›