Satanistische Politik und der Niedergang der Vernunft in liberalen Demokratien
Ein letztes Mal im Wintersemester 2025/26 lud das Forschungszentrum zur Ringvorlesung „Am Scheidepunkt. Zur Krise der Demokratie“. Zum Abschluss hat der Philosoph Michael Rosen von der Harvard University sein Konzept der „satanic politics“ als eine Variante der politischen Deutung der Welt vorgestellt.
Nach einer Einführung durch Rainer Forst begann Michael Rosen seinen Vortrag mit einer Diskussion des Fortschrittsglaubens des frühen Liberalismus und der Spannung zwischen individueller Freiheit und moralischer Tugend. Eine religiös geprägte, providentialistische Weltsicht, wonach eine göttliche Ordnung zur moralischen Entwicklung der Menschen beiträgt, habe hier bei der Überbrückung der Spannungen geholfen.






Dagegen sei es im Kontext der gegenwärtigen Krisen liberaler Demokratien hilfreich von einem anderen, satanistischen Politikstil im Verständnis der Deutungen der Welt auszugehen. Dieser Stil verstehe Politik als Kampf gegen verborgene, täuschende Kräfte und misstraue der Vorstellung von rationalen Verfahren und einem moderaten Interessensausgleich zur Bewältigung politischer Konflikte. Am Beispiel des paranoiden Stils der Politik, das er anhand der USA und unter Rückgriff auf Richard Hofstadters „paranoid style“ beschrieb, machte Rosen deutlich, wie Politik als Kampf gegen verborgene, manipulative Feinde verstanden werde. Eine satanistische Politik beinhalte somit Täuschungen, strukturell Böses und Feindschaft. Rosen gewinnt diese Perspektive einer satanistischen Politik anhand einer Vielzahl theologischer und ideengeschichtlicher Motive und Autoren, darunter die Bibel und Immanuel Kant.
In einem zweiten Teil des Vortrags widmete sich der Philosoph dem Marxismus, vor allem in heglianischer Prägung. Das kapitalistische System bzw. spezifisch das Verständnis des Kapitals könne als Träger satanistischer Charakteristika gesehen werden, ähnlich wie auch Hegels Weltgeist. Ihm werde Handlungskraft und Täuschungspotenzial zugeschrieben. Ein anonymes, strukturelles Machtgefüge bestimme die gesellschaftliche Realität und verschleiere ihre Wirkmechanismen.
Wichtige Grundannahmen heutiger Politik, sowohl liberaler Demokratien als auch verschiedener politischer Stile, basierten auf normativen Werten, die historisch kontingent und in großem Maße durch religiöse Motive geprägt seien, erläuterte Michael Rosen zum Abschluss seines Vortrags. Die Fragilität demokratischer Ordnungen zu verstehen, bedürfe also einer Reflexion solcher Stile und der Kontinuitäten religiöser Ideen. Nur so ließen sich die Herausforderungen für die Demokratie und die Vernunft analysieren.