Westliche Normen und lokale Medien in Afrika 

Projektleiter: Prof. Dr. Mamadou Diawara

Afrika ist weltweit bekannt für seine vielfältige immaterielle Kultur, seine einzigartige Musik, orale Überlieferungen, künstlerische Performances, Textilkunst, aber auch seine Literatur und sein lokales Wissen über Pflanzen, die Umwelt, oder die Konstruktion von Lehmarchitektur. Mit der zunehmenden Kenntnis über dieses afrikanische Kulturerbe vergrößerte sich auch die Ungewissheit, wie mit diesen kulturellen und künstlerischen Ausdrucksformen in rechtlicher Hinsicht im globalen Kontext umzugehen sei, insbesondere im Hinblick auf kommerzielle Interessen, Technologien der Vervielfältigung, die Anwendung rechtlicher Regelungen und die globale Ausstrahlung durch die Medien. 

Das Projekt hatte zum Ziel, das Aufeinandertreffen westlicher und afrikanischer Normen zu untersuchen. Dabei spielte insbesondere der koloniale Transfer eine große Rolle, der vielschichtige Umdeutungsprozesse lokaler Praktiken und bereits existierender Normen in Gang gebracht hat. Es sollte vor Ort in Afrika untersucht werden, wie genau lokale Akteure in verschiedenen afrikanischen Gesellschaften mit neuen und alten Normen umgehen und sie interpretieren, dabei bereits etablierte Praktiken und Werte transformieren und umformen. Die Forschungen wurden in Mali und Kamerun durchgeführt. 

Konkret widmete sich das Projekt den Veränderungen anhand zweier mit einander verknüpfter Themenbereiche: dem Umgang mit Urheber- und Autorenrechten in Bezug auf Musik und Performance sowie den Veränderungen von Medien, Werbung und Konsumnormen. Dabei stand die Untersuchung des Spannungsverhältnisses der Anliegen verschiedener Akteure und Interessengruppen, von gesellschaftlichen Erwartungen und konkurrierenden Rechtsformen im Vordergrund. Das Projekt verfolgte insbesondere die Entwicklungen der beiden letzten Jahrzehnte unter folgenden Fragestellungen: Wie hat sich die Medienpraxis durch das Hinzukommen der elektronischen Medien in Afrika verändert? Wie verstehen lokale Akteure das in einer bestimmten historischen Situation in Europa entwickelte Konzept des Erfinders und Autors (als neue Kategorien eines kulturellen Akteurs) und den damit verbundenen Schutz ihrer Erfindungen und Werke? Wie gehen Verkäufer, Konsumenten, Patrone, Produzenten oder Medienstationen mit den einhergehenden rechtlichen Maßnahmen um? In wessen Interesse werden Normen durchgesetzt und begründet, und wer sind die Akteure und die involvierten Interessengruppen?

Die Forschungsergebnisse des Projekts zeigen, dass Urheber- und Autorenrechte in Bezug auf Musik und Performance in Afrika seit den vergangenen beiden Jahrzehnten eine immer größere Rolle spielen. Kulturelle Ausdrucksformen unterliegen in zunehmendem Maße Prozessen der Verrechtlichung. Im Umgang mit der Frage der Regelungen wie mit immateriellem Kulturgut umzugehen sei, zeichnen sich zwei Tendenzen ab. Zum einen eignen sich einzelne lokale Akteure kulturelle Ausdrucksformen ihrer eigenen Gruppe an, formen sie um und erklären das Ergebnis als ihre eigene Schöpfung, die sie unter ihrem Namen als ihr geistiges Eigentum vermarkten. Zum anderen beanspruchen ethnische Gruppen immer öfter bestimmte kulturelle Ausdrucksformen und lokales Wissen als ihr kulturelles Erbe, das nur ihnen allein gehöre, und ihr ureigenes Ahnenerbe sei. Unsere Ergebnisse zeigen, dass die mit der Verrechtlichung, der Kommerzialisierung und Mediatisierung einhergehenden Veränderungen nicht in direkter Weise durch die Einführung westlicher rechtlicher Regelungen oder neuer Technologien wie der Druckerpresse oder der elektronischen Medien bedingt sind, sondern dass die Vorgänge komplexer sind. Bevor der Einfluss der westlichen Neuerungen beurteilt werden kann, müssen zuerst die bereits existierenden lokalen Regelungen des Umgangs mit immateriellen Kulturgütern verstanden werden. Dies zeigt, dass die neuen Regelungen und technischen Neuerungen erst dann im lokalen Kontext Relevanz erhalten und einflussreiche Faktoren für Wandel werden, wenn sie für die Akteure in einer bestimmten historischen Situation Bedeutung erlangen. Die Frage ist deshalb weniger, ob die Normen des geistigen Eigentums zu Afrika passen oder nicht, oder ob die elektronischen Medien einen westlichen Stil aufoktroyieren, sondern vielmehr, was die lokalen Akteure mit den neuen Regelungen anfangen, wie sie diese aneignen, nutzen und umformen (Diawara, Mamadou/Röschenthaler, Ute (2011): „Immaterielles Kulturgut und konkurrierende Normen: Lokale Strategien des Umgangs mit globalen Regelungen zum Kulturgüterschutz“, Sociologus 61 (1): 1-17; Röschenthaler, Ute/Diawara, Mamadou (Hg.) (2016): Copyright Africa. How Intellectual Property, Media, and Markets Transform Immaterial Cultural Goods. Canon Pyon: Sean Kingston Publishing.)

Ähnliche Ergebnisse zeigte die Untersuchung der Veränderung der Rolle von Medien im subsaharischen Afrika (Mali und Kamerun) (Diawara, Mamadou/Röschenthaler, Ute (2013): „Mediationen: Normenwandel und die Macht der Medien im subsaharischen Afrika“, in: Andreas Fahrmeir/Annette Imhausen (Hg.), Die Vielfalt normativer Ordnungen. Konflikte und Dynamik in historischer und ethnologischer Perspektive (Reihe:  Normative Orders Bd. 8), Frankfurt/M.: Campus, 129-164.). Medien übersetzen Erfahrung in eine andere neue Form, durch die Menschen ihre Umwelt besser verstehen können. Sie spielen eine wichtige Rolle für die soziale Integration und die Reflektion von Gesellschaften über sich selbst. Vorstellungen von Gesellschaft, Nation oder Kultur basieren alle auf Mediation. Auch hier spielten Kontinuitäten in den vorkolonialen und den neuen elektronischen Medien eine große Rolle, im Hinblick auf die Herausbildung von Normen und der Akzeptanz neuer Medien.
Es zeigte sich, dass diese Untersuchung einen umfassenden Begriff von Medien erfordert, der historische und gesellschaftliche Kontexte einbezieht. Bereits aus vorkolonialer Zeit, d.h. vor der Berliner Konferenz im Jahre 1885 ist die Nutzung von Medien in vielfältiger Form überliefert. Die Kolonialzeit, der nationalstaatliche Umgang mit Medien seit der Unabhängigkeit und die zunehmende Verstädterung im 20. Jahrhundert brachten tiefgreifende Veränderungen mit sich. Mit den Demokratisierungsbestrebungen und der Liberalisierung der Märkte in Afrika seit dem Ende der 1980er Jahre entstand eine erneute Dynamik, die sich unter anderem in der Multiplikation elektronischer Medien und neuer Konsumprodukte äußert. Sie geht von den Städten aus mit ihren beschleunigten Bewegungen, der Verdichtung und Heterogenisierung von Menschen und Gütern und bildet ein ideales Umfeld für das Entstehen neuer Medienpraktiken. 

In verschiedenen Regionen Afrikas haben sich im Laufe der Zeit unterschiedliche Instanzen herausgebildet, die die Rolle des Mediums als Vermittler authentifizierter Botschaften und der sozialen Integration übernommen haben. Beispiele sind die Preissänger oder Griots in der Mandewelt im westlichen Afrika und die Männer- und Frauenbünde in den Wald- und Savannenregionen West- und Zentralafrikas. Das menschliche Medium erscheint zunächst als normenbestärkend, bei genauerem Hinsehen, also der Beobachtung über längere Zeit, jedoch wird deutlich, dass Bünde als Medien, ebenso wie die elektronischen Medien auch, immer wieder zur Austragung von Konflikten zwischen Generationen, Männern und Frauen, und anderen Interessengruppen zur Aushandlung von Normen genutzt werden.

Das Projekt organisierte Konferenzen und Workshops in Bamako (2009) zum Aufeinandertreffen normativer Ordnungen und deren Umsetzung im Bereich der Entwicklung im Rahmen des Programms Point Sud u.a. mit Mitgliedern und Doktoranden des Clusters; zwei internationale Tagungen in Bad Homburg (2010 und 2011) zur Transformation von Kulturgütern im Kontext der Veränderung von Rechtsnormen, Mediatisierung und Kommerzialisierung. 

Die Ergebnisse des Projekts machen die Handlungspraxen lokaler Akteure sichtbar und geben ein differenziertes Bild sozialer und kultureller Veränderungsprozesse. Sie bereichern die oft aus der Theorie generierten Argumente und setzen ihnen dichte Beschreibungen des Umgangs mit Normen entgegen. Die Geschichte des geistigen Eigentums in Afrika in seinen vielfältigen bereits vor der Kolonialzeit bestehenden Formen wie auch der mit dem jeweiligen Verständnis solcher Rechte zusammenhängende Umgang mit den staatlichen und internationalen Regelungen zum Urheber- und Markenrecht ist hierbei noch weitgehend unterbelichtet und bedarf weiterer Forschungen. Die Erkenntnisse können Hinweise darauf geben, wie die weitverbreitete Problematik der Piraterie in Afrika besser verstanden werden kann und wie die Akteure (Künstler, Händler, Unternehmer) selbst mit dieser Problematik umgehen.

Aktuelles aus dem Forschungszentrum

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18.04.2026 | Frankfurt am Main

Das Prinzip Donald Trump und die Verrohung der Welt

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Ein neuer Politikstil macht international Karriere. Er ist gekennzeichnet von Vulgarität, Verrohung und erklärter Rechtsfeindschaft. Machtinteressen werden nicht mehr juristisch bemäntelt. Stattdessen wird das angebliche Recht des Stärkeren zur Staatsdoktrin gemacht – innenpolitisch wie außenpolitisch. Treibende Kraft hinter dieser Verrohung der politischen Sitten ist ein US-Präsident, der nicht nur die amerikanische Gesellschaft und Kultur, sondern auch die globale Ordnung nach seinen Vorstellungen und Interessen umgestaltet. Die Römerberggespräche wollen diesen Politikstil verstehen.

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29.04.2026 | Frankfurt am Main

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Das Gespräch „Kulturindustrie heute?“ widmet sich der Aktualität und Tragfähigkeit eines zentralen Begriffs der Kritischen Theorie. Die Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch diskutiert im Rahmen der Gesprächsreihe "Frankfurter Schule" mit dem Filmkritiker Bert Rebhandl die gegenwärtigen Formen kultureller Produktion und Verbreitung vor dem Hintergrund von Digitalisierung, Plattformen und globalen Medienmärkten.

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19.02.2026

Call for Applications – Postdoctoral Fellowships

Am Forschungszentrum Normative Ordnungen sind für das akademische Jahr 2026/2027 mehrere Postdoctoral Fellowships mit einer Laufzeit von 10 Monaten (Beginn: 1. Oktober 2026) ausgeschrieben. Bewerbungsschluss für alle Programme ist der 15. März 2026.

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Veranstaltung
20.03.2026 | Frankfurt am Main

40 Jahre Schengen-Raum

Kolloqium

Der 1984 geschlossene Schengen-Vertrag schuf einen heute 29 Staaten umfassenden Raum ohne Binnengrenzen, doch Migration über die Außengrenzen führte zuletzt zur Wiedereinführung von Kontrollen, auch durch die Bundesregierung ab 8. Mai 2025. Das Walter Hallstein-Kolloquium diskutiert die rechtliche Zulässigkeit, wirtschaftliche Folgen insbesondere für Arbeitsmigration und Arbeitsmarkt sowie die Zukunft des Schengen-Raums.

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12.02.2026

Satanistische Politik und der Niedergang der Vernunft in liberalen Demokratien

Ein letztes Mal im Wintersemester 2025/26 lud das Forschungszentrum zur Ringvorlesung „Am Scheidepunkt. Zur Krise der Demokratie“. Zum Abschluss hat der Philosoph Michael Rosen von der Harvard University sein Konzept der „satanic politics“ als eine Variante der politischen Deutung der Welt vorgestellt.

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09.02.2026

Zur Aktualität des Gewaltbegriffs anhand von Camus und Derrida

Prof. Dr. Christine Abbt von der Universität St. Gallen hat im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ einen Vortrag über Demokratien und den Gewaltbegriff gehalten. Unter dem Titel „Demokratien verteidigen. Zur Aktualität des Gewaltbegriffs bei Camus und Derrida“ besprach die Philosophin Formen von Gewalt und Revolte und ordnete diese im Hinblick auf ein demokratisches Setting ein.

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Publikation
04.02.2026 | Zeitschriftenartikel

New Perspectives on Trust in International Conflicts

Wille, Tobias; Simon, Hendrik; Daase, Christopher; Deitelhoff, Nicole; Wheeler, Nicholas J.; Holmes, Marcus; Rathbun, Brian C.; Acharya, Amitav; Mitzen, Jennifer (2026): „New Perspectives on Trust in International Conflicts“. In: International Studies Review 28 (1), viaf027. 

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News
02.02.2026

Staatlicher Wettbewerb um Menschen – David Owen über civil geopolitics

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt – Zur Zukunft der Demokratie“ präsentierte David Owen von der Universität Southampton sein Konzept der civil geopolitics.

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News
20.01.2026

Christine Hentschel über Neuorientierungen in katastrophischen Zeiten

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ sprach die Soziologin über das Leben in und den Umgang mit katastrophischen Zeiten. Vor dem Hintergrund der Zerstörung der Lebensbedingungen, Kriegen, dauerhafter Krisenhaftigkeit sowie der Bedrohungen der Demokratie widmete sich Hentschel dem Einsickern des Katastrophischen in den gesellschaftlichen Alltag und einem sich verändernden aktivistischen und literarischen Umgang mit der Zukunft.

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