Transnationale Regulierung geistigen Eigentums durch Kooperation

Projektleitung: Univ.-Prof. Dr. Alexander Peukert

Das Grundproblem des internationalen Systems geistigen Eigentums besteht seit jeher darin, dass die Rechte der Erfinder, Urheber usw. territorial beschränkt sind. Es gibt kein Weltpatent oder Welturheberrecht, sondern allenfalls ein Bündel von nationalen Ein¬zelrechten. Kommunikation und Wirtschaft hingegen machen nicht an Staatsgrenzen halt. Diese Diskrepanz zwischen nationalstaatlicher Regulierung und transnationalem Austausch erschwert die praktische Durchsetzung der Rechte durch die Rechtsinhaber.

Im Projekt wurden aus juristischer Perspektive die Legalität und Legitimität verschiedener Formen von Kooperationen untersucht, mit denen private und öffentliche Akteure versuchen, die Nachteile des regulatorischen Flickenteppichs zu mildern oder gar zu überwinden. Es können drei Kooperationsformen unterschieden werden:
Rein private Kooperationen von Rechtsinhabern in Form von Vertrags-netzwerken sollen die transnationale Nutzung von Wissen in Anbetracht einer Vielzahl von Rechten ermöglichen (Patentpools, Verwertungsgesellschaften, Open Source, Wikipedia).

Kooperationen der Judikative und der Exekutive: Da die Legislative als Kooperationsakteur weithin ausfällt, ist eine Tendenz anderer Hoheitsträger zu verstärkter Kooperation zu beobachten. So berücksichtigen die Gerichte einschlägige ausländische Entscheidungen (etwa zur Schutzwürdigkeit einer bestimmten Erfindung) und harmonisieren dadurch die Rechtspraxis auch ohne völker- oder europarechtliche Grundlage; eine direkte Kooperation verschiedener Gerichte bei der Bewältigung multinationaler Parallelprozesse wird in manchen Bereichen (Insolvenz- und Familienrecht) bereits praktiziert und für das geistige Eigentum diskutiert. Auch Patentämter kooperieren und tauschen Informationen aus, um die Flut von Patentanmeldungen überhaupt bearbeiten und sog. Fast-Track-Erteilungsverfahren anbieten zu können.

Kooperationen zwischen Hoheitsträgern und privaten Akteuren: Schließlich sind vermehrt Ko-operationen zwischen staatlichen Instanzen und privaten Beteiligten festzustellen. So vermittelte die EU-Kommission Vereinbarungen zwischen Verlagen, Bibliotheken und Verwertungsgesellschaften über die Digitalisierung und Zugänglichmachung von vergriffenen Werken sowie zwischen Internetplattformen wie eBay und Rechtsinhabern zu den Grundsätzen der Verfolgung von Urheber- und Markenrechtsverletzungen. Die Europäische Beobachtungsstelle für Marken- und Produktpiraterie soll Regulierungslücken dadurch schließen, dass Rechtsinhabern die Möglichkeit zum Informationsaustausch geboten wird und Best-Practice-Anleitungen zur Rechtsdurchsetzung erarbeitet werden.

Mehrere von Alexander Peukert betreute und allesamt abgeschlossene Dissertationen beschäftigen sich mit derartigen Kooperationsphänomenen. Die 2015 mit dem Baker & McKenzie-Preis des Fachbereichs Rechtswissenschaft ausgezeichnete Arbeit von Anja Becker untersucht, wie parallele IP-Rechtsstreitigkeiten vor Gerichten verschiedener Länder koordiniert werden und ob hierbei auch eine aktive Kooperation zwischen Gerichten legal und legitim sein kann. Dominik König testet die Leistungsfähigkeit des klassischen Vertragsrechts bei der Konstruktion rechtlich stabiler, heterarchischer Open-Source-Vertragsnetze. Michael A. Kümmel zeigt in seiner Arbeit, wie große Content-Plattformen im Internet (YouTube, Facebook) mit Urheber- und Markenverletzungen umgehen und hierbei faktisch weltweit einheitliche Standards implementieren, obwohl die anwendbaren Rechte divergieren. Die auf einer 2013-2016 auf einer Projektstelle beschäftigte Nora Luisa Hesse erläutert und kritisiert in ihrer 2017 abgegebenen Dissertation Formen der weitgehenden Zusammenarbeit von Zollbehörden und privaten Rechtsinhabern bei der Grenzbeschlagnahme sogenannter Pirateriewaren an EU-Außengrenzen.

Die in diesen Forschungen erlangten Erkenntnisse flossen in einen 2017 in der Rabels Zeitschrift veröffentlichten, grundlegenden Aufsatz von Alexander Peukert zu Strukturen, Akteuren und Zwecken der Vereinheitlichung des Immaterialgüterrechts ein. In diesem Beitrag erörtert Peukert nicht nur klassische völkerrechtliche Verträge als formale Kooperationen zwischen Staaten, sondern auch Phänomene der Rechtsvereinheitlichung ohne staatliche Kodifikation, insbesondere in Gestalt privater Regulierung durch Verträge (z.B. Open Source) und Technik (z.B. Regulierung von Internetplattformen) und einer administrativen Kooperation von Patentämtern.

In der Gesamtschau bieten die vorgelegten rechtswissenschaftlichen Forschungsergebnisse wertvolles Anschauungsmaterial für die Herausbildung eines transnationalen Wirtschaftsrechts im Schatten des staatlichen Rechts.

Die wichtigsten Publikationen in diesem Projekt:

Peukert, Alexander: „Vereinheitlichung des Immaterialgüterrechts: Strukturen, Akteure, Zwecke“, in: Rabels Zeitschrift für ausländisches und internationales Privatrecht 81(1), 2017, S. 158–193.

Hesse, Nora Luisa: Das EU-Grenzbeschlagnahmeverfahren in Deutschland und seine Vereinbarkeit mit dem TRIPS-Abkommen, Dissertation, Frankfurt am Main (Erstgutachten erstattet am 21. März 2017).

Kümmel, Michael Andreas: Die Implementierung der Haftung von Host-Providern für Immaterialgüterrechtsverletzungen, Dissertation, Frankfurt am Main, 2016.

Becker, Anja Andrea: Verfahrenskoordination bei transnationalen Immaterialgüterrechtsstreitigkeiten, Berlin: Duncker & Hublot, 2016.

König, Dominik: Das einfache, unentgeltliche Nutzungsrecht für jedermann, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht unipress, 2016.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Peukert, Alexander, Univ.-Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

Hesse, Nora Louisa, Dr. iur.

Aktuelles aus dem Forschungszentrum

Veranstaltung
18.04.2026 | Frankfurt am Main

Das Prinzip Donald Trump und die Verrohung der Welt

Podiumsdiskussion, Vortrag

Ein neuer Politikstil macht international Karriere. Er ist gekennzeichnet von Vulgarität, Verrohung und erklärter Rechtsfeindschaft. Machtinteressen werden nicht mehr juristisch bemäntelt. Stattdessen wird das angebliche Recht des Stärkeren zur Staatsdoktrin gemacht – innenpolitisch wie außenpolitisch. Treibende Kraft hinter dieser Verrohung der politischen Sitten ist ein US-Präsident, der nicht nur die amerikanische Gesellschaft und Kultur, sondern auch die globale Ordnung nach seinen Vorstellungen und Interessen umgestaltet. Die Römerberggespräche wollen diesen Politikstil verstehen.

weitere Infos ›
Veranstaltung
29.04.2026 | Frankfurt am Main

Kulturindustrie heute?

Podiumsdiskussion

Das Gespräch „Kulturindustrie heute?“ widmet sich der Aktualität und Tragfähigkeit eines zentralen Begriffs der Kritischen Theorie. Die Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch diskutiert im Rahmen der Gesprächsreihe "Frankfurter Schule" mit dem Filmkritiker Bert Rebhandl die gegenwärtigen Formen kultureller Produktion und Verbreitung vor dem Hintergrund von Digitalisierung, Plattformen und globalen Medienmärkten.

weitere Infos ›
News
19.02.2026

Call for Applications – Postdoctoral Fellowships

Am Forschungszentrum Normative Ordnungen sind für das akademische Jahr 2026/2027 mehrere Postdoctoral Fellowships mit einer Laufzeit von 10 Monaten (Beginn: 1. Oktober 2026) ausgeschrieben. Bewerbungsschluss für alle Programme ist der 15. März 2026.

weitere Infos ›
Veranstaltung
20.03.2026 | Frankfurt am Main

40 Jahre Schengen-Raum

Kolloqium

Der 1984 geschlossene Schengen-Vertrag schuf einen heute 29 Staaten umfassenden Raum ohne Binnengrenzen, doch Migration über die Außengrenzen führte zuletzt zur Wiedereinführung von Kontrollen, auch durch die Bundesregierung ab 8. Mai 2025. Das Walter Hallstein-Kolloquium diskutiert die rechtliche Zulässigkeit, wirtschaftliche Folgen insbesondere für Arbeitsmigration und Arbeitsmarkt sowie die Zukunft des Schengen-Raums.

weitere Infos ›
News
12.02.2026

Satanistische Politik und der Niedergang der Vernunft in liberalen Demokratien

Ein letztes Mal im Wintersemester 2025/26 lud das Forschungszentrum zur Ringvorlesung „Am Scheidepunkt. Zur Krise der Demokratie“. Zum Abschluss hat der Philosoph Michael Rosen von der Harvard University sein Konzept der „satanic politics“ als eine Variante der politischen Deutung der Welt vorgestellt.

weitere Infos ›
News
09.02.2026

Zur Aktualität des Gewaltbegriffs anhand von Camus und Derrida

Prof. Dr. Christine Abbt von der Universität St. Gallen hat im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ einen Vortrag über Demokratien und den Gewaltbegriff gehalten. Unter dem Titel „Demokratien verteidigen. Zur Aktualität des Gewaltbegriffs bei Camus und Derrida“ besprach die Philosophin Formen von Gewalt und Revolte und ordnete diese im Hinblick auf ein demokratisches Setting ein.

weitere Infos ›
Publikation
04.02.2026 | Zeitschriftenartikel

New Perspectives on Trust in International Conflicts

Wille, Tobias; Simon, Hendrik; Daase, Christopher; Deitelhoff, Nicole; Wheeler, Nicholas J.; Holmes, Marcus; Rathbun, Brian C.; Acharya, Amitav; Mitzen, Jennifer (2026): „New Perspectives on Trust in International Conflicts“. In: International Studies Review 28 (1), viaf027. 

weitere Infos ›
News
02.02.2026

Staatlicher Wettbewerb um Menschen – David Owen über civil geopolitics

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt – Zur Zukunft der Demokratie“ präsentierte David Owen von der Universität Southampton sein Konzept der civil geopolitics.

weitere Infos ›
News
20.01.2026

Christine Hentschel über Neuorientierungen in katastrophischen Zeiten

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ sprach die Soziologin über das Leben in und den Umgang mit katastrophischen Zeiten. Vor dem Hintergrund der Zerstörung der Lebensbedingungen, Kriegen, dauerhafter Krisenhaftigkeit sowie der Bedrohungen der Demokratie widmete sich Hentschel dem Einsickern des Katastrophischen in den gesellschaftlichen Alltag und einem sich verändernden aktivistischen und literarischen Umgang mit der Zukunft.

weitere Infos ›