Repatriierungsforderungen im postkolonialen Diskurs: Die Restitutionspolitik ethnologischer Museen seit 1970

Projektleitung: Prof. Dr. Karl-Heinz Kohl

Restitutionen geraubten Kulturguts sind in Europa in größerem Ausmaß zwar bereits nach den Napoleonischen Kriegen erfolgt, doch sollte es noch fast ein Jahrhundert dauern, bis durch die Haager Landkriegsordnung von 1907 die Beschlagnahme von Kunstgegenständen im Kriegsfall international geächtet wurde. Völker- und privatrechtlich durchgesetzt hat sich die Auffassung von der Rechtswidrigkeit solcher Handlungen und der Notwendigkeit der Restitution geraubten Kulturguts aber eigentlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Das durch die Haager Konvention von 1954 erweiterte Normengefüge zum Schutz kulturellen Erbes wurde mit dem Beginn der Dekolonisierung auch auf entsprechende Vorgänge in den ehemaligen europäischen Kolonien in Afrika, Asien und Ozeanien übertragen. Postkoloniale Staaten machten seither Forderungen geltend, die sich nicht nur auf die Zurückerstattung der in der Kolonialzeit geraubten und außer Landes gebrachten materiellen Kulturgüter bezogen, sondern auf alle in europäischen Sammlungen aufbewahrten Objekte von kulturhistorischer Bedeutung. Die Restitutionsforderungen waren dabei in aller Regel mit einer Revalidierung der entsprechenden Objekte verbunden. Sie wurden nun (ähnlich wie schon ein gutes Jahrhundert zuvor in den einzelnen europäischen Nationalstaaten) zu Symbolträgern ethnischer und nationaler Identität.

Ziel des Projekts ist es, der Frage nachzugehen, wie ethnologische und archäologische Museen im deutschsprachigen Raum auf Repatriierungsforderungen außereuropäischer Staaten reagierten, welche Objekte sie tatsächlich zurückführten, mit welchen Begründungen sie Restitutionen verweigerten und welchen Bedeutungswandel die Artefakte im Zuge ihres Transfers bzw. der um sie geführten Debatte erleben.

Anhand des Restitutionsdiskurses und der Rückgabepraxis lassen sich konkrete normative politische und kulturelle Konflikte zwischen westlichen und post-kolonialen Gesellschaften aufzeigen. In der völkerrechtlichen Kodifizierung der Restitutionsansprüche lässt sich die Herausbildung eines transnationalen normativen Regelwerks gewissermaßen in statu nascendi beobachten. Ein weiterer Konflikt normativer Ordnungen entsteht in der Rückgabepraxis, in der die Legitimität der Restitution und die Sorge um die Konservierung des kulturellen Erbes und der Artefakte abgewogen werden.

Nach einer Literaturerhebung wurden 18 Gespräche mit leitenden MuseumsmitarbeiterInnen und Beamten geführt. Ein 50-seitiger Ergebnisbericht dokumentiert die Auswertung. Die zentralen Forschungsfragen des Projekts haben in die universitäre Lehre, in Veranstaltungen des Frobenius-Instituts, in akademische Abschlussarbeiten und zwei Dissertationsprojekten Eingang gefunden. Prof. Justin Richland (Chicago) wurde eingeladen, um im Rahmen der Jensen Memorial Lectures  über die Restitutionspolitik in den USA zu berichten.

Obwohl die Legitimität von Restitutionsansprüchen von Kulturobjekten von den entsprechenden Entscheidungsträgern allgemein anerkannt wird, kam es in Deutschland bisher nur zu einer geringen Zahl an Rückführungen (mit der Ausnahme menschlicher Überreste). Es herrscht Zweifel, ob die Forderungen ausschließlich von Personen erhoben werden, die als legitime Vertreter ihrer jeweiligen Gruppe auftreten, insbesondere, da Artefakte kurz nach ihrer Rückgabe wieder auf dem internationalen Kunstmarkt aufgetaucht seien. Wichtiger als die erfolgten Restitutionen selbst sind durch die Forderungen ausgelösten öffentlichen  Diskussionen, wird durch sie doch Öffentlichkeit auf das den indigenen Völkern zugefügte Unrecht aufmerksam gemacht.

Die wichtigsten Publikationen in diesem Projekt:

Kohl, Karl-Heinz: „Der ‚Ureinwohner’ kehrt zurück. Mit Hilfe europäischer Klischees über ‚Eingeborene’ haben sich Indigene gesonderte Rechte erstritten”, in: Welt-Sichten. Magazin für globale Entwicklung und ökumenische Zusammenarbeit, 3/2017, S. 12–18.

Fründt, Sarah: „Return logistics – repatriation business. Managing the return of ancestral remains to New Zealand“, in: L.V. Prott, B. Hauser-Schäublin (Hg.): Cultural Property and Contested Ownership: The Trafficking of Artefacts and the Quest for Restitution, Oxford: Oxbow Books, 2016.

Kohl, Karl-Heinz: „Malanggan: Abbild und doppelter Tod”, in: V. Lepper/P. Deuflhard/C. Markschies (Hg.): Räume – Bilder – Kulturen (Forschungsberichte der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Bd. 36), Berlin/Boston: Walter De Gruyter, 2015, S. 169–188.

*Kohl, Karl-Heinz: „The Future of Anthropology Lies in its Past”, in: Social Research. An international Quarterly 81 (3), 2014, S. 555–570.

Kohl, Karl-Heinz: „Muss die Ethnologie sich schämen? In Berlin werden Forderungen laut, bei der Gestaltung des Humboldtforums solle auf Artefakte aus indigenen Kulturen verzichtet werden“, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17. September 2014, S. N3.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Kohl, Karl-Heinz, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

Fründt, Sarah, M.A.

Vogel, Vanessa

Aktuelles aus dem Forschungszentrum

Veranstaltung
18.04.2026 | Frankfurt am Main

Das Prinzip Donald Trump und die Verrohung der Welt

Podiumsdiskussion, Vortrag

Ein neuer Politikstil macht international Karriere. Er ist gekennzeichnet von Vulgarität, Verrohung und erklärter Rechtsfeindschaft. Machtinteressen werden nicht mehr juristisch bemäntelt. Stattdessen wird das angebliche Recht des Stärkeren zur Staatsdoktrin gemacht – innenpolitisch wie außenpolitisch. Treibende Kraft hinter dieser Verrohung der politischen Sitten ist ein US-Präsident, der nicht nur die amerikanische Gesellschaft und Kultur, sondern auch die globale Ordnung nach seinen Vorstellungen und Interessen umgestaltet. Die Römerberggespräche wollen diesen Politikstil verstehen.

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Veranstaltung
29.04.2026 | Frankfurt am Main

Kulturindustrie heute?

Podiumsdiskussion

Das Gespräch „Kulturindustrie heute?“ widmet sich der Aktualität und Tragfähigkeit eines zentralen Begriffs der Kritischen Theorie. Die Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch diskutiert im Rahmen der Gesprächsreihe "Frankfurter Schule" mit dem Filmkritiker Bert Rebhandl die gegenwärtigen Formen kultureller Produktion und Verbreitung vor dem Hintergrund von Digitalisierung, Plattformen und globalen Medienmärkten.

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News
19.02.2026

Call for Applications – Postdoctoral Fellowships

Am Forschungszentrum Normative Ordnungen sind für das akademische Jahr 2026/2027 mehrere Postdoctoral Fellowships mit einer Laufzeit von 10 Monaten (Beginn: 1. Oktober 2026) ausgeschrieben. Bewerbungsschluss für alle Programme ist der 15. März 2026.

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Veranstaltung
20.03.2026 | Frankfurt am Main

40 Jahre Schengen-Raum

Kolloqium

Der 1984 geschlossene Schengen-Vertrag schuf einen heute 29 Staaten umfassenden Raum ohne Binnengrenzen, doch Migration über die Außengrenzen führte zuletzt zur Wiedereinführung von Kontrollen, auch durch die Bundesregierung ab 8. Mai 2025. Das Walter Hallstein-Kolloquium diskutiert die rechtliche Zulässigkeit, wirtschaftliche Folgen insbesondere für Arbeitsmigration und Arbeitsmarkt sowie die Zukunft des Schengen-Raums.

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News
12.02.2026

Satanistische Politik und der Niedergang der Vernunft in liberalen Demokratien

Ein letztes Mal im Wintersemester 2025/26 lud das Forschungszentrum zur Ringvorlesung „Am Scheidepunkt. Zur Krise der Demokratie“. Zum Abschluss hat der Philosoph Michael Rosen von der Harvard University sein Konzept der „satanic politics“ als eine Variante der politischen Deutung der Welt vorgestellt.

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News
09.02.2026

Zur Aktualität des Gewaltbegriffs anhand von Camus und Derrida

Prof. Dr. Christine Abbt von der Universität St. Gallen hat im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ einen Vortrag über Demokratien und den Gewaltbegriff gehalten. Unter dem Titel „Demokratien verteidigen. Zur Aktualität des Gewaltbegriffs bei Camus und Derrida“ besprach die Philosophin Formen von Gewalt und Revolte und ordnete diese im Hinblick auf ein demokratisches Setting ein.

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Publikation
04.02.2026 | Zeitschriftenartikel

New Perspectives on Trust in International Conflicts

Wille, Tobias; Simon, Hendrik; Daase, Christopher; Deitelhoff, Nicole; Wheeler, Nicholas J.; Holmes, Marcus; Rathbun, Brian C.; Acharya, Amitav; Mitzen, Jennifer (2026): „New Perspectives on Trust in International Conflicts“. In: International Studies Review 28 (1), viaf027. 

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News
02.02.2026

Staatlicher Wettbewerb um Menschen – David Owen über civil geopolitics

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt – Zur Zukunft der Demokratie“ präsentierte David Owen von der Universität Southampton sein Konzept der civil geopolitics.

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News
20.01.2026

Christine Hentschel über Neuorientierungen in katastrophischen Zeiten

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ sprach die Soziologin über das Leben in und den Umgang mit katastrophischen Zeiten. Vor dem Hintergrund der Zerstörung der Lebensbedingungen, Kriegen, dauerhafter Krisenhaftigkeit sowie der Bedrohungen der Demokratie widmete sich Hentschel dem Einsickern des Katastrophischen in den gesellschaftlichen Alltag und einem sich verändernden aktivistischen und literarischen Umgang mit der Zukunft.

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