Religiöse Überzeugungen in normativen Ordnungen

Projektleitung: Prof. Dr. Thomas M. Schmidt

Moderne Prinzipien der Normativität fordern das Selbstverständnis religiöser Gemeinschaften heraus. Es sind nicht nur liberale und demokratische Prinzipien der Rechtstaatlichkeit, sondern auch die rationalen Standards und fallibilistischen Kriterien der empirischen Wissenschaften, welche die herkömmlichen Selbstdeutungen der Religionen genauso stark tangieren, wie die Erfahrung einer intensivierten Begegnung unterschiedlicher religiöser Traditionen unter den Bedingungen gleichberechtigter Koexistenz in einer pluralistischen Gesellschaft. 

Inhaltlich betrachtet bewegen sich Religionen im Spannungsfeld zwischen Ritualen und einer spezifischen Reflexivität, die in Form von doktrinalen Lehrgehalten und ihrer dogmatischen Kodifizierung und institutionalisierten Weitergabe besteht. Religiöse Überzeugungen besitzen eine narrative Basis, affektiven und volitionalen Charakter, erheben aber zugleich kognitive Geltungsansprüche. Daher ist die Spannung zwischen lebensweltlich situierter Partikularität und geltungstheoretischer Universalität in die Struktur religiöser Überzeugungen eingebaut. Diese spezifische normative Verbindlichkeit religiöser Überzeugungen gilt nicht nur in epistemologischer Hinsicht, sondern gerade im Blick auf die Grundbegriffe politischer und rechtlicher Normativität. Die Janusgestalt religiöser Überzeugungen wird methodisch reflektiert durch die unterschiedlichen Wissenschaften von der Religion. Während die Religionswissenschaften dabei häufig aus einer vergleichend empirisch-kulturwissenschaftlichen Perspektive operieren, reflektiert die universitäre Theologie jenes Spannungsverhältnis von Partikularität und Universalität, von Narrativität und Rechtfertigung mit Mitteln wissenschaftlicher Argumentation, aber aus der Binnenperspektive einer bestimmten religiösen Tradition. Eine besondere Aufgabe kam in diesem Verbund der Religionsphilosophie zu, welche als Epistemologie religiöser Überzeugungen die Geltungsdimension, das Verhältnis von Rechtfertigung und Narrativität, ausdrücklich thematisiert.

Ein wichtiger methodischer Schritt bestand in der Rekonstruktion sowohl der Dramatik der interreligiösen Begegnung als auch der Konfrontation religiöser Vorstellungen mit säkularen Standards in Begriffen unterschiedlicher normativer Strukturen mit je eigenen Geltungsansprüchen. Besonders relevante Aspekte der Begegnung ließen sich so entlang eines Spektrums benennen, das von der Frage nach den Möglichkeiten angemessener wechselseitiger Kenntnisnahme ausgeht und über solche nach den Möglichkeiten kritischer Stellungnahme bis zu einer Bestimmung der Bedingungen kulturübergreifender Rechtfertigungsmöglichkeiten fragt. Als primäre theoretische Bezugspunkte haben sich hierbei die Ansätze von Robert Brandom und John Rawls bewährt.
Dieser Zusammenhang ergab sich aus den Kernüberlegungen, wonach jeder bedeutungsvolle Ausdruck eine normative Dimension dadurch hat, dass er eine Festlegung beinhaltet und mit Verpflichtungen zu inferentiell weitergehenden Festlegungen verbunden ist. Jede Bedeutung ist konstituiert durch eine soziale Praxis des Gebens und Einforderns von Gründen. Bedeutung ist verbunden mit Rechtfertigung. 

Auf der Basis der von Brandom entwickelten inferentiellen Semantik und normativen Pragmatik lassen sich die zentralen kommunikativen Elemente auch im interreligiösen Kontakt bestimmen und darstellen, d.h. die Geltungsansprüche auf kontexttranszendierende Geltung, Wahrheit und Objektivität der Aussagen kann rein innerperspektivisch-strukturell sinnvoll beschrieben werden, ohne eine übergeordnete Perspektive und damit verbundene ethnozentrische Reduktionismen zu fördern. In Ergänzung hierzu lassen sich dann im Anschluss an Rawls verfahrensbezogene Strukturelemente einer kulturübergreifenden Rechtfertigungspraxis nach wünschenswerten fairen und demokratischen Maßstäben ermitteln. Hinzu kommt hier die politische Dimension der Institutionalisierung interkultureller Begegnung und mit ihr die Frage nach den Grenzen des öffentlichen Vernunftgebrauchs. Eine als argumentativer Bezugspunkt in der Applikation der Konzepte von Brandom und Rawls für den Problemhorizont interkultureller Begegnung hilfreiche Hintergrundkonzeption benennt auf diesem Weg Differenzierung sprachlicher Strukturen in Hinblick auf ihre normative Reichweite – Differenzierungen, mit deren Hilfe sich die für die interkulturelle Begegnung als zentral erachtete Fragen nach den Möglichkeiten wechselseitiger Kenntnis- und Stellungnahme sowie Rechtfertigung detaillierter darstellen und verorten lassen. 

Zu den wichtigsten Publikationen des Forschungsprojektes zählen: Schmidt, Thomas M., Discorso Religioso e Religione Discorsiva nella Societá Postsecolare (trad. e cura di Leonardo Ceppa), Torino: Trauben 2009; Schmidt, Thomas M./Wenzel, Knut (Hrsg.), Moderne Religion? Theologische und religionsphilosophische Reaktionen auf Jürgen Habermas (hrsg. mit Knut Wenzel), Freiburg-Basel-Wein: Herder 2009; und Schmidt, Karsten, Buddhismus als Religion und Philosophie. Probleme und Perspektiven interkulturellen Verstehens, Stuttgart: W. Kohlhammer 2010. 
Zu den wichtigsten Veranstaltungen des Forschungsprojektes gehören das Symposion: „Religiöse Geltungsansprüche in der Verantwortung öffentlicher Vernunft“, Gästehaus der Goethe-Universität, 4.-6. Dezember 2008, der Workshop: „De-Legitimierung von Staatlichkeit: Menschenrechtsaktivismus als Religionsersatz?“, Forschungskolleg Humanwissenschaften Bad Homburg, 26.-27. Februar 2010 und der Workshop: „Ausbreitung von Religionen und Neutralisierung von gesellschaftlichen Räumen“, Forschungskolleg Humanwissenschaften Bad Homburg, 25.-27. Juni 2010.

Weiterführende Fragestellungen: Die Rolle religiös gefärbter Rechtfertigungen bei der Herausbildung normativer Ordnungen in historischen und zeitgenössischen Gesellschaften innerhalb und außerhalb Europas hat sich als ein fruchtbares Thema im Anschluss an die Forschungen in diesem Teilprojekt erwiesen. Eine zentrales Problem sind dabei das Anwachsen und die Minderung der Bedeutung religiös begründeter Geltungsansprüche. 
Unter den dabei gebräuchlichen Begriffen hat der des Postsäkularismus eine besondere Bedeutung. Dieser Terminus bringt die von manchen Theoretikern vertretene Auffassung zum Ausdruck, dass angesichts der neuen Vitalität religiöser Bewegungen und Lebensformen in vielen Teilen der Welt nicht mehr einfachhin von den modernen Gesellschaften als notwendigerweise säkularisierten Gesellschaften gesprochen werden kann; auch von Desäkularisierung ist bisweilen die Rede. Diese These sollte geprüft und weiter verfolgt werden, etwa unter der Frage, inwieweit es Verbindungen zwischen „Postsäkularismus“ und „Postkolonialismus“, der den Begriff der Religion auf seine europäische Prägung hin untersucht, gibt oder inwieweit die Geschlechterverhältnisse davon berührt sind. Reflektiert werden muss dabei auch der ältere, weiter gebräuchliche Begriff der Säkularisierung, der sowohl historisch-analytisch als auch normativ, sowohl epochenbezogen als auch als allgemeinhistorische Kategorie verwendet wird, der aber auch schon vor dem Aufkommen von Vorstellungen des Postsäkularismus in der Kritik stand. Ferner verdient der Begriff der Neutralisierung, der in deutschen Gegenwartsdebatten prominent ist, Beachtung, da er auch die zeitweilige Entfernung religiöser Symbole in einer Welt meint, in der Religion weiterhin bedeutsam ist. Vor diesem Hintergrund sollte historisch und räumlich vergleichend danach gefragt werden, wie normative Ordnungen entstehen (und vergehen), in denen sich die Bedeutung der Religion für die normative Ordnung erheblich wandelt, in denen vielleicht auch das Schweigen über religiöse Differenzen zur Norm wird. Die Untersuchung diese Fragen wurde in der zweiten Laufzeit im Projekt „Genese und Geltung des Konzepts des Säkularen“ fortgeführt.

Aktuelles aus dem Forschungszentrum

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18.04.2026 | Frankfurt am Main

Das Prinzip Donald Trump und die Verrohung der Welt

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Ein neuer Politikstil macht international Karriere. Er ist gekennzeichnet von Vulgarität, Verrohung und erklärter Rechtsfeindschaft. Machtinteressen werden nicht mehr juristisch bemäntelt. Stattdessen wird das angebliche Recht des Stärkeren zur Staatsdoktrin gemacht – innenpolitisch wie außenpolitisch. Treibende Kraft hinter dieser Verrohung der politischen Sitten ist ein US-Präsident, der nicht nur die amerikanische Gesellschaft und Kultur, sondern auch die globale Ordnung nach seinen Vorstellungen und Interessen umgestaltet. Die Römerberggespräche wollen diesen Politikstil verstehen.

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29.04.2026 | Frankfurt am Main

Kulturindustrie heute?

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Das Gespräch „Kulturindustrie heute?“ widmet sich der Aktualität und Tragfähigkeit eines zentralen Begriffs der Kritischen Theorie. Die Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch diskutiert im Rahmen der Gesprächsreihe "Frankfurter Schule" mit dem Filmkritiker Bert Rebhandl die gegenwärtigen Formen kultureller Produktion und Verbreitung vor dem Hintergrund von Digitalisierung, Plattformen und globalen Medienmärkten.

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Veranstaltung
20.03.2026 | Frankfurt am Main

40 Jahre Schengen-Raum

Kolloqium

Der 1984 geschlossene Schengen-Vertrag schuf einen heute 29 Staaten umfassenden Raum ohne Binnengrenzen, doch Migration über die Außengrenzen führte zuletzt zur Wiedereinführung von Kontrollen, auch durch die Bundesregierung ab 8. Mai 2025. Das Walter Hallstein-Kolloquium diskutiert die rechtliche Zulässigkeit, wirtschaftliche Folgen insbesondere für Arbeitsmigration und Arbeitsmarkt sowie die Zukunft des Schengen-Raums.

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12.02.2026

Satanistische Politik und der Niedergang der Vernunft in liberalen Demokratien

Ein letztes Mal im Wintersemester 2025/26 lud das Forschungszentrum zur Ringvorlesung „Am Scheidepunkt. Zur Krise der Demokratie“. Zum Abschluss hat der Philosoph Michael Rosen von der Harvard University sein Konzept der „satanic politics“ als eine Variante der politischen Deutung der Welt vorgestellt.

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09.02.2026

Zur Aktualität des Gewaltbegriffs anhand von Camus und Derrida

Prof. Dr. Christine Abbt von der Universität St. Gallen hat im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ einen Vortrag über Demokratien und den Gewaltbegriff gehalten. Unter dem Titel „Demokratien verteidigen. Zur Aktualität des Gewaltbegriffs bei Camus und Derrida“ besprach die Philosophin Formen von Gewalt und Revolte und ordnete diese im Hinblick auf ein demokratisches Setting ein.

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Publikation
04.02.2026 | Zeitschriftenartikel

New Perspectives on Trust in International Conflicts

Wille, Tobias; Simon, Hendrik; Daase, Christopher; Deitelhoff, Nicole; Wheeler, Nicholas J.; Holmes, Marcus; Rathbun, Brian C.; Acharya, Amitav; Mitzen, Jennifer (2026): „New Perspectives on Trust in International Conflicts“. In: International Studies Review 28 (1), viaf027. 

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02.02.2026

Staatlicher Wettbewerb um Menschen – David Owen über civil geopolitics

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt – Zur Zukunft der Demokratie“ präsentierte David Owen von der Universität Southampton sein Konzept der civil geopolitics.

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News
20.01.2026

Christine Hentschel über Neuorientierungen in katastrophischen Zeiten

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ sprach die Soziologin über das Leben in und den Umgang mit katastrophischen Zeiten. Vor dem Hintergrund der Zerstörung der Lebensbedingungen, Kriegen, dauerhafter Krisenhaftigkeit sowie der Bedrohungen der Demokratie widmete sich Hentschel dem Einsickern des Katastrophischen in den gesellschaftlichen Alltag und einem sich verändernden aktivistischen und literarischen Umgang mit der Zukunft.

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05.01.2026

Wir trauern um Thomas M. Schmidt

Mit Thomas M. Schmidt, der am letzten Tag des Jahres 2025 verstorben ist, in dem wir erst wenige Monate zuvor seinen 65. Geburtstag mit einem Symposium begingen, verlieren wir einen der großen Religionsphilosophen unserer Zeit. Sein jäher Tod reißt eine Lücke in die Gemeinschaft der Forschenden, die wie er zu verstehen suchen, was die Rolle der Religion in den säkularen Gesellschaften unserer Zeit ist und sein kann. Zugleich wird er als der wunderbare Mensch fehlen, der er war.

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