Professur des Exzellenzclusters – Transnationales Regieren

Prof. Dr. Jens Steffek

Die Professur für Transnationales Regieren am Institut für Politikwissenschaft der Technischen Universität Darmstadt ist bundesweit die erste mit dieser Denomination. Das damit umrissene neue Forschungsfeld schlägt eine Brücke zwischen der traditionellen Analyse internationaler Beziehungen, der Forschung zu grenzüberschreitend agierenden gesellschaftlichen Akteure und normativen Fragestellungen der politischen Theorie, insbesondere der Demokratietheorie. Verknüpft werden diese verschiedenen Stränge der Forschung durch die inhaltliche Schwerpunktsetzung der Professur auf Fragen der Legitimität von Regieren jenseits des Nationalstaats. Legitimation als sozialer Prozess und Legitimität als dessen Resultat sind Phänomene, die sich durch die enge Verklammerung einer empirischen und einer normativen Dimension auszeichnen, und zwar in dem Sinne, dass im Konzept der Legitimität die empirische Geltung einer politischen Ordnung abhängig gemacht wird von normativen Erwägungen der Richtigkeit und Angemessenheit. Ausgehend von diesem Kernkonzept und einem ebenso empirisch-analytischen wie normativ-theoretischen Erkenntnisinteresse konzentrierte sich die Arbeit der Professur darauf, eine neue, kritische Perspektive auf die politische Bearbeitung grenzüberschreitender Probleme und Konflikte zu entwickeln. Begriffe wie „Global Governance“ oder „Weltregieren ohne Weltregierung“ wurden hier nicht als neutrale Beschreibung eines empirischen Phänomens verstanden, sondern als diskursive Dimension eines politischen Projekts, in dem bestimmte, in einigen Fällen auch durchaus neuartige, institutionelle Lösungen zur Bearbeitung transnationaler Problemlagen propagiert werden. Diese institutionellen Vorschläge sind  rechtfertigungsbedürftig und die Praxis ihrer öffentlichen Rechtfertigung, oft als Antwort auf öffentlich vorgetragene Kritik an ihnen, stand im Fokus des Forschungsinteresses dieser Clusterprofessur. Die Forschungsaktivitäten während der ersten Laufzeit ließen sich grob in drei Teilbereiche gliedern:

(1) Legitimationsnarrative inter- und transnationalen Regierens
Dieser Forschungsbereich befasste sich mit tradierten und aktuellen Rechtfertigungen internationalen Regierens. Ausgangspunkt ist ein Forschungsinteresse an den nicht auf demokratische Partizipation und Kontrolle abzielenden Rechtfertigungen internationaler Organisationen als funktionale Agenturen, die sich historisch bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts deutlich nachweisen lassen. Dieser Vision des internationalen Regierens zu Grunde liegt ein Verständnis von internationalen Organisationen als Motoren transnationaler gesellschaftlicher Modernisierung, die sich insbesondere durch effiziente transnationale Problemlösung legitimieren. Die Geschichte und der genaue normative Gehalt dieser Rechtfertigungsnarrative wurden seit 2010 in einem Clusterprojekt untersucht, an dem Leonie Holthaus mitarbeitete. Zudem forschte Franziska Müller an der Professur zur Legitimität globaler politischer Regulierung aus der Perspektive von Entwicklungsländern, unter besonderer Berücksichtigung der Geschlechterverhältnisse.

(2) Legitimationspotenziale zivilgesellschaftlicher Partizipation
Einer der möglichen Anknüpfungspunkte expertokratischer und demokratischer Rechtfertigungen transnationalen Regierens ist die Institutionalisierung zivilgesellschaftlicher Beteiligung in internationalen Organisationen. Die möglichen Vorteile einer solchen Einbindung liegen vor dem Hintergrund eines deliberativ-partizipativen Demokratiebegriffs darin, dass erstens zivilgesellschaftliche Akteure im Rahmen nicht-territorialer, funktionaler Partizipation die Anliegen der Bürger direkt in die Foren des internationalisierten Regierens einbringen und zweitens auch ganz maßgeblich zur Schaffung einer transnationalen politischen Öffentlichkeit beitragen können. Zu diesem Thema hat Jens Steffek im Berichtszeitraum eine Reihe von Publikationen vorgelegt, die sich zum einen mit der institutionellen Einbindung zivilgesellschaftlicher Organisationen wie etwa NGOs in intergouvernmentalen Organisationen auseinandersetzen, zum anderen mit der Legitimität, Verantwortlichkeit und den Repräsentationsleistungen zivilgesellschaftlicher Akteure selbst.

(3) Globale Ordnung und die soziale Frage
Zahlreiche Debatten über die Legitimität inter- und transnationalen Regierens kreisen momentan um Fragen der globalen Gerechtigkeit. Dies ist nicht erst seit der vehementen Globalisierungskritik der 1990er Jahre so, wie ein Rückblick auf die Auseinandersetzungen über eine neue Weltwirtschaftsordnung in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts verdeutlicht. Fragen der globalen Verteilung und Verteilungsgerechtigkeit wurden jedoch von der herrschenden liberalen Konzeption internationalen Regierens und auch von der funktionalen Zusammenarbeit weitgehend ausgeblendet, nicht zuletzt weil diesen Organisationen auch die Mittel fehlen, um eine „globale Sozialpolitik“ zu betreiben. Die Clusterprofessur knüpfte hier an frühere Arbeiten zur Frage der sozialen Einbettung globaler politischer Kooperation an, in denen dem vorherrschenden Design des embedded liberalism die Alternative eines redistributiven Multilateralismus gegenübergestellt wurde. Diese Frage wird derzeit in einer Kooperation mit Jeffrey McGee (Universität Newcastle/Australien) zum möglichen Ende des redistributiven Multilateralismus im Bereich der globalen Klimapolitik nach dem Kopenhagener Klimagipfel weiterverfolgt. Zugleich verändert sich derzeit das globale politische Gefüge durch den rasanten Aufstieg ehemaliger Entwicklungsländer wie Brasilien, Indien und China zu neuen Wirtschaftsmächten ganz rapide. An diesem Punkt setzen weitere Kooperationen des Arbeitsbereichs mit Partnern im In- und Ausland an.

Publikationen:

*Steffek, Jens (2013): “Explaining Cooperation between IGOs and NGOs – Push Factors, Pull Factors, and the Policy Cycle”, in: Review of International Studies39(4): 993-1013.
*Steffek, Jens (2013): „Transnationalismus und Transnationalisierung in der Soziologie und der IB“, in: Leviathan: Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft 41 (Sonderheft 28), 204-225 (mit S. Mau).
*Steffek, Jens (2013): “Do Members Make a Difference? A Study of Transnational Civil Society Organizations”, European Political Science Review 5(1): 55-81 (mit P. Kotzian).
Steffek, Jens (2012) “Awkward Partners: NGOs and Social Movements at the WTO”, in: Amrita Narlikar/Martin Daunton/Robert M. Stern (Hg.), Oxford Handbook on the World Trade Organization, Oxford: Oxford University Press, 301-319.
* Steffek, Jens (2011): “Legitimacy and Activities of Civil Society Organizations”, University of Bremen, TranState Working Paper No. 156/2011 (mit P. Kotzian).
*Steffek, Jens (2010): “Explaining Patterns of Transnational Participation: the Role of Policy Fields”, in: Christer Jönsson/Jonas Tallberg (Hg.) Transnational Actors in Global Governance, Basingstoke: Palgrave Macmillan, 67-87.
*Steffek, Jens (2010): “Norms, Persuasion and the New German Idealism in IR”, in: Oliver Kessler et al. (Hg.), On Rules, Politics, and Knowledge: Friedrich Kratochwil, International Relations, and Domestic Affairs, Basingstoke: Palgrave Macmillan, 191-201.
*Steffek, Jens (2010): “Introduction: Transnational NGOs and Legitimacy, Accountability, Representation”, in: Jens Steffek/ Kristina Hahn (Hg.), Evaluating Transnational NGOs – Legitimacy, Accountability, Representation, Basingstoke: Palgrave Macmillan, 1-25 (mit K. Hahn).
*Steffek, Jens (2010): “Assessing the Democratic Legitimacy of Transnational CSOs: Five Criteria”, in: Jens Steffek/Kristina Hahn (Hg.), Evaluating Transnational NGOs – Legitimacy, Accountability, Representation, Basingstoke: Palgrave Macmillan, 100-125 (mit Ralf Bendrath, Simon Dalferth, Kristina Hahn, Martina Piewitt and Meike Rodekamp).
*Steffek, Jens (2010): “Evaluating NGOs: Prospects for Academic Analysis”, in: Jens Steffek/Kristina Hahn (Hg.), Evaluating Transnational NGOs – Legitimacy, Accountability, Representation., Basingstoke: Palgrave Macmillan, 258-264 (mit K. Hahn).
*Steffek, Jens (2010): “Civil Society in World Politics: How Accountable Are Transnational CSOs?”, in: Journal of Civil Society 6(3), 237-258 (mit M. Piewitt und M. Rodekamp).
*Steffek, Jens (2010): Evaluating Transnational NGOs: Legitimacy, Accountability, Representation, Basingstoke: Palgrave Macmillan (Hg., mit Kristina Hahn).

* Müller, Franziska (2010): ‘Storming, norming, performing: Implications of the financial crisis in the Southern African Development Community, in: Göttingen Journal of International Law 2(1), 167-190.
Müller, Franziska (2010): „Verhandelte Geschlechterverhältnisse: Gender als neue Norm in der internationalen Biodiversitätspolitik?“, in: Femina Politica 1/2010, 32-42.
Müller, Franziska (2010): „Die Finanzkrise im südlichen Afrika“, in: Scherrer, Christoph / Thomas Dürmeier/Bernd Overwien (Hg.): Perspektiven auf die Finanzkrise, Opladen: Barbara Budrich, 127-146.
Müller, Franziska (2010): „Spätfolgen mit Langzeitwirkung – Die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf Südafrika“, in: Blätter des Informationszentrums Dritte Welt, Nr. 315: 8-10 (mit Simone Claar).
Müller, Franziska (2011): „Alles sonnig im Süden? Auswirkungen der Subprime-Krise im Südlichen Afrika“, in: Oliver Kessler (Hg.): Die Politische Ökonomie der Subprime-Krise, Wiesbaden: VS Verlag, 117-138.
Müller, Franziska (2011): „Krisendiskurs, Konjunkturpaket, Kollaps – Politische Strategien und Politik-Lernen von Süd-Akteuren“, in: Christoph Scherrer/Thomas Dürmeier/Bernd Overwien (Hg.): Perspektiven auf die Finanzkrise, Opladen: Verlag Barbara Budrich, 127-146.

Die wichtigste Veranstaltung der Clusterprofessur außerhalb der oben aufgeführten Forschungsprojekte war: Jens Steffek, Internationale Konferenz, ‘The Politics of Talk in International Relations’, Universität Bremen, 27.-28. Juli 2010.

Aktuelles aus dem Forschungszentrum

Veranstaltung
18.04.2026 | Frankfurt am Main

Das Prinzip Donald Trump und die Verrohung der Welt

Podiumsdiskussion, Vortrag

Ein neuer Politikstil macht international Karriere. Er ist gekennzeichnet von Vulgarität, Verrohung und erklärter Rechtsfeindschaft. Machtinteressen werden nicht mehr juristisch bemäntelt. Stattdessen wird das angebliche Recht des Stärkeren zur Staatsdoktrin gemacht – innenpolitisch wie außenpolitisch. Treibende Kraft hinter dieser Verrohung der politischen Sitten ist ein US-Präsident, der nicht nur die amerikanische Gesellschaft und Kultur, sondern auch die globale Ordnung nach seinen Vorstellungen und Interessen umgestaltet. Die Römerberggespräche wollen diesen Politikstil verstehen.

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Veranstaltung
29.04.2026 | Frankfurt am Main

Kulturindustrie heute?

Podiumsdiskussion

Das Gespräch „Kulturindustrie heute?“ widmet sich der Aktualität und Tragfähigkeit eines zentralen Begriffs der Kritischen Theorie. Die Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch diskutiert im Rahmen der Gesprächsreihe "Frankfurter Schule" mit dem Filmkritiker Bert Rebhandl die gegenwärtigen Formen kultureller Produktion und Verbreitung vor dem Hintergrund von Digitalisierung, Plattformen und globalen Medienmärkten.

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News
19.02.2026

Call for Applications – Postdoctoral Fellowships

Am Forschungszentrum Normative Ordnungen sind für das akademische Jahr 2026/2027 mehrere Postdoctoral Fellowships mit einer Laufzeit von 10 Monaten (Beginn: 1. Oktober 2026) ausgeschrieben. Bewerbungsschluss für alle Programme ist der 15. März 2026.

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Veranstaltung
20.03.2026 | Frankfurt am Main

40 Jahre Schengen-Raum

Kolloqium

Der 1984 geschlossene Schengen-Vertrag schuf einen heute 29 Staaten umfassenden Raum ohne Binnengrenzen, doch Migration über die Außengrenzen führte zuletzt zur Wiedereinführung von Kontrollen, auch durch die Bundesregierung ab 8. Mai 2025. Das Walter Hallstein-Kolloquium diskutiert die rechtliche Zulässigkeit, wirtschaftliche Folgen insbesondere für Arbeitsmigration und Arbeitsmarkt sowie die Zukunft des Schengen-Raums.

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News
12.02.2026

Satanistische Politik und der Niedergang der Vernunft in liberalen Demokratien

Ein letztes Mal im Wintersemester 2025/26 lud das Forschungszentrum zur Ringvorlesung „Am Scheidepunkt. Zur Krise der Demokratie“. Zum Abschluss hat der Philosoph Michael Rosen von der Harvard University sein Konzept der „satanic politics“ als eine Variante der politischen Deutung der Welt vorgestellt.

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News
09.02.2026

Zur Aktualität des Gewaltbegriffs anhand von Camus und Derrida

Prof. Dr. Christine Abbt von der Universität St. Gallen hat im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ einen Vortrag über Demokratien und den Gewaltbegriff gehalten. Unter dem Titel „Demokratien verteidigen. Zur Aktualität des Gewaltbegriffs bei Camus und Derrida“ besprach die Philosophin Formen von Gewalt und Revolte und ordnete diese im Hinblick auf ein demokratisches Setting ein.

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Publikation
04.02.2026 | Zeitschriftenartikel

New Perspectives on Trust in International Conflicts

Wille, Tobias; Simon, Hendrik; Daase, Christopher; Deitelhoff, Nicole; Wheeler, Nicholas J.; Holmes, Marcus; Rathbun, Brian C.; Acharya, Amitav; Mitzen, Jennifer (2026): „New Perspectives on Trust in International Conflicts“. In: International Studies Review 28 (1), viaf027. 

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News
02.02.2026

Staatlicher Wettbewerb um Menschen – David Owen über civil geopolitics

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt – Zur Zukunft der Demokratie“ präsentierte David Owen von der Universität Southampton sein Konzept der civil geopolitics.

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News
20.01.2026

Christine Hentschel über Neuorientierungen in katastrophischen Zeiten

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ sprach die Soziologin über das Leben in und den Umgang mit katastrophischen Zeiten. Vor dem Hintergrund der Zerstörung der Lebensbedingungen, Kriegen, dauerhafter Krisenhaftigkeit sowie der Bedrohungen der Demokratie widmete sich Hentschel dem Einsickern des Katastrophischen in den gesellschaftlichen Alltag und einem sich verändernden aktivistischen und literarischen Umgang mit der Zukunft.

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