28.05.2025
Bericht

Planetarische Prävention. Ein Frankfurter Entwurf zum Umweltstrafrecht

In klassisch-liberaler Perspektive war das Strafrecht immer auf einen Kernbereich von Rechtsgüterschutz beschränkt. Allen Ausweitungen wurde mit gut begründetem Misstrauen begegnet. Denn es ist das schärfste Schwert in der Hand des Staates. Kriminalisierungen und Sanktionen mussten entsprechend gut begründet sein, sie verbanden sich stets auch mit wechselnden Vorstellungen darüber, was die Gesellschaft besonders schützen muss. Schon seit einigen Jahrzehnten hat hier eine Ausweitung in Form des Umweltstrafrechts stattgefunden.

Kann das Strafrecht aber noch ganz anders? Diese Frage stand an der Frankfurter Goethe-Universität jetzt im Zentrum eines Vortrags ihres Strafrechtlers Christoph Burchard mit dem griffigen Titel „Planetary Crime“. Darin bildet sich eine Aufmerksamkeitsverschiebung zugunsten neuer, im Einzelnen noch zu identifizierender Rechtsgüter ab, da Lebensgrundlagen des Menschen nachweislich gefährdet sind. Klimawandel, Biodiversitätsverlust und anderes sind als Polykrise vernetzt und geben deswegen Anstöße, ganz neu über gesellschaftliche Verantwortung und die Gestaltung der Zukunft nachzudenken.

Die Schwäche des traditionellen Umweltstrafrechts war und bleibt die fehlende Passgenauigkeit. Denn das Strafrecht sucht nach individueller Zurechnung von Verantwortung, und die kollektiv oder sehr arbeitsteilig verursachten Umweltschäden schon vergangener Jahrzehnte passten nicht in dieses Raster. Entsprechend wurde die Verrechtlichung, die sich hier vollzog, schon in den 1980er- Jahren als „symbolisches Strafrecht“ gebrandmarkt. Es gab wenig Anwendungsfälle, was darauf hindeutet, dass es eher um eine beschwichtigende politische Kommunikation des nationalen Gesetzgebers ging: Wir kümmern uns drum!

Längst ist aber klar, dass die derzeitigen Herausforderungen globale oder noch moderner gesprochen „planetare“ Dimension haben. Sie werfen die Frage auf, ob wir überhaupt noch handlungsfähig sind oder das Politische als solches in eine Krise geraten ist. Der aufsehenerregende Klimabeschluss des Bundesverfassungsgerichts von 2021 setzte hier an: Wenn künftige Generationen überhaupt noch Entscheidungsspielraum haben sollen, muss unter Geltung des Grundgesetzes jetzt gehandelt werden. Übrigens wird die damals zuständige Berichterstatterin im Ersten Senat, Gabriele Britz, die seit dem Sommersemester 2024 in Frankfurt lehrt, am 12. Juni die nächste Vortragende in der Reihe sein. 

Diese Verengung von Handlungsspielräumen griff auch Burchard in seiner strafrechtlichen Analyse auf: Umweltzerstörung mag ein Verbrechen sein, aber ab einem bestimmten historischen Punkt ist das Schutzsubjekt womöglich schon so stark zerstört, dass Wiedergutmachung ausgeschlossen ist. Deswegen muss man sich jetzt schon Gedanken über alternative Funktionslogiken des Strafrechts machen. In Anknüpfung an Burchard könnte man überlegen, ob sich hier nicht eine Parallele zur Ausweitung des Völkerstrafrechts durch das Weltrechtsprinzip abzeichnet. Wie das deutsche Strafrecht in Fällen von extremem Unrecht wie Genozid auch jenseits der eigenen nationalen Grenzen zuständig ist, so könnte jetzt eine Erweiterung in temporaler Dimension anstehen: Zum Raum wird hier die Zeit. Es ist der fundierte Alarmismus der Naturwissenschaften, wonach es einen „Tipping Point“ geben kann, der auch traditionell konservative juristische Disziplinen wie das Strafrecht welthellsichtig macht.

Für das Strafrecht sind solche interdisziplinären Einsichten potentiell erschütternd: Burchard nannte als Beispiele den Übergang zu einem ökozentrischen Weltbild, die Frage nach dem konkreten Schutzobjekt und dem Mensch-Natur-Verhältnis. Auch andere Vorverständnisse geraten ins Wanken: Unter anthropozänen Voraussetzungen fällt womöglich jetzt die Unterlassensverantwortlichkeit schwerer ins Gewicht als im klassischen Strafrecht, welches primär an aktivem Handeln anknüpft. Und welche Rolle spielen überhaupt die verschiedenen Akteure, beispielsweise auch wir Verbraucher, die wir über den Konsum von Fleisch oder Sojamilch zu solcher Zerstörung beitragen? Es hatte schon früher einen kolonialen Beigeschmack, mit dem Zeigefinger auf Regenwaldzerstörung zu deuten, während man sich im globalen Norden auf seinem Wohlstandsniveau gut eingerichtet hat. Der Vortrag von Burchard fand im Kontext einer Ausstellung im Museum Giersch der Goethe-Universität statt: „Fixing Futures. Planetare Zukünfte zwischen Spekulation und Kontrolle“ soll durch den Haupttitel-Plural daran erinnern, dass wir immer noch die Wahl haben. Im oberen Stockwerk konnten sich die Besucher darüber informieren und auch ihre eigene Meinung dazu auf Post-it-Wänden deponieren. Das wurde gut genutzt. Rechtsphilosophische Frage an die Ausstellungsbesucher: „Sollen Tiere, Pflanzen und Ökosysteme vergleichbare Rechte wie der Mensch haben?“ Eine besorgte Besucherin antwortete mit einer pragmatischen Grenzziehung: „Motten nicht an miu miu“.

Aktuelles aus dem Forschungszentrum

Publikation
12.05.2026 | Onlineartikel

Disinhibited Informalization: Talk Radio, Bro Podcasts and the Aesthetics of Populism

This essay by Johannes Völz is a revised and updated translation of “Enthemmte Informalisierung: Talk Radio, Bro-Podcasts und die Ästhetik des Populismus,” WestEnd: Neue Zeitschrift für Sozialforschung 22.2 (2025): 3–24. It is published here as part of the b2o Review’s “Stop the Right” dossier.

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Veranstaltung
20.05.2026 | Frankfurt am Main

Von der Selbstermächtigung zum sozialen Widerstand

Vortrag

Vortrag von Prof. Dr. Axel Honneth (Frankfurt am Main / New York Columbia University) mit anschließender Diskussion im Rahmen des Rechtstheoretischen Mittwochsseminars von Klaus Günther, Dan Wielsch und Benno Zabel.

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News
11.05.2026

Gertrud Koch spricht über Kulturindustrie heute

Im Rahmen der Gesprächsreihe Frankfurter Schule hat die Professorin für Filmwissenschaft gemeinsam mit dem Journalisten und Filmkritiker Bert Rebhandl über die Aktualität des Begriffs Kulturindustrie und sein Verständnis im Kontext digitaler und globaler Medien gesprochen.

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Veranstaltung
19.05.2026 | Frankfurt

Speculative Truth Regimes

Podiumsdiskussion

Event with Adam Kahlil (New Red Order) and Toby Lee (NYU) as part of the Series Visual Truth Regimes, organized by Laliv Melamed (Goethe University Frankfurt, Normative Orders), Felix Trautmann (Institut für Sozialforschung; HBK Braunschweig) and Franziska Wildt (Institut für Sozialforschung).

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Veranstaltung
25./26.06.2026 | Frankfurt

Shifting Regimes, Changing Orders

Konferenz

Conference as part of WDC2026 in collaboration with Deutsche Gesellschaft für Designtheorie und -forschung (DGTF), Kunstgewerbemuseum/Design Campus SKD and Design and Democracy

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Veranstaltung
28./29.05.2026 | Frankfurt am Main

Global Health Justice: Principles and Practice

Konferenz

Following the research focus of the Global Health Justice Postdoctoral Programme, funded by Höppsche Stiftung, the "Global Health Justice: Principles and Practice" conference places a particular emphasis on themes such as the human right to health, political activism and health justice issues, and problems of structural injustice and vulnerable populations in health care. Keynote lectures by Jonathan Wolff and Kanchana Mahadevan. The Global Health Justice Programme and this conference are supported by the Höppsche Stiftung in Villmar.

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Veranstaltung
14.07.2026 | Frankfurt am Main

Democracy Over Time and the Climate Crisis

Ringvorlesungen

Vortrag von Anja Karnein (Binghamton). Die Vortragsreihe untersucht Fragen der Klimakrise als Herausforderungen für demokratische Gesellschaften und konzentriert sich auf Themen wie politische Legitimität, Widerstand gegen fossile Brennstoffe und die Interessen künftiger Generationen. Sie wird organisiert von Prof. Dr. Darrel Moellendorf und Dr. Lukas Sparenborg.

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Veranstaltung
10.06.2026 | Frankfurt am Main

Capital Investment, Inequality, and State Power in a Time of Climate Emergency

Ringvorlesungen, Vortrag

Vortrag von MartinO'Neill (University of York). Die Vortragsreihe untersucht Fragen der Klimakrise als Herausforderungen für demokratische Gesellschaften und konzentriert sich auf Themen wie politische Legitimität, Widerstand gegen fossile Brennstoffe und die Interessen künftiger Generationen. Sie wird organisiert von Prof. Dr. Darrel Moellendorf und Dr. Lukas Sparenborg.

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News
17.03.2026

Kommunikative Vernunft. Zum Tod von Jürgen Habermas

Von Rainer Forst und Klaus Günther. Mit Jürgen Habermas verlieren wir einen unvergleichlichen, weltweit die Geistes- und Sozialwissenschaften über viele Jahrzehnte prägenden Gelehrten und engagierten Intellektuellen, der, wie er selbst anlässlich seiner Rede zu seinem 90. Geburtstag an der Goethe-Universität sagte, an dieser Universität drei glückliche Phasen seines akademischen Lebens erfahren hat. Er hat auch nach seiner Emeritierung an vielen unserer Diskussionen am Zentrum Normative Ordnungen aktiv teilgenommen, und seine Theorie war für uns stets ein zentraler Bezugspunkt der Forschung. Wir selbst verlieren unseren wichtigsten akademischen Lehrer, der uns über die Jahrzehnte hinweg freundschaftlich verbunden war.

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