15.05.2025
Bericht

Der Westen und die Provinzialisierung Europas. Bei den Römerberggesprächen wird über die weltpolitische Lage diskutiert

FRANKFURT Bei den Römerberggesprächen wird über die weltpolitische Lage diskutiert

Viele machen sich Sorgen um den Westen. Das zumindest war der Eindruck, den gewinnen konnte, wer am Samstagmorgen das Schauspiel betrat. In wenigen Minuten sollten die 57. Römerberggespräche beginnen, die dieses Mal unter dem Titel „Das Ende des Westens – Wie geht es weiter?“ standen. Die Menschenschlange, die vor dem Chagallsaal auf Einlass wartete, reichte bis zur gegenüberliegenden Cafeteria, machte eine Kurve und endete erst auf der Treppe. Drinnen erwartete die Besucher wenig später eine abwechslungsreiche Mischung von Vorträgen, die sich mit der Geschichte des Westens befassten, das Verhältnis der amerikanischen Rechten zu Russland ausloteten oder den Entstehungsprozess von Autokratien nachzuzeichnen suchten.

Der hessische Wissenschaftsminister Timon Gremmels (SPD) lobte in seinem Grußwort die Aktualität der Fragestellung. „Die Krise des Westens war nie so groß wie jetzt“, sagte er. In seiner Rolle blicke er besonders kritisch auf Praktiken der neuen amerikanischen Regierung, unliebsame Forschung per Dekret zu verbieten. Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) betonte die historische Verbindung Frankfurts mit den Vereinigten Staaten. Für einen „Abgesang auf den Westen“ sei es zu früh, sagte sie, auch wenn er stark geschwächt sei. Hartwig warb für neue Debatten, um die Werte, die in der Idee des „Westens“ enthalten seien, „zeitgenössisch und europäisch“ zu verankern.

Einen pessimistischeren Ton schlug der Politikwissenschaftler Claus Leggewie in seinem Vortrag an, der den Westen als eine faktenbasierte und pluralistische Entität von gleich drei Fronten her angegriffen sah, deren Vertreter sein Wesen vor allem von innen heraus zerstörten: internationale Rechtsextreme, Islamisten und russische Ultranationalisten. Ihnen gemein sei, dass sie den Pluralismus radikal auslöschen wollten. Donald Trump sei hier ein vierter Akteur, kürzlich hinzugekommen, der den Westen von innen „zerfrisst“. So wolle er viele liberale Errungenschaften, wie fast sämtliche internationale Zusammenarbeit und Verträge des 20. Jahrhunderts, rückabwickeln. Europa brauche nun ein „demütiges zuversichtliches Selbstbewusstsein“.

Die Journalistin Annika Brockschmidt machte im Gespräch mit der russischen Menschenrechtsaktivistin Irina Scherbakowa vor allem Gemeinsamkeiten zwischen den Rechten in den Vereinigten Staaten und denen in Russland aus. Bis zum Zerfall der Sowjetunion sei der Antikommunismus der ideologische Klebstoff der amerikanischen Rechten gewesen. Seitdem sei der „kleinste gemeinsame Nenner“ der christliche Nationalismus geworden, der sich ideologisch gut vertrage mit dem christlich-orthodoxen russischen Nationalismus. Die „Checks and Balances“, die die Stabilität der Demokratie sichern sollen, hälfen bei dieser Zuwendung vieler Amerikaner zum Autoritären nur wenig. Das nichtgewählte Quasi-Kabinettsmitglied Elon Musk „steckt sicher keiner ins Gefängnis, Geldstrafen jucken den nicht“.

Der Berliner Historiker Sebastian Conrad verwies in seinem Vortrag darauf, dass der Begriff des Westens gegenwärtig zum einen von rechten Kräften genutzt werde, um migrationskritisch und anti-woke zu argumentieren. Zum anderen werde er von Politikern als Begründung für Handlungen über Sachverhalte „gekleistert“, im Sinne einer Verteidigung „westlicher Werte“, bei der auch unliebsame Staaten wie Ungarn zum Westen gezählt würden. Damit sei vielfach nicht klar, was mit Westen genau gemeint sei: lediglich eine geographische oder aber eine wertegeleitete Zuordnung zu einer Gruppe?

Der Politikwissenschaftler Gunther Hellmann sah in seinem Vortrag eine autoritäre Großmächtesituation entstehen, die sich sowohl von der bipolaren Weltordnung des Kalten Kriegs als auch von der multipolaren Weltordnung seit 1991 unterscheide. Sie ersetze die regelbasierte Weltordnung durch eine, in der kurzfristige Deals überwögen. Die Europäer seien als Multilateralisten nach innen wie nach außen Einzelgänger geworden. Merz stehe daher als neuer Kanzler in der Pflicht, Deutschland und Europa mehr und mehr von den Vereinigten Staaten unabhängig zu machen. Der lange Diskussionstag, dem bis zuletzt auch Menschen vor dem Saal zuhörten, die keinen Platz gefunden hatten, ließ das Publikum vor allem mit einer Gewissheit zurück: Es kommen unangenehme Zeiten auf Deutschland und Europa zu.

Von Ole Kaiser aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 17.03.2025, Nr. 64, Rhein-Main-Zeitung, S. 10. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv

Aktuelles aus dem Forschungszentrum

Publikation
04.02.2026 | Zeitschriftenartikel

New Perspectives on Trust in International Conflicts

Wille, Tobias; Simon, Hendrik; Daase, Christopher; Deitelhoff, Nicole; Wheeler, Nicholas J.; Holmes, Marcus; Rathbun, Brian C.; Acharya, Amitav; Mitzen, Jennifer (2026): „New Perspectives on Trust in International Conflicts“. In: International Studies Review 28 (1), viaf027. 

weitere Infos ›
News
02.02.2026

Staatlicher Wettbewerb um Menschen – David Owen über civil geopolitics

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt – Zur Zukunft der Demokratie“ präsentierte David Owen von der Universität Southampton sein Konzept der civil geopolitics.

weitere Infos ›
News
20.01.2026

Christine Hentschel über Neuorientierungen in katastrophischen Zeiten

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ sprach die Soziologin über das Leben in und den Umgang mit katastrophischen Zeiten. Vor dem Hintergrund der Zerstörung der Lebensbedingungen, Kriegen, dauerhafter Krisenhaftigkeit sowie der Bedrohungen der Demokratie widmete sich Hentschel dem Einsickern des Katastrophischen in den gesellschaftlichen Alltag und einem sich verändernden aktivistischen und literarischen Umgang mit der Zukunft.

weitere Infos ›
News
05.01.2026

Wir trauern um Thomas M. Schmidt

Mit Thomas M. Schmidt, der am letzten Tag des Jahres 2025 verstorben ist, in dem wir erst wenige Monate zuvor seinen 65. Geburtstag mit einem Symposium begingen, verlieren wir einen der großen Religionsphilosophen unserer Zeit. Sein jäher Tod reißt eine Lücke in die Gemeinschaft der Forschenden, die wie er zu verstehen suchen, was die Rolle der Religion in den säkularen Gesellschaften unserer Zeit ist und sein kann. Zugleich wird er als der wunderbare Mensch fehlen, der er war.

weitere Infos ›
Publikation
19.12.2025 | Sammelband

Faszination und Freiheit 

Günther, Klaus; Zabel, Benno (Hrsg.) (2025): Faszination und Freiheit - Gegenwartsdiagnosen im Anschluss an Christoph Menkes Theorie der Befreiung, Weilerswist (Velbrück Wissenschaft).

weitere Infos ›
Publikation
12.12.2025 | Sammelband

Zwischen Transformation und Abolitionismus. Das Strafrecht und die Vielfalt der Alternativen

Tobias Singelnstein, Christoph Burchard (2025)

weitere Infos ›
Publikation
12.12.2025 | Buchkapitel

Was bleibt von der Verantwortung jenseits der Strafe übrig?

Günther, Klaus (2025): „Was bleibt von der Verantwortung jenseits der Strafe übrig?“. In: Zabel Benno; Singelnstein; Tobias und Burchard, Christoph (Hrsg.): Zwischen Transformation und Abolitionismus. Das Strafrecht und die Vielfalt der Alternativen. Velbrück Wissenschaft, S. 207-241.

weitere Infos ›
News
11.12.2025

Jonathan White über Zukunftsdenken in Demokratien

Zum zweiten Termin der Ringvorlesung "Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie". Der Politikwissenschaftler White diskutiert Sichtweisen auf die Zukunft in Demokratien. Ein Nachbericht

weitere Infos ›
News
04.12.2025

Die Krise der Demokratietheorie aus soziologischer Perspektive

Die Soziologin Jenny Brichzin hat mit ihrem Vortrag „Krise der Demokratietheorie? Eine soziologische Intervention“ unsere Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Zukunft der Demokratietheorie“ eröffnet. Die Soziologin kritisiert, gesellschaftliches Zusammenleben werde in der Demokratietheorie bisher unzureichend thematisiert. Ein Nachbericht

weitere Infos ›