Normative Wirtschaftspolitik – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft 

Internationaler Workshop

Projektverantwortliche: Prof. Dr. Rainer Klump und Prof. Dr. Darrel Moellendorf

Projektbeschreibung

Im Mainstream der modernen wirtschaftswissenschaftlichen Forschung spielen die normativen Grundlagen der Wirtschaftspolitik keine bedeutende Rolle (mehr). Weder gibt es dazu herausragende Publikationen und Debatten noch gibt es nachhaltige Tendenzen, in das Curriculum der wirtschaftswissenschaftlichen Grundausbildung ein Pflichtfach „Wirtschaftspolitik“ (wieder) aufzunehmen, das im Zuge der Bologna-Reformen aus dem Pflichtkanon als überflüssig entfernt wurde. Man kann diese Entwicklung bedauern, weil damit viele Brücken aus den Wirtschafts- in die Gesellschafts- und Geisteswissenschaften abgebrochen bleiben oder auch weil sich außerhalb der Wirtschaftswissenschaften das Gefühl der unzureichenden fachinternen Auseinandersetzung mit den Ursachen der Finanzkrise von 2008 breit macht. Man kann aber auch die wissenschaftsimmanenten Entwicklungen nachzeichnen und kritisch erörtern, die das Verschwinden einer eigenständigen Lehre von der (normativen) Wirtschaftspolitik in den Wirtschaftswissenschaften verursacht oder begünstigt haben.

Letzteres soll in dem Projekt im Zentrum stehen. Es untersucht, wie und warum innerhalb der letzten 50 Jahre alle traditionellen Begründungen für aktives wirtschaftspolitisches Eingreifen innerhalb der Wirtschaftswissenschaften infrage gestellt wurden. Es belegt, wie diese Entwicklung mit Prozessen der Globalisierung, Privatisierung und Deregulierung einherging, die letztlich auch eine zentrale Ursache der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2008 bildeten. Schließlich entwickelt es Anhaltspunkte, wie eine neue Theorie der (normativen) Wirtschaftspolitik aussehen kann, die Antworten auf die Herausforderungen des 21. Jahrhundert wie Digitalisierung oder Klimawandel gibt. 
Das Projekt schließt an die Überlegungen zum Widerstreit zwischen Eigennutz- und Gemeinwohlorientierung der Wirtschaftswissenschaften an, die seit der frühen Neuzeit ein Kennzeichen marktwirtschaftlich-kapitalistischer Wirtschaftsordnungen sind. Während in Klump / Pilz (2018) das Aufkommen der Eigennutzorientierung im 16. Jahrhundert analysiert und in ihren ideengeschichtlichen Rahmen eingeordnet wurde, untersuchten Klump / Wörsdorfer (2011) die normativen Grundlagen des Ordoliberalismus in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wörsdörfer (2014) hat sich auch bereits mit der Entwicklung des modernen wirtschaftswissenschaftlichen Curriculums auseinandergesetzt, allerdings dabei nicht die normativen Grundlagen der Wirtschaftspolitik thematisiert.

Motivation
In der traditionellen Theorie der Wirtschaftspolitik, wie sie bis etwa Anfang der 1970er Jahre dargestellt und gelehrt wurde, gab es drei große Bereiche bzw. Ziele, aus denen heraus wirtschaftspolitische Eingriffe motiviert und legitimiert wurden. Sie setzten an der Entstehungs-, der Verwendungs- und der Verteilungsseite des gesamtwirtschaftlichen Wohlstands, gemessen durch das Bruttoinlandsprodukt, an. Das Verteilungsziel strebte die Herstellung einer als gerecht empfundenen Verteilung der Einkommen und Vermögen an. Aus dem Bereich der Einkommensverwendung ließ sich das Ziel der konjunkturellen Stabilisierung herleiten, welches wiederum in die Unterziele eines stetigen Wirtschaftswachstums, der Vollbeschäftigung, der Preisniveaustabilität und des Zahlungsbilanzausgleichs aufgegliedert wurde. Auf der Entstehungsseite war schließlich das Ziel zur Herstellung allokativer Effizienz angesiedelt, das die bestmögliche Verwendung der knappen Ressourcen sicherstellen sollte und damit implizit auch eine Rechtfertigung für den Schutz der natürlichen Umwelt enthielt. Als zentrale wirtschaftspolitische Aufgabe wurde in diesem Segment die Korrektur sogenannter Marktfehler angesehen, wozu die Verhinderung monopolistischer Marktstrukturen einerseits und andererseits eine Regulierung von Märkten mit Externalitäten, asymmetrischen Informationen, zunehmenden Skalenerträgen oder sonstigen Abweichungen vom Idealbild des vollkommenen Marktes gezählt wurden.

Es soll in dem Projekt nun nachvollzogen werden, wie spätestens seit den 1970er Jahren ein Prozess einsetzte, der bis zum Beginn der 2000er Jahre dazu führte, dass fast alle der oben genannten Gründe für wirtschaftspolitische Eingriffe an Bedeutung verloren. Am Schluss blieb lediglich das Ziel des Wirtschaftswachstums übrig, das vor allem als Ausdruck allokativer Effizienz interpretiert wurde. Diese Entwicklung vollzog sich sukzessive und in mehreren Etappen – ausgehend von der Forschung über die Lehre bis hin zur politischen Praxis. Zunächst fanden in der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung zunehmende Arbeiten Verbreitung, die eine Unterordnung der übrigen Ziele unter das Ziel des Wirtschaftswachstums begünstigten und die Effizienz des (unregulierten) Marktes in den Vordergrund stellten. Über Veränderungen der wirtschaftswissenschaftlichen Lehrbücher und des wirtschaftswissenschaftlichen Curriculums wurde das neue Paradigma, welches die normativen Grundlagen der Wirtschaftspolitik immer weiter verengte, über Jahrzehnte für Generationen von Studierenden prägend. Schließlich diffundierte es auch in die politische Praxis und begünstigte dort die Politik einer allgemeinen Marktliberalisierung, die sowohl die Globalisierung der Güter- und Kapitalmärkte wie auch die Privatisierung und Deregulierung einzelner Wirtschaftssektoren motivierte.

Literatur
Klump, R. / Pilz, L. (2018), “Durch Eigennnutz zum Gemeinwohl: Individualisierung, Reformation und der „Geist des Kapitalismus“, Working Paper 01/2018, Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Frankfurt am Main. 
Wörsdorfer , M. (2011), ”On the Affiliation of Phenomenology and Ordoliberalism: Links between Edmund Husserl, Rudolf Eucken and Walter Eucken”, European Journal of the History of Economic Thought, 18, 5521-578. 
Wörsdörfer , M. (2014), ”Inside the ‘Homo Oeconomicus Brain’: Towards a Reform of the Economics Curriculum?”, Journal of Business Ethics Education, 11, 1-36.

Internationaler Workshop
3. Juli 2019
Normative Economic Policy: Past Experience and Future Challenges

Online Event
11. Dezember 2020
Normative Economic Policy

Aktuelles aus dem Forschungszentrum

Veranstaltung
18.04.2026 | Frankfurt am Main

Das Prinzip Donald Trump und die Verrohung der Welt

Podiumsdiskussion, Vortrag

Ein neuer Politikstil macht international Karriere. Er ist gekennzeichnet von Vulgarität, Verrohung und erklärter Rechtsfeindschaft. Machtinteressen werden nicht mehr juristisch bemäntelt. Stattdessen wird das angebliche Recht des Stärkeren zur Staatsdoktrin gemacht – innenpolitisch wie außenpolitisch. Treibende Kraft hinter dieser Verrohung der politischen Sitten ist ein US-Präsident, der nicht nur die amerikanische Gesellschaft und Kultur, sondern auch die globale Ordnung nach seinen Vorstellungen und Interessen umgestaltet. Die Römerberggespräche wollen diesen Politikstil verstehen.

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Veranstaltung
29.04.2026 | Frankfurt am Main

Kulturindustrie heute?

Podiumsdiskussion

Das Gespräch „Kulturindustrie heute?“ widmet sich der Aktualität und Tragfähigkeit eines zentralen Begriffs der Kritischen Theorie. Die Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch diskutiert im Rahmen der Gesprächsreihe "Frankfurter Schule" mit dem Filmkritiker Bert Rebhandl die gegenwärtigen Formen kultureller Produktion und Verbreitung vor dem Hintergrund von Digitalisierung, Plattformen und globalen Medienmärkten.

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News
19.02.2026

Call for Applications – Postdoctoral Fellowships

Am Forschungszentrum Normative Ordnungen sind für das akademische Jahr 2026/2027 mehrere Postdoctoral Fellowships mit einer Laufzeit von 10 Monaten (Beginn: 1. Oktober 2026) ausgeschrieben. Bewerbungsschluss für alle Programme ist der 15. März 2026.

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Veranstaltung
20.03.2026 | Frankfurt am Main

40 Jahre Schengen-Raum

Kolloqium

Der 1984 geschlossene Schengen-Vertrag schuf einen heute 29 Staaten umfassenden Raum ohne Binnengrenzen, doch Migration über die Außengrenzen führte zuletzt zur Wiedereinführung von Kontrollen, auch durch die Bundesregierung ab 8. Mai 2025. Das Walter Hallstein-Kolloquium diskutiert die rechtliche Zulässigkeit, wirtschaftliche Folgen insbesondere für Arbeitsmigration und Arbeitsmarkt sowie die Zukunft des Schengen-Raums.

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News
12.02.2026

Satanistische Politik und der Niedergang der Vernunft in liberalen Demokratien

Ein letztes Mal im Wintersemester 2025/26 lud das Forschungszentrum zur Ringvorlesung „Am Scheidepunkt. Zur Krise der Demokratie“. Zum Abschluss hat der Philosoph Michael Rosen von der Harvard University sein Konzept der „satanic politics“ als eine Variante der politischen Deutung der Welt vorgestellt.

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News
09.02.2026

Zur Aktualität des Gewaltbegriffs anhand von Camus und Derrida

Prof. Dr. Christine Abbt von der Universität St. Gallen hat im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ einen Vortrag über Demokratien und den Gewaltbegriff gehalten. Unter dem Titel „Demokratien verteidigen. Zur Aktualität des Gewaltbegriffs bei Camus und Derrida“ besprach die Philosophin Formen von Gewalt und Revolte und ordnete diese im Hinblick auf ein demokratisches Setting ein.

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Publikation
04.02.2026 | Zeitschriftenartikel

New Perspectives on Trust in International Conflicts

Wille, Tobias; Simon, Hendrik; Daase, Christopher; Deitelhoff, Nicole; Wheeler, Nicholas J.; Holmes, Marcus; Rathbun, Brian C.; Acharya, Amitav; Mitzen, Jennifer (2026): „New Perspectives on Trust in International Conflicts“. In: International Studies Review 28 (1), viaf027. 

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News
02.02.2026

Staatlicher Wettbewerb um Menschen – David Owen über civil geopolitics

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt – Zur Zukunft der Demokratie“ präsentierte David Owen von der Universität Southampton sein Konzept der civil geopolitics.

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News
20.01.2026

Christine Hentschel über Neuorientierungen in katastrophischen Zeiten

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ sprach die Soziologin über das Leben in und den Umgang mit katastrophischen Zeiten. Vor dem Hintergrund der Zerstörung der Lebensbedingungen, Kriegen, dauerhafter Krisenhaftigkeit sowie der Bedrohungen der Demokratie widmete sich Hentschel dem Einsickern des Katastrophischen in den gesellschaftlichen Alltag und einem sich verändernden aktivistischen und literarischen Umgang mit der Zukunft.

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