Christine Hentschel über Neuorientierungen in katastrophischen Zeiten
Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ sprach die Soziologin über das Leben in und den Umgang mit katastrophischen Zeiten. Vor dem Hintergrund der Zerstörung der Lebensbedingungen, Kriegen, dauerhafter Krisenhaftigkeit sowie der Bedrohungen der Demokratie widmete sich Hentschel dem Einsickern des Katastrophischen in den gesellschaftlichen Alltag und einem sich verändernden aktivistischen und literarischen Umgang mit der Zukunft.




Unter Zuhilfenahme soziologischer Theorien, Affect Studies, Psychoanalyse und Philosophie analysierte die Soziologin von der Universität Hamburg verschiedene Modi der Reaktion auf das Katastrophische: das Wegschieben und Verleugnen der Krisen sowie der Neuorientierung und Suche nach einem offenen Zukunftshorizont. Es handele sich jeweils um Extreme, die aber wichtige Funktionen erfüllten.
„Auf der einen Seite geht es darum, die Zukunft wieder zu öffnen, sie uns anzueignen, als ein langfristiges Projekt zu begreifen, um das sich zu kämpfen lohnt. Auf der anderen Seite der Appell, erstmal richtig in den Abgrund zu schauen und von dort aus weiterzudenken. Und ich glaube, wir brauchen beide Extreme.“
An diese beiden Modi anschließend nahm Hentschel den Aktivismus und die Literatur als zwei Genres in den Blick, die affektiv und imaginativ eine andere zeitliche Orientierung entwerfen. Der Aktivismus, vor allem der „Endzeitaktivismus“ mit seiner apokalyptischen Sprache und dem Versuch, Mobilisierung über den Umweg des bevorstehenden katastrophalen Endes zu erreichen, habe an (Schreck-)Kraft verloren. Jetzt gehe es um praktischere Fragen, ein „Handanlegen an die Katastrophe“, so Hentschel. Im literarischen Bereich bezog sich die Wissenschaftlerin vor allem auf den Debütroman „Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft“ von Fiona Sironic, in dem Verlust- und Zerstörungserfahrungen omnipräsent sind. Doch neben dem Überleben in einer kaputten Zukunft sei es besonders das funktionale, solidarische Beziehungsleben innerhalb dieses Szenarios, das Hentschel in ihrem Vortrag in den Fokus rückte.
Diese Zugänge des Aktivistischen und Literarischen fokussierten ein praktisches Handanlegen und weniger einen emotionalen – u. a. trauernden und spirituellen – Zugang zur Katastrophe. Es formiere sich laut Hentschel ein Feld der Desasterbearbeitung von unten. Eine Soziologie in katastrophischen Zeiten untersuche Bearbeitungsmodi gegenwärtiger und zukünftiger Notlagen, Vergemeinschaftungen, Gefühlsstrukturen und Imaginationen, führte Hentschel zum Abschluss ihres Vortrags aus. Sie plädierte für eine präparative Demokratie, die im Jetzt Strukturen aufbaut, welche den Schutz von Menschen in der Zukunft in den Blick nimmt: Eine Vorbereitung auf schlechte Zeiten und das Wahr- und Ernstnehmen der Herausforderungen für die Demokratie in einer katastrophischen Zukunft.