20.01.2026

Christine Hentschel über Neuorientierungen in katastrophischen Zeiten

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ sprach die Soziologin über das Leben in und den Umgang mit katastrophischen Zeiten. Vor dem Hintergrund der Zerstörung der Lebensbedingungen, Kriegen, dauerhafter Krisenhaftigkeit sowie der Bedrohungen der Demokratie widmete sich Hentschel dem Einsickern des Katastrophischen in den gesellschaftlichen Alltag und einem sich verändernden aktivistischen und literarischen Umgang mit der Zukunft.

Unter Zuhilfenahme soziologischer Theorien, Affect Studies, Psychoanalyse und Philosophie analysierte die Soziologin von der Universität Hamburg verschiedene Modi der Reaktion auf das Katastrophische: das Wegschieben und Verleugnen der Krisen sowie der Neuorientierung und Suche nach einem offenen Zukunftshorizont. Es handele sich jeweils um Extreme, die aber wichtige Funktionen erfüllten.

„Auf der einen Seite geht es darum, die Zukunft wieder zu öffnen, sie uns anzueignen, als ein langfristiges Projekt zu begreifen, um das sich zu kämpfen lohnt. Auf der anderen Seite der Appell, erstmal richtig in den Abgrund zu schauen und von dort aus weiterzudenken. Und ich glaube, wir brauchen beide Extreme.“

An diese beiden Modi anschließend nahm Hentschel den Aktivismus und die Literatur als zwei Genres in den Blick, die affektiv und imaginativ eine andere zeitliche Orientierung entwerfen. Der Aktivismus, vor allem der „Endzeitaktivismus“ mit seiner apokalyptischen Sprache und dem Versuch, Mobilisierung über den Umweg des bevorstehenden katastrophalen Endes zu erreichen, habe an (Schreck-)Kraft verloren. Jetzt gehe es um praktischere Fragen, ein „Handanlegen an die Katastrophe“, so Hentschel. Im literarischen Bereich bezog sich die Wissenschaftlerin vor allem auf den Debütroman „Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft“ von Fiona Sironic, in dem Verlust- und Zerstörungserfahrungen omnipräsent sind. Doch neben dem Überleben in einer kaputten Zukunft sei es besonders das funktionale, solidarische Beziehungsleben innerhalb dieses Szenarios, das Hentschel in ihrem Vortrag in den Fokus rückte.

Diese Zugänge des Aktivistischen und Literarischen fokussierten ein praktisches Handanlegen und weniger einen emotionalen – u. a. trauernden und spirituellen – Zugang zur Katastrophe. Es formiere sich laut Hentschel ein Feld der Desasterbearbeitung von unten. Eine Soziologie in katastrophischen Zeiten untersuche Bearbeitungsmodi gegenwärtiger und zukünftiger Notlagen, Vergemeinschaftungen, Gefühlsstrukturen und Imaginationen, führte Hentschel zum Abschluss ihres Vortrags aus. Sie plädierte für eine präparative Demokratie, die im Jetzt Strukturen aufbaut, welche den Schutz von Menschen in der Zukunft in den Blick nimmt: Eine Vorbereitung auf schlechte Zeiten und das Wahr- und Ernstnehmen der Herausforderungen für die Demokratie in einer katastrophischen Zukunft.

Aktuelles aus dem Forschungszentrum

Veranstaltung
18.04.2026 | Frankfurt am Main

Das Prinzip Donald Trump und die Verrohung der Welt

Podiumsdiskussion, Vortrag

Ein neuer Politikstil macht international Karriere. Er ist gekennzeichnet von Vulgarität, Verrohung und erklärter Rechtsfeindschaft. Machtinteressen werden nicht mehr juristisch bemäntelt. Stattdessen wird das angebliche Recht des Stärkeren zur Staatsdoktrin gemacht – innenpolitisch wie außenpolitisch. Treibende Kraft hinter dieser Verrohung der politischen Sitten ist ein US-Präsident, der nicht nur die amerikanische Gesellschaft und Kultur, sondern auch die globale Ordnung nach seinen Vorstellungen und Interessen umgestaltet. Die Römerberggespräche wollen diesen Politikstil verstehen.

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Veranstaltung
29.04.2026 | Frankfurt am Main

Kulturindustrie heute?

Podiumsdiskussion

Das Gespräch „Kulturindustrie heute?“ widmet sich der Aktualität und Tragfähigkeit eines zentralen Begriffs der Kritischen Theorie. Die Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch diskutiert im Rahmen der Gesprächsreihe "Frankfurter Schule" mit dem Filmkritiker Bert Rebhandl die gegenwärtigen Formen kultureller Produktion und Verbreitung vor dem Hintergrund von Digitalisierung, Plattformen und globalen Medienmärkten.

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News
19.02.2026

Call for Applications – Postdoctoral Fellowships

Am Forschungszentrum Normative Ordnungen sind für das akademische Jahr 2026/2027 mehrere Postdoctoral Fellowships mit einer Laufzeit von 10 Monaten (Beginn: 1. Oktober 2026) ausgeschrieben. Bewerbungsschluss für alle Programme ist der 15. März 2026.

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Veranstaltung
20.03.2026 | Frankfurt am Main

40 Jahre Schengen-Raum

Kolloqium

Der 1984 geschlossene Schengen-Vertrag schuf einen heute 29 Staaten umfassenden Raum ohne Binnengrenzen, doch Migration über die Außengrenzen führte zuletzt zur Wiedereinführung von Kontrollen, auch durch die Bundesregierung ab 8. Mai 2025. Das Walter Hallstein-Kolloquium diskutiert die rechtliche Zulässigkeit, wirtschaftliche Folgen insbesondere für Arbeitsmigration und Arbeitsmarkt sowie die Zukunft des Schengen-Raums.

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News
12.02.2026

Satanistische Politik und der Niedergang der Vernunft in liberalen Demokratien

Ein letztes Mal im Wintersemester 2025/26 lud das Forschungszentrum zur Ringvorlesung „Am Scheidepunkt. Zur Krise der Demokratie“. Zum Abschluss hat der Philosoph Michael Rosen von der Harvard University sein Konzept der „satanic politics“ als eine Variante der politischen Deutung der Welt vorgestellt.

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News
09.02.2026

Zur Aktualität des Gewaltbegriffs anhand von Camus und Derrida

Prof. Dr. Christine Abbt von der Universität St. Gallen hat im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ einen Vortrag über Demokratien und den Gewaltbegriff gehalten. Unter dem Titel „Demokratien verteidigen. Zur Aktualität des Gewaltbegriffs bei Camus und Derrida“ besprach die Philosophin Formen von Gewalt und Revolte und ordnete diese im Hinblick auf ein demokratisches Setting ein.

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Publikation
04.02.2026 | Zeitschriftenartikel

New Perspectives on Trust in International Conflicts

Wille, Tobias; Simon, Hendrik; Daase, Christopher; Deitelhoff, Nicole; Wheeler, Nicholas J.; Holmes, Marcus; Rathbun, Brian C.; Acharya, Amitav; Mitzen, Jennifer (2026): „New Perspectives on Trust in International Conflicts“. In: International Studies Review 28 (1), viaf027. 

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News
02.02.2026

Staatlicher Wettbewerb um Menschen – David Owen über civil geopolitics

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt – Zur Zukunft der Demokratie“ präsentierte David Owen von der Universität Southampton sein Konzept der civil geopolitics.

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News
20.01.2026

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