Fellow (ehemalig)

Lucy Jeannette Bermúdez Bermúdez

Magistrada / Bundesrichterin am kolumbianischen Bundesverwaltungsgericht (Consejo de Estado, Colombia)

Forschungsprojekt:
Der Friedensprozess und das demokratische System in Kolumbien: Die Rolle der Wahlgerichtsbarkeit im Postkonflikt

Abstract
Die Unterzeichnung des Endabkommens über die Beendigung des Konflikts und den Aufbau eines stabilen und dauerhaften Friedens zwischen der kolumbianischen Regierung und der FARC Guerrilla führte zu einer Veränderung des Rahmens, in dem sich soziale Konflikte im Land entwickeln.
Die Demokratie ersetzt die Schlachtfelder, auf denen in der Vergangenheit Waffengewalt herrschte, indem sie institutionelle Kanäle zur Lenkung von Protesten und sozialen Forderungen als unabdingbare Voraussetzung für die Aufrechterhaltung von friedlicher Koexistenz innerhalb jeder Gesellschaft wiederherstellt.

Das ist keine geringe Errungenschaft, denn auf diese Weise wurde ein bewaffneter Konflikt beendet, der nicht nur über ein halbes Jahrhundert bestand, sondern auch über 8.376.843 Opfer forderte, die nun alle Wahrheit, Gerechtigkeit, Wiedergutmachung und Nichtwiederholung fordern. Somit wird eine der grausamsten Phasen der kolumbianischen Gewalt beendet, jenes charakteristischen Merkmals der republikanischen Geschichte, das jedoch seinen Ursprung in der Ankunft der spanischen „Eroberer“ auf dem Territorium im Jahr 1499 hat.
Der Aufbau und die Festigung des Friedens in Kolumbien läuft also durch die Stärkung des demokratischen Systems als Substitutionssphäre des gewaltsamen Konflikts; das Ziel der „Demokratischen Öffnung zur Schaffung des Friedens“ (als zweitem Aspekt des Abkommens von Havanna) befördert nicht nur die quantitative Erweiterung, sondern die grundlegende Qualifizierung (Vertiefung) dieser demokratischen Öffnung über Wahlen hinaus, indem es die Qualität derjenigen, die sich in der Vergangenheit außerhalb der zivilgesellschaftlichen Sphäre befanden, als politische Subjekte anerkennt.

Diese beiden Ansätze – Erweiterung und Qualifizierung – des demokratischen Prinzips realisieren sich mit der Unterzeichnung des Friedenspakts einerseits durch die Verstärkung von affirmativen Maßnahmen mit geschlechtsspezifischem Fokus, die zu einer gewissen politische Gleichheit der  Geschlechter führen, und andererseits, durch die Schaffung eines normativen Rahmens, den Status quo des Wahlregimes verändert, indem er unter anderem die Kosten der Gründung von politischen Parteien und Bewegungen verringert, die Entstehung neuer Wahlbehörden befördert und die Ausübung politischer Opposition reguliert.

Diese Änderungen des kolumbianischen Wahlregimes stellen die Wahlgerichtsbarkeit vor neue Herausforderungen, deren Aufgabe es in diesem neuen Szenario sein wird, das „Bollwerk“ des Abkommens – nämlich das demokratische Prinzip – zu schützen. Einerseits soll sie die Einhaltung der Verpflichtungen zu einer geschlechtlich gleichberechtigten Demokratie garantieren, und andererseits muss sie sich an die neuen rechtlichen Rahmenbedingungen anpassen.

Die Demokratie wird zum Epizentrum für den Aufbau eines stabilen und dauerhaften Friedens, und die Rolle des Wahlrichters muss gerade darin bestehen, die Mindestbedingungen für ihre Umsetzung aufrechtzuerhalten, so dass sich in diesem friedlichen Kontext soziale Forderungen entwickeln können, die sich in der Vergangenheit des Kriegs als Protestmittel bedient haben. Die Funktion der Wahlgerichtsbarkeit zeigt sich damit primär in der Erhaltung der Voraussetzungen für die Ausübung der Demokratie, als Grundlage für die Entwicklung einer politischen Debattenkultur, wie sie charakteristisch ist für das Übergangsregime, das die Unterzeichnung des Abkommens begründete.

Der Wahlrichter ist Garant für die Forderungen, die sich aus der Unterzeichnung des Abkommens von Havanna ergeben und auf das demokratische System des Landes auswirken, so dass seine Rechtsprechung zweifellos über den justiziellen Bereich hinausgehen und die politische Dynamik – ihre Ausübung und Konsolidierung – beeinflussen wird.

Die Wahrung der Demokratie ist jedoch keine exklusive Aufgabe dieser spezialisierten Gerichtsbarkeit, sondern erstreckt sich vielmehr auf verschiedene Justizorgane in Kolumbien, insbesondere auf die Sondergerichtsbarkeit für den Frieden, die durch den Havanna-Pakt geschaffen wurde. Deren Aufgabe ist die Untersuchung und Aburteilung von Verbrechen während des bewaffneten Bürgerkrieges, wobei eine Verurteilung die politische Partizipation der Verurteilten nicht ausschließt oder einschränkt.

Die Konstruktion des Abkommens wird also als Schlüssel für die Demokratie verstanden – als Grundwerterahmen, der von den Wahlrichtern zu wahren ist, aber in gleicher Form auch von der entstehenden Gerichtsbarkeit, die für die Übergangsinstrumente zuständig ist.

Veranstaltungen:
Donnerstag, 8. November 2018, 18 Uhr
Öffentlicher Vortrag: Der Friedensprozess und das demokratische System in Kolumbien: Die Rolle der Wahlgerichtsbarkeit im Postkonflikt

Freitag, 9. November 2018, 13.45 Uhr
Vortrag im Seminar „Zeitgenössisches politisches Denken“ an der American University of Paris
The Peace Process and Democratic System in Colombia: The Role of Electoral Jurisdiction in Post-Conflict Situations

Mittwoch, 14. November 2018, 14 Uhr
Vortrag im Ibero-Amerikanischen Kolloquium am Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht
Der Friedensprozess in Kolumbien. Fortschritt und Herausforderungen aus der Sicht des Staatsrates

  • Biografische Angaben

    Lucy Jeannette Bermúdez Bermúdez studierte Rechtswissenschaften an der Universidad La Gran Colombia (Bogotá) und spezialisierte sich auf Strafrecht und Kriminologie an der Universidad Santo Tomás (Bogotá). Seit 2013 ist sie Bundesrichterin in Kolumbien (Consejo de Estado), wo sie wichtige Prozesse leitete wie zum Beispiel die Nichtigkeitsklage gegen die Ergebnisse der Volksabstimmung für den Frieden in Kolumbien und derzeit die Nichtigkeitsklage gegen die Wahl zum Senat der Republik 2018-2022.  Bevor sie Bundesrichterin wurde, hatte sie verschiedene Positionen als Staatsanwältin inne. Zudem war sie unter anderem Vizepräsidentin der Nationalen Kommission für Kontrolle und Wahlangelegenheiten der Generalstaatsanwaltschaft und Richterin am Nationalen Wahlrat und am Staatsrat. Sie lehrte an verschiedenen Universitäten wie der Universidad Libre de Colombia, dem Colegio Mayor de Nuestra Señora del Rosario und der Universidad Sergio Arboleda. Daneben fungierte sie als Beraterin für Fragen des Wahlrechts, der vertraglichen und außervertraglichen Haftung des Staates, des Disziplinarrechts und der Vermögenshaftung öffentlicher Bediensteter. Lucy Jeannette Bermúdez Bermúdez ist Autorin zahlreicher Artikel und Forschungsarbeiten zu verschiedenen Themen – unter anderem zu Fragen der öffentlichen Verteidigung, der Schlichtung, der Wahlverbrechen, des Wahlprozesses und der Wahlkontrolle.

  • Publikationen

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Aktuelles aus dem Forschungszentrum

Veranstaltung
28./29.05.2026 | Frankfurt am Main

Global Health Justice: Principles and Practice

Konferenz

Following the research focus of the Global Health Justice Postdoctoral Programme, the "Global Health Justice: Principles and Practice" conference places a particular emphasis on themes such as the human right to health, political activism and health justice issues, and problems of structural injustice and vulnerable populations in health care. Keynote lectures by Jonathan Wolff, Kanchana Mahadevan, and Caesar Atuire.

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Publikation
26.03.2026 | Monographie

The Cambridge History of Latin American Law in Global Perspective

Duve, Thomas; Herzog, Tamar (eds.): The Cambridge History of Latin American Law in Global Perspective, Cambridge: Cambridge University Press, 2024 (portugiesisch 2025; spanisch 2026).

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Publikation
26.03.2026 | Monographie

Rechtsgeschichte des frühneuzeitlichen Hispanoamerika

Duve, Thomas; Egío, José Luis  (2023): Rechtsgeschichte des frühneuzeitlichen Hispanoamerika, Berlin: De Gruyter, 2023.

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Veranstaltung
18.04.2026 | Frankfurt am Main

Das Prinzip Donald Trump und die Verrohung der Welt

Podiumsdiskussion, Vortrag

Ein neuer Politikstil macht international Karriere. Er ist gekennzeichnet von Vulgarität, Verrohung und erklärter Rechtsfeindschaft. Machtinteressen werden nicht mehr juristisch bemäntelt. Stattdessen wird das angebliche Recht des Stärkeren zur Staatsdoktrin gemacht – innenpolitisch wie außenpolitisch. Treibende Kraft hinter dieser Verrohung der politischen Sitten ist ein US-Präsident, der nicht nur die amerikanische Gesellschaft und Kultur, sondern auch die globale Ordnung nach seinen Vorstellungen und Interessen umgestaltet. Die Römerberggespräche wollen diesen Politikstil verstehen.

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Veranstaltung
14.07.2026 | Frankfurt am Main

Democracy Over Time and the Climate Crisis

Ringvorlesungen

Vortrag von Anja Karnein (Binghamton). Die Vortragsreihe untersucht Fragen der Klimakrise als Herausforderungen für demokratische Gesellschaften und konzentriert sich auf Themen wie politische Legitimität, Widerstand gegen fossile Brennstoffe und die Interessen künftiger Generationen. Sie wird organisiert von Prof. Dr. Darrel Moellendorf und Dr. Lukas Sparenborg.

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Veranstaltung
10.06.2026 | Frankfurt am Main

Capital Investment, Inequality, and State Power in a Time of Climate Emergency

Ringvorlesungen, Vortrag

Vortrag von MartinO'Neill (University of York). Die Vortragsreihe untersucht Fragen der Klimakrise als Herausforderungen für demokratische Gesellschaften und konzentriert sich auf Themen wie politische Legitimität, Widerstand gegen fossile Brennstoffe und die Interessen künftiger Generationen. Sie wird organisiert von Prof. Dr. Darrel Moellendorf und Dr. Lukas Sparenborg.

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Veranstaltung
13.05.2026 | Frankfurt am Main

Failed States and Cloudy skies: Tipping Points, Overshoot and Permanent Emergency, after America

Ringvorlesungen

Vortrag von Geoff Mann (Simon Fraser University, Canada). Die Vortragsreihe untersucht Fragen der Klimakrise als Herausforderungen für demokratische Gesellschaften und konzentriert sich auf Themen wie politische Legitimität, Widerstand gegen fossile Brennstoffe und die Interessen künftiger Generationen. Sie wird organisiert von Prof. Dr. Darrel Moellendorf und Dr. Lukas Sparenborg.

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Veranstaltung
22.04.2026 | Frankfurt am Main

Political Legitimacy, Authoritarianism, and Climate Change

Ringvorlesungen, Vortrag

Vortrag von Ross Mittiga (SOAS London). Die Ringvorlesung "Der Klimawandel: Von ökologischen zu demokratischen Kipppunkten?" untersucht Fragen der Klimakrise als Herausforderungen für demokratische Gesellschaften und konzentriert sich auf Themen wie politische Legitimität, Widerstand gegen fossile Brennstoffe und die Interessen künftiger Generationen. Sie wird organisiert von Prof. Dr. Darrel Moellendorf und Dr. Lukas Sparenborg.

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News
17.03.2026

Kommunikative Vernunft. Zum Tod von Jürgen Habermas

Von Rainer Forst und Klaus Günther. Mit Jürgen Habermas verlieren wir einen unvergleichlichen, weltweit die Geistes- und Sozialwissenschaften über viele Jahrzehnte prägenden Gelehrten und engagierten Intellektuellen, der, wie er selbst anlässlich seiner Rede zu seinem 90. Geburtstag an der Goethe-Universität sagte, an dieser Universität drei glückliche Phasen seines akademischen Lebens erfahren hat. Er hat auch nach seiner Emeritierung an vielen unserer Diskussionen am Zentrum Normative Ordnungen aktiv teilgenommen, und seine Theorie war für uns stets ein zentraler Bezugspunkt der Forschung. Wir selbst verlieren unseren wichtigsten akademischen Lehrer, der uns über die Jahrzehnte hinweg freundschaftlich verbunden war.

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