Die normative Ordnung des Internets

Dr. Matthias C. Kettemann

Das Internet ist kein rechtsfreier Raum: Doch was können Staatsrecht, Europarecht, Völkerrecht und nichtstaatliche, transnationale und hybride Regelungsarrangements angesichts politischer Polarisierung zwischen Internetfreiheit und Cybersicherheit, der Monopolisierung von Diskursmacht bei wenigen Unternehmen und dem Bedeutungswandel klassischer völkerrechtlicher Prinzipien wie Souveränität leisten? Das Forschungsprojekt „Die normative Ordnung des Internets“ erforscht vor der Folie der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Auswirkungen der Informations- und Kommunikationstechnologien die Grundlagen für die Herausbildung der normativen Ordnung des Internets.

Ausgehend von der Feststellung, dass das Internet voller Normen ist, die einer Ordnung entkleidet scheinen, von verschiedenen Akteuren gesetzt wurden, teils formal nicht bindend, dennoch aber wirkmächtig sind, stellen die während der Laufzeit angestellten Forschungen ein Ordnungsprojekt dar: einen Gegenentwurf zu Konzepten wie dem Internet als „Wilden Westen“, aber auch zu überschießender staatlicher Regulierung. Zunächst arbeitete das Projekt Grundfragen der normativen Ordnung des Internets auf und analysierte grundlegende Prinzipien und Prozesse der normativen Entwicklung im Internet. Als Grundkonflikt der normativen Ordnung des Internets wurden die widerstrebenden Interessen verschiedener Stakeholder in der Implementierung des Regelungsziels der Internet Governance (i.e. der Sicherung eines stabilen, funktionsfähigen Internets als Vorbedingung einer menschenzentrierten, entwicklungsorientierten Informationsgesellschaft) identifiziert.
Nach dieser Grundlegung identifizierte das Projekt die normativen und faktischen Frakturen in der Gestaltung und Entwicklung des Internets und die normativen und faktischen Kräfte, die zu einer normativen Unordnung („normative disorder“) im Internet beitragen. Sowohl Staaten als auch Unternehmen und Gerichte können „agents of disorder“ sein; die Entwicklung eines zunehmen privatisierten Internets ist ebenfalls eine Zentrifugalkraft.

Die zentralen Forschungsleistung des Projekts bestand darin, bestehende Ansätze, die zur Erklärung der Normendynamik und -heterarchie im Internet in Anschlag gebracht werden, kritisch zu hinterfragen. Dazu gehören Systemtheorie (Luhmann, Teubner), Konstitutionalisierungsansätze (Fischer-Lescano/Teubner), transnationales Recht (Viellechner, Calliess); Rechtspluralismus (Seinecke); Multinormativität (Günther); Netzwerk- und Medientheorie (Vesting); Interoperabilitätsansätze (Palfrey, Gasser, Weber); Massive Online Micro Justice (De Werra); Konfliktstudien (Mueller); Infrastrukturalisierung (DeNardis) und Sozialvertragsansätze (Weber).
Aufbauend auf einer kritischen Normentheorie hat sich das Projekt zum Ziel gesetzt, eine nichtfragmentierte Ordnung für das Internet (einen „Nomos“) zu entwerfen, der verschiedene „Narrative“ enthält, die sich unterschiedliche Stakeholdergruppen zu eigen machen (können). Mit Descombes wird zwischen institutionsgebender und verfassungsgebender Macht (bzw. instituierter und konstituierter Normativität) unterschieden. Diese Unterscheidung entfaltet ebenso Relevanz wie die zentrale Funktion von Internetfreiheit und Cybersicherheit als Pole des einheitlichen Nomos des Internets.

In einem letzten staatsrechtlich orientierten Teil entwickelt die Arbeit einen Ansatz, wie die Normen, die aus der normativen Ordnung des Internets als Normverbund entfließen, innerstaatlich integriert werden können. Staatliche Rechtsordnungen können, so wird gezeigt, transnationale Regelungsarrangements verfassen und neben staatlichem und durch Verfahren für ‚staatlich‘ erklärtem Recht besteht ein tertium.
Das Projekt trägt wichtige Erkenntnisse zum Forschungsprogramm des Clusters bei: Einmal untersucht es die Rolle von nichtraditionellen Autoritäten als Quellen von Normen in Multistakeholder-Umgebungen. Dies ermöglicht es auch, Fragen der Rechtfertigung und Rechtfertigbarkeit von normativen Arrangements zu beantworten. Anders als die frühe Kritik an der Rolle von Recht im Internet zeigt das Projekt, dass die multinormative Ordnung des Internets als einheitlicher Nomos begriffen werden kann, der verschiedene (Rechtfertigungs)Narrative speist. Das Forschungsprojekt ist dem Forschungsfeld III des Exzellenzclusters zuzuordnen. Die normative Ordnung des Internets lässt sich nur sinnvoll im Lichte der Konkurrenz, Überlagerung und Verflechtung mit anderen normativen Ordnungen begreifen. Insbesondere trägt das Projekt zu einem besseren Verständnis der im Internet vorherrschenden normativen Spannungsverhältnisse zwischen globaler und regionaler, staatlicher, staatsanaloger und privater Ordnungsbildung bei und stellt ein neues Modell der Legitimation der normativen Ordnung des Internets als einer legitimen überstaatlichen Ordnung vor (was besonders die in Teilbereichen 1 und 3 von FF3 aufgeworfenen Fragen berührt).

Die wichtigsten Veröffentlichungen des Projekts:

Kettemann, Matthias: „Menschenrechte im Multistakeholder-Zeitalter: Mehr Demokratie für das Internet“, ZFMR 1, 2016, pp.24-36

Kettemann, Matthias: Völkerrecht in Zeiten des Netzes: Perspektiven auf den effektiven Schutz von Grund- und Menschenrechten in der Informationsgesellschaft zwischen Völkerrecht, Europarecht und Staatsrecht, Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung, 2015. Online unter: http://library.fes.de/pdf-files/akademie/12068.pdf

Benedek, Wolfgang & Matthias Kettemann: Freedom of Expression on the Internet, Straßburg, 2014 (französische Übersetzung: 2015, ukrainische Übersetzung: 2016, türkische Übersetzung 2017)

Die wichtigsten Veranstaltungen und Kooperationen des Projekts:

Organisation eines großen Workshops am 6.-7. Juli 2017 zum Thema „Normative Orders of the Digital”, mit Prof. Peukert, Prof. Daase, Prof. Burchard.

Mitorganisation und thematische Leitung der Nachwuchskonferenz des Exzellenzclusters „Normative Ordnungen“ : Digital <Dis>Orders , 17.-19. November 2016.


Drei von mir organisierte Sessions im Rahmen von Europas einflussreichster Internet Governance-Konferenz „EuroDIG“: zu „Meinungsäußerungsfreiheit im Internet“ (Berlin, Juni 2014) , „Blocking Internet content“ (Brüssel, Juni 2016) und „Intermediaries and Human Rights: Between Co-opted Law Enforcement and Human Rights Protection“ (Brüssel, Juni 2016)

Wichtige Kooperationspartner im Cluster waren Prof. Kadelbach (PI) und Prof. Peukert (PI). Mit Prof. Peukert (PI), Prof. Daase (PI) und Prof. Burchard (PI) habe ich 2016 den Forschungsschwerpunkt Internet und Gesellschaft ins Leben gerufen, als dessen Co-Leiter ich fungiere. Schon 2015 habe ich gemeinsam mit Thorsten Thiel das Kolloquium für Internetforschung gegründet und war als wissenschaftliches Mitglied beteiligt am NETMundial-Prozess, der zentrale Prinzipien für das Internet entwickelte.

Ich gehöre mehreren internationalen Netzwerken im Bereich der Internetforschung an, die ich während der Cluster-Laufzeit vertieft und ausgebaut habe. Unter anderem bin ich Affiliate des Network of Excellence in Internet Science, National Expert des Internet & Jurisdiction Observatory, Co-Leiter des Arbeitskreises der ICANN At-Large-Structure Österreich (ÖCG), Experte für den Beirat der Europäischen Grundrechteagentur, Gutachter für den tschechischen und den südafrikanischen Forschungsfonds sowie für COST (für die Themen Internet und Menschenrechte) und Affiliated Faculty des Ostrom Workshop Program on Cybersecurity and Internet Governance der Indiana University. Hervorzuheben ist meine Bestimmung zum Rapporteur des Council of Europe Committee of Experts on Internet Intermediaries.

Ich bin Initiator und Mitgründer des Forschungsschwerpunkts Internet und Gesellschaft im Cluster und Co-Convener des Internetkolloquiums, der Flagship-Veranstaltungsreihe des Cluster zum Thema Internet, Politik und Recht. Ich habe mich über die gesamte Laufzeit an zentralen Veranstaltungslinien des Clusters und außeruniversitären Vorträgen und Veranstaltungen beteiligt: von Vorträgen im Internationalen Graduiertenprogramm und der Jahreskonferenz (Vortrag 2013 und Panelorganisation 2014) über die von mir mitorganisierte Nachwuchskonferenz 2016 zu „Digital <Dis>Orders“; von Vorträgen im Rahmen des „Lichter“-Filmfestival und der Biennale des bewegten Bildes über Vorträge im MAK; von einem Vortrag bei den Goethe Lectures Offenbach bis hin zur Vorstellung meines Forschungsgebietes vor Herrn Staatsminister Rhein anlässlich seines Cluster-Besuchs. Ich habe wichtige Beiträge zur kritischen Normenforschung in Frankfurt geleistet und das Thema Internet, Recht und Gesellschaft in Frankfurt am Cluster etabliert. Der Begriff der „normativen Ordnung des Internets“ ist meine Prägung während der Clusterlaufzeit und ist inzwischen international debattenleitend.

Aktuelles aus dem Forschungszentrum

Veranstaltung
18.04.2026 | Frankfurt am Main

Das Prinzip Donald Trump und die Verrohung der Welt

Podiumsdiskussion, Vortrag

Ein neuer Politikstil macht international Karriere. Er ist gekennzeichnet von Vulgarität, Verrohung und erklärter Rechtsfeindschaft. Machtinteressen werden nicht mehr juristisch bemäntelt. Stattdessen wird das angebliche Recht des Stärkeren zur Staatsdoktrin gemacht – innenpolitisch wie außenpolitisch. Treibende Kraft hinter dieser Verrohung der politischen Sitten ist ein US-Präsident, der nicht nur die amerikanische Gesellschaft und Kultur, sondern auch die globale Ordnung nach seinen Vorstellungen und Interessen umgestaltet. Die Römerberggespräche wollen diesen Politikstil verstehen.

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Veranstaltung
29.04.2026 | Frankfurt am Main

Kulturindustrie heute?

Podiumsdiskussion

Das Gespräch „Kulturindustrie heute?“ widmet sich der Aktualität und Tragfähigkeit eines zentralen Begriffs der Kritischen Theorie. Die Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch diskutiert im Rahmen der Gesprächsreihe "Frankfurter Schule" mit dem Filmkritiker Bert Rebhandl die gegenwärtigen Formen kultureller Produktion und Verbreitung vor dem Hintergrund von Digitalisierung, Plattformen und globalen Medienmärkten.

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News
19.02.2026

Call for Applications – Postdoctoral Fellowships

Am Forschungszentrum Normative Ordnungen sind für das akademische Jahr 2026/2027 mehrere Postdoctoral Fellowships mit einer Laufzeit von 10 Monaten (Beginn: 1. Oktober 2026) ausgeschrieben. Bewerbungsschluss für alle Programme ist der 15. März 2026.

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Veranstaltung
20.03.2026 | Frankfurt am Main

40 Jahre Schengen-Raum

Kolloqium

Der 1984 geschlossene Schengen-Vertrag schuf einen heute 29 Staaten umfassenden Raum ohne Binnengrenzen, doch Migration über die Außengrenzen führte zuletzt zur Wiedereinführung von Kontrollen, auch durch die Bundesregierung ab 8. Mai 2025. Das Walter Hallstein-Kolloquium diskutiert die rechtliche Zulässigkeit, wirtschaftliche Folgen insbesondere für Arbeitsmigration und Arbeitsmarkt sowie die Zukunft des Schengen-Raums.

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News
12.02.2026

Satanistische Politik und der Niedergang der Vernunft in liberalen Demokratien

Ein letztes Mal im Wintersemester 2025/26 lud das Forschungszentrum zur Ringvorlesung „Am Scheidepunkt. Zur Krise der Demokratie“. Zum Abschluss hat der Philosoph Michael Rosen von der Harvard University sein Konzept der „satanic politics“ als eine Variante der politischen Deutung der Welt vorgestellt.

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News
09.02.2026

Zur Aktualität des Gewaltbegriffs anhand von Camus und Derrida

Prof. Dr. Christine Abbt von der Universität St. Gallen hat im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ einen Vortrag über Demokratien und den Gewaltbegriff gehalten. Unter dem Titel „Demokratien verteidigen. Zur Aktualität des Gewaltbegriffs bei Camus und Derrida“ besprach die Philosophin Formen von Gewalt und Revolte und ordnete diese im Hinblick auf ein demokratisches Setting ein.

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Publikation
04.02.2026 | Zeitschriftenartikel

New Perspectives on Trust in International Conflicts

Wille, Tobias; Simon, Hendrik; Daase, Christopher; Deitelhoff, Nicole; Wheeler, Nicholas J.; Holmes, Marcus; Rathbun, Brian C.; Acharya, Amitav; Mitzen, Jennifer (2026): „New Perspectives on Trust in International Conflicts“. In: International Studies Review 28 (1), viaf027. 

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News
02.02.2026

Staatlicher Wettbewerb um Menschen – David Owen über civil geopolitics

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt – Zur Zukunft der Demokratie“ präsentierte David Owen von der Universität Southampton sein Konzept der civil geopolitics.

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News
20.01.2026

Christine Hentschel über Neuorientierungen in katastrophischen Zeiten

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ sprach die Soziologin über das Leben in und den Umgang mit katastrophischen Zeiten. Vor dem Hintergrund der Zerstörung der Lebensbedingungen, Kriegen, dauerhafter Krisenhaftigkeit sowie der Bedrohungen der Demokratie widmete sich Hentschel dem Einsickern des Katastrophischen in den gesellschaftlichen Alltag und einem sich verändernden aktivistischen und literarischen Umgang mit der Zukunft.

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