16.04.2026
Interview

„Zustimmung aus Begeisterung“

Früher setzten autoritäre Regime auf Zwang und Unterwerfung, heute ist das anders. Wie Donald Trump einen neuen Führungsstil geprägt hat, erklärt die Soziologin Vera King bei den Römerberggesprächen.

Frau King, Sie sind Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts und Professorin für Soziologie und psychoanalytische Sozialpsychologie an der Universität Frankfurt. Bei den Römerberggesprächen am Samstag werden Sie über den Politikstil von Donald Trump und über Phantasmen der Grandiosität im Autoritarismus sprechen. Was versteht man darunter?

Bei Phantasmen der Grandiosität handelt es sich um unrealistische Vorstellungen, die die eigenen Fähigkeiten betreffen. Diese Vorstellungen dienen dazu, die Wirklichkeit zu übertünchen, beispielsweise, um Angst und Defizitgefühle vor sich und anderen zu verbergen. Psychoanalytisch würde man von einem Abwehrmechanismus sprechen, der auch in der politischen Kommunikation eine Rolle spielen kann, um von Konflikten oder Krisen abzulenken.

Was ist die Funktion dieses neuen autoritären Politikstils, außer von Krisen abzulenken?

Die Inszenierung von Grandiosität dient der Stabilisierung von Macht und bindet die Anhängerschaft. Sie ermutigt oder legitimiert beispielsweise nie dagewesene Regelüberschreitungen, auch die Aggression gegenüber Personen oder Gruppen, die als Feinde markiert werden.

Worin liegt der Unterschied zu anderen autoritären Führungsstilen?

Wir sehen sozialpsychologisch andere Dynamiken der Anpassung an Machtverhältnisse: Bei der klassischen Form des Autoritarismus geht es primär um Unterwerfung, es wird Gehorsam gefordert und mit Strafe gedroht, während ein Politikstil, der auf Phantasmen der Grandiosität beruht, eine Illusion der Allmacht befördert. Diese Inszenierung erzeugt Zustimmung zum Machtverhältnis aus Begeisterung, nicht aus Zwang. In der Art und Weise, wie mobilisiert wird, ist das ein markanter Unterschied.

Und wie kam es dazu, dass dieser Führungsstil populär geworden ist?

Ein Aspekt ist, dass in unserer individualistischen Gesellschaft die Ausrichtung auf Leistungsdenken und Daueroptimierung eine größere Rolle spielt. Und umgekehrt auch Misserfolg und Scheitern individualistisch gedeutet werden. Da verfängt so ein Politikstil viel mehr. Er setzt am Bedürfnis an, großartige Erfolge zu haben, keine Scham und Defizite zu empfinden. Damit können sich viele Menschen identifizieren. Die politische Illusion der Grandiosität vermittelt ihnen, Teil von etwas ganz Großem zu sein. Am Scheitern sind andere schuld, die nicht dazugehören und „uns“ angeblich etwas wegnehmen. Das wäre übrigens eine ideologische Übereinstimmung mit dem klassischen Autoritären.

Wie viel politische Strategie steckt dahinter? Und wie viel passiert bei Akteuren wie Donald Trump vielleicht auch unbewusst?

Auf Personen bezogen lässt sich das von außen nicht final beurteilen. Aber man kann davon ausgehen, dass im politischen Kontext Grandiosität ein strategisches Mittel der Machtdemonstration ist. Natürlich funktioniert diese Inszenierung besser, wenn die Akteure selbst daran glauben.

Eins ist aber auf jeden Fall klar: Wenn bei diesem Politikstil Krisen geleugnet und andere als fremd markiert werden, überschreitet man mitunter auch moralische Grenzen.

Unbedingt. Das ist ein zentraler Effekt. Dieser Führungsstil erzeugt eine Art ethisches Vakuum, weil dadurch das Gefühl entsteht, es sei möglich und legitim, sich jenseits moralischer oder institutioneller Grenzen zu bewegen. Das ist etwas, was für manche diesen Politikstil gerade deshalb attraktiv macht. Politisch bedienter Größenwahn erzeugt moralische Entgrenzung.

Welche Rolle spielen die sozialen Medien dabei, die Trump ja auch nutzt, um zum Beispiel moralisch fragwürdige KI-generierte Bilder von ICE-Festnahmen zu veröffentlichen?

Über Social Media kann die Illusion direkter Verbundenheit oder gar Einheit von Führung und Followerschaft suggeriert werden. Das verstärkt das Identifikationspotential. Mir ist aber wichtig zu betonen: Bei diesem Politikstil geht es nicht einfach um einzelne Personen wie Donald Trump. Es ist relevanter zu verstehen, wie dieser Führungsstil an Bedeutung gewonnen hat. Obwohl solche Inszenierungen immer wieder Kopfschütteln hervorrufen oder Risse bekommen, sieht man: Sie funktionieren, erzeugen Faszination und generieren dauerhafte Aufmerksamkeit.

Was kann man dem entgegensetzen?

In den vergangenen Jahren ist sehr deutlich geworden, dass die emotionale Facette des Politischen eine große Rolle spielt. Das gilt es ernst zu nehmen, aber nicht mit Gegenemotionalisierung im Sinne einer Empörungskultur zu reagieren, sondern aufzuzeigen, welche Krisen und Probleme die Inszenierung von Grandiosität verdeckt. Natürlich geht es auch darum, politisch an konstruktiven Lösungen zu arbeiten, Ängste zu nehmen und dem Bild einer nur noch von Problemen verhangenen Demokratie entgegenzuwirken.

Die Fragen stellte Vanessa Fatho.

Die 59. Römerberggespräche zum Thema „Das Prinzip Donald Trump und die Verrohung der Welt“ finden am Samstag von 10 bis 17 Uhr im Schauspiel Frankfurt statt. Der Eintritt ist frei.

Aktuelles aus dem Forschungszentrum

Veranstaltung
04.05.2026 | Frankfurt

Meinungsfreiheit, Meinungsvielfalt und Verantwortung für die Demokratie: Wie gestalten Medien neue Räume für Debatten und Teilhabe?

Podiumsdiskussion

Im Rahmen der Woche der Meinungsfreiheit 2026 laden die World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026 in Kooperation mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels, dem Hessischen Rundfunk, der Stiftung Polytechnische Gesellschaft und dem Forschungszentrum Normative Ordnungen der Goethe-Universität herzlich zu einer Diskussionsveranstaltung am 4. Mai 2026 in den WDC-Hub im Museum Angewandte Kunst Frankfurt ein.

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Veranstaltung
29.04.2026 | Frankfurt am Main

Kulturindustrie heute?

Podiumsdiskussion

Das Gespräch „Kulturindustrie heute?“ widmet sich der Aktualität und Tragfähigkeit eines zentralen Begriffs der Kritischen Theorie. Die Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch diskutiert im Rahmen der Gesprächsreihe "Frankfurter Schule" mit dem Filmkritiker Bert Rebhandl die gegenwärtigen Formen kultureller Produktion und Verbreitung vor dem Hintergrund von Digitalisierung, Plattformen und globalen Medienmärkten.

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12.05.2026 | Frankfurt am Main

Zwischen Transformation und Abolitionismus

Buchvorstellung

Buchvorstellung mit Christine Graebsch, Katrin Höffler, Jochen Bung & Ronen Steinke

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Veranstaltung
28./29.05.2026 | Frankfurt am Main

Global Health Justice: Principles and Practice

Konferenz

Following the research focus of the Global Health Justice Postdoctoral Programme, funded by Höppsche Stiftung, the "Global Health Justice: Principles and Practice" conference places a particular emphasis on themes such as the human right to health, political activism and health justice issues, and problems of structural injustice and vulnerable populations in health care. Keynote lectures by Jonathan Wolff and Kanchana Mahadevan.

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Veranstaltung
14.07.2026 | Frankfurt am Main

Democracy Over Time and the Climate Crisis

Ringvorlesungen

Vortrag von Anja Karnein (Binghamton). Die Vortragsreihe untersucht Fragen der Klimakrise als Herausforderungen für demokratische Gesellschaften und konzentriert sich auf Themen wie politische Legitimität, Widerstand gegen fossile Brennstoffe und die Interessen künftiger Generationen. Sie wird organisiert von Prof. Dr. Darrel Moellendorf und Dr. Lukas Sparenborg.

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Veranstaltung
10.06.2026 | Frankfurt am Main

Capital Investment, Inequality, and State Power in a Time of Climate Emergency

Ringvorlesungen, Vortrag

Vortrag von MartinO'Neill (University of York). Die Vortragsreihe untersucht Fragen der Klimakrise als Herausforderungen für demokratische Gesellschaften und konzentriert sich auf Themen wie politische Legitimität, Widerstand gegen fossile Brennstoffe und die Interessen künftiger Generationen. Sie wird organisiert von Prof. Dr. Darrel Moellendorf und Dr. Lukas Sparenborg.

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Veranstaltung
13.05.2026 | Frankfurt am Main

Failed States and Cloudy Skies: Tipping Points, Overshoot and Permanent Emergency, after America

Ringvorlesungen

Vortrag von Geoff Mann (Simon Fraser University, Canada). Die Vortragsreihe untersucht Fragen der Klimakrise als Herausforderungen für demokratische Gesellschaften und konzentriert sich auf Themen wie politische Legitimität, Widerstand gegen fossile Brennstoffe und die Interessen künftiger Generationen. Sie wird organisiert von Prof. Dr. Darrel Moellendorf und Dr. Lukas Sparenborg.

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Veranstaltung
22.04.2026 | Frankfurt am Main

Political Legitimacy, Authoritarianism, and Climate Change

Ringvorlesungen, Vortrag

Vortrag von Ross Mittiga (SOAS London). Die Ringvorlesung "Der Klimawandel: Von ökologischen zu demokratischen Kipppunkten?" untersucht Fragen der Klimakrise als Herausforderungen für demokratische Gesellschaften und konzentriert sich auf Themen wie politische Legitimität, Widerstand gegen fossile Brennstoffe und die Interessen künftiger Generationen. Sie wird organisiert von Prof. Dr. Darrel Moellendorf und Dr. Lukas Sparenborg.

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News
17.03.2026

Kommunikative Vernunft. Zum Tod von Jürgen Habermas

Von Rainer Forst und Klaus Günther. Mit Jürgen Habermas verlieren wir einen unvergleichlichen, weltweit die Geistes- und Sozialwissenschaften über viele Jahrzehnte prägenden Gelehrten und engagierten Intellektuellen, der, wie er selbst anlässlich seiner Rede zu seinem 90. Geburtstag an der Goethe-Universität sagte, an dieser Universität drei glückliche Phasen seines akademischen Lebens erfahren hat. Er hat auch nach seiner Emeritierung an vielen unserer Diskussionen am Zentrum Normative Ordnungen aktiv teilgenommen, und seine Theorie war für uns stets ein zentraler Bezugspunkt der Forschung. Wir selbst verlieren unseren wichtigsten akademischen Lehrer, der uns über die Jahrzehnte hinweg freundschaftlich verbunden war.

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