Kommunikative Vernunft. Zum Tod von Jürgen Habermas
Von Rainer Forst und Klaus Günther
Mit Jürgen Habermas verlieren wir einen unvergleichlichen, weltweit die Geistes- und Sozialwissenschaften über viele Jahrzehnte prägenden Gelehrten und engagierten Intellektuellen, der, wie er selbst anlässlich seiner Rede zu seinem 90. Geburtstag an der Goethe-Universität sagte, an dieser Universität drei glückliche Phasen seines akademischen Lebens erfahren hat. Er hat auch nach seiner Emeritierung an vielen unserer Diskussionen am Zentrum Normative Ordnungen aktiv teilgenommen, und seine Theorie war für uns stets ein zentraler Bezugspunkt der Forschung. Wir selbst verlieren unseren wichtigsten akademischen Lehrer, der uns über die Jahrzehnte hinweg freundschaftlich verbunden war.
In jenem letzten großen öffentlichen Vortrag mit dem Titel „Noch einmal: Zum Verhältnis von Moralität und Sittlichkeit“ erinnerte Habermas an die großen geschichtsphilosophischen Entwürfe von Kant, Hegel und Marx und schloss an sie an. Er fokussierte auf die Frage nach der Vernunft in der Geschichte und verlieh seiner Hoffnung Ausdruck, dass die Vernunft ihre Arbeit an einer Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse niemals, trotz aller Enttäuschungen, die der Lauf der Dinge bereithält, aufgeben darf.
Dabei ist es in erster Linie Kant, auf den Habermas sich beruft, wenn er an dem Imperativ festhält, unsere Lebensverhältnisse durch den „öffentlichen Gebrauch der Vernunft“ aufzuklären, also im Diskurs der Betroffenen selbst, der alle einbezieht, ohne sie ihrer individuellen Verschiedenheit zu berauben. Das ist sein Lebensthema, das sich durch all seine Schriften zieht: Emanzipation durch kommunikative Vernunft, die die Anstrengung auf sich nimmt, ihre eigenen, auch sozial und systemisch verursachten Blockaden zu erkennen und zu überwinden. Mit Hegel hält Habermas freilich daran fest, dass diese Arbeit sich vergangener Lernprozesse versichern muss, um daraus Orientierung und Ermutigung zu gewinnen. Und mit Marx schließlich besteht er darauf, dass es die Aufgabe der Philosophie und der Wissenschaften insgesamt ist, das Leben nicht nur zu verbessern, sondern von den Beschränkungen zu befreien, die ideologisch als naturgemäß und unabweislich verklärt werden.
Am Ende seines denkwürdigen Vortrags ließ Habermas die drei Perioden seines wissenschaftlichen Lebens, die er in Frankfurt verbrachte, kurz vorüberziehen: die Zeit als Assistent Adornos in der zweiten Hälfte der Fünfziger Jahre, die Zeit als Nachfolger Horkheimers auf dessen Professur in den Sechzigern und schließlich die Rückkehr in den Achtzigern nach Beendigung der Direktorenschaft des Max-Planck-Instituts in Starnberg. Diese letzte Periode bezeichnete er als die „befriedigendste Zeit meines akademischen Lebens“ in der „freien Luft“ der Goethe-Universität, und wir denken mit großem Dank an diese Zeit zurück, in der wir bei ihm lernen durften.
Bereits in seiner Frankfurter Antrittsvorlesung von 1965 hatte Habermas den Grundgedanken seiner Philosophie so formuliert, dass mit der Struktur der Sprache „Mündigkeit für uns gesetzt“ ist. Diesen Gedanken entfaltete er auf vielen Wegen und in diversen disziplinären Kontexten. In seiner Habilitationsschrift über den Strukturwandel der Öffentlichkeit (1962) rekonstruiert Habermas die Herausbildung einer kritischen, bürgerlichen Öffentlichkeit seit dem 18. Jahrhundert und ihren Wandel hin zu einer zunehmend entpolitisierten und über Massenmedien marktförmig organisierten Öffentlichkeit in den folgenden Perioden. Und Habermas wäre nicht Habermas, hätte er diese Erkenntnisse nicht regelmäßig neu betrachtet und verortet, zuletzt in Reflexionen über digitale Kommunikation.
Es gab schlechterdings keine relevante theoretische Debatte seit dieser Zeit, in der Jürgen Habermas nicht eine bis heute wirkmächtige Position eingenommen hätte. Gegen die Hermeneutik Gadamers machte er ideologie- und traditionskritische Ansätze stark, im Positivismusstreit arbeitete er die Besonderheit der kritischen Sozialwissenschaften heraus, die ein emanzipatorisches Interesse verfolgen. Dies führte zu dem bedeutenden Werk Erkenntnis und Interesse (1968). In den Diskussionen über kritische Theorie plädierte er für eine radikaldemokratische und rationalistische Umstellung ihrer Prämissen, dem Begriff einer kommunikativen Vernunft folgend. Diesen hat er in den Diskussionen mit Luhmanns Systemtheorie soziologisch ausgearbeitet, was zu der berühmten Differenzierung zwischen einer kommunikativ strukturierten Lebenswelt und einem System führte, das eigene Medien der Handlungskoordination ausbildet, die dazu tendieren, ihre Grenzen zu überschreiten und diskursive Kommunikation auszutrocknen und zu kolonisieren. Das wird in den Werken über die Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus (1973) und seiner monumentalen Theorie des kommunikativen Handelns (1981) ausgearbeitet, Letztere nichts weniger als eine neue Theorie der Moderne und sprachpragmatisch transformierte Transzendentalphilosophie in einem. Diese Kombination ist nach heutigen Standards der hochspezialisierten Wissenschaft, die sich in immer enger definierte Bereiche eingräbt, eine Syntheseleistung, die ihresgleichen sucht.
In die dritte Frankfurter, nach der Starnberger Zeit ab 1983 folgende Periode fällt die Ausarbeitung einer eigenen Art kantischer Ethik, der Diskursethik, deren Anfänge in die Zeiten intensiven Austauschs mit dem Freund und Kollegen Karl-Otto Apel zurückreichen. Im Diskurs der Moderne von 1985 werden die Kritik und die Verteidigung der Moderne zusammengedacht und die Weichen für ein „Nachmetaphysisches Denken“ gestellt, das danach in verschiedenen Werken entfaltet wird.
Für uns als Schüler und Mitarbeiter war das große Buch Faktizität und Geltung (1992) prägend, das aus einer mit den Mitteln des erstmals verliehenen Leibnizpreises der DFG gegründeten rechtstheoretischen Arbeitsgruppe hervorging, der wir angehörten. Hier wird gezeigt, wieso Rechtsstaat und Demokratie konzeptuell zusammengehören, indem das Spannungsverhältnis zwischen Menschenrechten und Volkssouveränität so institutionalisiert wird, dass die Menschenrechte in demokratischen Verfahren der Selbstgesetzgebung zwar vorausgesetzt, durch diese aber erst konkretisiert und, wenn es gut geht, kontinuierlich ausgeschöpft werden. Die entsprechende Theorie deliberativer Demokratie erinnert uns daran, dass in einer Demokratie die bessere Rechtfertigung herrschen sollte, nicht der bloße Wille von Mehrheiten.
In den Jahren danach standen einerseits die Ausarbeitung einer transnationalen Theorie der Demokratie und des Rechts an (Postnationale Konstellation), mit besonderem Bezug auf Europa (Zur Verfassung Europas), und andererseits die Beschäftigung mit einer durch neue biotechnologische Eingriffsmöglichkeiten in das Erbgut heraufbeschworenen Problematik einer „entgleisenden Säkularisierung“, die auf die Frage, weshalb man keine neuen, genetisch optimierten Menschen schaffen soll, keine guten Antworten bereitzuhalten schien.
Dies und die in verschiedenen Regionen der Welt zunehmende Bedeutung des Religiösen hat den Postmetaphysiker Habermas motiviert, in die Tiefen der Diskussion zwischen Religion bzw. Theologie und Philosophie einzusteigen, und das Ergebnis ist die 2019 erschienene, groß angelegte Genealogie des nachmetaphysischen Denkens unter dem Titel Auch eine Geschichte der Philosophie. Die Vernunft schreibt Habermas zufolge ihre Geschichte von ihrem eigenen Standpunkt aus, sieht dabei aber, dass sie sich aus dem Streit über Glaubensfragen Schritt für Schritt herausgearbeitet hat und für weitere Lernprozesse offenhalten muss – wohl wissend, wie Habermas schreibt, dass eine Vernunft, die an der Gegenwart klebte, „mit dem Verschwinden jeden Gedankens, der das in der Welt Seiende im Ganzen transzendiert, selber verkümmern“ würde.
Es wäre eine eigene Geschichte, die Vielzahl von politischen Interventionen des Intellektuellen Habermas zu erzählen – von den Auseinandersetzungen in den Sechzigern über Bildungsreform und Studierendenbewegung, in den Siebzigern über Radikalenerlass und den Achtzigern zu zivilem Ungehorsam, den „Historikerstreit“ und die Diskussionen um die Wiedervereinigung und eine neue Verfassung, später zu militärischen Interventionen bis zu Stellungnahmen zur Bioethik, zur Pandemie oder aktuell zum Krieg in der Ukraine – und immer wieder Europa.
Besonders besorgte ihn das Wiedererstarken von Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus in jüngster Zeit. Gemeinsam mit Nicole Deitelhoff und uns beiden verfasste er im November 2023 ein Statement, das sich gegen antisemitische Reaktionen in Deutschland auf die militärische Intervention Israels in Gaza wandte. Dabei unterstrichen die AutorInnen die Grundsätze eines solchen Einsatzes, nämlich solche der „Verhältnismäßigkeit, der Vermeidung ziviler Opfer und der Führung eines Krieges mit der Aussicht auf künftigen Frieden“. Das änderte allerdings nichts daran, dass diese Stellungnahme der Gegenstand vielfacher Kritik wurde, die die ausdrückliche Anmahnung dieser Grundsätze übersah.
Jürgen Habermas wird als Autor eines singulären, monumentalen wissenschaftlichen Werkes ebenso in Erinnerung bleiben wie als brillanter politischer Intellektueller. Uns wird er als Lehrer und zugewandter Mentor unvergessen bleiben. Sein Tod reißt eine Lücke, die nicht zu füllen sein wird.