15.03.2026
Gastbeitrag

Jürgen Habermas – Sollte er nicht ewig leben?

Jürgen Habermas prägt die Philosophie und Gesellschaftstheorie nachhaltig. Sein Tod markiert das Ende einer Epoche und hinterlässt eine große Lücke. Nicht nur bei seinen Schülern und Weggefährten.

Axel Honneth

Auch wenn damit seit Wochen zu rechnen war – er wollte nicht mehr, wollte der Zerstörung seiner Hoffnungen auf ein demokratisches Europa und eine friedliche Weltordnung nicht länger passiv zusehen – erfasst mich anlässlich der nackten Tatsache nun doch ein großer Schock. Hatten wir, die ihm nahestanden, nicht irgendwie geglaubt, Jürgen Habermas werde ewig leben und uns in der Misere dieser Welt nicht alleine lassen?

Viele werden jetzt mit Recht von dem Ende einer Epoche sprechen; von uns gegangen ist nicht nur der große Intellektuelle, der mit unnachgiebiger Strenge vor jeder Fehlentwicklung der Bundesrepublik gewarnt hat, nicht nur der bedeutendste Philosoph, den diese Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg hervorgebracht hat. Aber mehr noch, plötzlich verschwunden ist auch der kritische Gesellschaftstheoretiker, der wie kein anderer das Erbe Adornos in unsere Gegenwart hinübergerettet und mit seiner Idee einer kommunikativen Vernunft erneuert hat. Wir, die wir ihm darin folgen wollten, stehen nun mit einem Male vaterlos dar; keiner von uns besitzt die Geisteskraft und das moralische Urvertrauen, die nötig waren, um diese ungeheure Aufgabe meistern zu können.

Kein Narzisst und ohne Eitelkeit

Solange er lebte, zehrte man als Schüler, Mitstreiter und Weggefährte von dieser übergroßen philosophischen Begabung; wusste man in der eigenen Arbeit nicht recht weiter, so wartete man auf das richtungsweisende Wort des Alten; war man sich im Unklaren über die Bewertung eines politischen Vorgangs, so räumte er die Zweifel mit einem stets donnernden, aber treffsicheren Urteil aus, fühlte man sich unsicher mit Blick auf eine theoretische Neuentwicklung, so lag er im Rat nicht immer richtig, aber konnte die neuralgischen Punkte daran spontan benennen.

Unvergesslich auch das beherzte Lachen, in das er ausbrechen konnte, hatte man ihn bei einer kleinen philosophischen Trickserei oder einer peinlichen Namensverwechslung erwischt – eitel oder narzisstisch war er ganz und gar nicht, Selbstironie und rheinischen Humor besaß er noch auf der Höhe seines weltweiten Ruhms. Das alles fehlt nun für immer. Es mag sein, dass mit seinem Tod die geistesmächtige Tradition der Frankfurter Schule an ihr Ende gekommen ist.

Wer wird sich schon trauen, die „Dialektik der Aufklärung“ noch einmal gegen den Strich zu lesen und ihr bei aller Solidarität mit dem abgrundtiefen Pessimismus der beiden ins Exil vertriebenen Autoren doch den Funken einer Hoffnung auf kommunikative Versöhnung entlocken zu wollen? Wer sollte das Zeug haben, Zeitdiagnose, Sprachanalyse, Gesellschaftstheorie und moralischen Impetus noch einmal so zu kombinieren, dass daraus das geschlossene Ganze eines Jahrhundertwerks wie die „Theorie des kommunikativen Handelns“ werden konnte?

Man stehe, so sagte Habermas am Grab von Adorno, mit dessen Tod philosophisch plötzlich blank dar. Wie viel mehr Gründe haben wir, das heute von uns zu behaupten, die wir sein Werk fortsetzen wollen?

Axel Honneth war Direktor des Instituts für Sozialforschung.

Aktuelles aus dem Forschungszentrum

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17.06.2026 | Frankfurt am Main

Agency Under Oppression: Feminist Perspectives

Konferenz

International Conference on agency, heternonmy and the current opression of feminist perspectives. Among others with Manon Garcia, Serene Khader, Regina Schidel and Francesca Cesarano.

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26.05.2026

Neuer Sammelband zu Ehren von Ute Sacksofsky

Der Sammelband „Gerechtigkeit als Thema der Rechtswissenschaft“ bündelt die Beiträge des Ehrensymposiums zum 65. Geburtstag von Prof. Dr. Dr. hc. Ute Sacksofsky und beleuchtet aus intergenerationeller Perspektive zentrale Fragen feministischer Rechtswissenschaft zu Geschlecht, Gerechtigkeit, Gleichheit und juristischen Methoden.

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22.06.2026 | Frankfurt am Main

Rechtsextremismus und Polizei - Erscheinungsformen, Umgangsweisen, Perspektiven

Podiumsdiskussion

Die Diskussion knüpft an den Sammelband „Rechtsextremismus als Herausforderung für Polizei und Gesellschaft“ an, der aktuelle Perspektiven aus Wissenschaft, Praxis und Zivilgesellschaft zusammenführt.

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18.05.2026

Videopodcast-Reihe „Our Planet, Our Health“ gestartet

Mit „Our Planet, Our Health“ startet eine neue Videopodcast-Reihe zu Fragen globaler Gesundheitsgerechtigkeit. Die Reihe, gehostet von Dr. Romina Rekers, ist eine Initiative des Global Health Justice Postdoctoral Programme (GHJ), gefördert von der Höppschen Stiftung.

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12.05.2026 | Onlineartikel

Disinhibited Informalization: Talk Radio, Bro Podcasts and the Aesthetics of Populism

This essay by Johannes Völz is a revised and updated translation of “Enthemmte Informalisierung: Talk Radio, Bro-Podcasts und die Ästhetik des Populismus,” WestEnd: Neue Zeitschrift für Sozialforschung 22.2 (2025): 3–24. It is published here as part of the b2o Review’s “Stop the Right” dossier.

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11.05.2026

Gertrud Koch spricht über Kulturindustrie heute

Im Rahmen der Gesprächsreihe Frankfurter Schule hat die Professorin für Filmwissenschaft gemeinsam mit dem Journalisten und Filmkritiker Bert Rebhandl über die Aktualität des Begriffs Kulturindustrie und sein Verständnis im Kontext digitaler und globaler Medien gesprochen.

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25./26.06.2026 | Frankfurt

Shifting Regimes, Changing Orders

Konferenz

Conference as part of WDC2026 in collaboration with Deutsche Gesellschaft für Designtheorie und -forschung (DGTF), Kunstgewerbemuseum/Design Campus SKD and Design and Democracy

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Publikation
22.04.2026 | Buchkapitel

Körpergeschlecht und Selbstbestimmung

Britz, Gabriele (2026): "Körpergeschlecht und Selbstbestimmung". In. Mangold, Anna Katharina; Völzmann, Berit (Hrsg.): Gerechtigkeit als Thema der Rechtswissenschaft, Nomos, S. 41-48.

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Publikation
22.04.2026 | Buchkapitel

Festrede zu Ehren von Prof. Dr. Dr. h.c. Ute Sacksofsky, M.P.A. (Harvard), 4. April 2025

Schmidt, Rebecca Caroline; Forst, Rainer; Günther, Klaus (2026): "Festrede zu Ehren von Prof. Dr. Dr. h.c. Ute Sacksofsky, M.P.A. (Harvard), 4. April 2025". In: Mangold, Anna Katharina; Völzmann, Berit (Hrsg.): Gerechtigkeit als Thema der Rechtswissenschaft, Nomos, S. 13-18.

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