Wandel normativer Ordnungen: Die Transnationalisierung von Herrschaft und Widerstand

Projektleitung: Prof. Dr. Christopher Daase und Prof. Dr. Nicole Deitelhoff

Die fortschreitende Globalisierung führt nicht nur zu einer Verdichtung internationaler und transnationaler Beziehungen, sondern auch zu einer Akzentuierung des Widerstands gegen globale Ordnungspolitik. Zunehmender Widerstand gegen liberale Wirtschaftsmodelle, die Missachtung internationaler Regeln und offener Protest gegen „westliche Werte“ sind Anzeichen dafür. Das mag damit zusammenhängen, dass internationale Institutionen und Normen immer stärker durch nationale Grenzen durchgreifen und immer weiter reichende Anpassungsleistungen von staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren verlangen. Bislang haben solche Formen des politischen Widerstands in den Internationalen Beziehungen kaum systematische Beachtung gefunden, da sie weder mit dem realistischen noch dem liberalen oder dem konstruktivistischen Paradigma internationaler Politik angemessen erfasst werden können. Nur eine Perspektive, die es erlaubt, globale Politik in ihrer institutionellen und normativen Ausgestaltung auch als Herrschaftsordnung zu verstehen, kann Formen radikalen Widerstands gegen Institutionen und Normen der internationalen Politik wahrnehmen, erklären und normativ einordnen.

Die Frage des Projektes ist, wie transnationale Herrschaft und transnationaler Widerstand zusammenhängen. Eine zentrale Hypothese lautet, dass je mehr transnationale Herrschaft sich in Beherrschung ausdrückt und Möglichkeiten der Teilhabe und Kritik vermissen lässt oder beschneidet, desto eher sind kritische Akteure bereit, sich transnational zu organisieren, um ihrem Widerstand mehr Effektivität zu verleihen. Eine zweite, komplementäre Hypothese lautet, dass sich politische Ordnungen, um sich zu behaupten, transnationalen Widerstandsakteuren entgegenstellen müssen und zu diesem Zweck ihre Zusammenarbeit international stärken. Transnationale Herrschaft ist in diesem Sinne eine Antwort auf die politische Herausforderung einer normativen Ordnung.

Um diese Hypothesen prüfen zu können, sind zwei empirische Studien entstanden. Eine hat die transnationale Vernetzung von Sicherheitsorganisationen, insbesondere von Polizeien, analysiert, die sich in Reaktion auf die Transnationalisierung von Protest herausgebildet hat. Die zweite Studie setzte dagegen an der transnationalen Vernetzungen und Kooperationsformen von Widerstand an (hier: Exitformen von Widerstand in Ökodörfern), um Ausmaß und Form der Transnationalisierung von Herrschaftsformationen zu erheben. Analysiert wurde, inwiefern beide Transnationalisierungsprozesse voneinander beeinflusst sind (verstärkend/hemmend/ohne Einfluss). Beide Studien haben aufzeigen können, dass die Transnationalisierung von Herrschaft und Widerstand eng miteinander verzahnt sind. Herrschaftsformen transnationalisieren sich in Reaktion  auf eine entsprechende Transnationalisierung von Widerstand und Widerstand formiert sich zusehends gegenüber transnationalen Institutionen und Praktiken, je mehr diese mit Autorität ausgestattet werden. Dieser grundsätzliche Zusammenhang wurde auch in mehreren Workshops und Konferenzen, die das Projekt durchgeführt hat bestätigt. Dabei zeigt sich aber auch, dass die dafür verantwortlichen Mechanismen zwischen verschiedenen Formen von Herrschaft und Widerstand stark divergieren.

Beide Studien stehen kurz vor dem Abschluss und zentrale Ergebnisse daraus sind bereits publiziert worden, unter anderem in einem Projektband, der im Januar 2017 bei Springer erschienen ist. Darüber hinaus hat das Forschungsprojekt eine eigene workingpaper-Reihe etabliert (international dissidence), in der fortlaufend Forschungsergebnisse aus dem Projekt und im Projektkontext veröffentlicht wurden. Im Frühjahr 2017 hat das Forschungsprojekt darüber hinaus eine große internationale Konferenz organisiert, auf der die zentralen Forschungsergebnisse vorgestellt wurden und die neben internationalen Publikationen auch der Vorbereitung von Nachfolgeprojekten diente.

Die wichtigsten Publikationen im Forschungsprojekt:

Daase, Christopher/Nicole Deitelhoff/Ben Kamis /Jannik Pfister/Philip Wallmeier (Hg.): Herrschaft in den internationalen Beziehungen, Wiesbaden: Springer, 2017.

Pfister, Jannik: „Diesseits des Transnationalen. Die Verräumlichung widerständiger Praktiken von der Alterglobalisierungsbewegung bis Occupy“, in: K. H. Backhaus und David Roth-Isigkeit (Hg.): Praktiken der Kritik, Frankfurt: Campus, 2016, S. 157–183.

Daase, Christopher und Nicole Deitelhoff: „Jenseits der Anarchie: Widerstand und Herrschaft im internationalen System“, in: Politische Vierteljahresschrift 56(2), 2015, S. 299–318.

Wallmeier, Philip: „Dissidenz als Lebensform. Nicht-antagonistischer Widerstand in Öko-Dörfern“, in: Zeitschrift für Politikwissenschaft (Sonderband II), 2015, S. 181–200.

Deitelhoff, Nicole: „Leere Versprechungen? Deliberation und Opposition im Kontext transnationaler Legitimitätspolitik“, in: A. Geis/F. Nullmeier/C. Daase (Hg.): Der Aufstieg der Legimititätspolitik, (Leviathan Sonderband 27), Baden-Baden: Nomos, 2012, S. 63–82.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Daase, Christopher, Prof. Dr.

Deitelhoff, Nicole, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

Kamis, Ben, MSc. I.R.

Pfister, Jannik

Wallmeier, Philip

Weitere Informationen: dissidenz.net

Aktuelles aus dem Forschungszentrum

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12.02.2026

Satanistische Politik und der Niedergang der Vernunft in liberalen Demokratien

Ein letztes Mal im Wintersemester 2025/26 lud das Forschungszentrum zur Ringvorlesung „Am Scheidepunkt. Zur Krise der Demokratie“. Zum Abschluss hat der Philosoph Michael Rosen von der Harvard University sein Konzept der „satanic politics“ als eine Variante der politischen Deutung der Welt vorgestellt.

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09.02.2026

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Prof. Dr. Christine Abbt von der Universität St. Gallen hat im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ einen Vortrag über Demokratien und den Gewaltbegriff gehalten. Unter dem Titel „Demokratien verteidigen. Zur Aktualität des Gewaltbegriffs bei Camus und Derrida“ besprach die Philosophin Formen von Gewalt und Revolte und ordnete diese im Hinblick auf ein demokratisches Setting ein.

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04.02.2026 | Zeitschriftenartikel

New Perspectives on Trust in International Conflicts

Wille, Tobias; Simon, Hendrik; Daase, Christopher; Deitelhoff, Nicole; Wheeler, Nicholas J.; Holmes, Marcus; Rathbun, Brian C.; Acharya, Amitav; Mitzen, Jennifer (2026): „New Perspectives on Trust in International Conflicts“. In: International Studies Review 28 (1), viaf027. 

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02.02.2026

Staatlicher Wettbewerb um Menschen – David Owen über civil geopolitics

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt – Zur Zukunft der Demokratie“ präsentierte David Owen von der Universität Southampton sein Konzept der civil geopolitics.

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20.01.2026

Christine Hentschel über Neuorientierungen in katastrophischen Zeiten

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ sprach die Soziologin über das Leben in und den Umgang mit katastrophischen Zeiten. Vor dem Hintergrund der Zerstörung der Lebensbedingungen, Kriegen, dauerhafter Krisenhaftigkeit sowie der Bedrohungen der Demokratie widmete sich Hentschel dem Einsickern des Katastrophischen in den gesellschaftlichen Alltag und einem sich verändernden aktivistischen und literarischen Umgang mit der Zukunft.

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Wir trauern um Thomas M. Schmidt

Mit Thomas M. Schmidt, der am letzten Tag des Jahres 2025 verstorben ist, in dem wir erst wenige Monate zuvor seinen 65. Geburtstag mit einem Symposium begingen, verlieren wir einen der großen Religionsphilosophen unserer Zeit. Sein jäher Tod reißt eine Lücke in die Gemeinschaft der Forschenden, die wie er zu verstehen suchen, was die Rolle der Religion in den säkularen Gesellschaften unserer Zeit ist und sein kann. Zugleich wird er als der wunderbare Mensch fehlen, der er war.

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Faszination und Freiheit 

Günther, Klaus; Zabel, Benno (Hrsg.) (2025): Faszination und Freiheit - Gegenwartsdiagnosen im Anschluss an Christoph Menkes Theorie der Befreiung, Weilerswist (Velbrück Wissenschaft).

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12.12.2025 | Sammelband

Zwischen Transformation und Abolitionismus. Das Strafrecht und die Vielfalt der Alternativen

Tobias Singelnstein, Christoph Burchard (2025)

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Was bleibt von der Verantwortung jenseits der Strafe übrig?

Günther, Klaus (2025): „Was bleibt von der Verantwortung jenseits der Strafe übrig?“. In: Zabel Benno; Singelnstein; Tobias und Burchard, Christoph (Hrsg.): Zwischen Transformation und Abolitionismus. Das Strafrecht und die Vielfalt der Alternativen. Velbrück Wissenschaft, S. 207-241.

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