Legitimationsstrukturen privater, intermediärer und hybrider Regulierungsregime

Projektleitung: Prof. Dr. Thomas Duve

Die Frage, wie sich nichtstaatliche oder halbstaatliche Herrschaftsausübung legitimiert, stellt sich bereits von Beginn des 19. Jahrhunderts an, als sich moderne Staatlichkeit und Privatrechtsgesellschaft als eigenständige Autonomieräume herausbildeten. Kernanliegen des Projekts ist die Herausarbeitung von Legitimationsmustern, die bei der Rechtfertigung solcher nichtstaatlichen oder halbstaatlichen Aktivitäten in Erscheinung treten, welche de facto oder de jure der Ausübung von Hoheitsmacht entsprechen. Hierbei kann es sich um verschiedenste Formen der Rechtssetzung, der Rechtsprechung oder der Ausübung administrativer Aufgaben handeln, wie sie in der Rechtsordnung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts praktiziert wurden.

Das Projekt versteht sich als Beitrag zum Forschungsfeld „Pluralität normativer Ordnungen”. Das im Projekt beobachtete Ensemble der neuartigen Regelungskollektive leistet einen maßgeblichen Beitrag zum sozialen Tatbestand der „normative Pluralität”, der mit diversen und kontroversen Legitimationsnarrativen verbunden ist. Derartige Legitimationsnarrative werden durch Untersuchungen zu den jeweiligen Legitimationsbedarfen, Legitimationskriterien wie Legalität, Gemeinwohl, Effektivität und Effizienz und verschiedenen Legitimationsquellen bzw. -topoi wie Autonomie, Souveränität, Demokratie oder Selbstverwaltung analytisch erschlossen.

Stützen konnte sich das Projekt auf umfangreiche Vorarbeiten, die im Rahmen des Clusterprojekts „Regulierte Selbstregulierung in rechtshistorischer Perspektive“ (Clusterphase 2008-2011) durchgeführt worden waren und vor allem auf die Erfassung von Praxisfeldern und Regelungsinstrumenten nichtstaatlicher und halbstaatlicher Regulierung gezielt hatten. Auf dieser Grundlage konnten im Förderungszeitraum ab 2015 die konzeptionellen Hintergründe und die staatswissenschaftlichen und juristischen Reflexionen derartiger Regelungsmodi und damit auch deren legitimatorische Bezüge aufgearbeitet werden.

Die interdisziplinäre Kooperation mit dem politikwissenschaftlich geprägten Clusterprojekt „Die Legitimation nichtstaatlicher Regulierung in vernetzten normativen Ordnungen“ (K. D. Wolf) hat sich als sehr fruchtbar erwiesen. Sie wurde im Rahmen eines gemeinsamen Workshops vertieft, dessen Ergebnisse jetzt publiziert werden konnten.

Es konnte herausgearbeitet werden, dass die Intensität der (zeitgenössischen) wissenschaftlichen Debatte zur Legitimation nichtstaatlicher Regulierung in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert nicht stark ausgeprägt war; insofern kann man von einer theoretischen „Unterbilanz“ sprechen. Wichtige Bezüge finden sich unter dem Stichwort „Genossenschaft“ und „Autonomie“ in den Arbeiten der „Gierke-Schule,” aber auch in der Verwaltungslehre Steins sowie im korporatistischen Schrifttum. Bei der letztgenannten Richtung, die eigentlich als antidemokratisch eingestuft wird, fällt die starke Bezugnahme auf demokratische Argumentationstopoi auf; dieser scheinbare Widerspruch erklärt sich auch dadurch, dass sich bis Mitte des 20. Jahrhunderts noch kein einheitliches Demokratieverständnis herausgebildet hatte. Wesentlicher waren aber von Praktikern und insbesondere von Verbandsvertretern getragene Debatten, auf die im Projekt ein besonderes Augenmerk gerichtet wurde. In diesen Debatten bildeten sich Legitimationstopoi mit sektorspezifischen Konturen heraus.

In der interdisziplinären und transnationalen Perspektive fällt der fast durchgehende Bezug auf epistemische Begründungselemente auf, ansonsten überwiegt aber der Befund einer überaus reichen Vielfalt input- und outputorientierter Rechtfertigungsansätze.

Die wichtigsten Publikationen in diesem Projekt:

*Collin, Peter: “The Legitimation of Self-Regulation and Co-Regulation in Corporatist Concepts of Legal Scholars in the Weimar Republic”, in: Politics and Governance 5(1), 2017, [online] http://www.cogitatiopress.com/politicsandgovernance/article/view/784 [15.10.2017].

Wolf, Klaus Dieter/Peter Collin/Melanie Coni-Zimmer (Hg.): ”Legitimization of Private and Public Regulation: Past and Present”, in: Politics and Governance 5(1), 2017, [online]  http://www.cogitatiopress.com/politicsandgovernance/issue/view/58 [15.10.2017].

Collin, Peter: Privat-staatliche Regelungsstrukturen im frühen Industrie- und Sozialstaat, Oldenburg: De Gruyter, 2016.

Collin, Peter/Sabine Rudischhauser/Pascale Gonod (Hg.): „Autorégulation régulée. Analyses historiques de structures de régulation hybrides / Regulierte Selbstregulierung. Historische Analysen hybrider Regelungsstrukturen“  (= Trivium. Revue franco-allemande de sciences humaines et sociales 21), 2016, [online]  http://trivium.revues.org/5229 [15.10.2017].

Collin, Peter: „Regulierte Selbstregulierung der Wirtschaft“, in: Zeitschrift für Neuere Rechtsgeschichte 37, 2015, S. 10–31.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Duve, Thomas, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

Collin, Peter, PD Dr.

Aktuelles aus dem Forschungszentrum

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12.02.2026

Satanistische Politik und der Niedergang der Vernunft in liberalen Demokratien

Ein letztes Mal im Wintersemester 2025/26 lud das Forschungszentrum zur Ringvorlesung „Am Scheidepunkt. Zur Krise der Demokratie“. Zum Abschluss hat der Philosoph Michael Rosen von der Harvard University sein Konzept der „satanic politics“ als eine Variante der politischen Deutung der Welt vorgestellt.

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09.02.2026

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Prof. Dr. Christine Abbt von der Universität St. Gallen hat im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ einen Vortrag über Demokratien und den Gewaltbegriff gehalten. Unter dem Titel „Demokratien verteidigen. Zur Aktualität des Gewaltbegriffs bei Camus und Derrida“ besprach die Philosophin Formen von Gewalt und Revolte und ordnete diese im Hinblick auf ein demokratisches Setting ein.

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04.02.2026 | Zeitschriftenartikel

New Perspectives on Trust in International Conflicts

Wille, Tobias; Simon, Hendrik; Daase, Christopher; Deitelhoff, Nicole; Wheeler, Nicholas J.; Holmes, Marcus; Rathbun, Brian C.; Acharya, Amitav; Mitzen, Jennifer (2026): „New Perspectives on Trust in International Conflicts“. In: International Studies Review 28 (1), viaf027. 

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02.02.2026

Staatlicher Wettbewerb um Menschen – David Owen über civil geopolitics

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt – Zur Zukunft der Demokratie“ präsentierte David Owen von der Universität Southampton sein Konzept der civil geopolitics.

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Christine Hentschel über Neuorientierungen in katastrophischen Zeiten

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ sprach die Soziologin über das Leben in und den Umgang mit katastrophischen Zeiten. Vor dem Hintergrund der Zerstörung der Lebensbedingungen, Kriegen, dauerhafter Krisenhaftigkeit sowie der Bedrohungen der Demokratie widmete sich Hentschel dem Einsickern des Katastrophischen in den gesellschaftlichen Alltag und einem sich verändernden aktivistischen und literarischen Umgang mit der Zukunft.

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Wir trauern um Thomas M. Schmidt

Mit Thomas M. Schmidt, der am letzten Tag des Jahres 2025 verstorben ist, in dem wir erst wenige Monate zuvor seinen 65. Geburtstag mit einem Symposium begingen, verlieren wir einen der großen Religionsphilosophen unserer Zeit. Sein jäher Tod reißt eine Lücke in die Gemeinschaft der Forschenden, die wie er zu verstehen suchen, was die Rolle der Religion in den säkularen Gesellschaften unserer Zeit ist und sein kann. Zugleich wird er als der wunderbare Mensch fehlen, der er war.

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19.12.2025 | Sammelband

Faszination und Freiheit 

Günther, Klaus; Zabel, Benno (Hrsg.) (2025): Faszination und Freiheit - Gegenwartsdiagnosen im Anschluss an Christoph Menkes Theorie der Befreiung, Weilerswist (Velbrück Wissenschaft).

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12.12.2025 | Sammelband

Zwischen Transformation und Abolitionismus. Das Strafrecht und die Vielfalt der Alternativen

Tobias Singelnstein, Christoph Burchard (2025)

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Was bleibt von der Verantwortung jenseits der Strafe übrig?

Günther, Klaus (2025): „Was bleibt von der Verantwortung jenseits der Strafe übrig?“. In: Zabel Benno; Singelnstein; Tobias und Burchard, Christoph (Hrsg.): Zwischen Transformation und Abolitionismus. Das Strafrecht und die Vielfalt der Alternativen. Velbrück Wissenschaft, S. 207-241.

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