Kriegergruppen in der Karolingerzeit. Überlegungen zur normativen Funktion eines Habitus

Dr. des. Daniel Föller

Am Anfang des Projektes stand der Befund, dass das aktuelle Bild der Geschichtswissenschaft vom karolingischen Europa von einem grundlegenden Paradoxon geprägt ist. Auf der einen Seite ist es unstrittig, dass die politischen Makroentwicklungen des 8. und 9. Jahrhunderts – die sogenannte karolingische Expansion, die Usurpation der arnulfingisch-pippinidischen Hausmeier, die innerkarolingischen Nachfolgekonflikte, die Einfälle von Skandinaviern, Muslimen und Magyaren – stark militärisch geprägt waren. Auf der anderen Seite gibt es den Forschungskonsens, dass jene Gesellschaft ihren politischen Denkrahmen als „Kirche“ definierte, mit einer christlich fundierten Friedensethik sowie religiösen Normen und Konfliktformen. Wie die Menschen des 8. und 9. Jahrhunderts mit dieser Inkohärenz innerhalb ihrer politischen Kultur umgingen, ist bislang weitgehend ungeklärt. Ziel des Projektes war es daher herauszuarbeiten, welche normativen Ordnungen die kriegerischen Aktivitäten der militärischen Akteure im karolingischen Europa strukturierten und wie sie sich in den politischen Referenzrahmen einfügten.
Der Beitrag zum interdisziplinären Forschungsprogramm des Clusters bewegte sich auf zwei Ebenen. Zum einen gelang es, an einem konkreten historischen Beispiel zu erkennen, wie konfligierende normative Ordnungen in ein und derselben politischen Kultur, ja in ein und derselben Trägerschicht (hier: bei den karolingischen Militärs) koexistieren können und welche Folgen dies für den politischen Gesamtzusammenhang hat. Zum anderen beteiligte sich das Projekt an der vielfach verhandelten Frage nach dem Zusammenhang von Gewalt und monotheistischer Religion. Seine Resultate zeigen, dass selbst stark religiös geprägte Gesellschaften, die endemisch gewalttätig sind, nicht zwangsläufig ein religiöses Rechtfertigungsnarrativ für diese Gewalt entwickeln müssen. Die religiöse Legitimierung von Gewalthandeln bedarf also spezifischer Konstellationen und ist kein Automatismus.
Die Forschungsarbeiten innerhalb des Projektes bewegten sich innerhalb des Methodenspektrums einer interdisziplinär gedachten Mediävistik. In erster Linie wurde ein breites Spektrum edierter Schriftquellen aus dem 8. und 9. Jahrhundert ausgewertet; teilweise war es nötig, auch digitalisierte Handschriften der Texte zu untersuchen. Neben Textquellen wurden aber auch andere Materialien aus dem karolingischen Europa analysiert, vor allem Bildmaterial (vornehmlich Buchmalerei) und publizierte archäologische Funde. Wesentlich für die Interpretation des mittelalterlichen Materials waren soziologische wie politologische Befunde und Modelle.
Das Projekt konnte zeigen, dass der die Überlieferung dominierende Diskurs über den politischen Referenzrahmen „Kirche“ allen militärischen Akteuren jenseits des Königs – des einzigen religiös legitimierten Gewaltfunktionärs – kein Rechtfertigungsnarrativ anbot. Es erwies sich, dass es neben diesem ecclesia-Diskurs einen weiteren Diskurs der Militärs gab, der mit dem religiösen Referenzrahmen teilweise stark konfligierte. Obwohl jener Diskurs sich weitgehend ephemerer Medien bediente und somit im erhaltenen Material nur indirekt sichtbar wird, gelang es, ein Set an Verhaltensformen zu identifizieren, das für die politische Teilhabe der Militärs entscheidend war: das ständige Tragen (und der endemische Gebrauch) von Waffen, eine hohe Mobilität durch Reitpferde, das Töten von Tieren auf der Jagd und die Ausübung sexueller Aktivität. Es ergibt sich daraus ein kriegerischer Habitus, der in zahlreiche – auch nichtmilitärische – Bereiche der Gesellschaft eingebunden war und offenbar normative Funktionen erfüllte, indem er die politische Teilhabe männlicher Laien regelte.

Die wichtigsten Publikationen sind:

Föller, Daniel (i.E.): „Männlichkeit(en) karolingischer Laien. Zwischen weltlicher Heiligkeit und kriegerischer Selbstbehauptung“, in: A. Fößel (ed.), Krieg, Gewalt und Gender im Mittelalter.
Föller, Daniel (2016): „Die unsichtbare Seite der karolingischen Welt. Umrisse einer Kriegergesellschaft im 8. und 9. Jahrhundert“, in: Historische Anthropologie24.1, Köln/Weimar/Wien, Böhlau, , pp. 5-26

Die wichtigsten Veranstaltungen des Forschungsprojekts waren:

Normative Ordnungen des Mittelalters neu denken. Mediävistische Entwürfe nach der Feudalismus-Debatte. 2. Workshop zum Lehnswesen, 22.-23. November 2014, Universität Tübingen (gemeinsam organisiert mit Prof. Dr. Steffen Patzold, Tübingen)
“Possession, Hierarchy, Habitus? Creating Bonds with Armed Men in Early Medieval Europe,” und: “Property, Tenure, and the Legal Revolution in Medieval Europe.” Sessions 1521 und 1621 auf dem International Medieval Congress, Beyond Feudalism – Rethinking Normative Orders, 9. Juli 2015, University of Leeds.
„Kreuz und Schwert. Die Waffe als Objekt und Symbol im frühen Mittelalter“. Abendvortrag von Daniel Föller im Begleitprogramm zur Ausstellung Unter Waffen. Fire and Forget 2, 18. Januar 2017, Museum Angewandte Kunst Frankfur

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Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ sprach die Soziologin über das Leben in und den Umgang mit katastrophischen Zeiten. Vor dem Hintergrund der Zerstörung der Lebensbedingungen, Kriegen, dauerhafter Krisenhaftigkeit sowie der Bedrohungen der Demokratie widmete sich Hentschel dem Einsickern des Katastrophischen in den gesellschaftlichen Alltag und einem sich verändernden aktivistischen und literarischen Umgang mit der Zukunft.

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Vortrag von David Owen (Universtiy of Southampton) im Rahmen der Ringvorlesung "Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie" im Wintersemester 2025/2026

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Tobias Singelnstein, Christoph Burchard (2025)

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Zum zweiten Termin der Ringvorlesung "Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie". Der Politikwissenschaftler White diskutiert Sichtweisen auf die Zukunft in Demokratien. Ein Nachbericht

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