Ikonologie der Geschichtswissenschaft. Zur bildlichen Formierung historischen Denkens in der Moderne

Projektleitung: Prof. dr. Andreas Fahrmeir und Prof. Dr. Bernhard Jussen

Das Projekt untersucht, wie massenhaft verbreitete Medien der historischen Bildung – Schul-, Hand- und Lehrbücher, aber auch Reklamesammelbilder – ihre Narrative durch den Einsatz von Bildern artikulieren. Im Mittelpunkt des Interesses stehen die erstaunlich stabilen Kontinuitäten der eingesetzten Bilder, ferner die starken nationalen Differenzen selbst bei der Visualisierung gemeinsamer Geschichte. Dazu wird einerseits eine Software entwickelt, um die sehr umfangreiche historische Bilddatenbank automatisiert auszuwerten (Paul Warner). Andererseits wird das Massenbild-Corpus serieller Bildquellen qualitativ ausgewertet (Judith Blume).

Kollektive Identitäten und ihre historischen Rechfertigungs- und Entwicklungsnarrative werden in besonderem Maß von ständig reproduzierten Bildern oder Bildthemen geformt. Bebilderungen strukturieren die Erzählungen und dominieren das Erinnern. So sind Entstehungsbedingungen und Kanonisierungsprozesse dieser Bildnarrative ein exponiertes, in fast allen Gesellschaften vorkommendes Phänomen, an dem sich die Formierung und Persistenz von Rechtfertigungsnarrativen vergleichend über den gesamten Zeitraum der Moderne beobachten lässt. Ein Alleinstellungsmerkmal dieses ebenso alltäglichen wie allgegenwärtigen Phänomens ist, dass es immer noch in hohem Maß an nationale Rahmen gebunden bleibt.
Das Projekt wurde im wesentlichen von der Promovendin Judith Blume betreut, die zusammen mit studentischen Mitarbeiterinnen einen Bildbestand von ca. 100.000 Illustrationen aufbereitet und für eine öffentlich zugängliche, webbasierte Datenbank vorbereitet hat. Ihre Monographie „Wissen und Konsum. Eine Geschichte des Sammelbildalbums 1860-1952“ bietet die erste Gesamtdarstellung dieses kulturwissenschaftlich besonders wichtigen Materials. In einer Kombination von qualitativen und quantitativen Ansätzen demonstriert sie Verfahren zur Erforschung kollektiven Bildwissens. Mehrere Staatsexamensarbeiten haben sich dem Projektthema gewidmet, aus einer ging ein weiteres Promotionsvorhaben (Bramann) hervor, das sich mit den Bildprogrammen von Schulbüchern beschäftigt (durchgeführt an der Universität Salzburg).

Reges Interesse von Studierenden führte zu regelmäßigen Lehrveranstaltungen (Blume, Gorzolla, Jussen) und engem Austausch mit dem Georg Eckert Institut für Schulbuchforschung. Mit diesem und dem Max–Planck–Institut für Kunstgeschichte (Bibl. Hertziana) wird derzeit an der systematischen Internationalisierung der Materialbasis gearbeitet. Wichtige Ergebnisse wurden vom DHM Berlin publiziert und mit öffentliche Auftritten am DHI Washington, am DHI Paris, in Brandeis und am IFA der NYU vorgestellt. Für die qualitative Seite des Projekts wird aktiv die Kooperation mit Autoren und Fachdidaktik gefördert.
Die technische Umsetzung der Software wurde von Paul Warner in Kooperation mit IT-Spezialisten der GU vorangetrieben. Die Software wird zum Ende des Projekts in ihrem derzeit erreichten Stand publiziert.

Mit Blick auf die qualitativen Ergebnisse zu Bildkorpora hat die Forschung zu illustrierten „Nationalgeschichten“ sowie Reklamesammelbildalben und Schulbüchern gezeigt, dass selbst die heutigen „europäischen“ Narrative (etwa in länderübergreifenden Schulbuchprojekten wie zwischen Frankreich und Deutschland) noch in hohem Maß nationale Perspektiven weitertragen. Visuelle Narrative bleiben selbst über dramatische politische Brüche hinweg erstaunlich stabil. Exemplarisch kann dies an der Bebilderung der Karolingerzeit in Geschichts- und in Schulbüchern gezeigt werden, die z.B. in Deutschland und Frankreich sehr unterschiedlich ausfällt.

Mit Blick auf die Entwicklung der Software konnten eine Reihe von Problemen gelöst werden, z. B. die Kompression von Bildern ohne Effizienzverlust bei der Suche, die automatisierte Trennung von Bildern und Texten auch bei unkonventionellen Bildformen und stark stockfleckigen Vorlagen mäßiger Qualität, Einsatz von OCR bei unkonventionellen Satztypen, die Kombination von unterschiedlichen Algorithmen zum automatisierten Bildvergleich und die Möglichkeit zur Systematisierung unterschiedlicher Abbildungstypen. Nur teilweise gelöst sind derzeit die Einbindung von machine-learning Elementen in die Bildvergleichsroutinen, der Weg zu automatisierten Gesichtsvergleichen bei Portraits oder – als Fernziel – das zumindest punktuelle Überschreiten der „semantischen Barriere“.

Die wichtigsten Publikationen des Projekts:

Blume, Judith: Wissen und Konsum. Eine Geschichte des Sammelbildalbums 1860–1952, Inauguraldissertation, Goethe-Universität, Frankfurt am Main, 2016.

Jussen, Bernhard: „Toward an Iconology of Historical Research. Approaches to Visual Narratives in Modern Scholarship”, in: C. Caraffa/T. Serene (Hg.): The Photographic Archive and the Idea of Nation, Berlin: De Gruyter, 2015, S. 141–166.

Jussen, Bernhard: „Plädoyer für eine Ikonologie der Geschichtswissenschaft. Zur bildlichen Formierung historischen Denkens“, in: H. Locher (Hg.): Reinhart Koselleck. Politische Ikonologie. Perspektiven interdisziplinärer Bildforschung(Transformationen des Visuellen, Schriftenreihe des Deutschen Dokumentationszentrums für Kunstgeschichte – Bildarchiv Foto Marburg, Bd. 1), München/Berlin: Deutscher Kunstverlag, 2013, S. 260–279.

Fahrmeir, Andreas und Annette Imhausen (Hg.): Die Vielfalt normativer Ordnungen. Konflikte und Dynamik in historischer und ethnologischer Perspektive(Normative Orders Bd. 8), Frankfurt am Main: Campus, 2013.

Fahrmeir, Andreas: „Zwischen Bronzestatue und Aktionskunst: Bildhafte Inszenierungen adeliger Lebenswelten in England im 19. und 20. Jahrhundert“, in: P. Scholz/J. Süßmann (Hg.): Adelsbilder von der Antike bis zur Gegenwart(Historische Zeitschrift, Beiheft 58), München/Oldenbourg, 2013, S. 99–115.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Fahrmeir, Andreas, Prof. Dr.

Jussen, Bernhard, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

Blume, Judith, M.A.

Schlicht, Helene

Schmidl, Petra, Dr.

Warner, Paul

Aktuelles aus dem Forschungszentrum

Veranstaltung
23./24.06.2026 | Frankfurt am Main

The Legacy of Kant’s Political Philosophy

Workshop

A two-day workshop on Howard Williams‘ new book about Immanuel Kant‘s political philosophy.

weitere Infos ›
Veranstaltung
23.06.2026 | Frankfurt am Main

KI Wahrheitsregime

Podiumsdiskussion

Derzeit verändert Künstliche Intelligenz, wie Wissen und Wahrheit produziert und verstanden werden. Menschen werden zunehmend von Subjekten und aktiven Gestalter*innen zu bloßen Objekten automatisierter epistemischer Prozesse. In Rahmen dieser Veranstaltung sollen die kritische Beurteilung dieser Entwicklung sowie mögliche widerständige Praxen diskutiert werden. Mit Antonio Somaini, Júlia Nueno Guitart (Forensic Architecture) und Medico International.

weitere Infos ›
Veranstaltung
01./03.07.2026 | Frankfurt am Main

Sexual Agency

Konferenz

Die dreitägige Konferenz über Sexual Agency befasst sich mit Fragen von sexueller Handlungsfähigkeit, Autonomie, Verantwortung, Macht, Zustimmung, Lust und Verkörperung. Organisiert von Manon Garcia und Milena Bartholain.

weitere Infos ›
News
19.06.2026

Internationales Symposium würdigt Lebenswerk von Jürgen Habermas

Am Freitag, den 19. Juni 2026, würdigte das Forschungszentrum Normative Orders gemeinsam mit dem Suhrkamp-Verlag den verstorbenen Jürgen Habermas mit einem internationalen Symposium an der Goethe-Universität Frankfurt.

weitere Infos ›
Veranstaltung
23.06.2026 | Frankfurt am Main

Wehrhafte Demokratie: Chancen und Grenzen des Parteiverbots

Podiumsdiskussion

Im Mittelpunkt des Abends steht die Frage, ob und unter welchen verfassungsrechtlichen, politischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen ein Verbot einer demokratisch gewählten, rechtsnational ausgerichteten Partei als legitimes Mittel in Betracht gezogen werden kann oder nicht. Ausgehend von den normativen Grundlagen des Parteienverbots im Grundgesetz, möchten wir die hohen rechtlichen Hürden und demokratietheoretischen Spannungsfelder dieser Maßnahme erörtern – zwischen Pluralismus und Selbstverteidigung, zwischen Meinungsfreiheit und Schutz der freiheitlichen demokratischen Grundordnung.

weitere Infos ›
News
26.05.2026

Neuer Sammelband zu Ehren von Ute Sacksofsky

Der Sammelband „Gerechtigkeit als Thema der Rechtswissenschaft“ bündelt die Beiträge des Ehrensymposiums zum 65. Geburtstag von Prof. Dr. Dr. hc. Ute Sacksofsky und beleuchtet aus intergenerationeller Perspektive zentrale Fragen feministischer Rechtswissenschaft zu Geschlecht, Gerechtigkeit, Gleichheit und juristischen Methoden.

weitere Infos ›
News
18.05.2026

Videopodcast-Reihe „Our Planet, Our Health“ gestartet

Mit „Our Planet, Our Health“ startet eine neue Videopodcast-Reihe zu Fragen globaler Gesundheitsgerechtigkeit. Die Reihe, gehostet von Dr. Romina Rekers, ist eine Initiative des Global Health Justice Postdoctoral Programme (GHJ), gefördert von der Höppschen Stiftung.

weitere Infos ›
Publikation
12.05.2026 | Onlineartikel

Disinhibited Informalization: Talk Radio, Bro Podcasts and the Aesthetics of Populism

Völz, Johannes (2026): "Disinhibited Informalization: Talk Radio, Bro Podcasts and the Aesthetics of Populism". In: b2o - boundary 2 online.

weitere Infos ›
News
11.05.2026

Gertrud Koch spricht über Kulturindustrie heute

Im Rahmen der Gesprächsreihe Frankfurter Schule hat die Professorin für Filmwissenschaft gemeinsam mit dem Journalisten und Filmkritiker Bert Rebhandl über die Aktualität des Begriffs Kulturindustrie und sein Verständnis im Kontext digitaler und globaler Medien gesprochen.

weitere Infos ›