Von Hendrik Simon
Der Pazifismus hat derzeit einen schweren Stand – wieder einmal. In der viel beschworenen “Zeitenwende” mag das Reden über den “Frieden” als geschwätziger Eskapismus erscheinen, der davon abhält, der weltweiten Gewalt – in der Ukraine, in Gaza, im Sudan oder Myanmar – ins Auge zu blicken. Statt von “Frieden” ist denn auch vielmehr von der “Rückkehr des Krieges”, von Kriegsverbrechen und der Notwendigkeit neuer “Kriegstüchtigkeit” die Rede.
Zwar war der Krieg nie verschwunden, auch nicht aus Europa – man denke an die jugoslawischen Zerfallskriege. Aber der klassische Staatenkrieg erschien vielen als “historisches Auslaufmodell”, wie es Politikwissenschaftler Herfried Münkler Anfang der Zweitausenderjahre formulierte, wohlbemerkt kurz vor der US-Invasion im Irak 2003. Mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ist der Eroberungskrieg wieder nahe an Deutschland herangerückt.
Entsprechend werden hierzulande Fragen der Wehrhaftigkeit und Resilienz gestellt. Neben dem neuen Wehrdienstgesetz steht zugleich die Debatte über eine mögliche Wiedereinführung der Wehrpflicht im Raum, sollten sich nicht ausreichend Freiwillige finden, wovon auszugehen ist. Hinzu kommen Szenarien einer Ausweitung der russischen Aggression, formuliert etwa vom Politikwissenschaftler Carlo Masala oder vom Historiker Sönke Neitzel. Wird Deutschlands Sicherheit also bald auch im Baltikum verteidigt?
Über Frieden nachzudenken, mag vor diesem Hintergrund in der Tat naiv erscheinen: bestenfalls als idealistische Träumerei, schlimmstenfalls als Blindheit gegenüber den akuten Risiken für Deutschlands und Europas Sicherheit. Dieser Reflex ist allerdings nicht nur empirisch fragwürdig, sondern auch politisch unklug: Denn gerade weil in der demokratischen Mitte auffallend wenig über Frieden gesprochen wird, konnten populistische Kräfte im letzten Wahlkampf den Friedensbegriff vereinnahmen – ohne ihn allerdings mit substanziellen Ideen zu füllen. Auch dass Donald Trump den “Frieden” für sich als Form des Dealmakings entdeckt hat, unterstreicht die lange bestehende Leerstelle.
Dabei sehen wir derzeit zudem eine starke affektive Polarisierung des Diskurses über militärische Konflikte: hier sogenannte “Kriegstreiber”, dort vermeintliche “Lumpenpazifisten”. Was fehlt, ist eine ernsthafte Debatte über Friedensperspektiven in Zeiten des Krieges, die die akuten Gefahren nicht trivialisiert, zugleich aber dem Schwarz-Weiß-Denken entgegenwirkt, das die politischen Debatten verengt. Dafür muss die demokratische Mitte sich stärker als bisher des Themas “Frieden” annehmen.
Anknüpfungspunkte dafür finden sich in der langen Geschichte des Pazifismus. Er war nie ein einheitliches Projekt, sondern ein Plural aus differenten Strömungen, die teils auch konträre Positionen vertreten. Während der absolute Pazifismus jegliche (Gegen-) Gewalt verurteilt, erlaubt der relative Pazifismus unter bestimmten Umständen Gegengewalt, insbesondere zur Selbstverteidigung. Gemein ist beiden, dass der Friede den angestrebten Normalzustand darstellt.
Diese grundlegende Vorstellung entsteht nicht erst in der europäischen Moderne. Das Denken über Frieden ist vielmehr eine historische Konstante, die sich in verschiedenen Religionen und Kulturen identifizieren lässt – etwa im Buddhismus, im Judentum, im Christentum, im Islam, im Konfuzianismus, im alten China, Griechenland und Rom.
Der moderne Pazifismus als Grundlage organisierter sozialer Bewegungen entsteht im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts – im Angesicht von Krieg: Zwischen 1792 und 1815 forderte die von der Französischen Revolution ausgelöste Gewalt Millionen Opfer. In Europa und in den USA entstehen erste Friedensgesellschaften. Sie sind christlich geprägt, setzen sich für Abrüstung ein – sind aber noch keine Massenbewegung.
Für den liberalen Pazifismus gerade hierzulande wird Immanuel Kant zentral. Kant hat Sympathien für die Französische Republik, nicht aber für ihre kriegerische Expansion. Er legt 1795 seine Friedensschrift “Zum ewigen Frieden” vor. Seine Friedensstrategie: die Mitsprache der Bürger bei Entscheidungen über Krieg und Frieden; eine umfassende Verrechtlichung der internationalen Beziehungen, die Schaffung eines Völkerbundes zwischen den Staaten und das (völker-)rechtliche Verbot des Krieges. Kant vertritt zudem eine liberale Kritik an der Wehrpflicht: Er kritisiert stehende Heere, die “andere Staaten unaufhörlich mit Krieg” bedrohten, und die Wehrpflicht, die Menschen zu einem Werkzeug degradiere – eine Vorstellung, die sich nicht mit dem “Rechte der Menschheit” vereinigen lasse.
Als der Pazifismus zur Massenbewegung wurde
“Ganz anders” aber, so Kant, verhalte es sich “mit der freiwilligen periodisch vorgenommenen Übung der Staatsbürger in Waffen”, um “sich und ihr Vaterland dadurch gegen Angriffe von außen zu sichern”. Kurzum: Das Recht auf Selbstverteidigung steht auch für Kants Pazifismus nicht zur Disposition. Aber nur dann, wenn sich die Bürger aus freien Stücken entscheiden, ihre Republik zu verteidigen. Ein erzwungener Wehrdienst lässt sich mit Kants Vorstellung einer Annäherung an den Frieden nicht vereinbaren.
Kants Friedensschrift wird in bürgerlichen Kreisen des neunzehnten Jahrhunderts viel zitiert. Sie eröffnet damit gewissermaßen den modernen liberalen Pazifismus, der nach einem völkerrechtlichen Kriegsverbot strebt. Noch heute ist Kant in dieser Tradition eine zentrale Referenz für den “legal pacifism” beziehungsweise Rechtspazifismus (“Frieden durch Recht”).
Zu Massenbewegungen entwickelt sich der Pazifismus Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Auch der Begriff “Pazifismus” beginnt sich nun allmählich durchzusetzen. Das geschieht vor dem Hintergrund zunehmender Spannungen zwischen den europäischen Großmächten. Der Große Krieg wird denkbar – und 1914 schließlich ausbrechen. Der Pazifismus reagiert auch auf die industrialisierte Fortentwicklung von Waffentechnologien: in den Achtzigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts wird etwa das Maschinengewehr eingesetzt, zunächst zur Aufstandsbekämpfung in Kolonien, später in allen Kriegen. Zudem begünstigen die Herausbildung der Massenmedien und höhere Alphabetisierungsraten ein öffentliches Bewusstsein für die Grauen des Krieges – und damit die Chancen für die Forderung, den Krieg zu ächten.
Diese Forderung wird vor allem von einer Autorin erhoben, die für den Pazifismus zentrale Bedeutung gewann: Bertha von Suttner. Die österreichische Schriftstellerin veröffentlicht 1889 ihren Roman “Die Waffen nieder!”, in dem sie schonungslos die Gräuel des Krieges schildert: Die Ich-Erzählerin, Gräfin Martha Althaus, erlebt vier Kriege des neunzehnten Jahrhunderts, verliert durch Krieg und Cholera ihren Mann, ihre Geschwister und Eltern – und wird zur Pazifistin. Das Buch wird ein internationaler Erfolg, mit zahlreichen Auflagen und Übersetzungen.
Suttner tritt nicht nur für Abrüstung, präventive Friedenspolitik und die Verrechtlichung der internationalen Politik ein. Sie zeigt auch die sozialen Konsequenzen des Krieges – insbesondere für Familien und Ehefrauen, die im neunzehnten Jahrhundert selbst nicht kämpfen, aber die indirekten Lasten der Kämpfe tragen müssen.
Ihre militaristischen Zeitgenossen versuchen, Suttner als “Friedensbertha” zu diffamieren: Sie werfen ihr Naivität, Unweiblichkeit oder sogar Vaterlandsverrat vor. Dabei geht der Naivitätsvorwurf fehl. Denn Suttner stellt den Krieg weit realistischer dar als die Militärs und Politiker ihrer Zeit, die ihn als heroischen Kulturkatalysator verklären wollen – und damit die eigentlichen Träumer sind.
Wie die Friedenslehre Kants erzielen auch Suttners Schriften große Wirkung – und begünstigen wohl auch, dass Alfred Nobel in seinem Testament die Stiftung des Friedensnobelpreises festhält: Suttner arbeitet kurzzeitig als Sekretärin für den schwedischen Chemiker, der ihre Texte interessiert liest. 1905 wird sie als erste Frau mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.
Den Naivitätsvorwurf gibt es auch unter Pazifisten
In den Friedensbewegungen des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts herrscht jedoch keineswegs nur Einigkeit. So gelten bürgerliche Pazifisten aus Sicht von Sozialistinnen wie Rosa Luxemburg oder Clara Zetkin als nicht entschieden genug. Sie bemängeln, dass liberale Pazifisten die Ausbeutung des Proletariats im Krieg nicht ausreichend thematisieren; manche liberale Friedensideen erscheinen ihnen als bloßes Lippenbekenntnis, das an den Ursachen des Krieges vorbeigeht. Umgekehrt halten einige liberale Pazifisten die sozialistischen Konzepte mitunter für naiv oder gar gefährliche Utopien. Der Naivitätsvorwurf zirkuliert also nicht nur zwischen Pazifisten und Nichtpazifisten, sondern auch zwischen Pazifisten.
Den Ausbruch des Ersten Weltkriegs können aber auch sozialistische Pazifisten nicht verhindern. Zu einem transnationalen Generalstreik kommt es 1914 nicht. Doch Zetkin organisiert nach Kriegsausbruch, am 26. und 27. März 1915, in Bern die erste Internationale Sozialistische Frauenkonferenz. “Nicht die Verteidigung des Vaterlandes, seine Vergrößerung ist der Zweck dieses Krieges! (…) Die Arbeiter haben durch diesen Krieg nichts zu gewinnen, wohl aber alles zu verlieren, was ihnen lieb und teuer ist”, formulieren die fünfundzwanzig anwesenden Sozialistinnen.
Hat der Pazifismus 1914 also versagt? Das könnte man annehmen, wenn man seinen Erfolg allein daran misst, Kriege zu verhindern. Misst man ihn hingegen eher an seiner fortlaufenden Wirkung, fällt die Antwort trotz zweier Weltkriege anders aus.
In der Ära der Dekolonialisierung wird eine Form des Pazifismus praktiziert, die auf radikale Gewaltlosigkeit und zivilen Ungehorsam setzt. Mahatma Gandhi greift das Prinzip des “Satyagraha” auf und erzielt damit im gewaltfreien Widerstand gegen das britische Empire Erfolge. Seine Methode findet weltweit Nachahmer – etwa in der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und bei Martin Luther King. Auch in Westdeutschland setzen in den Achtzigerjahren pazifistische Proteste auf zivilen Ungehorsam, etwa gegen den NATO-Doppelbeschluss von 1979. Vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust wollen viele Menschen in der Bundesrepublik Lehren aus der Vergangenheit ziehen. Die Bonner Hofgarten-Demonstration 1981 mit über 300.000 Menschen oder die Blockade des US-Stützpunkts in Mutlangen 1983 durch etwa tausend Aktivisten werden zu prägenden Momenten dieser neuen Friedensbewegung. Erste Risse bekommt sie spätestens in den Neunzigerjahren – angesichts der NATO-Intervention im Kosovo, eines völkerrechtswidrigen Kriegs, den unter anderem Joschka Fischer und Jürgen Habermas als “humanitäre Intervention” zu rechtfertigen suchen.
Dann kommt der 24. Februar 2022. Erneut stellt sich die Frage: Ist Pazifismus naiv? Und was lässt sich aus seiner Geschichte noch lernen? Für Historiker ist das keine einfache Frage, Geschichte wiederholt sich nicht. Dennoch bietet die lange Geschichte des Pazifismus Anknüpfungspunkte für die heutigen Debatten. Die grundlegendste Frage lautet dabei angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, ob Gewalt mit Gegengewalt beantwortet werden darf. Kant, so wurde oben skizziert, würde diese Frage bejahen, unter der Bedingung, dass Bürger freiwillig zum Kampf bereit sind.
Auch die Kirchen in Deutschland ringen derzeit wieder mit der Frage der Legitimation von Gegengewalt. Die Evangelische Kirche hat in ihrer jüngsten Denkschrift “Welt in Unordnung – gerechter Friede im Blick” Gegengewalt als ethisch gerechtfertigt bezeichnet und auch Verständnis für Aufrüstung gezeigt. Ein “Pazifismus des kategorischen Gewaltverzichts als universale politische Ethik”, so die Denkschrift, sei “nicht zu legitimieren”.
Wer dafür eintritt, Deutschland wieder verteidigungsfähig zu machen, und die Ukraine in ihrer Selbstverteidigung unterstützt sehen möchte, kann durchaus auch Lehren aus dem Pazifismus aufgreifen. Der liberale Pazifismus in Tradition Kants bietet etwa einen normativen Anker, um für die Verteidigung des (Völker-)Rechts gerade unter Bedingungen der “Zeitenwende” einzutreten: für eine enge Definition legitimer Selbstverteidigung, für Rüstungskontrolle und für ein wirksames Rüstungsexportkontrollgesetz. So lässt sich auch argumentieren, Waffenexporte jedenfalls dort zu stoppen, wo massive Verstöße gegen das Humanitäre Kriegsvölkerrecht stattfinden – wie im Gazakrieg nach dem 7. Oktober 2023.
Natürlich ist auch heute kaum zu erwarten, dass ein transnationaler Generalstreik Putins neoimperialen Krieg in der Ukraine beenden wird. Dennoch kann man, angeleitet von pazifistischen Traditionen, genauer hinsehen, wer im Krieg besonders leidet – und wie man diesen Menschen konkret helfen kann. Im Zentrum steht dabei die angegriffene Zivilbevölkerung, sei es in der Ukraine, in Israel, in Gaza, oder im Sudan. Doch der Blick könnte auch darauf gerichtet werden, in welchen gesellschaftspolitischen Zusammenhängen Kriege geführt werden.
Selbst wer Krieg als Realität anerkennt und Deutschland militärisch einsatzbereit sehen will, kommt schließlich am Frieden als normativem Leitbild nicht vorbei. Und vermutlich wäre es klüger, dieses Ideal nicht den populistischen Stimmungsmachern zu überlassen – sondern selbst wieder mehr vom Frieden zu handeln.
Der Text basiert auf einem Vortrag, den der Autor kürzlich bei den unter dem Thema “Wozu Pazifismus?” stehenden 58. Römerberggesprächen gehalten hat.