Die Medialität normativer Ordnungen: Wie AfrikanerInnen aus der Nacht den Tag machen

Feldforschung und Publikation

Projektverantwortlicher: Prof. Dr. Mamadou Diawara

Projektbeschreibung

Das folgende Vorhaben zielt auf die Schnittstelle von Migration und Medien. In der gegenwärtigen Auseinandersetzung um normative Ordnungen in den westlichen Demokratien nimmt die Frage der Migration einen besonderen Stellenwert ein. Es ist jedoch festzustellen, dass Migration, unabhängig davon ob positiv oder negativ bewertet, als eindirektionaler Prozess verstanden wird. Der Migrant überwindet dabei natürliche Grenzen, wie zum Beispiel das Mittelmeer und/oder die Sahara, um sein endgültiges Ziel zu erreichen.

Für Menschen aus dem Sahel bedeuten diese Grenzen jedoch nichts Trennendes, sondern Verbindendes. Sahel bedeutet die „Ufer der Sahara“. Der Sahel verbindet die Menschen der Savanne mit denen in Nordafrika und darüber hinaus. Für die Menschen, die sich in dem Raum zwischen den Ufern bewegen, hat sich in der Soninkesprache das Wort teraano (diejenigen, die unterwegs sind) etabliert. Ursprünglich um die Reisenden zu beschreiben, die die Sahara durchquerten (Ibn Battuta [um 1355] 1982, Barth 1857-1859, Johannes Leo Africanus 1550, Farias 2003). Hierbei geht es nicht um Migration mit eindeutigem Ziel, sondern vielmehr um eine konstante Dynamik des Gehens und Rückkehrens. Diese Dynamik verbindet Mobilität und geographische Räume überbrückende Kommunikation, die John Urry (2007: 12) als „infrastructure of social life“ beschreibt. Eine Infrastruktur, die die Bewegung von Menschen, Ideen, Informationen von Ort zu Ort, von Person zu Person, von Ereignis zu Ereignis ermöglicht (ebd). Für Afrika sind eine Reihe von Studien erschienen, die Menschen unterwegs und die Bedeutung von Medien für die Verbreitung von Informationen beleuchten (de Bruijn, van Dijk (Hg.) 2012, Hahn 2012, Nyamnjoh 2014). Diese Studien sind ethnographisch zentriert. Vernachlässigt wird dabei jedoch die globale Dimension des Phänomens.

Ein Ansatz diese Lücke zu schließen, sind meine eigenen Vorarbeiten mit westafrikanischen Geschäftsleuten in Südostasien seit 2010. Diese teraano sind sowohl „mit Kamelen“ als auch mit Flugzeugen unterwegs. Sie sitzen in Büros und Wohnungen in Bangkok und Jakarta. Mit Hilfe ihrer Mobiltelefone machen sie die Nacht zum Tag, indem sie sich nicht dem Tagesrhythmus in Asien anpassen, sondern sich an Tag und Nacht in Afrika orientieren. Mit ihren Smartphones machen sie Geschäfte, verbreiten Neuigkeiten vom Dorf, halten Kontakt zu Familienangehörigen, Freunden und Bekannten und Geschäftspartnern, die sich im Sahel oder an (fast) jedem anderen Ort auf dem Globus befinden. Die Medien und digitalen Anwendungen die diese Akteure benutzen, entsprechen so einem fait social total (Maus 1923-1924), der nicht nur die technische Dimension ihrer Existenz bestimmt, sondern auch ihre soziale. Anhand ihres Beispiels lässt sich die Komplexität lokaler Medien und ihre profunde Transformation untersuchen. Die Untersuchung hat eine historische Dimension, indem sie den Wandel von direkter oraler Kommunikation, über professionelle Briefschreiber im Sahel, über Telegramm und Telefon zum Smartphone mit seinen Anwendungen thematisiert. Indem das Augenmerk auf das Handeln afrikanischer Geschäftsleute in Südostasien gelegt wird‚ ergeben sich Einblicke in die Schnittstelle von Medien und Migration, die dazu beitragen, die kommunikative Natur normativer Ordnungen zu beleuchten.

Referenzen:
Barth, Heinrich 
1857–1858 Reisen und Entdeckungen in Nord- und Central-Afrika in den Jahren 1849 bis 1855. Tagebuch einer im Auftrag der Britischen Regierung unternommenen Reise. 5 Volumes. Gotha: Justus Perthes.
Battûta, Ibn 
1982 Voyages III. Inde, Extrême-Orient, Espagne and Soudan. Paris.
Bruijn, Mirjam de; Dijk, Rijk van 
2012 The social life of connectivity in Africa. New York: Palgrave Macmillan.
De Moraes Farias, Paulo Fernando 
2003 Arabic Medieval Inscriptions from the Republic of Mali: Epigraphy, Chronicles, and Songhay-Tuareg History. Fontes Historiae Africanae, new series. Oxford: Oxford University Press for The British Academy.
Hahn, Hans Peter 
2012 “Mobile Phones and the Transformation of Society: Talking about Criminality and the Ambivalent. Perception of new ICT in Burkina Faso.” In: African Identities, 46:1-12.
Johannes Leo Africanus 
1550 La descrittione dell’Africa. In: Giovan Battista Ramusio (Hrsg.): Primo volume, et Seconda editione delle Navigationi et Viaggi.
Nyamnjoh, Henrietta Mambo
 2014 Bridging mobilities. Bamenda: Langaa & African Studies Centre.
Urry, John 
2007 Mobilities. Cambridge: Polity Press.
De Moraes Farias, Paulo Fernando 
2003 Arabic Medieval Inscriptions from the Republic of Mali: Epigraphy, Chronicles, and Songhay-Tuareg History. Fontes Historiae Africanae, new series. Oxford: Oxford University Press for The British Academy.
Hahn, Hans Peter 
2012 “Mobile Phones and the Transformation of Society: Talking about Criminality and the Ambivalent. Perception of new ICT in Burkina Faso.” In: African Identities, 46:1-12.
Johannes Leo Africanus 
1550 La descrittione dell’Africa. In: Giovan Battista Ramusio (Hrsg.): Primo volume, et Seconda editione delle Navigationi et Viaggi.
Nyamnjoh, Henrietta Mambo 
2014 Bridging mobilities. Bamenda: Langaa & African Studies Centre.
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2007 Mobilities. Cambridge: Polity Press.

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