Die Legitimation der Völkerstrafrechtsordnung – Normative Offenheit als legitimierendes Gut supranationaler Herrschaftsgewalt

Projektleitung: Prof. Dr. Christoph Burchard

Das (operationell erst Anfang 2016 begonnene) Clusterforschungsprojekt beleuchtet das rechtstatsächliche Phänomen, dass eine einheitliche öffentliche Rechtfertigung der Völkerstrafrechtspflege nicht in Sicht ist. Obschon im „Raum der Rechtfertigungen“ verortet, zeichnet sie sich durch die Fluidität, Pluralität, Diversität und Partikularität der Rechtfertigungsangebote aus. Dies wird hier als „normative Offenheit“ der Völkerstrafrechtsordnung bezeichnet. Doch wie ist darauf zu reagieren? Anstatt auf eine einheitliche Rechtfertigung zu setzen oder das bloße „Management“ der allfälligen Normenkonflikte in den Mittelpunkt zu stellen, wird hier für Folgendes geworben: Die besagte normative Offenheit der Völkerstrafrechtspflege ist ein legitimierendes Gut supranationaler Herrschaftsgewalt, weil durch sie die „Unbestimmtheit der rationalen Rechtfertigung“ in einer normativ fragmentierten Lebenswirklichkeit (besser) bewältigt werden kann.

Ausgehend vom Forschungsansatz des Clusters wurde das vergleichsweise junge System der Völkerstrafrechtspflege (zur Erinnerung: der ständige Internationale Strafgerichtshof nahm erst Anfang der 2000er seine Arbeit auf) als instruktives Anschauungsbeispiel gewählt, um die Herausbildung, Stabilisierung und Krise einer neuen Rechtsordnung zu untersuchen. Im Einklang mit der Programmatik von Forschungsfeld 3 standen die Konkurrenz und auch der Konflikt verschiedener normativer Referenzrahmen innerhalb einer Rechtsordnung, die noch nicht durch Pfadabhängigkeiten, einheitliche Vorverständnisse oder weithin geteilte Ideologien normativ geschlossen ist, zur Debatte.

Das Forschungsprojekt wird mit dem ganzen rechtswissenschaftlichen Forschungsrepertoire betrieben. Interdisziplinär werden u.a. die völkerrechtliche Konstitutionalisierungsdiskussion, sozialwissenschaftliche Erkenntnisse (insbesondere über die Wirkung normativ mehrdeutiger Regime) und die politische Philosophie (insbesondere über den Umgang mit non-idealen Rechtfertigungskontexten) einbezogen. Für Ende 2017 ist ein Workshop geplant, auf dem die wesentlichen Forschungsergebnisse präsentiert werden sollen. Die im Sommersemester 2017 organisierte (inhaltlich weitergehende) Cluster-Ringvorlesung mit dem Titel „Strafrechtspflege zwischen Purismus und Pluralität“ ist ein „Spin-Off“ des Forschungsprojekts.

Der Sache nach hat sich der verfolgte Forschungsansatz bewährt. Beschreibend hat der Begriff der „normativen Offenheit“ mehr Alleinstellungspotential als die hypertroph verwendeten Begriffe „Pluralismus“ oder „Diversität“. Es zeigt überdies, dass sich nicht nur die Völker-, sondern auch die nationale Strafrechtspflege (allemal latent) durch ihre normative Offenheit auszeichnet. Für die Bewertung der normativen Offenheit ist entscheidend, dass es im Hier und Jetzt einer normativ fragmentierten Lebenswirklichkeit wenig Aussicht darauf gibt, sich auf eine bestimmte Orientierung der Strafrechtspflege zu einigen. Daher gilt es in Zukunft Mittel und Wege zu weisen, wie freie und gleiche Bürger die axiologische Unversöhnlichkeit ihrer normativen Positionierungen bewältigen können, um die normative Pluralität und Diversität der (Völker )Strafrechtsordnung legitim zu organisieren.

Zentralen Thesen des Projekts wurden veröffentlicht als: 

Burchard, Christoph: „Die normative Offenheit der Strafrechtspflege: Eine beschreibende Annäherung“, in: Saliger et al. (Hg.): Festschrift für Ulfrid Neumann, 2017.

Die wichtigsten Veranstaltungen des Forschungsprojekts:

Workshop: Normative Openness – A novel concept to analyze and legitimize International Criminal Justice, Winter 2017.

Vortrag: “Openness and Dialogue as a Normative Foundation for the Justification of International Public Authority” (von Projektmitarbeiter Dusan Backonja), 3rd Seminar of the International Network of Doctoral Studies in Law: The Role of Dialogue in the Law Creation and Law Application Process, University Łódź, Łódź, Polen, 9. März 2017.

Vortrag: “The Legitimacy of International Criminal Justice – Normative Openness as a Resource of Legitimacy for International Public Authority” (von Projektmitarbeiter Dusan Backonja), auf dem 4. jährlichen international Criminal Law Workshop The Politics of International Criminal Law, University of Western Australia, Perth, Australien, 15. September 2016.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Burchard, Christoph, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

Backonja, Dusan, Dipl.-Jur.

Recchia, Nicola

Welsch, Lea

Aktuelles aus dem Forschungszentrum

Veranstaltung
20.04.2026 | Brüssel

Militärische KI verantwortungsvoll nutzen und Regulierung neu denken

Podiumsdiskussion, Vortrag

Künstliche Intelligenz findet im Militär immer breiteren Einsatz, von Logistik und Training über Missionsplanung und Zielidentifikation bis hin zu autonomen Waffensystemen. Gleichzeitig wächst die Bedeutung von Mikroprozessoren immer stärker, der Zugang zu seltenen Erden und Chips wird zur zentralen Ressource. KI kann das Kampfgeschehen beschleunigen und damit destabilisierend wirken. Der Wettlauf um neue Fähigkeiten birgt jedoch auch Eskalationsrisiken. Wir laden Sie ein, diese Themen im nächsten Crisis Talk gemeinsam mit unseren hochkarätigen Podiumsgästen zu diskutieren.

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Veranstaltung
28./29.05.2026 | Frankfurt am Main

Global Health Justice: Principles and Practice

Konferenz

Following the research focus of the Global Health Justice Postdoctoral Programme, the "Global Health Justice: Principles and Practice" conference places a particular emphasis on themes such as the human right to health, political activism and health justice issues, and problems of structural injustice and vulnerable populations in health care. Keynote lectures by Jonathan Wolff and Kanchana Mahadevan.

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Publikation
26.03.2026 | Monographie

The Cambridge History of Latin American Law in Global Perspective

Duve, Thomas; Herzog, Tamar (eds.): The Cambridge History of Latin American Law in Global Perspective, Cambridge: Cambridge University Press, 2024 (portugiesisch 2025; spanisch 2026).

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Publikation
26.03.2026 | Monographie

Rechtsgeschichte des frühneuzeitlichen Hispanoamerika

Duve, Thomas; Egío, José Luis  (2023): Rechtsgeschichte des frühneuzeitlichen Hispanoamerika, Berlin: De Gruyter, 2023.

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Veranstaltung
18.04.2026 | Frankfurt am Main

Das Prinzip Donald Trump und die Verrohung der Welt

Podiumsdiskussion, Vortrag

Ein neuer Politikstil macht international Karriere. Er ist gekennzeichnet von Vulgarität, Verrohung und erklärter Rechtsfeindschaft. Machtinteressen werden nicht mehr juristisch bemäntelt. Stattdessen wird das angebliche Recht des Stärkeren zur Staatsdoktrin gemacht – innenpolitisch wie außenpolitisch. Treibende Kraft hinter dieser Verrohung der politischen Sitten ist ein US-Präsident, der nicht nur die amerikanische Gesellschaft und Kultur, sondern auch die globale Ordnung nach seinen Vorstellungen und Interessen umgestaltet. Die Römerberggespräche wollen diesen Politikstil verstehen.

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Veranstaltung
14.07.2026 | Frankfurt am Main

Democracy Over Time and the Climate Crisis

Ringvorlesungen

Vortrag von Anja Karnein (Binghamton). Die Vortragsreihe untersucht Fragen der Klimakrise als Herausforderungen für demokratische Gesellschaften und konzentriert sich auf Themen wie politische Legitimität, Widerstand gegen fossile Brennstoffe und die Interessen künftiger Generationen. Sie wird organisiert von Prof. Dr. Darrel Moellendorf und Dr. Lukas Sparenborg.

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Veranstaltung
10.06.2026 | Frankfurt am Main

Capital Investment, Inequality, and State Power in a Time of Climate Emergency

Ringvorlesungen, Vortrag

Vortrag von MartinO'Neill (University of York). Die Vortragsreihe untersucht Fragen der Klimakrise als Herausforderungen für demokratische Gesellschaften und konzentriert sich auf Themen wie politische Legitimität, Widerstand gegen fossile Brennstoffe und die Interessen künftiger Generationen. Sie wird organisiert von Prof. Dr. Darrel Moellendorf und Dr. Lukas Sparenborg.

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Veranstaltung
13.05.2026 | Frankfurt am Main

Failed States and Cloudy Skies: Tipping Points, Overshoot and Permanent Emergency, after America

Ringvorlesungen

Vortrag von Geoff Mann (Simon Fraser University, Canada). Die Vortragsreihe untersucht Fragen der Klimakrise als Herausforderungen für demokratische Gesellschaften und konzentriert sich auf Themen wie politische Legitimität, Widerstand gegen fossile Brennstoffe und die Interessen künftiger Generationen. Sie wird organisiert von Prof. Dr. Darrel Moellendorf und Dr. Lukas Sparenborg.

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Veranstaltung
22.04.2026 | Frankfurt am Main

Political Legitimacy, Authoritarianism, and Climate Change

Ringvorlesungen, Vortrag

Vortrag von Ross Mittiga (SOAS London). Die Ringvorlesung "Der Klimawandel: Von ökologischen zu demokratischen Kipppunkten?" untersucht Fragen der Klimakrise als Herausforderungen für demokratische Gesellschaften und konzentriert sich auf Themen wie politische Legitimität, Widerstand gegen fossile Brennstoffe und die Interessen künftiger Generationen. Sie wird organisiert von Prof. Dr. Darrel Moellendorf und Dr. Lukas Sparenborg.

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