Die Krise der Gleichheit und die normative Ordnung sozialer Ungleichheit

Dr. Patrick Sachweh

Laufzeit des Forschungsprojekts 11/2017 – 3/2019

Die Zielsetzung des Projekts ist die empirische Rekonstruktion und Analyse der „normativen Ordnung“ sozialer Ungleichheit in der gegenwärtigen Ära steigender Ungleichheit. Inhaltlicher Ausgangspunkt ist die von Rosanvallon (2013) diagnostizierte „Krise der Gleichheit“, die sich auf sozialstruktureller Ebene im Anstieg sozialer Ungleichheit seit Beginn des 21. Jahrhunderts niederschlägt und sich auf soziokultureller Ebene im Bedeutungsverlust kollektivistisch-egalitärer Werte zugunsten eines Bedeutungsaufstiegs individualistischer Orientierungen artikuliert (Boltanski/Chiapello 2003). Vor diesem Hintergrund wird gefragt, auf welche normativen Vorstellungen und Ideen sich die Gesellschaftsmitglieder bei der Kritik und Rechtfertigung zeitgenössischer Ungleichheitsverhältnisse in Deutschland stützen. Theoretisch schließt das Projekt an die Perspektive der Soziologie der Kritik an, wie sie in der aktuellen französischen Sozialtheorie ausgearbeitet wurde (Boltanski 2010).

Im Kontext dieser übergreifenden Thematik wurden mehrere Artikel zu zentralen Aspekten eines Aspekte eines zeitdiagnostisch oft als „Refeudalisierung“ (Forst 2005: 24; Neckel 2013) bezeichneten Gestaltwandels von Ungleichheit zur Publikation gebracht: Zu Wahrnehmungen einer stagnierenden Aufstiegsmobilität, der Schrumpfung und Verunsicherung der Mittelschicht sowie der Legitimation von Vermögensbesteuerung.

Das empirische Material bilden qualitative und quantitative Daten, die im Rahmen des von mir geleiteten DFG-Projekts „Ungleichheitsdeutungen und Gerechtigkeitsorientierungen in Deutschland“ (SA 2812/1-1, Laufzeit: 01/2015-12/2018, angesiedelt am Institut für Soziologie der Goethe-Universität) erhoben wurden. Es umfasst zehn qualitative Gruppendiskussionen mit unterschiedlichen sozialen Schichten sowie eine eigene repräsentative Bevölkerungsumfrage.

Ein erster Aspekt der o.g. „Refeudalisierung“ sozialer Ungleichheiten betrifft den besonders in jüngeren Geburtsjahrgängen steigenden Einfluss der sozialen Herkunft auf die gesellschaftliche Positionierung der Akteure. Diese rückläufige Aufstiegsmobilität betrifft in besonderer Weise das normative Selbstverständnis moderner Gesellschaften als Meritokratien. Die Wahrnehmung dieser Entwicklung in unterschiedlichen Schichten wird in dem Beitrag „Das gebrochene Versprechen der Meritokratie? Aufstiegsdeutungen im Zeichen steigender Ungleichheit“ (Sachweh et al. 2018) untersucht. Darin zeigt sich, dass meritokratischen Faktoren zwar nach wie vor eine zentrale Rolle für sozialen Aufstieg zugeschrieben wird, mit einer undurchlässigeren Sozialstruktur zugleich aber auch ein subjektiver Bedeutungsanstieg askriptiver Merkmale einhergeht. Diese zunächst widersprüchlich erscheinenden Auffassungen werden im Rahmen qualitativer Analysen der Gruppendiskussionen plausibilisiert und münden in der oberen Mittelschicht in eine individualisierende, in der unteren Mittelschicht dagegen in eine agonale Deutung sozialen Aufstiegs, die Aufwärtsmobilität aufgrund der mit ihr verbundenen Opferbereitschaft als „Prüfung“ und „Kampf“ deutet.

Ein weiteres Merkmal zeitgenössischen sozialstrukturellen Wandels ist die mit der Polarisierung materieller Lagen einhergehende Schrumpfung der Mittelschicht sowie die damit verknüpften Unsicherheiten und Abstiegsängste. Vor diesem Hintergrund lag ein besonderes Interesse auf den in der „Mitte der Gesellschaft“ bestehenden Wahrnehmungen sozialer Ungleichheit, deren Rechtfertigungsordnungen sowie Selbst- und Fremdzuschreibungen. Anhand des Konzepts der „symbolischen Grenzziehungen“ wurde das Selbstbild und die Handlungsorientierungen der unteren Mitte untersucht. Entgegen theoretischer Erwartungen, nach denen sozioökonomische Unsicherheitsempfindungen in der unteren Mittelschicht besonders ausgeprägt sein sollten, verweisen unsere Befunde auf eine – überraschende – sozioökonomische Zufriedenheit in dieser Gruppe, deren Grundlage ein „Ethos der Mäßigung und des planvollen Realismus“ bildet. Im Zuge dieses Selbstbildes kommt es zu einer moralischen Aufwertung von Mäßigung, Bescheidenheit und Bedürfnisaufschub, die auch als Copingstrategie in Reaktion auf Status-Irritationen und Unsicherheiten gedeutet werden könnten. 
Ein dritter Aspekt der Refeudalisierung sozialer Ungleichheit besteht in der Vermögenskonzentration in den obersten Sozialschichten. Hierzu entstand der wurde in einem Survey-experimentellen Design anhand der oben erwähnten Umfragedaten untersucht, inwieweit die Bevölkerung eine mögliche Wiedererhebung der seit 1997 ausgesetzten Vermögensteuer unterstützt und wovon die Zustimmung abhängt. Dabei zeigt sich, dass in den Augen der Befragten Vermögen nicht gleich Vermögen ist und die Zustimmung insbesondere davon abhängt, ob das Vermögen leistungslos (durch Erbe, Heirat oder Spekulation) oder durch Arbeit erworben wurde.
Das im Forschungsfeld I („Normativität normativer Ordnungen“) verortete Projekt ergänzt das interdisziplinäre Forschungsprogramm des Clusters zur normativen Dimension der gegenwärtigen Konflikte um eine gerechte soziale Ordnung um eine soziologisch-empirische Sicht auf die Kritik und Rechtfertigung zeitgenössischer Ungleichheitsverhältnisse aus einer Teilnehmerperspektive. In der sozialen Praxis es ist gerade die – normativ gefärbte und symbolisch vermittelte – Deutung und ggf. Kritik einer ungleichen Sozialordnung seitens der Gesellschaftsmitglieder selbst, die ökonomische Disparitäten und ungleiche Chancen zu einem rechtfertigungsbedürftigen (Gerechtigkeits-)Problem und machen und den sozialen Zusammenhalt herausfordern. 

Referenzen
Boltanski, Luc (2010): Soziologie und Sozialkritik. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Boltanksi, Luc/Chiapello, Eve (2003): Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz: UVK.
Forst, Rainer (2005): Die erste Frage der Gerechtigkeit. Aus Politik und Zeitgeschichte 37/2005: 24-31
Neckel, Sighard (2013): Refeudalisierung. Systematik und Aktualität eines Begriffs der Habermas’schen Gesellschaftsanalyse. Leviathan 41: 39-56 
Rosanvallon, Pierre (2013): Die Gesellschaft der Gleichen. Hamburg: Hamburger Edition.

Publikationen
Sachweh, Patrick, Sarah Lenz und Evelyn Sthamer (2018): Das gebrochene Versprechen der Meritokratie? Aufstiegsdeutungen im Zeichen steigender Ungleichheit, in: WestEnd – Neue Zeitschrift für Sozialforschung 15(1): 71-85.
Sachweh, Patrick und Sarah Lenz (2018): Maß und Mitte – Symbolische Grenzziehungen in der unteren Mittelschicht, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 70(3): 361-389.
Sachweh Patrick und Debora Eicher (2018): Einstellungen zur Vermögensteuer in Deutschland. Eine Vignettenanalyse anhand aktueller Umfragedaten, in: WSI-Mitteilungen 71(5): 370-381.

Publikationen aus dem Forschungsprojekt
Sachweh, Patrick und Evelyn Sthamer (2019): Why Do the Affluent Find Inequality Increasingly Unjust? Changing Inequality and Justice Perceptions in Germany, 1994–2014. European Sociological Review (doi: 10.1093/esr/jcz024)
Sachweh, Patrick und Sarah Lenz (2018): Maß und Mitte – Symbolische Grenzziehungen in der unteren Mittelschicht. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 70(3): 361-389.
Sachweh Patrick und Debora Eicher (2018): Einstellungen zur Vermögensteuer in Deutschland. Eine Vignettenanalyse anhand aktueller Umfragedaten. WSI-Mitteilungen 71(5): 370-381.
Sachweh, Patrick; Lepthien, Greta, 2019: „Woher denn sonst nehmen, wenn nicht von denen, die was haben!“ Deutungsmuster der Vermögensbesteuerung in zwei Online-Diskussionsforen, in: Bögelein, Nicole; Vetter, Nicole (Hg.), Der Deutungsmusteransatz. Bestandsaufnahme und methodologische Fortentwicklung, Weinheim: Beltz, S. 176 – 201
Sachweh, Patrick, Sarah Lenz und Evelyn Sthamer (2018): Das gebrochene Versprechen der Meritokratie? Aufstiegsdeutungen im Zeichen steigender Ungleichheit, in: WestEnd – Neue Zeitschrift für Sozialforschung 15(1): 71-85.
Sachweh, Patrick, Sarah Lenz und Debora Eicher (2018): Klassen und Klassifikationen. Symbolische Grenzziehungen in der deutschen Ungleichheitsstruktur, in: Schöneck, Nadine M. und Sabine Ritter (Hg.): Die Mitte als Kampfzone: Wertorientierungen und Abgrenzungspraktiken der Mittelschichten. Bielefeld: Transkript Verlag. S. 243- 260.
Sachweh Patrick und Evelyn Sthamer (2018): Sozialer Abstieg oder Stillstand? WSI Blog „Work on Progress“.

Aktuelles aus dem Forschungszentrum

Veranstaltung
12.05.2026 | Frankfurt am Main

Zwischen Transformation und Abolitionismus

Buchvorstellung

Buchvorstellung mit Christine Graebsch, Katrin Höffler, Jochen Bung & Ronen Steinke

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Veranstaltung
20.04.2026 | Brüssel

Militärische KI verantwortungsvoll nutzen und Regulierung neu denken

Podiumsdiskussion, Vortrag

Künstliche Intelligenz findet im Militär immer breiteren Einsatz, von Logistik und Training über Missionsplanung und Zielidentifikation bis hin zu autonomen Waffensystemen. Gleichzeitig wächst die Bedeutung von Mikroprozessoren immer stärker, der Zugang zu seltenen Erden und Chips wird zur zentralen Ressource. KI kann das Kampfgeschehen beschleunigen und damit destabilisierend wirken. Der Wettlauf um neue Fähigkeiten birgt jedoch auch Eskalationsrisiken. Wir laden Sie ein, diese Themen im nächsten Crisis Talk gemeinsam mit unseren hochkarätigen Podiumsgästen zu diskutieren.

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Veranstaltung
28./29.05.2026 | Frankfurt am Main

Global Health Justice: Principles and Practice

Konferenz

Following the research focus of the Global Health Justice Postdoctoral Programme, the "Global Health Justice: Principles and Practice" conference places a particular emphasis on themes such as the human right to health, political activism and health justice issues, and problems of structural injustice and vulnerable populations in health care. Keynote lectures by Jonathan Wolff and Kanchana Mahadevan.

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Publikation
26.03.2026 | Monographie

The Cambridge History of Latin American Law in Global Perspective

Duve, Thomas; Herzog, Tamar (eds.): The Cambridge History of Latin American Law in Global Perspective, Cambridge: Cambridge University Press, 2024 (portugiesisch 2025; spanisch 2026).

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Publikation
26.03.2026 | Monographie

Rechtsgeschichte des frühneuzeitlichen Hispanoamerika

Duve, Thomas; Egío, José Luis  (2023): Rechtsgeschichte des frühneuzeitlichen Hispanoamerika, Berlin: De Gruyter, 2023.

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18.04.2026 | Frankfurt am Main

Das Prinzip Donald Trump und die Verrohung der Welt

Podiumsdiskussion, Vortrag

Ein neuer Politikstil macht international Karriere. Er ist gekennzeichnet von Vulgarität, Verrohung und erklärter Rechtsfeindschaft. Machtinteressen werden nicht mehr juristisch bemäntelt. Stattdessen wird das angebliche Recht des Stärkeren zur Staatsdoktrin gemacht – innenpolitisch wie außenpolitisch. Treibende Kraft hinter dieser Verrohung der politischen Sitten ist ein US-Präsident, der nicht nur die amerikanische Gesellschaft und Kultur, sondern auch die globale Ordnung nach seinen Vorstellungen und Interessen umgestaltet. Die Römerberggespräche wollen diesen Politikstil verstehen.

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Veranstaltung
14.07.2026 | Frankfurt am Main

Democracy Over Time and the Climate Crisis

Ringvorlesungen

Vortrag von Anja Karnein (Binghamton). Die Vortragsreihe untersucht Fragen der Klimakrise als Herausforderungen für demokratische Gesellschaften und konzentriert sich auf Themen wie politische Legitimität, Widerstand gegen fossile Brennstoffe und die Interessen künftiger Generationen. Sie wird organisiert von Prof. Dr. Darrel Moellendorf und Dr. Lukas Sparenborg.

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10.06.2026 | Frankfurt am Main

Capital Investment, Inequality, and State Power in a Time of Climate Emergency

Ringvorlesungen, Vortrag

Vortrag von MartinO'Neill (University of York). Die Vortragsreihe untersucht Fragen der Klimakrise als Herausforderungen für demokratische Gesellschaften und konzentriert sich auf Themen wie politische Legitimität, Widerstand gegen fossile Brennstoffe und die Interessen künftiger Generationen. Sie wird organisiert von Prof. Dr. Darrel Moellendorf und Dr. Lukas Sparenborg.

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13.05.2026 | Frankfurt am Main

Failed States and Cloudy Skies: Tipping Points, Overshoot and Permanent Emergency, after America

Ringvorlesungen

Vortrag von Geoff Mann (Simon Fraser University, Canada). Die Vortragsreihe untersucht Fragen der Klimakrise als Herausforderungen für demokratische Gesellschaften und konzentriert sich auf Themen wie politische Legitimität, Widerstand gegen fossile Brennstoffe und die Interessen künftiger Generationen. Sie wird organisiert von Prof. Dr. Darrel Moellendorf und Dr. Lukas Sparenborg.

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