Die bioethische Herausforderung normativer Ordnungen

Projektleitung: Prof. Dr. Rainer Forst

In diesem Projekt ging es um die Frage, wie neue biomedizinische Technologien, etwa künstliche Befruchtung, Stammzellforschung, Präimplantationsdiagnostik (PID) und genetische Manipulation, die universalistische und egalitäre Moral sowie bestimmte traditionelle Wertvorstellungen, etwa über die Demut vor der natürlichen Ordnung, herausfordern.

Dabei wurde zwischen zwei Arten von Technologien differenziert, die jeweils unterschiedliche Herausforderungen darstellen. Zum einen wurden Technologien untersucht, die Leben künstlich herstellen, dieses sodann aber zerstören (1). Zum anderen handelt es sich um Technologien, die Leben künstlich herstellen, um es dann mit Blick auf die Hervorbringung einer neuen Person auf bestimmte Qualitätsmerkmale hin zu selektieren oder genetisch zu manipulieren (2). Während Technologien der ersten Kategorie alte Fragen in neuem Lichte erscheinen lassen, führen Technologien der zweiten Sorte zu völlig neuartigen Problemen.

(1) Methoden der künstlichen Befruchtung, der Stammzellforschung und teilweise auch die PID (insofern Embryonen ausselektiert werden), die auf die künstliche Herstellung und Destruktion von Embryonen angewiesen sind, machen es notwendig, den moralischen Status von Embryonen neu zu überdenken. Anders als im Kontext der Abtreibungsdebatte, in dem der moralische Status des Embryos gegen das Selbstbestimmungsrecht der Frau abgewogen werden musste, geht es in diesen bioethischen Konflikten um eine Reihe von anderen konkurrierenden Interessen, die den moralischen Status des Embryos übertrumpfen sollen: so etwa das Interesse am medizinischen und wissenschaftlichen Fortschritt, das Interesse am „eigenen“ (also biologisch verwandten) Kind sowie das Interesse, gesunden Nachwuchs zu gebären, aber auch Krankheiten, wie etwa Leukämie oder Alzheimer, bei bereits Geborenen besser heilen zu können. Während man im Abtreibungskonflikt argumentieren kann, dass die Pflicht zur Achtung des moralischen Status des Embryos durch das Selbstbestimmungsrecht der Frau ausnahmsweise überwogen wird, stellt die Implementierung dieser neuen Technologien das Bekenntnis zum Embryonenschutz grundsätzlich in Zweifel.

(2) Technologien wie PID und genetische Manipulation ergeben ganz neuartige Probleme: Nicht nur ist es bereits möglich, in der Petrischale Embryos mit gewissen genetischen Prädispositionen „auszuwählen“, sondern es wird möglicherweise machbar sein, die Natur der nächsten Generation auf fundamentale Weise zu bestimmen. Diese neue Eingriffsmöglichkeit verschärft nochmals die ohnehin existierende Machtasymmetrie zwischen den Generationen, bei denen jetzt Lebende über die Existenz und die Lebensumstände Nachgeborener bestimmen können. Die Frage ist, ob sich diese Macht auch in ein Recht der Eltern zur verbessernden Intervention übersetzen lässt, wie liberale Eugeniker zumeist annehmen (Buchanan et al. in From Chance to Choice, 2000; Dworkin in Playing God, 2000), oder ob diese Macht nicht eher zur Vorsicht mahnt. Dieser zweiten Position zufolge respektiert man die Autonomie und Gleichheit zukünftiger Menschen nur, wenn man sich Eingriffen in ihr Genom so weit wie möglich enthält (Habermas in Die Zukunft der menschlichen Natur, 2001).

In dem Projekt wurden diese Probleme umfassend analysiert und vor dem Hintergrund der Clusterforschungsprogrammatik ein Lösungsansatz entwickelt, der existierende und auch (in einem bestimmten Sinne) künftige Personen als freie und gleiche, autonome Rechtfertigungswesen bzw. Rechtfertigungsautoritäten mit einem „Recht auf Rechtfertigung“ (Forst) ansieht. Aus diesem moralischen Status folgen die Pflichten solchen Personen gegenüber.

In den Rahmen des Forschungsprojekts fand der Workshop „What Do We Owe to Future People?“ (vom 19.-20.02.2010) statt, den Anja Karnein gemeinsam mit Rainer Forst organisierte. Vortragende waren: Rahul Kumar (Ontario), Matthew Hanser (Santa Barbara), Melinda Roberts (New Jersey),Elizabeth Harman (Princeton), John Harris (Manchester), Armin Grunwald (Karlsruhe) und Anja Karnein. Jürgen Habermas, Ludwig Siep (Münster), Michael Quante (Köln) und Rainer Forst nahmen kommentierend teil.

Zu den wichtigsten Veröffentlichungen aus diesem Foschungsprojekt zählen: Karnein, Anja (2012): A Theory of Unborn Life. From Abortion to Genetic Manipulation, Oxford: Oxford University Press; deutsche Übersetzung (von Christian Heilbronn) (2013): Zukünftige Personen. Eine Theorie des ungeborenen Lebens von der künstlichen Befruchtung bis zur genetischen Manipulation, Berlin: Suhrkamp; Karnein, Anja (2012): „Parenthood- Whose Right is It Anyway?”, in: Richards, Martin/ Pennings, Guido/Appleby, John (Hg.): Reproductive Donation, Cambridge: Cambridge University Press, 51-69; und Forst, Rainer (2011): Kritik der Rechtfertigungsverhältnisse. Perspektiven einer kritischen Theorie der Politik, Berlin: Suhrkamp; englische Übersetzung (von Ciaran Cronin) (2013): Justification and Critique, Cambridge: Polity Press; italienische Übersetzung (von Enrico Zoffoli) (2013): Critica dei rapporti di giustificazione, Turin: Trauben; spanische Übersetzung: (von Graciela Calderón) (2015): Justificación y crítica, Buenos Aires: Katz Editores.

Aktuelles aus dem Forschungszentrum

Veranstaltung
02.06.2026 | Brüssel

Zusammenhalt, Vertrauen und Demokratie in Europa

Podiumsdiskussion, Vortrag

Vertrauen, Zusammenhalt, Demokratie – drei große Begriff, die in Europa derzeit allgegenwärtig sind. Doch wie belastbar sind sie eigentlich und was beschreiben sie? Was genau meinen wir eigentlich, wenn wir von politischem Vertrauen und gesellschaftlichem Zusammenhalt sprechen? Und braucht es – wie häufig behauptet – ein gewisses Maß an sozialer oder kultureller Homogenität, damit Vertrauen wachsen und Zusammenhalt entstehen kann? Diesen Fragen widmen wir uns in der aktuellen Ausgabe der Crisis Talks – auf dem Podium und im Gespräch mit unseren Gästen.

weitere Infos ›
Veranstaltung
22.06.2026 | Frankfurt am Main

Rechtsextremismus und Polizei - Erscheinungsformen, Umgangsweisen, Perspektiven

Podiumsdiskussion

Die Diskussion knüpft an den Sammelband „Rechtsextremismus als Herausforderung für Polizei und Gesellschaft“ an, der aktuelle Perspektiven aus Wissenschaft, Praxis und Zivilgesellschaft zusammenführt.

weitere Infos ›
News
18.05.2026

Videopodcast-Reihe „Our Planet, Our Health“ gestartet

Mit „Our Planet, Our Health“ startet eine neue Videopodcast-Reihe zu Fragen globaler Gesundheitsgerechtigkeit. Die Reihe, gehostet von Dr. Romina Rekers, ist eine Initiative des Global Health Justice Postdoctoral Programme (GHJ), gefördert von der Höppschen Stiftung.

weitere Infos ›
Publikation
12.05.2026 | Onlineartikel

Disinhibited Informalization: Talk Radio, Bro Podcasts and the Aesthetics of Populism

This essay by Johannes Völz is a revised and updated translation of “Enthemmte Informalisierung: Talk Radio, Bro-Podcasts und die Ästhetik des Populismus,” WestEnd: Neue Zeitschrift für Sozialforschung 22.2 (2025): 3–24. It is published here as part of the b2o Review’s “Stop the Right” dossier.

weitere Infos ›
Veranstaltung
27.05.2026 | Frankfurt

Von der Selbstermächtigung zum sozialen Widerstand

Vortrag

Vortrag von Prof. Dr. Axel Honneth (Frankfurt am Main / New York Columbia University) mit anschließender Diskussion im Rahmen des Rechtstheoretischen Mittwochsseminars von Klaus Günther, Dan Wielsch und Benno Zabel.

weitere Infos ›
News
11.05.2026

Gertrud Koch spricht über Kulturindustrie heute

Im Rahmen der Gesprächsreihe Frankfurter Schule hat die Professorin für Filmwissenschaft gemeinsam mit dem Journalisten und Filmkritiker Bert Rebhandl über die Aktualität des Begriffs Kulturindustrie und sein Verständnis im Kontext digitaler und globaler Medien gesprochen.

weitere Infos ›
Veranstaltung
25./26.06.2026 | Frankfurt

Shifting Regimes, Changing Orders

Konferenz

Conference as part of WDC2026 in collaboration with Deutsche Gesellschaft für Designtheorie und -forschung (DGTF), Kunstgewerbemuseum/Design Campus SKD and Design and Democracy

weitere Infos ›
Veranstaltung
28./29.05.2026 | Frankfurt am Main

Global Health Justice: Principles and Practice

Konferenz

Following the research focus of the Global Health Justice Postdoctoral Programme, funded by Höppsche Stiftung, the "Global Health Justice: Principles and Practice" conference places a particular emphasis on themes such as the human right to health, political activism and health justice issues, and problems of structural injustice and vulnerable populations in health care. Keynote lectures by Jonathan Wolff and Kanchana Mahadevan. The Global Health Justice Programme and this conference are supported by the Höppsche Stiftung in Villmar.

weitere Infos ›
Veranstaltung
14.07.2026 | Frankfurt am Main

Democracy Over Time and the Climate Crisis

Ringvorlesungen

Vortrag von Anja Karnein (Binghamton). Die Vortragsreihe untersucht Fragen der Klimakrise als Herausforderungen für demokratische Gesellschaften und konzentriert sich auf Themen wie politische Legitimität, Widerstand gegen fossile Brennstoffe und die Interessen künftiger Generationen. Sie wird organisiert von Prof. Dr. Darrel Moellendorf und Dr. Lukas Sparenborg.

weitere Infos ›