Die Berufsmoral der Banker. Milieubildungen und Professionsethiken im globalen Finanzwesen

Projektleitung: Prof. Dr. Sighard Neckel

In dem Projekt „Die Berufsmoral der Banker. Milieubildungen und Professionsethiken im globalen Finanzwesen“ wurde erforscht, ob und in welcher Weise sich Gruppenprozesse und Milieubildungen beruflicher Akteure des internationalen Finanzwesens vollziehen, die zur sozialen Grundlage der Entstehung von Berufsmoral und eines „kritischen Professionalismus“ im Finanzwesen werden könnten. 

Vor dem Hintergrund der Finanzkrise, die nicht nur die ökonomischen, sondern auch die weitreichenden sozialen Folgen finanzökonomischen Handelns sichtbar gemacht hat, interessierte uns vor allem, inwieweit und unter welchen Bedingungen Finanzakteure auf die gesellschaftliche Dimension ihres ökonomischen Handelns Bezug nehmen und auch die negativen externen Effekte ihrer Geschäftspraktiken berücksichtigen (können).

Da Sozialwissenschaftlich kaum andere Berufsgruppen so wenig erforscht sind, wie die Professionen im Banken- und Finanzwesen, zielte die Forschung zudem darauf ab, diese Wissenslücke ein stückweit zu schließen und ggf. gängige Stereotypen von Bankern zu korrigieren.

Das Projekt knüpfte dabei an die zentrale praxistheoretische Einsicht an, dass Akteure auch im Wirtschaftssystem nicht ausschließlich daran interessiert sind, den eigenen Nutzen zu maximieren, sondern ebenso auf Legitimität und Anerkennung bedacht sind.  Die soziologisch relevante Frage ist demnach nicht, ob es auf den Finanzmärkten eine Moral gibt oder nicht, sondern was Finanzakteure unter Moral und gesellschaftlicher Verantwortung verstehen und welche Bedeutung sie dieser in ihrer beruflichen Praxis beimessen. 
Mit Bezug auf Émile Durkheims Theorie der normativen Integration funktional differenzierter Gesellschaften, konnten die Forschungsergebnisse dabei bestätigen, dass den Berufsmilieus und ihren Professionsethiken eine zentrale Rolle bei der Hervorbringung von „Solidarität“ und der „Zügelung der individuellen Egoismen“ in modernen Sozialordnungen zukommt. 

Grundlage der Forschung waren vergleichender ethnographischer Milieuforschungen zu finanzwirtschaftlichen Berufsgruppen an den Bankenplätzen Frankfurt und Zürich. Ausgehend von der Frage nach dem jeweiligen Selbstverständnis der eigenen beruflichen Tätigkeit wurden die „inneren sozialen Milieus“ (Durkheim) von Bankern in ihren Praktiken und Symbolen, in ihren Weltbildern und Vergemeinschaftungsmustern ebenso untersucht, wie jene institutionellen Prozesse einer ethischen Erneuerung im Finanzwesen, die sich etwa in der Gründung „ethischer Banken“ oder in kritischen Debatten innerhalb finanzwirtschaftlicher Berufsorganisationen dokumentieren.
Die Analyse der Interviews brachte dabei ein Dilemma zum Vorschein: Obgleich Finanzakteure durchaus normative Ansprüche mit ihrem Metier verbinden, berühren diese Ansprüche nicht jene gesellschaftliche Sphäre, in der ein normativ gebundenes Handeln besonders notwendig wäre. Die „Berufsmoral der Banker“ stellt sich in erster Linie als eine „Binnenmoral“ dar, die an Kunden, Mitarbeiter oder Kollegen adressiert ist, während die Gesellschaft als ein normativer Bezugspunkt nur eine zu vernachlässigende Rolle spielt. 

Die homogene Zusammensetzung der sozialen Milieus, aus denen sich jedenfalls führende Finanzakteure zunehmend rekrutieren, steht dabei in engem Zusammenhang mit dieser nach innen gerichteten Berufsmoral. Die gesellschaftliche Entbettung finanzökonomischen Handelns ist somit nicht allein einer Systemlogik geschuldet, die Gewinn- und Wettbewerbsorientierung zu ihren zentralen Prinzipien erhebt, sondern ebenfalls den homogenen Milieus von Finanzakteuren, die den Kontakt zu anderen Lebenswelten weitgehend verloren haben. 

Dass auch innerhalb des Finanzsystems andere normative Orientierungen möglich sind, zeigte die Analyse ethischer Kreditinstitute, die sich in ihren alltäglichen Praktiken nicht ausschließlich auf Prinzipien ökonomischer Profitmaximierung beziehen, sondern in hohem Maße anschlussfähig sind an gesellschaftliche Nachhaltigkeitsdiskurse. Gerade die Kritik am konventionellen Bankenwesen und ihrer Binnenmoral ist, so zeigte sich, ein konstitutiver und anerkannter Bestandteil der Berufsbiographie ethischer Banker.  

Die wichtigsten Publikationen in diesem Projekt:

Lenz, Sarah: „Normativer Wandel im Bankenwesen? Eine Analyse kritischer Distanzierung ‚ethischer Banker‘“, in: K. Backhaus /D. Roth-Isigkeit (Hg.): Praktiken der Kritik. Frankfurt am Main: Campus, 2016.

Czingon, Claudia: „‚Wirtschaftsethik‘, ‚Corporate Social Responsibility‘ und ‚Selbstreflexion‘: Selbstkritik im BWL-Curriculum deutscher Business Schools?“, in: K. Backhaus/D. Roth-Isigkeit (Hg.): Praktiken der Kritik, Frankfurt am Main: Campus, 2016.

Claudia Czingon und Sighard Neckel: „Banking in gesellschaftlicher Verantwortung? Zur Berufsmoral im Finanzwesen“, in: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung, 01/2015, S. 71–84.

Lenz, Sarah: „Ethische Banken in Deutschland – Nische oder Avantgarde? Eine Analyse der Selbstdarstellungen alternativer Geldhäuser“, Institut für Sozialforschung Working Papers, Frankfurt am Main 2015, [online] http://www.ifs.uni-frankfurt.de/wp-content/uploads/IfS-WP-7-Herzog-Lenz-Hirschmann.pdf [05.10.2017].
 
Lenz, Sarah/Lisa Herzog/Edgar Hirschmann: „‚Ethische Banken‘ Nische oder Avantgarde?“, in: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung, 01/2015, S. 85–95.

Personen in diesem Projekt:

Projektleitung / Ansprechpartner

Neckel, Sighard, Prof. Dr.

Projektmitarbeiter

Czingon, Claudia

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Lecture Series mit Vorträgen von Orla Lynch, Leena Malkki und Tore Bjørgo veranstaltet vom Peace Research Institute Frankfurt (PRIF) in Kooperation mit dem Forschungszentrum „Normative Orders“ und der Goethe-Universität Frankfurt

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12.05.2026 | Frankfurt am Main

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Buchvorstellung mit Christine Graebsch, Katrin Höffler, Jochen Bung & Ronen Steinke

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28./29.05.2026 | Frankfurt am Main

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Following the research focus of the Global Health Justice Postdoctoral Programme, funded by Höppsche Stiftung, the "Global Health Justice: Principles and Practice" conference places a particular emphasis on themes such as the human right to health, political activism and health justice issues, and problems of structural injustice and vulnerable populations in health care. Keynote lectures by Jonathan Wolff and Kanchana Mahadevan.

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10.06.2026 | Frankfurt am Main

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Ringvorlesungen, Vortrag

Vortrag von MartinO'Neill (University of York). Die Vortragsreihe untersucht Fragen der Klimakrise als Herausforderungen für demokratische Gesellschaften und konzentriert sich auf Themen wie politische Legitimität, Widerstand gegen fossile Brennstoffe und die Interessen künftiger Generationen. Sie wird organisiert von Prof. Dr. Darrel Moellendorf und Dr. Lukas Sparenborg.

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13.05.2026 | Frankfurt am Main

Failed States and Cloudy Skies: Tipping Points, Overshoot and Permanent Emergency, after America

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Vortrag von Geoff Mann (Simon Fraser University, Canada). Die Vortragsreihe untersucht Fragen der Klimakrise als Herausforderungen für demokratische Gesellschaften und konzentriert sich auf Themen wie politische Legitimität, Widerstand gegen fossile Brennstoffe und die Interessen künftiger Generationen. Sie wird organisiert von Prof. Dr. Darrel Moellendorf und Dr. Lukas Sparenborg.

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22.04.2026 | Frankfurt am Main

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Vortrag von Ross Mittiga (SOAS London). Die Ringvorlesung "Der Klimawandel: Von ökologischen zu demokratischen Kipppunkten?" untersucht Fragen der Klimakrise als Herausforderungen für demokratische Gesellschaften und konzentriert sich auf Themen wie politische Legitimität, Widerstand gegen fossile Brennstoffe und die Interessen künftiger Generationen. Sie wird organisiert von Prof. Dr. Darrel Moellendorf und Dr. Lukas Sparenborg.

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Kommunikative Vernunft. Zum Tod von Jürgen Habermas

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Im Mittelpunkt des Abends steht die Frage, ob und unter welchen verfassungsrechtlichen, politischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen ein Verbot einer demokratisch gewählten, rechtsnational ausgerichteten Partei als legitimes Mittel in Betracht gezogen werden kann oder nicht. Ausgehend von den normativen Grundlagen des Parteienverbots im Grundgesetz, möchten wir die hohen rechtlichen Hürden und demokratietheoretischen Spannungsfelder dieser Maßnahme erörtern – zwischen Pluralismus und Selbstverteidigung, zwischen Meinungsfreiheit und Schutz der freiheitlichen demokratischen Grundordnung.

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