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14.11.2008
Konferenz

Die Herausbildung normativer Ordnungen

Eröffnungskonferenz

Mit einer internationalen Fachkonferenz stellte der neue Frankfurter Exzellenzcluster erstmals sein interdisziplinäres Forschungsprogramm einer größeren Öffentlichkeit vor. Ein Beitrag von Eva Buddeberg

Die Herausbildung normativer Ordnungen ist das Leitthema des in den Geistes- und Sozial-wissenschaften angesiedelten Frankfurter Exzellenzclusters, und unter diesem Titel fand am 14. und 15. November 2008 die international besetzte Tagung im Frankfurter Maritim-Hotel statt, mit der der Cluster zum ersten Mal Forschungsfelder übergreifend und mit größerer öffentlicher Beteiligung über die ihn leitenden Begrifflichkeiten diskutierte. Entsprechend der Einteilung des Clusters in vier Forschungsfelder war die Tagung in vier Panels gegliedert und durch ein fünftes Panel ergänzt, in dem die interdisziplinäre Diskussion explizit im Zentrum stand.

Zum Auftakt hatte das Forschungsfeld 1 die Philosophen Peter Stemmer (Konstanz) und R. Jay Wallace (Berkeley) eingeladen, die beide zum Thema Normativität bahnbrechende Arbeiten vorgelegt haben. Bereits in dieser Kombination wurde ein Ziel der Tagung deutlich, nämlich nicht nur Disziplinen übergreifend, sondern auch innerhalb einer Disziplin entgegengesetzte Positionen vertretend zu diskutieren: Während Stemmer in seinem Vortrag „Die Konstruktion der normativen Wirklichkeit“, wie in seiner kürzlich veröffentlichten Studie zur Normativität, eine Position bezog, die Normen bzw. Werten eine nur subjektrelative Normativität zumaß, lotete Wallace in seinem Beitrag über „Conceptions of Normativity: Some Basic Philosophical Issues“ das Terrain zwischen konstruktivistischen und moralisch-realistischen Positionen aus, die Normen eine eigene Geltungskraft zuschreiben.

Professor R. Jay Wallace, Berkeley: „Conceptions of Normativity: Some Basic Philosophical Issues“

Wallerstein: Kapitalistisches System in finaler Krise

Nach diesem philosophischen Einstieg wurde es im zweiten Panel des historisch orientierten Forschungsfeldes deutlich empirischer – neben dem „Grand seigneur“ der Sozialwissenschaften Immanuel Wallerstein war ebenfalls aus den USA der Historiker Robert Harms (beide Yale) angereist: Dessen Vortrag untersuchte unter dem Titel „Slave Trading, Abolition, and Colonialism as Inter-Linked Normative Orders“ (Skript) die internen Zusammenhänge zwischen drei miteinander verflochtenen internationalen Ordnungen: dem transatlantischen Sklavenhandel, den internationalen Bemühungen, ihn zu beenden, und dem Aufstieg des Kolonialismus in Afrika. Im Zentrum seiner Ausführungen stand dabei die Analyse der unterschiedlichen Rechtfertigungsweisen dieser Ordnungen bzw. der Argumentationsweisen, wie diese Ordnungen als illegitim dargestellt wurden.

Professor Robert Harms, Yale: „Slave Trading, Abolition, and Colonialism as Inter-Linked Normative Orders“

„In what Normative Order(s) has the World been Living in the Modern World System?“ (Skript) war der Titel und die Leitfrage von Wallersteins Beitrag, in dem dieser die großen Linien der Geschichte der Moderne mit Entwicklungstendenzen der gegenwärtigen Situation verband. Ausgehend von seiner These, dass jede Art von Strukturen und, damit eingeschlossen: geschichtliche Gesellschaftssysteme (historical social systems), nicht ewig bestehen, sondern irgendwann in abschließenden Krisen untergehen, deutete er die gegenwärtige Situation als die einer solchen Systemkrise.

Professor Immanuel Wallerstein, Yale: „In what Normative Order(s) has the World been Living in the Modern World System?“

Der Nachmittag des ersten Tages war dem rechtstheoretischen Forschungsfeld des Clusters gewidmet, das sich mit der Herausbildung von Rechtsnormen zwischen den Nationen befasst. Zunächst trug die in Fribourg lehrende Rechtsphilosophin Samantha Besson über „The Authority of International Law – Lifting the State Veil“ vor. Sie ging der Frage nach, wie die vier von ihr ausgemachten Hauptmerkmale von rechtlicher Autorität im Kontext internationaler Beziehungen zu verstehen seien. In dem zweiten Vortrag stellte Armin von Bogdandy, Leiter des Heidelberger Max-Planck-Instituts für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht, seine Forschungen über „Developing the Publicness of Public International Law: Towards a Legal Framework for Global Governance Activities“ (Artikel) vor. Ausgangsfrage seiner Überlegungen war dabei, wie Rechtswissenschaftler bei der Konstruktion von internationalen normativen Ordnungen mitwirken können.

Prof. Dr. Armin von Bogdandy, Heidelberg: „Developing the Publicness of Public International Law: Towards a Legal Framework for Global Governance Activities“

Caney: Eine gerechte Welt bedarf effektiver globaler Institutionen

Bevor am zweiten Tag der interdisziplinären Tagung auf dem Podium fachübergreifend zwischen sieben der insgesamt inzwischen fast dreißig Principal Investigators des Clusters diskutiert wurde, konnte das zahlreich erschienene, sich aus allen im Cluster vertretenen Disziplinen zusammensetzende Auditorium zwei Politikwissenschaftlern (beide Oxford) zuhören: Andrew Hurrel befasste sich mit „Provincializing Westphalia: The Evolution of International Society as a Global Normative Order“. Ausgehend von einer die Geschichtswissenschaften anhaltend beschäftigenden Frage, wie eine europäische internationale auf Staaten basierende Ordnung sich zu einem globalen System ausdehnen konnte, gelangte Hurrell zu Aussagen über die Rolle, die generell aufstrebende und an  Bedeutung gewinnende Staaten für die bestehende institutionelle und normative Ordnung spielen.

Professor Andrew Hurrell, Oxford: „Provincializing Westphalia: The Evolution of International Society as a Global Normative Order“

Simon Caney, bekannt durch seine Arbeiten zur zeitgenössischen internationalen politischen Theorie, trug zum Thema „Justice, Democracy and Global Governance“ vor. Dabei ging es ihm zunächst darum, die Prinzipien zu bestimmen, auf denen die institutionelle Gestaltung unserer Welt beruhen sollte, um so seine Hauptthese zu bekräftigen, dass jede Form von einer annähernd gerechten Gesellschaft auf globaler Ebene internationaler Institutionen bedarf. Diese verglich er zur weiteren Konkretisierung mit alternativen Vorschlägen, wie das Verhältnis von Gerechtigkeit, Demokratie und globaler Ordnungen zu denken wäre.

Die Zwischenergebnisse der Tagung über die Grundbegriffe des Clusters: Herausbildung normativer Ordnungen, wurden dann beim Abschlusspanel noch einmal fachübergreifend diskutiert. Neben den beiden Cluster-Sprechern Rainer Forst (Politikwissenschaft und Philosophie) und Klaus Günther (Rechtswissenschaft) nahmen die neu zum Cluster gekommene Ethnologin Susanne Schröter sowie vier weitere „Principal Investigators“ auf dem Podium Platz: der kürzlich zum Vizepräsidenten der Universität gewählte Rainer Klump (Wirtschaftswissenschaften), der Althistoriker Harmut Leppin, das geschäftsführende Vorstandsmitglied der HSFK Harald Müller (Politikwissenschaft) und der Philosoph Marcus Willaschek. Zu den wichtigsten diskutierten Themen gehörten die Fragen nach dem Verhältnis von Norm und Sanktion sowie die Kontroverse zwischen der Kulturabhängigkeit und dem Anspruch universeller Geltung von Normen.

Spätestens seit diesen Veranstaltungen ist die inhaltliche Diskussion voll im Gange, und man kann gespannt sein auf die nächsten in diesem Jahr noch stattfindenden Konferenzen, z. B. zu dem Begriff des „Rechtfertigungsnarrativs“, der bereits im Cluster-Antrag eine zentrale Rolle spielt und bei dieser Tagung häufig zur Sprache kam.

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