Islamic Governance and Socio-Legal Change in Brunei Darussalam

Dr. Dominik Müller

Das Projekt erforschte das Verhältnis zwischen Islamisierungspolitik, Scharia-Rechtsreformen und kulturellen Veränderungen im Sultanat von Brunei seit dessen Unabhängigkeit (1984). Basierend auf ethnologischer Feldforschung und Primärquellen wurde untersucht, wie die Herausbildung eines offiziellen Staatsislams diskursiv eingebettet ist, welche gesellschaftlichen Auswirkungen dessen Implementation entfaltet und inwiefern soziale Akteure an diesen Prozessen teilhaben oder ihnen die normative Zustimmung verweigern.
Das Projekt untersuchte zunächst die historischen Prozesse, im Zuge derer die staatliche Islambürokratie und die ihr zugrundeliegenden Rechts- und Rechtfertigungsverhältnisse ihren gegenwärtigen Einfluss erlangten. Daraufhin wurde die Genese staatlicher Disziplinierungs- und Wissensproduktionsmechanismen mit Blick auf die Aushandlung „gottgewollter“ Normativität und religiöser „Devianz“ nachgezeichnet, u.a. anhand des Beispiels der „Glaubenskontrollbehörde“ und des „Höchsten Rats für die Staatsideologie“ sowie dessen Arbeit an der staatlichen Universität. Gleichzeitig wurden vielfältige populäre Umgangsformen mit offiziellen Wahrheits- und Devianzdiskursen analysiert, um die Komplexität des sozio-rechtlichen Wandels zu veranschaulichen. Als Fallbeispiele dienten u.a. kulturelle Traditionen, die von weiten Teilen der Bevölkerung praktiziert/toleriert wurden, bis sie gesetzlich verboten und sozial marginalisiert wurden. Die ethnographischen Daten wurden abschließend verwendet, um die Bürokratisierung des Islams als analytisches Phänomen zu theoretisieren.  
Das primär in der Politikethnologie angesiedelte Projekt befasste sich mit Fragen von Recht und Normativität sowie Staatspolitik und Religion und bewegte sich somit zwischen verschiedenen am Cluster beteiligten Disziplinen. Zum Forschungsprogramm des Clusters wurde ein Beitrag geleistet, der die Mikro-Dynamiken normativer Transformation im Kontext eines nicht-demokratischen, durch sakralisierte Rechtfertigungsordnungen geprägten und dezidiert anti-säkularen Kontexts empirisch untersuchte. Zentrale Konzepte des Clusters, wie die Annahme normativer Ordnungen als soziale Rechtfertigungsordnungen, die durch Rechtfertigungsnarrative sozial produziert und verändert werden, dienten als Analyseinstrumente. 
Es wurden 2012, 2013 und 2014 mehrere Feldforschungsaufenthalte durchgeführt. Hierbei wurde neben semi-strukturierten Interviews und informellen Konversationen auch teilnehmende Beobachtung bei staatsislamischen und mit ihnen verbundenen Bildungsinstitutionen durchgeführt. Hierbei wurde u.a. mit der ethnographischen para-site Methode experimentiert.
Die empirischen Ergebnisse veranschaulichten neben Mechanismen staatsideologischer „Erziehung“ auch lokal bisher unerforschte Alltagspraktiken von Muslimen, die dem Staatsislam die Gefolgschaft entweder nicht-konfrontativ verweigern, oder als deviant-erklärte Praktiken innerhalb der Parametrer des staatsislamischen Diskurses kreativ neuerfinden. Zwar trug die postkoloniale Islamisierungspolitik zu kulturellen Veränderungen und der Naturalisierung ihrer Rechtfertigungsnarrative bei, allerdings sind diese Normativitätstransformationen komplexer, als unidirektionale Erklärungsmodelle sowie die gängigen Darstellungen der „obrigkeitshörigen“ Gesellschaft Bruneis unterstellen. Trotz Rechtfertigungshegemonie, Sanktionsdrohungen und Überwachung stoßen die Indoktrinationsbemühungen der Absoluten Monarchie vielfach an ihre Grenzen, wobei alternative Rechtfertigungsnarrative pragmatisch modifiziert werden, um selbstbestimmte Handlungsspielräume aufrechtzuerhalten.
Innerhalb des Clusters wurde das Projekts in engem Austausch mit dem Lehrstuhl von Prof. Susanne Schröter und ihren Mitarbeiterinnen des in der Projektlaufzeit von mir mitbegründeten dem Cluster zugehörigen Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam (FFGI) durchgeführt. Teilbereiche meiner Forschung wurden sowohl bei Jahreskonferenzen des Clusters als auch im FFGI Kolloquium im Rahmen von Vorträgen präsentiert, sowie auch im Rahmen zahlreicher nationaler und internationaler Vorträge. Im Forschungsland Brunei wurde mit der University of Brunei Darussalam (UBD, insb. Academy of Brunei Studies) kooperiert, sowie darüber hinaus mit der National University of Singapore (NUS, insb. Centre for Asian Legal Studies). Wissenstransfer fand u.a. durch die Beteiligung eines größeren Forschungsprojekts des in Jakarta ansässigen ASEAN Think Tanks Human Rights Resource Centren (HRRC) statt, sowie auch durch Medienpräsenz in der Berichterstattung zu Scharia Rechtsreformen in Brunei in deutschsprachigen Zeitungen (u.a. Süddeutsche Zeitung, Die Welt, Welt am Sonntag, Berliner Morgenpost).
Das Projekt wird die erste englischsprachige ethnologische Monographie erstellen, in der die Islamisierungspolitik Bruneis und ihre Auswirkungen feldforschungsbasiert analysiert werden. Das Manuskript soll bis 2018 fertigstellt werden, es bestehen bereits konkrete Absprachen mit einer amerikanischen „University Press“. Weitere Ergebnisse wurden in rezensierten Fachzeitschriften publiziert.


Die wichtigsten Publikationen des Forschungsprojekts (Auswahl):

Müller, Dominik M.: Islam, Politics and Youth in Malaysia: The Pop-Islamist Reinvention of PAS, Milton Park, Abingdon & New York, NY, Routledge (Contemporary Southeast Asia Series), 2014.

Müller, Dominik M.: „Paradoxical Normativities in Brunei Darussalam and Malaysia: Islamic Law and the ASEAN Human Rights Declaration”, in: Asian Survey, 56 (3), 415–441, 2016,  [published by University of California Press, UC Berkeley, IEAS]. 
*Müller, Dominik M.:, „Islamic Politics and Popular Culture in Malaysia: Negotiating Normative Change between Shariah Law and Electric Guitars”, in: Indonesia and the Malay World, 43 (127), 318–344, 2015.

Die wichtigsten Veranstaltungen des Forschungsprojekts (Auswahl):

„Economies of Attention and Selective Empathy in Times of Multiple Refugee Crises: The Case of Rohingya in Southeast Asia“, Vortrag auf der 9. Jahreskonferenz des Exzellenzclusters „Die Herausbildung Normativer Ordnungen. Titel der Jahreskonferenz: „Normative (B)Orders. Migration and Citizenship in a Time of Crisis“, Goethe-Universität Frankfurt, 24.-25.11.2016.

Konzeptualisierung und Organisation des Internationalen Workshops Islamism and the State: Contested Normativities in the Muslim World. Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Goethe-Universität Frankfurt, 06. – 07.10.2015.

„Anti-Secular Modernity and the Rise of Pop-Islamism in Southeast Asia“, Vortrag auf der 9. Jahreskonferenz des Exzellenzclusters „Die Herausbildung Normativer Ordnungen“. Titel der Jahreskonferenz: „Normative Ordnungen im Wandel: Globale Herausforderungen“, Goethe Universität, Frankfurt am Main, 20.-21.11.2014.

Mitarbeit in Planung und Durchführung der Internationalen Konferenz Islamism versus Post-Islamism? Mapping Topographies of Islamic Political and Cultural Practices and Discourses. Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“, Goethe-Universität Frankfurt (mit Prof. S. Schröter et al.), 13.-15.12.2013.

Aktuelles aus dem Forschungszentrum

Veranstaltung
18.04.2026 | Frankfurt am Main

Das Prinzip Donald Trump und die Verrohung der Welt

Podiumsdiskussion, Vortrag

Ein neuer Politikstil macht international Karriere. Er ist gekennzeichnet von Vulgarität, Verrohung und erklärter Rechtsfeindschaft. Machtinteressen werden nicht mehr juristisch bemäntelt. Stattdessen wird das angebliche Recht des Stärkeren zur Staatsdoktrin gemacht – innenpolitisch wie außenpolitisch. Treibende Kraft hinter dieser Verrohung der politischen Sitten ist ein US-Präsident, der nicht nur die amerikanische Gesellschaft und Kultur, sondern auch die globale Ordnung nach seinen Vorstellungen und Interessen umgestaltet. Die Römerberggespräche wollen diesen Politikstil verstehen.

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Veranstaltung
29.04.2026 | Frankfurt am Main

Kulturindustrie heute?

Podiumsdiskussion

Das Gespräch „Kulturindustrie heute?“ widmet sich der Aktualität und Tragfähigkeit eines zentralen Begriffs der Kritischen Theorie. Die Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch diskutiert im Rahmen der Gesprächsreihe "Frankfurter Schule" mit dem Filmkritiker Bert Rebhandl die gegenwärtigen Formen kultureller Produktion und Verbreitung vor dem Hintergrund von Digitalisierung, Plattformen und globalen Medienmärkten.

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News
19.02.2026

Call for Applications – Postdoctoral Fellowships

Am Forschungszentrum Normative Ordnungen sind für das akademische Jahr 2026/2027 mehrere Postdoctoral Fellowships mit einer Laufzeit von 10 Monaten (Beginn: 1. Oktober 2026) ausgeschrieben. Bewerbungsschluss für alle Programme ist der 15. März 2026.

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Veranstaltung
20.03.2026 | Frankfurt am Main

40 Jahre Schengen-Raum

Kolloqium

Der 1984 geschlossene Schengen-Vertrag schuf einen heute 29 Staaten umfassenden Raum ohne Binnengrenzen, doch Migration über die Außengrenzen führte zuletzt zur Wiedereinführung von Kontrollen, auch durch die Bundesregierung ab 8. Mai 2025. Das Walter Hallstein-Kolloquium diskutiert die rechtliche Zulässigkeit, wirtschaftliche Folgen insbesondere für Arbeitsmigration und Arbeitsmarkt sowie die Zukunft des Schengen-Raums.

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News
12.02.2026

Satanistische Politik und der Niedergang der Vernunft in liberalen Demokratien

Ein letztes Mal im Wintersemester 2025/26 lud das Forschungszentrum zur Ringvorlesung „Am Scheidepunkt. Zur Krise der Demokratie“. Zum Abschluss hat der Philosoph Michael Rosen von der Harvard University sein Konzept der „satanic politics“ als eine Variante der politischen Deutung der Welt vorgestellt.

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News
09.02.2026

Zur Aktualität des Gewaltbegriffs anhand von Camus und Derrida

Prof. Dr. Christine Abbt von der Universität St. Gallen hat im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ einen Vortrag über Demokratien und den Gewaltbegriff gehalten. Unter dem Titel „Demokratien verteidigen. Zur Aktualität des Gewaltbegriffs bei Camus und Derrida“ besprach die Philosophin Formen von Gewalt und Revolte und ordnete diese im Hinblick auf ein demokratisches Setting ein.

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Publikation
04.02.2026 | Zeitschriftenartikel

New Perspectives on Trust in International Conflicts

Wille, Tobias; Simon, Hendrik; Daase, Christopher; Deitelhoff, Nicole; Wheeler, Nicholas J.; Holmes, Marcus; Rathbun, Brian C.; Acharya, Amitav; Mitzen, Jennifer (2026): „New Perspectives on Trust in International Conflicts“. In: International Studies Review 28 (1), viaf027. 

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News
02.02.2026

Staatlicher Wettbewerb um Menschen – David Owen über civil geopolitics

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt – Zur Zukunft der Demokratie“ präsentierte David Owen von der Universität Southampton sein Konzept der civil geopolitics.

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News
20.01.2026

Christine Hentschel über Neuorientierungen in katastrophischen Zeiten

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ sprach die Soziologin über das Leben in und den Umgang mit katastrophischen Zeiten. Vor dem Hintergrund der Zerstörung der Lebensbedingungen, Kriegen, dauerhafter Krisenhaftigkeit sowie der Bedrohungen der Demokratie widmete sich Hentschel dem Einsickern des Katastrophischen in den gesellschaftlichen Alltag und einem sich verändernden aktivistischen und literarischen Umgang mit der Zukunft.

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