Professur des Exzellenzclusters – Wissenschaftsgeschichte der vormodernen Welt

Prof. Dr. Annette Warner (Imhausen)

Die Professur der Wissenschaftsgeschichte der vormodernen Welt beschäftigt sich mit der Geschichte der vorgriechischen Wissenschaften (besonders der Mathematik in Ägypten und Mesopotamien), der Historiographie vorgriechischer Mathematik sowie der Transmission von Wissen in hellenistischer Zeit.

Ein Forschungsschwerpunkt liegt auf der Untersuchung der Etablierung von normativen Ordnungen und Expertenwissen im pharaonischen Ägypten und in Mesopotamien. In beiden Hochkulturen wurden normative Ordnungen durch den Herrscher geschaffen, der seinerseits die göttliche Weltordnung zu erfüllen suchte. Die tatsächliche Umsetzung der Vorgaben in die Praxis erfolgte in beiden Kulturen durch die Gruppe der Schreiber – Angehörige der jeweiligen Administrationen, die sich durch entsprechendes Spezialwissen auszeichneten. Grundlegend für dieses Wissen waren literacy und numeracy, d.h. die Fähigkeiten zu lesen und schreiben und mit Zahlenwerten umgehen zu können. Gerade die Mathematik spielte bei der praktischen Umsetzung von normativen Ordnungen eine herausragende Rolle, denn durch die Zuweisung von numerischen Werten für bestimmte Vorgänge wurde das Erreichen oder Verfehlen der Erfüllung von bestimmten Vorgaben erst überprüfbar gemacht (siehe das von Annette Warner durchgeführte Forschungsprojekt „Mathematik und die Etablierung normativer Ordnungen in antiken Kulturen: Ägypten und Mesopotamien im Vergleich“). Aber auch die Verschriftlichung von Wissen folgte in beiden Kulturen bestimmten Vorgaben, zu denen u.a. die äußere Form von Texten und die bewusste Verwendung bestimmter grammatikalischer Strukturen gehörten (Normative Ordnungen von Wissenstexten; siehe z.B. das Forschungsprojekt, das schwerpunktmäßig von Daliah Bawanypeck durchgeführt wurde „Zur Funktion der Kanonisierung bei der Wissensüberlieferung in Mesopotamien). Eine Textform, die sich in beiden Kulturen (und auch vielen anderen) findet ist die Prozedur. Prozedurentexte finden sich immer dann eingesetzt, wenn es um die Vermittlung von vorgegebenen Handlungsabläufen geht. Prozedurentexte gibt es in vielen verschiedenen Wissensbereichen wie z.B. Astronomie, Mathematik, Divination, Medizin (siehe das von Annette Warner und Daliah Bawanypeck gemeinsam durchgeführte Forschungsprojekt: „Prozedurentexte in der Entwicklung, Bewahrung und Vermittlung von Expertenwissen“).

Bei einem weiteren Forschungsprojekt der Professur mit dem Titel “Demotische Mathematik: Tradition, Fortschritt, Wechselwirkungen” handelt es sich um ein Teilprojekt des Projektes ALGO : Structures déductives algorithmiques dans les mathématiques pré-algébriques (Leitung: Fabio ACERBI und Bernard VITRAC, CNRS Paris).
Ausgangspunkt des Projekts ist die gängige Auffassung, nach der altägyptische Mathematik traditionell so beschrieben wird, als ob sie ihren Höhepunkt im Mittleren Reich erreicht hätte, und danach praktisch unverändert fortbesteht. Diese Einschätzung beruht auf einer kleinen Zahl von hieratischen Quellen, die nur ca. 200 Jahre umfassen. Um diesem Vorurteil zu begegnen, ist eine grundlegende Neubearbeitung des Quellenmaterials notwendig. Aufbauend auf meinen bisherigen Arbeiten zu den hieratischen mathematischen Aufgabentexten, soll in diesem Projekt der Rahmen bis zu den demotischen mathematischen Texten erweitert werden.

Die demotischen mathematischen Texte, die noch nicht vollständig publiziert wurden, datieren über 1000 Jahre später als ihre hieratischen Vorgänger. Wie diese sind sie in Form von Prozeduren formuliert, d.h. der Ankündigung eines Problems gefolgt von einer Reihe von Anweisungen, die zur Lösung des gestellten Problems führen. Eine genaue Analyse der Quellen, von denen die meisten heute im British Museum in London sind, dient der Feststellung der verwendeten Prozeduren. Diese sollen dann mit den Prozeduren der hieratischen Texte verglichen werden.

In einer Monographie aus dem Jahr 1972 stellte Richard Parker einen mesopotamischen Einfluss in einigen demotischen Problemen fest (Richard A. Parker (1972): Demotic Mathematical Papyri, Providence, RI: Brown University Press and London: Lund Humphries, 6.). Diese Feststellung beruht auf dem Vorkommen von einzelnen identischen Aufgaben in den mesopotamischen und demotischen Texten. Im Rahmen dieses Projektes wurde dieser Feststellung erstmals in größerem Rahmen nachgegangen. Der Vergleich der Prozeduren, die zur Lösung der gestellten Probleme verwendet werden, ermöglichte so einen detaillierten Vergleich der verwendeten Techniken und Strategien.

Aktuelles aus dem Forschungszentrum

Veranstaltung
02.06.2026 | Brüssel

Zusammenhalt, Vertrauen und Demokratie in Europa

Podiumsdiskussion, Vortrag

Vertrauen, Zusammenhalt, Demokratie – drei große Begriff, die in Europa derzeit allgegenwärtig sind. Doch wie belastbar sind sie eigentlich und was beschreiben sie? Was genau meinen wir eigentlich, wenn wir von politischem Vertrauen und gesellschaftlichem Zusammenhalt sprechen? Und braucht es – wie häufig behauptet – ein gewisses Maß an sozialer oder kultureller Homogenität, damit Vertrauen wachsen und Zusammenhalt entstehen kann? Diesen Fragen widmen wir uns in der aktuellen Ausgabe der Crisis Talks – auf dem Podium und im Gespräch mit unseren Gästen.

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Veranstaltung
22.06.2026 | Frankfurt am Main

Rechtsextremismus und Polizei - Erscheinungsformen, Umgangsweisen, Perspektiven

Podiumsdiskussion

Die Diskussion knüpft an den Sammelband „Rechtsextremismus als Herausforderung für Polizei und Gesellschaft“ an, der aktuelle Perspektiven aus Wissenschaft, Praxis und Zivilgesellschaft zusammenführt.

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News
18.05.2026

Videopodcast-Reihe „Our Planet, Our Health“ gestartet

Mit „Our Planet, Our Health“ startet eine neue Videopodcast-Reihe zu Fragen globaler Gesundheitsgerechtigkeit. Die Reihe, gehostet von Dr. Romina Rekers, ist eine Initiative des Global Health Justice Postdoctoral Programme (GHJ), gefördert von der Höppschen Stiftung.

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Publikation
12.05.2026 | Onlineartikel

Disinhibited Informalization: Talk Radio, Bro Podcasts and the Aesthetics of Populism

This essay by Johannes Völz is a revised and updated translation of “Enthemmte Informalisierung: Talk Radio, Bro-Podcasts und die Ästhetik des Populismus,” WestEnd: Neue Zeitschrift für Sozialforschung 22.2 (2025): 3–24. It is published here as part of the b2o Review’s “Stop the Right” dossier.

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Veranstaltung
27.05.2026 | Frankfurt

Von der Selbstermächtigung zum sozialen Widerstand

Vortrag

Vortrag von Prof. Dr. Axel Honneth (Frankfurt am Main / New York Columbia University) mit anschließender Diskussion im Rahmen des Rechtstheoretischen Mittwochsseminars von Klaus Günther, Dan Wielsch und Benno Zabel.

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News
11.05.2026

Gertrud Koch spricht über Kulturindustrie heute

Im Rahmen der Gesprächsreihe Frankfurter Schule hat die Professorin für Filmwissenschaft gemeinsam mit dem Journalisten und Filmkritiker Bert Rebhandl über die Aktualität des Begriffs Kulturindustrie und sein Verständnis im Kontext digitaler und globaler Medien gesprochen.

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Veranstaltung
25./26.06.2026 | Frankfurt

Shifting Regimes, Changing Orders

Konferenz

Conference as part of WDC2026 in collaboration with Deutsche Gesellschaft für Designtheorie und -forschung (DGTF), Kunstgewerbemuseum/Design Campus SKD and Design and Democracy

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Veranstaltung
28./29.05.2026 | Frankfurt am Main

Global Health Justice: Principles and Practice

Konferenz

Following the research focus of the Global Health Justice Postdoctoral Programme, funded by Höppsche Stiftung, the "Global Health Justice: Principles and Practice" conference places a particular emphasis on themes such as the human right to health, political activism and health justice issues, and problems of structural injustice and vulnerable populations in health care. Keynote lectures by Jonathan Wolff and Kanchana Mahadevan. The Global Health Justice Programme and this conference are supported by the Höppsche Stiftung in Villmar.

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Veranstaltung
14.07.2026 | Frankfurt am Main

Democracy Over Time and the Climate Crisis

Ringvorlesungen

Vortrag von Anja Karnein (Binghamton). Die Vortragsreihe untersucht Fragen der Klimakrise als Herausforderungen für demokratische Gesellschaften und konzentriert sich auf Themen wie politische Legitimität, Widerstand gegen fossile Brennstoffe und die Interessen künftiger Generationen. Sie wird organisiert von Prof. Dr. Darrel Moellendorf und Dr. Lukas Sparenborg.

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