Friedensmissionen und Sicherheitssektorreform

Projektleiter: Prof. Dr. Christopher Daase

Die Stabilisierung von Konflikt- und Postkonfliktregionen ist eine zentrale Herausforderung für die internationale Sicherheitspolitik. Als Antwort auf den Wechsel von interstaatlichem zu innerstaatlichem Krieg haben komplexe Friedensoperationen traditionelles peacekeeping teilweise abgelöst. Ein immer wichtigerer Bestandteil von Friedensoperationen ist die Sicherheitssektorreform (SSR). Das Ziel von SSR ist die Schaffung eines effektiven, effizienten und demokratisch kontrollierten Sicherheitssektors. Durch die Reform von Militär, Polizei, Nachrichtendiensten und anderen Institutionen soll die Sicherheit sowohl des Staates als auch der Bürger geschützt werden. Ein defektiver Sicherheitssektor ist eine Quelle von Unsicherheit vor allem während und nach internen gewalttätigen Konflikten.
Dieses Projekt untersuchte die Probleme von SSR in Friedensoperationen. Die Ergebnisse von SSR sind aufgrund verschiedener Bedingungen ungewiss. So untergraben soziale Spannungen, Armut, organisierte Kriminalität, Korruption und eine schlechte Sicherheitslage auch nach Kriegsende Versuche, Staat und Gesellschaft zu unterstützen und zu reformieren. Auch ergeben sich Kooperations- und Koordinationsprobleme wegen der großen Anzahl externer und innerstaatlicher Akteure, die Stabilisierungsbemühungen beeinflussen. Ein weiteres Problem besteht darin, SSR-Normen mit globalem Geltungsanspruch lokalen Bedingungen anzupassen. Auch haben internationale Akteure Schwierigkeiten, selbst das zu tun, was sie von innerstaatlichen Akteuren erwarten. Das Projekt untersuchte diese Probleme paradigmatisch am Fall militärisch-polizeilicher Grauzonen. So konnte aufgezeigt werden, dass in vielen Fällen unsystematische Strafverfolgung und Lücken in der öffentlichen Sicherheit, die Sicherheit von Bürgern und die Legitimität internationaler Akteure und nationaler Institutionen untergraben. Militär und Polizei müssen daher eng zusammenarbeiten. Eine enge Zusammenarbeit ist aber nicht nur praktisch schwierig. Sie führt oftmals auch zur Verletzung wichtiger SSR-Prinzipien. Diese betreffen etwa die Trennung militärischer und polizeilicher Aufgaben und die Herausbildung ziviler Polizeistrukturen als Voraussetzung für demokratische Kontrolle. Durch den Vergleich von SSR-Normen und sicherheitspolitischem Handeln vor allem in Bosnien-Herzegovina, Kosovo und Afghanistan , konnten Spannungsfelder von SSR aufgedeckt und damit wichtige Beiträge zur Konzeptionalisierung und Theoretisierung von SSR erarbeitet werden.

So konnte ein vertieftes Verständnis zwischen den Ansprüchen und der Wirklichkeit erarbeitet werden: Zwar versuchen internationale Geber durch eine Vielzahl von Initiativen, den Sicherheitssektor von fragilen Staaten zu reformieren und durch die Reformen, einen Sicherheitssektor zu schaffen, der effektiv, effizient und auf demokratische Weise Sicherheit für den Staat und für die Bürger anbietet. Aufgrund von Kooperationsproblemen internationaler Akteure, der Suche nach kurzfristigen Sicherheitsgewinnen, den Nachwirkungen von Krieg und gesellschaftlicher Desintegration in Postkonfliktstaaten und weiteren Hindernissen, werden diese Reformbestrebungen jedoch oftmals untergraben und bergen das Risiko negativer nicht-intendierter Konsequenzen internationaler Intervention. Indem dieses Projekt die Rolle internationaler Akteure auf dem Balkan und in Afghanistan untersuchte, trug es also auch verallgemeinernd zu einem besseren Verständnis der Möglichkeiten und Grenzen von SSR in schwachen Staaten bei. 

Die im Rahmen des Projekts begonnene Habilitationsschrift wurde anschließend in Folgeprojekten fortgesetzt. Die daraus hervorgegangene Monographie ist erschienen als: Friesendorf, Cornelius (2018): How Western Soldiers Fight. Organizational Routines in Multinational Missions, Cambridge: Cambridge University Press. 

Zu den wichtigsten Publikationen des Projektes zählen außerdem:
*Friesendorf, Cornelius (2011): “Paramilitarization and Security Sector Reform: The Afghan National Police”, International Peacekeeping 18(1) (February 2011), 79-95.
Friesendorf, Cornelius/Krempel, Jörg (2011): “Militarized Versus Civilian Policing: Problems of Reforming the Afghan National Police”, PRIF Report No. 102(Frankfurt/M.: Peace Research Institute Frankfurt)
*Friesendorf, Cornelius (2011): Problems of Crime-Fighting by ‘Internationals’ in Kosovo, in: James Cockayne and Adam Lupel (Hg.), Peace Operations and Organized Crime: Enemies or Allies?, London: Routledge, 47-67;
*Friesendorf, Cornelius (2010): “The Military and the Fight Against Serious Crime: Lessons from the Balkans”, in: Connections: The Quarterly Journal 9(3) (Summer 2010), 45-61
*Daase, Christopher/Friesendorf, Cornelius (Hg.) (2010): Rethinking Security Governance: The Problem of Unintended Consequences, London/New York: Routledge.

Aktuelles aus dem Forschungszentrum

Veranstaltung
18.04.2026 | Frankfurt am Main

Das Prinzip Donald Trump und die Verrohung der Welt

Podiumsdiskussion, Vortrag

Ein neuer Politikstil macht international Karriere. Er ist gekennzeichnet von Vulgarität, Verrohung und erklärter Rechtsfeindschaft. Machtinteressen werden nicht mehr juristisch bemäntelt. Stattdessen wird das angebliche Recht des Stärkeren zur Staatsdoktrin gemacht – innenpolitisch wie außenpolitisch. Treibende Kraft hinter dieser Verrohung der politischen Sitten ist ein US-Präsident, der nicht nur die amerikanische Gesellschaft und Kultur, sondern auch die globale Ordnung nach seinen Vorstellungen und Interessen umgestaltet. Die Römerberggespräche wollen diesen Politikstil verstehen.

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Veranstaltung
29.04.2026 | Frankfurt am Main

Kulturindustrie heute?

Podiumsdiskussion

Das Gespräch „Kulturindustrie heute?“ widmet sich der Aktualität und Tragfähigkeit eines zentralen Begriffs der Kritischen Theorie. Die Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch diskutiert im Rahmen der Gesprächsreihe "Frankfurter Schule" mit dem Filmkritiker Bert Rebhandl die gegenwärtigen Formen kultureller Produktion und Verbreitung vor dem Hintergrund von Digitalisierung, Plattformen und globalen Medienmärkten.

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News
19.02.2026

Call for Applications – Postdoctoral Fellowships

Am Forschungszentrum Normative Ordnungen sind für das akademische Jahr 2026/2027 mehrere Postdoctoral Fellowships mit einer Laufzeit von 10 Monaten (Beginn: 1. Oktober 2026) ausgeschrieben. Bewerbungsschluss für alle Programme ist der 15. März 2026.

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Veranstaltung
20.03.2026 | Frankfurt am Main

40 Jahre Schengen-Raum

Kolloqium

Der 1984 geschlossene Schengen-Vertrag schuf einen heute 29 Staaten umfassenden Raum ohne Binnengrenzen, doch Migration über die Außengrenzen führte zuletzt zur Wiedereinführung von Kontrollen, auch durch die Bundesregierung ab 8. Mai 2025. Das Walter Hallstein-Kolloquium diskutiert die rechtliche Zulässigkeit, wirtschaftliche Folgen insbesondere für Arbeitsmigration und Arbeitsmarkt sowie die Zukunft des Schengen-Raums.

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News
12.02.2026

Satanistische Politik und der Niedergang der Vernunft in liberalen Demokratien

Ein letztes Mal im Wintersemester 2025/26 lud das Forschungszentrum zur Ringvorlesung „Am Scheidepunkt. Zur Krise der Demokratie“. Zum Abschluss hat der Philosoph Michael Rosen von der Harvard University sein Konzept der „satanic politics“ als eine Variante der politischen Deutung der Welt vorgestellt.

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News
09.02.2026

Zur Aktualität des Gewaltbegriffs anhand von Camus und Derrida

Prof. Dr. Christine Abbt von der Universität St. Gallen hat im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ einen Vortrag über Demokratien und den Gewaltbegriff gehalten. Unter dem Titel „Demokratien verteidigen. Zur Aktualität des Gewaltbegriffs bei Camus und Derrida“ besprach die Philosophin Formen von Gewalt und Revolte und ordnete diese im Hinblick auf ein demokratisches Setting ein.

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Publikation
04.02.2026 | Zeitschriftenartikel

New Perspectives on Trust in International Conflicts

Wille, Tobias; Simon, Hendrik; Daase, Christopher; Deitelhoff, Nicole; Wheeler, Nicholas J.; Holmes, Marcus; Rathbun, Brian C.; Acharya, Amitav; Mitzen, Jennifer (2026): „New Perspectives on Trust in International Conflicts“. In: International Studies Review 28 (1), viaf027. 

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News
02.02.2026

Staatlicher Wettbewerb um Menschen – David Owen über civil geopolitics

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt – Zur Zukunft der Demokratie“ präsentierte David Owen von der Universität Southampton sein Konzept der civil geopolitics.

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News
20.01.2026

Christine Hentschel über Neuorientierungen in katastrophischen Zeiten

Im Rahmen der Ringvorlesung „Am Scheidepunkt? Zur Krise der Demokratie“ sprach die Soziologin über das Leben in und den Umgang mit katastrophischen Zeiten. Vor dem Hintergrund der Zerstörung der Lebensbedingungen, Kriegen, dauerhafter Krisenhaftigkeit sowie der Bedrohungen der Demokratie widmete sich Hentschel dem Einsickern des Katastrophischen in den gesellschaftlichen Alltag und einem sich verändernden aktivistischen und literarischen Umgang mit der Zukunft.

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