Status und Mitleid. Zur Affektökonomie der Einfühlung
Ungleiche Gesellschaften zeichnen sich nicht nur durch eine ungleiche Verteilung von materiellen und kulturellen Gütern aus, sondern auch durch eine bestimmte affektive Ökonomie (Ahmed 2004). Die Weise, wie sich Akteure zueinander in Bezug setzen und wie sie emotional füreinander empfinden, welche Affekte also zwischen ihnen zirkulieren, sie zu Kollektiven verbinden und sie voneinander abgrenzen, wird durch Ungleichheiten geprägt. Dabei können Emotionen Ungleichheiten herausfordern, beispielsweise durch Wut und Empörung. Diese sind als emotionale Reaktion auf Ungerechtigkeit ein zentrales Movens sozialer Bewegungen. Ebenso aber können Emotionen Ungleichheiten auch reproduzieren, zum Beispiel, wenn jene, die ohnehin geringe Ressourcen haben, aus Scham über ihren Status ihre sozialen Rechte gar nicht erst wahrnehmen oder wenn in beschämenden Situationen ein gesellschaftlich inferiorer Status symbolisch festgeschrieben wird. Status und Scham (Neckel 1991) beginnt mit den Schamgefühlen, die aus der Entwertung der Lebensleistungen Ostdeutscher nach der Wiedervereinigung entstanden – beispielsweise beim Schlange-Stehen für das Begrüßungsgeld. […]