Ist es deprimierend, wenn der Bundespräsident die beste Rede hält? Politiker und Intellektuelle gedachten in Frankfurt des Philosophen Jürgen Habermas – warum waren sie dabei so ratlos?
Es ist schön, einen Bundespräsidenten zu haben, der bei der Trauerfeier für einen der großen Denker des Landes den richtigen Ton trifft. Das ist keine Selbstverständlichkeit, schon gar nicht heute, wo der Geist und die Macht sich nur noch selten begegnen. Aber so war es bei der großen Gedenkveranstaltung für Jürgen Habermas am Freitag in der Frankfurter Paulskirche.
Frank-Walter Steinmeier begann mit einer Geschichte: Eines Tages fiel die Vorlesung des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel aus und an der Tür des Saals hing eine Notiz: »Er ist mit dem Denken nicht fertig geworden.«
Das war lustig, interessant und auf die passende Art und Weise unangenehm. Lustig, weil es eine gute Geschichte ist. Interessant, weil Steinmeier aus Habermas den Hegel der Bundesrepublik machte, was man auch erst mal schlucken muss – Hegel glaubte immerhin, der preußische Obrigkeitsstaat sei das letzte Wort der historischen Entwicklung.
Unangenehm war es aber vor allem, weil der Bundespräsident die entscheidende Frage stellte: Ist Jürgen Habermas eigentlich mit dem Denken fertig geworden? Oder ist da noch was, das in seinem Namen fertig gedacht werden sollte?
Habermas ist am 14. März gestorben, er ist 96 Jahre alt geworden, er hat bis zuletzt nicht aufgehört zu denken und zu schreiben, sich in Debatten eingemischt, als er sein monumentales Spätwerk »Auch eine Geschichte der Philosophie« veröffentlichte, war er 90 Jahre alt. Habermas war eine Jahrhundertfigur, der große Denker der Bundesrepublik, sein Abitur und die Gründung dieses Staates liegen nur wenige Wochen auseinander, niemand hat ihn intellektuell begleitet und geprägt wie er. Er hat die sogenannte Frankfurter Schule der Philosophie zwar nicht begründet, das waren Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Aber ohne Habermas würde es sie in der Form nicht geben, die sie heute hat. Als Schule des kritischen Denkens, deren Grundannahmen sich über die ganze Welt verteilt haben. Das war er – nicht nur als Denker, auch als Netzwerker und öffentlicher Intellektueller.
Die Stadt Frankfurt am Main, der Suhrkamp Verlag, bei dem Habermas jahrzehntelang veröffentlichte, und die Johann Wolfgang Goethe-Universität veranstalteten die Gedenkstunde, Cem Özdemir war da, viele Vertreter der hessischen Politik, kein Mitglied der Bundesregierung. Es schloss sich ein Symposium in der Universität an, das das Forschungszentrum Normative Ordnung organisiert hatte, dem Habermas verbunden war – und bei dem viele seiner Freundinnen und Freunde, Schülerinnen und Schüler auftraten.
Es war ein würdiger Tag, der eine deprimierende Erkenntnis mit sich brachte: Steinmeier hielt dann auch die beste Rede dieses Tages, an dem es an Reden nicht mangelte.
Was bleibt also?
Das deutlichste Gefühl an diesem Tag dürften die Politiker gehabt haben: die Verteidigung der Öffentlichkeit. Ob es der Bundespräsident war, der Frankfurter Bürgermeister oder der hessische Wissenschaftsminister – dass die Öffentlichkeit nicht mehr so funktioniert, wie sie sollte, kennen sie aus ihrer alltäglichen Praxis. Dass sie sich auf Habermas beriefen, um diese Gefahr zu beschreiben, war bestimmt auch dem Anlass geschuldet – aber trotzdem bemerkenswert. Ist doch sein Begriff von Öffentlichkeit nicht gerade politikerfreundlich. Sondern mit einer Vorstellung von demokratischer Politik verbunden, die der informierten Zivilgesellschaft eine weit größere Rolle zuweist, als es den Vertretern der Apparate recht sein dürfte.
Der Westen zerbricht
»Wahrhaftiges Gespräch«, »reflektiertes Handeln«, »vernünftige Freiheit« – das waren die drei Formeln, auf die der Bundespräsident das Habermas’sche Denken brachte. Es sei »unsere Aufgabe« in diese Richtung weiterzugehen.
So kann man Habermas verstehen – es gehört aber auch nicht viel dazu, zu sehen, wie sehr sich die politische Sphäre gerade von diesen normativen Setzungen entfernt.
Die Politik muss sich damit herumschlagen – die Wissenschaft kann darüber nachdenken. Allerdings musste man an diesem Gedenktag in Frankfurt feststellen, dass sich zumindest die Freunde, Wegbegleiter und Verwalter des gedanklichen Erbes mit dieser aktuellen Verunsicherung schwertun.
Jürgen Habermas hat in seinen vergangenen Jahren mehrmals gesagt, dass er sein Lebensprojekt für gescheitert hielt. Die Welt sei nicht auf dem Weg in weltbürgerliche Verhältnisse, so wie es in den Neunzigern für einen historischen Augenblick einmal schien. Der Strukturwandel der Öffentlichkeit hat sich mit der Digitalisierung und den sozialen Netzwerken fürs Erste in eine regressive Richtung gewendet, der Westen zerbricht.
Tatsächlich nahm sich aber keine und keiner seiner Schülerinnen und Schüler, die sich versammelt hatten, dieses Eindrucks an – um ihn vielleicht doch ins Produktive zu wenden. Niemand stellte sich die große Frage: Was ist schiefgelaufen? Haben wir irgendetwas übersehen?
Keiner der Anwesenden stellte sich die Frage, was eigentlich die Übernahme der Sprache durch die künstliche Intelligenz für das Denken von jemandem bedeutet, der Sprache ins Zentrum gesetzt hatte. Und allen großen Überlegungen zu radikaler Demokratie und Ähnlichem, die in Frankfurt geäußert wurden, und dass zur Weltrettung nur die umfassende Demokratisierung der politischen Verhältnisse helfe: Niemand ließ den Gedanken zu, dass die globale Linke gegen Donald Trump bislang so gut wie nichts hat ausrichten können. Wenn der amerikanische Präsident (jenseits seines eigenen Dilettantismus) von etwas in Schach gehalten wird, dann von drei Dingen: dem Finanzmarkt, dem amerikanischen Justizsystem und ein bisschen noch von der öffentlichen Meinung. Mehr ist da nicht.
Dass sich niemand der großen politischen Streitfragen der vergangenen Jahre annahm – rund um den Ukraine – und den Gazakrieg – mag verständlich sein. Habermas’ Positionen waren kontrovers und es wäre möglicherweise persönlich auch zu schmerzhaft gewesen, sich dem an so einem Tag zu stellen. An so einem Tag will niemand das Wort »Staatsräson« in den Mund nehmen.
Aber hinter der Diskussion über diese Kriege stehen entscheidende Fragen für das politische Selbstverständnis des Westens: Wer sind wir, wenn unsere Vorstellung von Universalismus kollabiert? Die großen demokratietheoretischen Überlegungen von Jürgen Habermas seit den Neunzigern gingen von einer Welt aus, die von den USA beherrscht wurde und in der die europäische Einigung eine Art Vorform für einen Weltstaat bilden konnte: Wie denkt man die Welt, wenn das kollabiert? Wenn sich eine multipolare Welt herausbildet, die diese Annahmen nicht mehr akzeptiert?
Als Axel Honneth, Habermas’ ehemaliger Assistent, am Schluss dieses Gedenktags in einem Vortrag nachvollzog, wie tief Habermas’ Bindung an seinen Lehrer und Freund Theodor W. Adorno gewesen sei, beschrieb er nebenbei die »ungestüme Neugier«, die Habermas angetrieben habe.
Wenn die fehlt, bleibt allerdings selbst bei so einem reichen Werk wie dem von Jürgen Habermas und für so kluge Leute wie seine Schülerinnen und Schüler, nur eins: die Nachlassverwaltung.