Einen Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück
Der Postkolonialismus und der Westen
Welche Transformationen in „unserem“ kollektiven Gedächtnis, in „unserem“ Verständnis unseres institutionellen Systems und in „unserem“ moralischen Universalismus sind heute erforderlich, um den kolonialen Verbrechen zu begegnen, die von unseren Vorfahren in der Vergangenheit begangen wurden? Dieser Beitrag geht in drei Schritten vor: Erstens wird gezeigt, dass unsere sozialtheoretische Tradition nicht nur einer postkolonialen Relektüre sämtlicher westlicher Klassiker bedarf, sondern auch der Einbeziehung jener Studien und literarischen Werke, die diese Tradition aus der Perspektive kolonialer Erfahrung heraus kritisch infrage gestellt haben. Zweitens erscheint eine radikale Dezentrierung unserer zentralen politik- und geschichtstheoretischen Begriffe notwendig, um jene institutionellen Bedingungen, die die europäischen Staaten einst in den von ihnen kolonisierten Ländern geschaffen haben, als zu „uns“ gehörig oder sogar als von „uns selbst“ hervorgebracht beschreiben zu können. Drittens bedarf es einer Revision unseres moralischen Universalismus, da dieser eine Form des Anthropozentrismus voraussetzt, die aus der Perspektive der Nachkommen der ehemals kolonisierten Menschen nicht akzeptabel erscheint.