Klaus Schlichte sondiert die Geopolitik
Hat Wladimir Putin gesiegt? Fast scheint es so, meint Klaus Schlichte, jedenfalls mit Blick auf Putins neo-imperiales Narrativ vom Kampf der Großmächte. Tatsächlich hat das Sprechen über “Geopolitik” seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und der zweiten Amtszeit Donald Trumps eine steile Karriere hingelegt, auch hierzulande: “Einflusssphären”, “Großräume” und “Kriegstüchtigkeit” sind in aller Munde, und angesichts der Spannungen um die Straße von Hormuz auch “Geoökonomie”.
Trotz der Omnipräsenz dieser Vokabeln bleibt häufig unklar, was sie eigentlich genau bedeuten sollen. Klaus Schlichte diagnostiziert zutreffend: Es gibt keine zusammenhängende Theorie im geopolitischen Diskurs, sondern bestenfalls Amalgamierungen unterschiedlicher Denkansätze.
Zentral aber ist stets die Ableitung scheinbar alternativloser außenpolitischer Imperative aus Raumbezügen. Hier setzt der Bremer Politikwissenschaftler mit seiner pointierten Kritik an. Hinter affirmativer “Geopolitik” sieht Schlichte kaum mehr als eine bloße “Ideologie der Machtstaatsapologeten” mit imperialem Unterton – und damit ein politisches Elend.
In groben Zügen skizziert Schlichte sodann eine Genealogie der “Geopolitik” (vorrangig) im deutschsprachigen Raum: von den Anfängen geopolitischen Denkens zwischen 1880 und 1920, namentlich beim Geografen Friedrich Ratzel und seinem Studenten Rudolf Kjellén, über die Weimarer Republik bis hin zum Nationalsozialismus. Hier wurde die “Geopolitik” vom Geografen Karl Haushofer als “Lebensraum” rassistisch aufgeladen.
Über das Ende des “Dritten Reiches” hinaus machte insbesondere Carl Schmitt die Geopolitik für die “Nachkriegszeit” anschlussfähig. Schmitts Lehre vom “Nomos der Erde” (1950) stellte die Einheit von Gesetz und Raum, von “Ordnung und Ortung”, in ihr Zentrum. Mit ihr wurde die nationalsozialistische “Landnahme” als Schaffung eines eigenen “Großraums” gerechtfertigt. Es finden sich vielfältige Anknüpfungspunkte an Schmitts Lehre: so etwa im Kreml, in der MAGA-Bewegung, unter chinesischen Großtraumtheoretikern, aber auch (und nicht nur) in der europäischen Rechten.
Klaus Schlichte zufolge ist affirmatives geopolitisches Denken zudem ein intellektuelles Elend, ignoriere es doch die Vielfalt historischer Erfahrungen im Umgang mit Konflikten und falle damit deutlich hinter den politikwissenschaftlichen Forschungsstand zurück. Demgegenüber plädiert Schlichte für eine konsequente Historisierung der Lehre von den internationalen Beziehungen, die die Gleichzeitigkeit von Kooperation und Konfrontation zu ihrem Erkenntnisgegenstand macht. Dazu gehört – für einen Bürgerkriegsforscher wie Schlichte durchaus ungewöhnlich – die Auseinandersetzung mit der Rolle des Völkerrechts in der Geschichte der internationalen Politik.
Schlichte ist keineswegs naiv: Er bestreitet weder die Rolle von Raumbezügen noch jene der Machtpolitik für die internationale Politik, wohl aber ihre Alternativlosigkeit. Es ist die ahistorische Fokussierung auf vermeintliche geopolitische Sachzwänge, die im Zentrum seiner Kritik steht, und der Raum, der geopolitischen Argumenten und dem “machtpolitischen Realismus” gegenwärtig öffentlich eingeräumt wird.
Schlichte warnt entsprechend vor “medialen Dauergästen”, häufig mit Nähe zum Militär, die mit geopolitischen Argumenten worst-case-Szenarien präsentieren, ohne diese empirisch hinreichend zu untermauern. Dabei sieht Schlichte die Grenzen zwischen wissenschaftlicher Expertise und persönlicher Meinung zunehmend verschwimmen.
Auch Schlichte hält sich mit eigenen Positionen nicht zurück, reflektiert diese jedoch ausdrücklich. Er bezieht in seiner stellenweise zugespitzten Streitschrift erfreulich klar Stellung. So legt er nicht nur eine scharfe Kritik an den gegenwärtigen Verengungen politischer Debatten vor. Er bietet auch eine anregende Einführung in die historisch-soziologische Auseinandersetzung mit der Lehre von den internationalen Beziehungen, die im gegenwärtigen Klima geopolitischer Realismen Lust auf mehr macht. HENDRIK SIMON