{"id":13047,"date":"2026-06-19T16:11:00","date_gmt":"2026-06-19T14:11:00","guid":{"rendered":"https:\/\/normativeorders.net\/?post_type=press&#038;p=13047"},"modified":"2026-07-30T15:27:17","modified_gmt":"2026-07-30T13:27:17","slug":"gedenken-an-den-philosophen-wem-gehoert-juergen-habermas","status":"publish","type":"press","link":"https:\/\/normativeorders.net\/en\/press\/gedenken-an-den-philosophen-wem-gehoert-juergen-habermas\/","title":{"rendered":"Gedenken an den Philosophen: Wem geh\u00f6rt J\u00fcrgen Habermas?"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Ist es deprimierend, wenn der Bundespr\u00e4sident die beste Rede h\u00e4lt? Politiker und Intellektuelle gedachten in Frankfurt des Philosophen J\u00fcrgen Habermas \u2013 warum waren sie dabei so ratlos?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist sch\u00f6n, einen Bundespr\u00e4sidenten zu haben, der bei der Trauerfeier f\u00fcr einen der gro\u00dfen Denker des Landes den richtigen Ton trifft. Das ist keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, schon gar nicht heute, wo der Geist und die Macht sich nur noch selten begegnen. Aber so war es bei der gro\u00dfen Gedenkveranstaltung f\u00fcr J\u00fcrgen Habermas am Freitag in der Frankfurter Paulskirche.<\/p>\n\n\n\n<p>Frank-Walter Steinmeier begann mit einer Geschichte: Eines Tages fiel die Vorlesung des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel aus und an der T\u00fcr des Saals hing eine Notiz: \u00bbEr ist mit dem Denken nicht fertig geworden.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Das war lustig, interessant und auf die passende Art und Weise unangenehm. Lustig, weil es eine gute Geschichte ist. Interessant, weil Steinmeier aus Habermas den Hegel der Bundesrepublik machte, was man auch erst mal schlucken muss \u2013 Hegel glaubte immerhin, der preu\u00dfische Obrigkeitsstaat sei das letzte Wort der historischen Entwicklung.<\/p>\n\n\n\n<p>Unangenehm war es aber vor allem, weil der Bundespr\u00e4sident die entscheidende Frage stellte: Ist J\u00fcrgen Habermas eigentlich mit dem Denken fertig geworden? Oder ist da noch was, das in seinem Namen fertig gedacht werden sollte?<\/p>\n\n\n\n<p>Habermas ist am 14. M\u00e4rz gestorben, er ist 96 Jahre alt geworden, er hat bis zuletzt nicht aufgeh\u00f6rt zu denken und zu schreiben, sich in Debatten eingemischt, als er sein monumentales Sp\u00e4twerk \u00bbAuch eine Geschichte der Philosophie\u00ab ver\u00f6ffentlichte, war er 90 Jahre alt. Habermas war eine Jahrhundertfigur, der gro\u00dfe Denker der Bundesrepublik, sein Abitur und die Gr\u00fcndung dieses Staates liegen nur wenige Wochen auseinander, niemand hat ihn intellektuell begleitet und gepr\u00e4gt wie er. Er hat die sogenannte Frankfurter Schule der Philosophie zwar nicht begr\u00fcndet, das waren Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Aber ohne Habermas w\u00fcrde es sie in der Form nicht geben, die sie heute hat. Als Schule des kritischen Denkens, deren Grundannahmen sich \u00fcber die ganze Welt verteilt haben. Das war er \u2013 nicht nur als Denker, auch als Netzwerker und \u00f6ffentlicher Intellektueller.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stadt Frankfurt am Main, der Suhrkamp Verlag, bei dem Habermas jahrzehntelang ver\u00f6ffentlichte, und die Johann Wolfgang Goethe-Universit\u00e4t veranstalteten die Gedenkstunde, Cem \u00d6zdemir war da, viele Vertreter der hessischen Politik, kein Mitglied der Bundesregierung. Es schloss sich ein Symposium in der Universit\u00e4t an, das das Forschungszentrum Normative Ordnung organisiert hatte, dem Habermas verbunden war \u2013 und bei dem viele seiner Freundinnen und Freunde, Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler auftraten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war ein w\u00fcrdiger Tag, der eine deprimierende Erkenntnis mit sich brachte: Steinmeier hielt dann auch die beste Rede dieses Tages, an dem es an Reden nicht mangelte.<\/p>\n\n\n\n<p>Was bleibt also?<\/p>\n\n\n\n<p>Das deutlichste Gef\u00fchl an diesem Tag d\u00fcrften die Politiker gehabt haben: die Verteidigung der \u00d6ffentlichkeit. Ob es der Bundespr\u00e4sident war, der Frankfurter B\u00fcrgermeister oder der hessische Wissenschaftsminister \u2013 dass die \u00d6ffentlichkeit nicht mehr so funktioniert, wie sie sollte, kennen sie aus ihrer allt\u00e4glichen Praxis. Dass sie sich auf Habermas beriefen, um diese Gefahr zu beschreiben, war bestimmt auch dem Anlass geschuldet \u2013 aber trotzdem bemerkenswert. Ist doch sein Begriff von \u00d6ffentlichkeit nicht gerade politikerfreundlich. Sondern mit einer Vorstellung von demokratischer Politik verbunden, die der informierten Zivilgesellschaft eine weit gr\u00f6\u00dfere Rolle zuweist, als es den Vertretern der Apparate recht sein d\u00fcrfte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Westen zerbricht<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbWahrhaftiges Gespr\u00e4ch\u00ab, \u00bbreflektiertes Handeln\u00ab, \u00bbvern\u00fcnftige Freiheit\u00ab \u2013 das waren die drei Formeln, auf die der Bundespr\u00e4sident das Habermas\u2019sche Denken brachte. Es sei \u00bbunsere Aufgabe\u00ab in diese Richtung weiterzugehen.<\/p>\n\n\n\n<p>So kann man Habermas verstehen \u2013 es geh\u00f6rt aber auch nicht viel dazu, zu sehen, wie sehr sich die politische Sph\u00e4re gerade von diesen normativen Setzungen entfernt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Politik muss sich damit herumschlagen \u2013 die Wissenschaft kann dar\u00fcber nachdenken. Allerdings musste man an diesem Gedenktag in Frankfurt feststellen, dass sich zumindest die Freunde, Wegbegleiter und Verwalter des gedanklichen Erbes mit dieser aktuellen Verunsicherung schwertun.<\/p>\n\n\n\n<p>J\u00fcrgen Habermas hat in seinen vergangenen Jahren mehrmals gesagt, dass er sein Lebensprojekt f\u00fcr gescheitert hielt. Die Welt sei nicht auf dem Weg in weltb\u00fcrgerliche Verh\u00e4ltnisse, so wie es in den Neunzigern f\u00fcr einen historischen Augenblick einmal schien. Der Strukturwandel der \u00d6ffentlichkeit hat sich mit der Digitalisierung und den sozialen Netzwerken f\u00fcrs Erste in eine regressive Richtung gewendet, der Westen zerbricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich nahm sich aber keine und keiner seiner Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, die sich versammelt hatten, dieses Eindrucks an \u2013 um ihn vielleicht doch ins Produktive zu wenden. Niemand stellte sich die gro\u00dfe Frage: Was ist schiefgelaufen? Haben wir irgendetwas \u00fcbersehen?<\/p>\n\n\n\n<p>Keiner der Anwesenden stellte sich die Frage, was eigentlich die \u00dcbernahme der Sprache durch die k\u00fcnstliche Intelligenz f\u00fcr das Denken von jemandem bedeutet, der Sprache ins Zentrum gesetzt hatte. Und allen gro\u00dfen \u00dcberlegungen zu radikaler Demokratie und \u00c4hnlichem, die in Frankfurt ge\u00e4u\u00dfert wurden, und dass zur Weltrettung nur die umfassende Demokratisierung der politischen Verh\u00e4ltnisse helfe: Niemand lie\u00df den Gedanken zu, dass die globale Linke gegen Donald Trump bislang so gut wie nichts hat ausrichten k\u00f6nnen. Wenn der amerikanische Pr\u00e4sident (jenseits seines eigenen Dilettantismus) von etwas in Schach gehalten wird, dann von drei Dingen: dem Finanzmarkt, dem amerikanischen Justizsystem und ein bisschen noch von der \u00f6ffentlichen Meinung. Mehr ist da nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass sich niemand der gro\u00dfen politischen Streitfragen der vergangenen Jahre annahm \u2013 rund um den Ukraine &#8211; und den Gazakrieg \u2013 mag verst\u00e4ndlich sein. Habermas\u2019 Positionen waren kontrovers und es w\u00e4re m\u00f6glicherweise pers\u00f6nlich auch zu schmerzhaft gewesen, sich dem an so einem Tag zu stellen. An so einem Tag will niemand das Wort \u00bbStaatsr\u00e4son\u00ab in den Mund nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber hinter der Diskussion \u00fcber diese Kriege stehen entscheidende Fragen f\u00fcr das politische Selbstverst\u00e4ndnis des Westens: Wer sind wir, wenn unsere Vorstellung von Universalismus kollabiert? Die gro\u00dfen demokratietheoretischen \u00dcberlegungen von J\u00fcrgen Habermas seit den Neunzigern gingen von einer Welt aus, die von den USA beherrscht wurde und in der die europ\u00e4ische Einigung eine Art Vorform f\u00fcr einen Weltstaat bilden konnte: Wie denkt man die Welt, wenn das kollabiert? Wenn sich eine multipolare Welt herausbildet, die diese Annahmen nicht mehr akzeptiert?<\/p>\n\n\n\n<p>Als Axel Honneth, Habermas\u2019 ehemaliger Assistent, am Schluss dieses Gedenktags in einem Vortrag nachvollzog, wie tief Habermas\u2019 Bindung an seinen Lehrer und Freund Theodor W. Adorno gewesen sei, beschrieb er nebenbei die \u00bbungest\u00fcme Neugier\u00ab, die Habermas angetrieben habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn die fehlt, bleibt allerdings selbst bei so einem reichen Werk wie dem von J\u00fcrgen Habermas und f\u00fcr so kluge Leute wie seine Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, nur eins: die Nachlassverwaltung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ist es deprimierend, wenn der Bundespr\u00e4sident die beste Rede h\u00e4lt? Politiker und Intellektuelle gedachten in Frankfurt des Philosophen J\u00fcrgen Habermas \u2013 warum waren sie dabei so ratlos? 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