{"id":12372,"date":"2026-03-15T15:35:57","date_gmt":"2026-03-15T14:35:57","guid":{"rendered":"https:\/\/normativeorders.net\/?post_type=press&#038;p=12372"},"modified":"2026-03-17T15:38:17","modified_gmt":"2026-03-17T14:38:17","slug":"juergen-habermas-sollte-er-nicht-ewig-leben","status":"publish","type":"press","link":"https:\/\/normativeorders.net\/en\/press\/juergen-habermas-sollte-er-nicht-ewig-leben\/","title":{"rendered":"J\u00fcrgen Habermas &#8211; Sollte er nicht ewig leben?"},"content":{"rendered":"\n<p>J\u00fcrgen Habermas pr\u00e4gt die Philosophie und Gesellschaftstheorie nachhaltig. Sein Tod markiert das Ende einer Epoche und hinterl\u00e4sst eine gro\u00dfe L\u00fccke. Nicht nur bei seinen Sch\u00fclern und Weggef\u00e4hrten.<\/p>\n\n\n\n<p>Axel Honneth<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn damit seit Wochen zu rechnen war &#8211; er wollte nicht mehr, wollte der Zerst\u00f6rung seiner Hoffnungen auf ein demokratisches Europa und eine friedliche Weltordnung nicht l\u00e4nger passiv zusehen &#8211; erfasst mich anl\u00e4sslich der nackten Tatsache nun doch ein gro\u00dfer Schock. Hatten wir, die ihm nahestanden, nicht irgendwie geglaubt, J\u00fcrgen Habermas werde ewig leben und uns in der Misere dieser Welt nicht alleine lassen?<\/p>\n\n\n\n<p>Viele werden jetzt mit Recht von dem Ende einer Epoche sprechen; von uns gegangen ist nicht nur der gro\u00dfe Intellektuelle, der mit unnachgiebiger Strenge vor jeder Fehlentwicklung der Bundesrepublik gewarnt hat, nicht nur der bedeutendste Philosoph, den diese Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg hervorgebracht hat. Aber mehr noch, pl\u00f6tzlich verschwunden ist auch der kritische Gesellschaftstheoretiker, der wie kein anderer das Erbe Adornos in unsere Gegenwart hin\u00fcbergerettet und mit seiner Idee einer kommunikativen Vernunft erneuert hat. Wir, die wir ihm darin folgen wollten, stehen nun mit einem Male vaterlos dar; keiner von uns besitzt die Geisteskraft und das moralische Urvertrauen, die n\u00f6tig waren, um diese ungeheure Aufgabe meistern zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kein Narzisst und ohne Eitelkeit<\/p>\n\n\n\n<p>Solange er lebte, zehrte man als Sch\u00fcler, Mitstreiter und Weggef\u00e4hrte von dieser \u00fcbergro\u00dfen philosophischen Begabung; wusste man in der eigenen Arbeit nicht recht weiter, so wartete man auf das richtungsweisende Wort des Alten; war man sich im Unklaren \u00fcber die Bewertung eines politischen Vorgangs, so r\u00e4umte er die Zweifel mit einem stets donnernden, aber treffsicheren Urteil aus, f\u00fchlte man sich unsicher mit Blick auf eine theoretische Neuentwicklung, so lag er im Rat nicht immer richtig, aber konnte die neuralgischen Punkte daran spontan benennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unvergesslich auch das beherzte Lachen, in das er ausbrechen konnte, hatte man ihn bei einer kleinen philosophischen Trickserei oder einer peinlichen Namensverwechslung erwischt &#8211; eitel oder narzisstisch war er ganz und gar nicht, Selbstironie und rheinischen Humor besa\u00df er noch auf der H\u00f6he seines weltweiten Ruhms. Das alles fehlt nun f\u00fcr immer. Es mag sein, dass mit seinem Tod die geistesm\u00e4chtige Tradition der Frankfurter Schule an ihr Ende gekommen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer wird sich schon trauen, die &#8220;Dialektik der Aufkl\u00e4rung&#8221; noch einmal gegen den Strich zu lesen und ihr bei aller Solidarit\u00e4t mit dem abgrundtiefen Pessimismus der beiden ins Exil vertriebenen Autoren doch den Funken einer Hoffnung auf kommunikative Vers\u00f6hnung entlocken zu wollen? Wer sollte das Zeug haben, Zeitdiagnose, Sprachanalyse, Gesellschaftstheorie und moralischen Impetus noch einmal so zu kombinieren, dass daraus das geschlossene Ganze eines Jahrhundertwerks wie die &#8220;Theorie des kommunikativen Handelns&#8221; werden konnte?<\/p>\n\n\n\n<p>Man stehe, so sagte Habermas am Grab von Adorno, mit dessen Tod philosophisch pl\u00f6tzlich blank dar. Wie viel mehr Gr\u00fcnde haben wir, das heute von uns zu behaupten, die wir sein Werk fortsetzen wollen?<\/p>\n\n\n\n<p>Axel Honneth war Direktor des Instituts f\u00fcr Sozialforschung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>J\u00fcrgen Habermas pr\u00e4gt die Philosophie und Gesellschaftstheorie nachhaltig. Sein Tod markiert das Ende einer Epoche und hinterl\u00e4sst eine gro\u00dfe L\u00fccke. Nicht nur bei seinen Sch\u00fclern und Weggef\u00e4hrten. Ein Gastbeitrag von Axel Honneth (Frankfurter Allgemeine Zeitung)<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"template":"","meta":{"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"press_cat":[386],"class_list":["post-12372","press","type-press","status-publish","hentry","press_cat-gastbeitrag"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/normativeorders.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/press\/12372"}],"collection":[{"href":"https:\/\/normativeorders.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/press"}],"about":[{"href":"https:\/\/normativeorders.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/press"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/normativeorders.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/normativeorders.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12372"}],"wp:term":[{"taxonomy":"press_cat","embeddable":true,"href":"https:\/\/normativeorders.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/press_cat?post=12372"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}