{"id":11248,"date":"2025-09-21T14:11:41","date_gmt":"2025-09-21T12:11:41","guid":{"rendered":"https:\/\/normativeorders.net\/?post_type=press&#038;p=11248"},"modified":"2025-09-23T14:15:17","modified_gmt":"2025-09-23T12:15:17","slug":"nicole-deitelhoff-was-frieden-bedeutet","status":"publish","type":"press","link":"https:\/\/normativeorders.net\/en\/press\/nicole-deitelhoff-was-frieden-bedeutet\/","title":{"rendered":"Nicole Deitelhoff &#8211; Was Frieden bedeutet"},"content":{"rendered":"\n<p>Als im Bundestagswahlkampf im vergangenen Jahr die AfD und das BSW den Friedensbegriff f\u00fcr sich entdeckten und manche schon von einer &#8220;neuen Friedensbewegung&#8221; sprachen, zeigte sich die Politikwissenschaftlerin Nicole Deitelhoff, Direktorin des Leibniz-Instituts f\u00fcr Friedens- und Konfliktforschung, erstaunt. Das lag nicht nur daran, dass sich bei den selbst ernannten Friedensparteien kein substanzielles Friedenskonzept fand. Frieden, so Deitelhoff, m\u00fcsse schon &#8220;mehr sein als eine Friedhofsruhe oder die Pause bis zum n\u00e4chsten Krieg&#8221;. Er m\u00fcsse einen dauerhaften Weg aus der Gewalt aufzeigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Erstaunen galt vor allem auch der Renaissance des Friedensbegriffs als solchem, da dieser im \u00f6ffentlichen Diskurs in weiten Teilen an Bedeutung verloren hatte. Frieden galt hier mitunter als &#8220;gescheiterter Begriff&#8221;, weil die nach dem Kalten Krieg an ein liberales Friedensverst\u00e4ndnis gekn\u00fcpften Erwartungen, die Hoffnungen auf eine europ\u00e4ische Friedensordnung und das Versprechen demokratischer Friedfertigkeit entt\u00e4uscht worden waren. Zwar erwiesen sich Demokratien untereinander als friedlich, doch im Umgang mit Autokratien und bei der Durchsetzung ihrer Werte und Interessen oft als umso kriegsbereiter, sodass, wie die Politologin es zum Jahresbeginn in einem Gastbeitrag im &#8220;Spiegel&#8221; darstellte, der &#8220;Friedensbegriff vom Sicherheitsbegriff verdr\u00e4ngt&#8221; wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage, wie sie Frieden definiere, beantwortet die Professorin f\u00fcr Internationale Beziehungen mit zwei gel\u00e4ufigen Begriffen: mit dem &#8220;negativen Frieden&#8221;, der die Abwesenheit von physischer Gewalt bezeichnet; und dem &#8220;positiven Frieden&#8221;, der einen Zustand beschreibe, in dem nicht nur keine Gewalt da sei, sondern wir dar\u00fcber hinaus gerechte Verh\u00e4ltnisse haben. Seit Beginn des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine wird Nicole Deitelhoff in kurzem Takt befragt, welcher Frieden und welche L\u00f6sung m\u00f6glich seien, solange es einen Aggressor gibt, und wie ein Frieden \u00fcberhaupt zu verhandeln w\u00e4re. Ihre Antworten zeichnen sich vor allem durch Beweglichkeit aus, durch das Verm\u00f6gen, sich auf ein permanent sich ver\u00e4nderndes, dynamisches Kriegsgeschehen einzustellen und die strategischen M\u00f6glichkeiten auszuloten. In Kriegen gebe es, so Deitelhoff, oft zwei Zeitfenster f\u00fcr Frieden. Das erste \u00f6ffne sich kurz nach dem Ausbruch der Gewalt, wenn beide Seiten feststellten, dass sie sich verkalkuliert und die Kr\u00e4fte des Gegners falsch eingesch\u00e4tzt haben. Wenn Gewalt und Gr\u00e4ueltaten zunehmen, werde der Weg aus dem Krieg heraus immer schwieriger, und Verhandlungen w\u00fcrden erst dann wieder erwogen, wenn Mittel und M\u00f6glichkeiten ersch\u00f6pft seien. Aufgabe der Friedensforschung ist es, in solchen Situationen anhand gro\u00dfer Datenmengen zu analysieren, worum es in einem Konflikt geht: Territorium, Ressourcen oder Ideologie. Und Optionen zu finden, die den politischen Akteuren dabei helfen k\u00f6nnten, Entscheidungen zu treffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass es in der Ukraine darum geht, einen Frieden mit dem Aggressor Russland schlie\u00dfen zu m\u00fcssen, steht f\u00fcr Deitelhoff au\u00dfer Frage. F\u00fcr sie ist es kein Argument, zu sagen, dass Putin immer schon gelogen habe, man mit ihm deswegen keine Vertr\u00e4ge schlie\u00dfen k\u00f6nne. Dann k\u00f6nnte man praktisch mit fast keinem Staat irgendwo Vertr\u00e4ge schlie\u00dfen. Wie sich Staaten mit entgegengesetzten Werten und Interessen, wie sich Demokratien und Autokratien in eine internationale Ordnung integrieren lassen, ohne r\u00fccksichtslos nach dem Recht des St\u00e4rkeren zu verfahren, das ist die grunds\u00e4tzliche Frage, die die Friedensforscherin umtreibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Julia Encke<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welche deutschen Intellektuellen erkl\u00e4ren uns die Gegenwart am besten? Wer hat heute die erhellendsten Analysen, Thesen und Theorien, um die verschiedenen Aspekte der komplexen Wirklichkeit zu durchdringen, in der wir leben? Die Redaktion des F.A.S.-Feuilletons hat 28 Denkerinnen und Denker gek\u00fcrt. Darunter Nicole Deitelhoff (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung)<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"template":"","meta":{"inline_featured_image":false,"_links_to":"","_links_to_target":""},"press_cat":[29],"class_list":["post-11248","press","type-press","status-publish","hentry","press_cat-portrait"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/normativeorders.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/press\/11248"}],"collection":[{"href":"https:\/\/normativeorders.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/press"}],"about":[{"href":"https:\/\/normativeorders.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/press"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/normativeorders.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/normativeorders.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11248"}],"wp:term":[{"taxonomy":"press_cat","embeddable":true,"href":"https:\/\/normativeorders.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/press_cat?post=11248"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}